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Serientipp
Eine grummelige Lesbe will die Menschheit retten
In Vince Gilligans großartiger Scifi-Serie "Pluribus – Glück ist ansteckend" verpasst ein außerirdischer Virus der Menschheit ein friedliches Kollektivbewusstsein. Zu den wenigen Ausnahmen gehört eine mürrische lesbische Autorin, die diesen Zustand unbedingt rückgängig machen will.

Rhea Seehorn als Carol Sturka in "Pluribus – Glück ist ansteckend". Die vorerst auf zwei Staffeln angelegte Serie ist seit dem 7. November 2025 bei Apple TV verfügbar (Bild: Apple TV)
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2. Dezember 2025, 08:25h 6 Min.
Man stelle sich vor: Es herrscht Frieden auf der Welt. Niemand führt mehr Krieg, niemand begeht Verbrechen, niemand ist rassistisch oder queerfeindlich, niemand lügt, ist macht- oder profitgierig. Es wird kein Tier mehr getötet, weder um es zu essen, noch zum Jagdvergnügen. Niemand leidet mehr, im Gegenteil, es arbeiten alle emsig und zufrieden daran, ein maximal gutes Leben auf Erden zu gestalten. Denn alle sind Teil eines einzigen, großen weltumspannenden Bewusstseins und teilen sämtliche Erfahrungen und Erinnerungen, die sie zuvor als Individuen hatten. Alle wissen jederzeit alles von allen.
Eine schöne Utopie oder doch etwas unheimlich? In der auf Apple TV kürzlich gestarteten Serie "Pluribus – Glück ist ansteckend" ist es jedenfalls die neue Realität, nachdem eine Art außerirdischer Virus fast die ganze Menschheit infiziert hat. Aber eben nur fast: Rund 800 Millionen sind dabei gestorben, und weltweit 13 Personen sind Individuen geblieben und (noch) nicht Teil des Kollektivs. Weshalb, ist unklar.
Heimlich lesbische Kitschautorin
Eine der 13 ist Carol Sturka (Rhea Seehorn), die wir in der ersten Folge bei einer Lesung in einem Bücherladen kennenlernen als die Welt noch "normal" ist. Vor einer verzückten Schar überwiegend weiblicher Fans liest die Beststellerautorin aus ihrem neuesten kitschigen Liebes-Abenteuerroman vor und muss anschließend stundenlang Bücher signieren und Selfies mit Fans machen. Sie tut dies geduldig und gut gelaunt, und fast scheint es, als hätte sie sich mit ihrer Rolle als Königin der Trivialliteratur bestens arrangiert.
Dieser Eindruck schwindet rasch, als sie endlich mit ihrer Managerin Helen (Miriam Shor) allein ist. Es wird klar, dass sie auf ihren Status nicht nur nicht stolz ist, sondern sich sogar ein bisschen schämt. Dabei arbeitet sie schon länger an einem anspruchsvolleren Buch, fürchtet sich jedoch davor, es zu veröffentlichen, obwohl Helen sie dazu ermutigt. Und so nebenbei stellt sich auch noch heraus, dass Carol und Helen heimlich ein Paar sind und dass der unwiderstehlich-attraktive Kerl, dem die Heldin in Carols Liebesromanreihe zuverlässig verfällt, ursprünglich eine Frau hätte sein sollen. Aus kommerziellen Gründen entschied sie sich schließlich anders – und der Erfolg spricht ärgerlicherweise für sich.

Heimliches Paar: Helen (Miriam Shor, l.) und Carol (Rhea Seehorn) in "Pluribus" (Bild: Apple TV)
Das Kollektiv schickt Carols Traumfrau
Als das lesbische Paar nach einem Feierabend-Drink heimfahren will, kollabieren um sie herum sämtliche Menschen und verfallen in bizarre Zuckungen, schließlich auch Helen. Nur Carol bleibt verschont und versucht panisch, Hilfe zu holen. Doch nach kurzer Zeit ist der Spuk vorbei, alle stehen wieder auf und gehen seltsam zielstrebig ihrer Wege. Auch Helen kommt wieder zu sich, erleidet dann jedoch einen Herzstillstand und stirbt in den Armen der verzweifelten Carol.
Nach dem ersten Schock verschanzt sie sich in ihrem Anwesen in den Hügeln oberhalb Albuquerques (New Mexico), wo sich nach und nach klärt, was da gerade passiert ist. Das neue Menschheits-Kollektivbewusstsein erweist sich jedoch rasch als überhaupt nicht böse oder bedrohlich, es ist im Gegenteil stets gut gelaunt und beflissen darum bemüht, Carol zu helfen und ihr möglichst alle Wünsche zu erfüllen.
Hauptrepräsentantin des Kollektivs ist eine attraktive Frau namens Zosia (Karolina Wydra), die für diese Mission extra aus Marokko angereist ist, weil sie so aussieht, wie Carol sich die zweite Heldin ihrer Liebesromane ursprünglich vorgestellt hatte, bevor sie sie durch einen Mann ersetzte. Carols Traumfrau quasi. Dieses Wissen des Kollektivs stammt von Helen, die kurz vor ihrem Tod noch lang genug Teil davon war, um ihre Erfahrungen und Erinnerungen zu teilen. Womit nun alle Menschen der Welt auch Carols intimste Geheimnisse kennen – alles, was sie bisher sorgsam vor der Öffentlichkeit verborgen hat.

Carol (Rhea Seehorn) trifft ihre Traumfrau Zosia (Karolina Wydra), die ihr sämtliche Wünsche erfüllen möchte (Bild: Apple TV)
Frustrierendes Treffen mit den anderen Individuen
Carol trauert, ist wütend, entsetzt, schrecklich einsam und verweigert sich zunächst sämtlichen Bemühungen des Kollektivs um sie. Nicht das kleinste Lächeln oder Dankeschön kommt ihr über die Lippen, sie bleibt grantig und missgelaunt – selbst wenn das Kollektiv ihr sämtliche Wünsche erfüllt, sie zum Beispiel unter erheblichem Aufwand mit den wenigen anderen englischsprechenden Menschen der Welt zusammenbringt, die ebenfalls Individuen geblieben sind. Doch Carol wird nur noch wütender und frustrierter, als sie realisiert, dass sie die Einzige in der Gruppe ist, die den aktuellen Zustand furchtbar findet und Widerstand leisten will. Alle anderen hoffen eher, dass das Kollektiv möglichst bald eine Lösung findet, sie ebenfalls daran teilhaben zu lassen – Carols größter Alptraum.
Dennoch gewöhnt sie sich mit der Zeit an Zosias Präsenz und realisiert auch, dass diese ihr nicht nur jeden Wunsch erfüllt, sondern sie auch nicht anlügen kann. Aus ihren Antworten schließt Carol gar, dass es einen Weg geben könnte, all das wieder rückgängig zu machen. Und so ist sie fest entschlossen, mehr darüber herauszufinden und die Menschheit "zu retten".
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Eine Antiheldin im Zentrum
Hinter "Pluribus" steckt Vince Gilligan, der mit "Breaking Bad" (2008-2013) und "Better Call Saul" (2015-2022) bereits für zwei andere von der Kritik hochgelobte Hit-Serien verantwortlich ist. Diesmal bewegt er sich allerdings in einem ganz anderen Genre und stellt erstmals eine Frau ins Zentrum – und erst noch eine lesbische. Obwohl deren Partnerin bereits in der ersten Folge stirbt, worauf queere Zuschauer*innen oft allergisch reagieren, weil es ein nerviges, altbekanntes Muster in Film und Fernsehen bedient, können sich hier wohl die meisten damit arrangieren. Denn Helen ist in weiteren Folgen immer wieder mal präsent und wird clever für die Geschichte und die Entwicklung von Carol genutzt.
Mutig ist es auch, dem Publikum eine Hauptfigur zuzumuten, die oft nicht sonderlich sympathisch ist in ihrem Furor, sich nicht mit dem abzufinden, was der Welt da gerade widerfährt. Wie schon Walter White in "Breaking Bad" ist Carol Sturka eigentlich eine Antiheldin. Sie will ihre Individualität unbedingt bewahren und reagiert auf die stets freundlich-lächelnden, unendlich hilfsbereiten Vertreter*innen des Kollektivs auch deshalb so allergisch, weil sie sie an das scheinheilige Personal im Konversionstherapie-Camp erinnern, in das ihre Mutter sie als Teenager gezwungen hat.
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Beste Unterhaltung mit Tiefgang
Nicht zuletzt wirft Gilligan allerlei philosophische Fragen auf: So toll Weltfrieden und Gewaltlosigkeit sind, ist es die Aufgabe unserer Individualität wert? Was genau macht einen Menschen eigentlich aus? Sollte man sich unter gewissen Umständen selbst einer paradiesisch scheinenden Welt verweigern? Und können triviale Liebesromane nicht manchmal mehr Gutes bewirken als hochintellektuelle, preisgekrönte Literatur?
Obwohl gar nicht trivial, kommt all dies in "Pluribus" äußerst unterhaltsam verpackt daher und dürfte 2026 hochverdient zahlreiche TV-Preise abräumen. Auch eine zweite Staffel ist bereits geplant.
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