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Interview
Rosa von Praunheim "Ich freue mich auf den Tod"
In Rosa von Praunheims neuem Film "Satanische Sau" geht es um Sex als alter Schwuler und ums Sterben. Im Interview blickt der Regisseur auf ein langes, produktives Leben zurück, erzählt von Scham und Skandalen – und blickt nach vorne.

Archivbild: Rosa von Praunheim im Februar 2023 auf der Berlinale (Bild: IMAGO / Future Image)
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1. Dezember 2025, 16:42h 8 Min.
Rosa, erst einmal alles Gute nachträglich zum 83. Geburtstag. Wann gehst du eigentlich in Rente?
Meine Rente ist recht klein. Ich glaube, 300 Euro kriege ich. Insofern lohnt sich das nicht.
Du hast aber auch gar nicht vor aufzuhören, oder?
Nein. Aber ich habe mir ein Bein gebrochen und habe so einige Zipperlein, das ist recht lästig. Aber ich habe einen wunderbaren Cutter für meinen neuen Film "Sex und Tod" und ich hoffe, dass der Ende nächsten Jahres rauskommt.
Wie ist das denn passiert?
Ich hatte ein Medikament bekommen gegen meine Blasenschwäche und das hat schwindelig gemacht. Vor vielleicht zwei Monaten bin ich hingefallen und habe dann mir unglücklicherweise gleich meinen linken Unterschenkel mehrmals gebrochen. Und das macht einem so bewusst, dass man alt wird oder alt werden kann und dass das dann ganz plötzlich kommen kann. Ich bin jetzt abhängig von meinem Lebensgefährten Oliver. Ich muss jetzt Leute rumscheuchen, die mir helfen, dies und das zu besorgen.
Das kennst du sonst gar nicht, oder?
Überhaupt nicht, weil ich jemand bin, der ständig arbeitet und ständig Ideen umsetzt. Einfach nur rumzuliegen und nicht die einfachsten Dinge machen zu können, ist schon betrüblich. Aber mir wird nicht langweilig, ich weiß mich zu beschäftigen. Außerdem habe ich einen großen Freundeskreis und kriege oft Besuch.

Rosa von Praunheims neuer Film "Satanische Sau" läuft seit 27. November 2025 im Kino
Auch ein Schamgefühl scheinst du gar nicht zu kennen, oder? Das denkt man zumindest, wenn man "Satanische Sau", deinen neuesten Film, schaut.
Das erinnert mich an meine Freundin Lotti Huber, die mal gefragt wurde, wo die Würde des Alters bleibt. Und dann sagt die: Die kenne ich nicht, die habe ich nie kennengelernt. Und so ist es sicher auch bei mir mit der Scham. Ich habe die Dame nicht kennengelernt.
War das schon immer so? Bei vielen schwulen Männern spielt Scham eine große Rolle.
Das hat mit der katholischen Kirche zu tun. Ich musste immer eine Strichliste machen, wie oft ich onaniert habe, weil man das beichten musste. Ich habe "Unschamhaftigkeit" getan, so hieß das damals. Und das ist für einen pubertierenden Jungen peinlich. Oder die Ärzte, die dann sagen, dass man vom Onanieren Rückenschäden kriegt. Das war so die Zeit der 50er Jahre, wo die Priester dann von der Kanzel predigten, dass man Höllenstrafen zu erwarten hat, wenn man Sex hat.
Aber das heißt, du bist mit Scham aufgewachsen?
Ja, ich habe sie dann abgelegt und dann sozusagen umgedreht, indem ich mich dann intensiv gegen die Kirche gewandt und das dann auch meine Arbeit einbezogen habe. Ich konnte mich da Gott sei Dank befreien. Aber diese schrecklichen Dinge, die die Kirche mit diesen Sexverboten anrichtet, die vergisst du nie. Das ist Gehirnwäsche. Als ich in New York gelebt habe, fand ich immer besser, wie meine jüdischen Freunde aufgewachsen sind: Viel freier als ich, der stark von den Repressionen der katholischen Kirche gefangen war.
In "Satanische Sau" geht es ja ums Sterben. Hast du Angst vor dem Tod?
Nein, überhaupt nicht, im Gegenteil: Ich freue mich auf den Tod. Ich finde das eine Befreiung. Und jemand wie ich, der wie eine Ratte mehr als 50 Jahre gearbeitet hat, der sieht das als eine wunderschöne Sache an, mit Ruhe und Ausruhen.
Das ist eine bemerkenswerte Einstellung. Wie kommst du dazu?
Ich habe mich immer mit dem Tod beschäftigt, schon sehr früh in meinen Bildern und Zeichnungen. Ich habe mit 20 schon eine Beerdigung gefeiert und habe dann verschiedene Filme über den Tod gemacht und über die Hölle, also sozusagen die Ursprünge der Religion, der Repression, die fast alle Religionen zu verantworten haben.
Auch in der christlichen Kirche könnte man sagen, man freut sich auf den Tod, weil es das Leben nach dem Tod gibt. Hat dich das beeinflusst?
Das ist eine schreckliche Vorstellung, genauso wie die Erfindung der Hölle von den Katholiken. Das ist so ein sadistisches, schreckliches Konzept. Das ist für mich idiotisch. Ich tendiere ein bisschen zur hinduistischen Perspektive mit 30 Millionen Göttern, diese kindliche Einstellung, die fand ich immer als kreativer Mensch interessant.
Kürzlich sind Udo Kier und Ingrid van Bergen gestorben. Was macht es mit dir, wenn Menschen aus deinem erweiterten Umfeld sterben?
Mit Ingrid van Bergen habe ich gedreht, als sie aus dem Knast kam (den Film "Horror Vacui 1984, nach einer Haftstrafe wegen Totschlags an ihrem Geliebten, Anm. d. Red.). Das war eine sehr witzige, interessante Person. Dass sie jetzt tot ist, macht mich fröhlich, weil ich denke, die haben es jetzt gut. Die haben es hinter sich.
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Mit welchen Gefühlen blickst du auf dein Leben als Künstler zurück?
Voller Stolz und voller Glück, dass ich das Glück hatte, Leute zu finden, die meine Arbeiten ermöglicht haben, finanziert haben. Und auch das Publikum, das das angenommen hat. Das ist ein riesiges Glück, was nur wenige haben.
Hast du dir Gedanken gemacht über deinen Nachlass?
Meinen Nachlass wird mein Lebensgefährte Oliver Sechting verwalten. Und mein Mitarbeiter Markus
wird sicher auch darauf achten, dass die Dinge erhalten bleiben. Es ist schön, wenn etwas bleibt. Ich habe alle meine Sachen der Berliner Kinemathek gegeben, und es ist schön, dass sie da aufbewahrt sind – und dass sich vielleicht in der Zukunft irgendeine Tunte damit auseinandersetzen kann.
"Satanische Sau" ist ein großartiger Film, aber er ist auch schwer zu beschreiben. Könntest du das übernehmen?
Er ist sehr abstrakt und experimentell, sehr theatralisch. Ich habe das so geschrieben wie meine Theaterstücke, sehr schnell, mit heißer Nadel. Kunst ist immer ein mystischer Prozess, etwas Geheimnisvolles. Jemand diktiert mir die Sätze und die Worte. Wenn ich länger einen Film von mir nicht gesehen habe, dann bin ich immer völlig erstaunt und frage mich, wer das geschrieben hat und kann gar nicht fassen, dass ich das war. Ich hätte auch nie gedacht, dass der Film so zugänglich ist fürs Publikum. Und ich habe mich gewundert, dass meine Schauspieler den Film so gut sprechen konnten, speziell den genialen Armin Dallapiccola, der mich spielt und den ich wunderbar finde.
Wie hast du Armin gefunden? Es ist wohl gar nicht so leicht, jemanden zu casten, der einen selbst spielen soll, oder?
Durch den Dichter Mario Wirz hatte ich seinen Namen öfter gehört. Sie waren beide in Kiel am Theater beschäftigt, und Mario sagte immer: Der passt ungeheuer zu dir, den musst du mal kennenlernen. Dann hat ein Caster mir den für den letzten Film vorgeschlagen. Das war wunderbar. Wir haben uns sofort verstanden. Ich mag eben Schauspieler, die Phantasie haben, die improvisieren können und die sehr viel Eigenes mitbringen. Diese Schamlosigkeit hat mir sehr gefallen – dass das nicht ein zickiger Schauspieler ist, der sich wehrt, sich auszuziehen oder irgendwas Ungewöhnliches zu machen.
Auch alle anderen mussten ziemlich schamlos sein. Es gibt einige sehr explizite Szenen.
Heute ist das nicht mehr so eine Provokation, wie das früher war. Ich bin gespannt, wie das Fernsehen darauf reagiert, zu welcher Uhrzeit das dann gesendet wird. Die haben ja mitproduziert.
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Rosa von Praunheim hat keine Angst vor dem Tod (Bild: missingFILMs)
Skandale kennst du ja: Dein Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" wurde im BR nicht gezeigt, das ZDF kürzte "Axel von Auersberg" 1974 um eine halbe Stunde, bei "Das Todesmagazin" wurde die Ausstrahlung 1979 sogar verboten. Das ist heute undenkbar. Findest du es schade, dass es heute so schwer ist, mit einem Skandal in die Schlagzeilen zu kommen, oder ist das ein Fortschritt für dich?
Ich habe einen Film gemacht, "Jesus und Hitler. Eine Liebesgeschichte." Mein Mann findet den furchtbar, ich bin begeistert von dem Film. Aber man hat immer gedacht, das wird ein Riesenskandal, ist es aber nicht. Bei den Filmfestspielen in Hof war der recht anerkannt.
Wenn man nach dir googelt, wirst du ja immer noch als Skandalnudel bezeichnet. Aber so ein richtiger Skandal ist schon länger her, oder? Fehlt dir das?
Ich wurde immer definiert als jemand, der provoziert und Skandale macht. Und nein, das fehlt nicht, das finde ich okay. Es geht um meine künstlerische Arbeit und meine Einfälle und nicht nur um einen Gag. Ich habe nie etwas gemacht, weil ich dachte, das wird ein Skandal.
"Satanische Sau" wird als "Trash" bezeichnet, als skurril oder als "burlesker Quatsch". Ärgert dich das eigentlich?
Nein! Trash ist was Wunderbares. Ich bin ja ein großer Fan des amerikanischen Undergroundfilms, wo Trash ein ganz wichtiges Element ist und sehr genial umgesetzt ist. Das ist für mich was Positives, das ehrt mich.
Wir haben viel über die Vergangenheit gesprochen, jetzt mal zur Gegenwart: Welche Gefühle hast du beim Blick auf die politischen Entwicklungen – in Deutschland, aber auch weltweit?
Das beunruhigt mich sehr. Das ist furchtbar. Ich komme ja aus einer Zeit, wo das Linkssein modisch war und wir alle gerne links waren und immer noch sind. Jetzt ist es so eine Rechts-Tendenz, dass überall auf der Welt das Rechte modisch geworden ist, das Konservative und Antidemokratische. Das erschreckt mich sehr. Im vergangenen Jahr habe ich das Theaterstück "Insel der Perversen" geschrieben, wo die Rechten Deutschland übernehmen, Alice und Sahra. Es war kulturell wohl immer so, dass man progressive Zeiten hatte und dann genau das Gegenteil. Vielleicht aktiviert das die Leute, um zu sagen: Wir müssen dagegen ankämpfen. Wir können das nicht einfach so stehen lassen.
Zum Abschluss ein Blick in die Zukunft: Du arbeitest gerade am nächsten Film, "Sex und Tod". Worum geht's?
Da bin ich selbst im Mittelpunkt, auch physisch. Ich beschäftige mich sehr stark mit meinem eigenen Tod und der Vorstellung davon. Dazu kommen Porträts von engen Freunden, die da mitreingeschnitten werden. Und natürlich Sex, mein Lebensthema, das sich durch die meisten meiner Filme oder Theaterstücke zieht. Weil es ein wichtiger Teil von meinem Leben und dem vieler Homosexueller ist.
Danke für deine Zeit – und weiterhin gute Besserung!
Satanische Sau. Docufiction, Deutschland 2025. Regie: Rosa von Praunheim. Cast: Armin Dallapiccola, Justus Herrmann, Nico Ehrenteit, Katy Karrenbauer, Gerhard Haase-Hindenberg. Laufzeit: 85 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 16. Verleih: missingFILMs. Kinostart: 27. November 2025
Links zum Thema:
» Alle Kinotermine von "Satanische Sau" auf der Homepage von missingFILMs
Mehr zum Thema:
» Filmkritik: Rosa von Praunheim verfilmt seinen Tod – und sein Sexleben als alter Schwuler (26.11.2025)
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