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Interview

"Ich hatte immer Angst vor dieser geheimnisvollen Krankheit"

Diego Céspedes erzählt in seinem Film "Der geheimnisvolle Blick des Flamingos" eine außergewöhnliche Geschichte. Im Interview spricht er über seine Verbindung zu Aids, den schwierigen Castingprozess – und seine Outfits in Cannes.


Der chilenische Regisseur Diego Céspedes im Mai 2025 beim Filmfestival in Cannes (Bild: IMAGO / ABACAPRESS)

Die elfjährige Lidia lebt in einem abgeschiedenen und verlassenen Bergbau-Dorf bei einer queeren Wahlfamilie. Dort grassiert eine unbekannte Krankheit. Weil niemand sich die Infektion erklären kann, entsteht ein Mythos: Sie wird über Blicke übertragen, wenn zwei Menschen sich verlieben.

Es ist eine höchst allegorische Geschichte, die der chilenische Regisseur Diego Céspedes in "Der geheimnisvolle Blick des Flamingos" erzählt. Sein Drama wurde in Cannes in der Nebenreihe "Un Certain Regard" ausgezeichnet. Am 4. Dezember 2025 kommt der Film in die deutschen Kinos. Einen Ausschnitt zeigen wir hier, eine ausführliche Besprechung folgt.

Am Rande des Filmfests Hamburg nahm sich der Filmemacher Zeit, um ausführlich mit queer.de über sein Drama zu sprechen. Der 30-Jährige lacht viel und redet schnell – er hat viel zu sagen.


Diego Céspedes' Film "Der geheimnisvolle Blick des Flamingos" startet am 4. Dezember 2025 bundesweit im Kino

Dein Film "Der geheimnisvolle Blick des Flamingos " spielt in den 1980er Jahren. Du bist 30, hast diese Jahre also nicht selbst erlebt. Warum wolltest du einen Film über eine Zeit machen, die du nicht kennst?

Ich bin nicht der Typ Regisseur, der über die Straße läuft, plötzlich eine große Idee hat und einfach damit anfängt. Ein Film ist für mich wie ein Gemälde, an dem man viele Jahre arbeitet. Es gibt mehrere Dinge, die mich mit dieser Zeit verbinden. Als ich ein Baby war, hatten meine Eltern einen Friseursalon in den Vororten von Santiago, der Hauptstadt Chiles. Alle schwulen Männer, die dort arbeiteten, starben an den Folgen von Aids. Das war etwas sehr Einschneidendes für meine Mutter. Und als ich aufwuchs, hatte ich immer Angst vor dieser seltsamen, geheimnisvollen Krankheit. Sie war so furchtbar, aber ich wusste kaum etwas darüber. Und meine Mutter hatte viele Vorurteile. Später habe ich die Hintergründe entdeckt – und auch das Leuchten dieser Menschen, die gestorben sind – etwas, das unter den Teppich gekehrt wurde.

Dank PrEP sind HIV und Aids zumindest in westlichen Ländern in der queeren Community weniger präsent. Warum ist es für dich wichtig, die Infektion dennoch zu thematisieren?

Es ist kein Film nur über Aids und queere Menschen. Es geht auch um Freundlichkeit, Liebe und Zuneigung – Dinge, die wir alle brauchen. Und wenn ich mir die Zeit ansehe, die die Leute damals durchmachen mussten, sehe ich keinen großen Unterschied zu der, die wir heute erleben und was noch kommen wird. Die Zeiten sind jetzt für Minderheiten sehr düster, und leider denke ich, dass es noch schlimmer wird. Diese Geschichten zu erzählen, bedeutet nicht nur, in die Vergangenheit zu schauen, sondern auch über unsere Gegenwart und unsere Zukunft nachzudenken.

Wie haben die Erfahrungen rund um die schwulen Männer und Aids dich selbst beeinflusst, als du dich als schwuler Mann geoutet hast?

Es war nicht so, dass ich deswegen ständig Albträume hatte. Vielleicht war es eher etwas Unbewusstes. Meine Mutter sprach darüber, und als Teenager hatte ich große Angst vor allen sexuell übertragbaren Krankheiten, weil ich dachte, dass ich von allen Aids bekomme. Am meisten war ich geschockt, als ich die ganzen Menschen rund um die Krankheit kennengelernt habe – und oh mein Gott, sie waren so cool, als sie noch gesund waren. Diese ganze Welt hat so geleuchtet. Warum reden wir nie darüber? Ich kannte nur die Geschichten von der dunklen Seite. Und genau das wollte ich im Film zeigen.

Dein Film wird aus der Perspektive der elfjährigen Lidia erzählt. Inwiefern ähnelt ihre Sicht deiner eigenen, da du als Kind von queeren Menschen umgeben warst?

Mit meinen Geschwistern und Cousins waren wir immer alle zusammen bei meiner Großmutter. Als ich Lidia geschrieben habe, dachte ich die ganze Zeit an sie. Sie hat viel von ihnen, mehr als von mir, was die Persönlichkeit betrifft. Aber dieser Blick – das Entdecken der queeren Welt und der wunderbaren Freundlichkeit dieser Menschen – der ist mir sehr nah.

Das Setting deines Films, eine kleine Bergbaustadt im Norden Chiles, ist schön, wirkt aber fast wie eine Geisterstadt. Warum hast du dieses besondere Umfeld gewählt?

Chile ist ein Bergbauland. Die gesamte Wirtschaft basiert darauf. Obwohl wir in der Hauptstadt aufgewachsen sind, kannten wir Bergbaustädte und Geisterstädte. Und die Wüste ist ein echter Mythos, sie ist Teil unserer Kultur – ein Drittel des Landes ist Wüste. Die Geisterstadt im Film ist echt, wir haben sie gefunden und einige Teile nachgebaut, aber es gibt sie tatsächlich. Man kennt diese Themen gut, aber dort liegen auch viele Geheimnisse. Mit der Übertragung der Krankheit und dem Mythos, der sie umgibt, war diese Stadt perfekt, um die Geschichte zu erzählen.


Szene aus "Der geheimnisvolle Blick des Flamingos" (Bild: Filmreederei)

Die Menschen dort sind sehr unterschiedlich – queere Menschen, aber auch hypermaskuline Minenarbeiter. Es gibt Verbindungen, Angst und Hass, aber auch eine gewisse Zuneigung. Wie würdest du das Verhältnis dieser Gruppen beschreiben?

Einer der wichtigsten Aspekte im Film ist für mich, zwei verschiedene Gruppen miteinander zu verbinden – die am Ende gar nicht so verschieden sind. Auch die Männer suchen nach Zärtlichkeit, von Lidias Geliebtem Julio bis zu Flamencos On-off-Freund Yovani. Wenn wir ihren Alltag sehen, merken wir: Auch sie haben ein Herz.

Yovani hat definitiv ein Herz, aber er ist auch gewalttätig – das ist also ein schmaler Grat.

Total. Wir sehen das ganze Spektrum – Herz und Gewalt. Yovani verhält sich völlig schrecklich, aber dahinter steckt viel Angst. Die Leute versuchen ihm einzureden, dass die Krankheit vom Himmel komme. Julio, Lidias Freund, zeigt etwas ganz anderes. Auch er hat vielleicht anfangs Angst. Aber schließlich teilt er diese Welt und die Kantine ganz selbstverständlich mit Lidia und ihrer Familie. Er hat weniger Vorurteile, weil er ein Kind ist.

Die Kinder Lidia und Julio sind weniger gewalttätig und furchtloser – bilden sie eine Art Gegenentwurf? Sind sie die Protagonist*­innen der Zukunft?

Die jungen Leute heute sind eigentlich nicht so progressiv, wie wir manchmal denken. Aber ich hoffe, dass die beiden ein gutes Beispiel dafür sind, wie man miteinander spricht und eine Beziehung führt.

Neben der Gewalt spielt auch das Motiv der Rache eine zentrale Rolle. Die queeren Menschen verteidigen Lidia etwa gegen ein paar Jungs. Zusammen mit der Wüstenszenerie entsteht fast ein Western-Gefühl. War das beabsichtigt?

Wenn man Wüste, Waffen und Gewalt sieht, denkt man unbewusst an Western. Aber eigentlich gibt es in Chile viele Waffen, viel Gewalt und Wüste – und trotzdem ist das tägliche Leben kein Western. (lacht) Dieses Western-Gefühl in Lidias Racheszene wurde durch die Musikkomposition viel stärker.

Die Geschichte fühlt sich sehr lokal an, aber zugleich universell. Was war dir beim Schreiben und Inszenieren wichtiger?

Darüber habe ich nicht so viel nachgedacht – und ich glaube, das ist gut so. Für mich war es eher sehr ehrlich. Ich bin den Emotionen des Films und meinen Intuitionen gefolgt. Auch in der Kameraarbeit und im Schnitt bin ich dem gefolgt, was mich berührt. Natürlich ist es lokal, weil es mein Leben und meine Gefühle sind, die in einem bestimmten Kontext gewachsen sind. Aber ehrlich zu mir zu sein bedeutet auch, universelle Gefühle zu durchlaufen.

Dein Film steckt voller Magie und Allegorien. Man denkt sofort an den magischen Realismus, der in der Literatur und in Filmen aus Südamerika weit verbreitet ist. Siehst du dich in dieser Tradition?

Im Film? Ja. In meinem Alltag? Keine Ahnung. (lacht) Wenn man Mythen nicht versteht, entsteht Magie – so funktioniert das bei uns. Aber es ist etwas Globales und Menschliches, dem, was wir nicht verstehen, einen Sinn geben zu wollen. Und genau das passiert im Film. Bei der Übertragung der Krankheit versuchen die Menschen einfach, eine Bedeutung zu finden.

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Kommen wir zu den Schauspieler*­innen. Wie hast du sie gefunden?

Der Casting-Prozess dauerte sehr lange, anderthalb Jahre, weil wir so viele Figuren hatten und weil ich sie so spezifisch geschrieben hatte. Für Lidia haben wir sehr viele Mädchen getroffen, und schließlich trafen wir Tamara Cortés – wir haben so viel gelacht, und sie ist unglaublich talentiert. Ich bin mit Paula Dinamarca befreundet, deshalb schrieb ich die Rolle der Mama Boa für sie. Viele der Schauspieler*­innen sind neue Gesichter im chilenischen Kino, sie waren alle hochmotiviert – das war großartig.

Es wird viel diskutiert, dass nur trans Personen trans Rollen spielen sollten. Matías Catalán, der die Hauptfigur Flamingo spielt, ist nicht trans. War das ein Thema für dich?

Ja, total. Viele beschreiben die Kantine zwar als trans Ort, aber das stimmt nicht. Es ist keine reine trans Community. Es gibt trans Menschen, Transvestit*­innen, Tunten – alles. Ein Ort, an dem sich Ausgeschlossene wiedervereinigen. Und zu Flamingo: Im spanischen Originaltitel heißt es "del flamenco", also die männliche Form. Und im Film sagen sie "sie" und "er". Ich sehe Flamingo immer als vollkommen genderfluid, und so haben wir die Figur mit Matías von Anfang an aufgebaut. Alle anderen Rollen von trans oder transvestiten Frauen wurden von trans bzw. transvestiten Schauspieler*­innen gespielt. Ich bin ganz und gar davon überzeugt, dass wir das tun müssen. Es ist nicht nur eine künstlerische oder moralische Frage. Für mich ist das politisch. Unsere trans Community hat keinen einfachen Zugang zu normalen Jobs. Es gibt zwar Schutzgesetze, aber im Alltag werden sie nicht eingestellt. Wenn man die Ressourcen hat, einen Film über diese Communitys zu machen, muss man sie auch einstellen.

Wie war die Zusammenarbeit mit Paula Dinamarca? Hast du von ihren Erfahrungen, Gedanken und Einschätzungen profitiert, da sie einige Jahre älter ist als du?

Sie könnte meine Mutter sein. (lacht) Wenn Leute uns zusammen sehen, fragen sie immer, ob ich ihr Sohn bin. Ich habe Mama Boa voller Inspiration von älteren Frauen geschrieben, die mir nahestehen. Paula hat die Figur natürlich stark geprägt. Wir haben ständig über den ganzen Film gesprochen. Sie hat mir zum Beispiel viel über die Zeit beigebracht und wie Menschen sich damals bezeichnet haben. Heute haben alle ein eigenes Label. Aber damals gab es nicht so viele Schubladen. Sie sagt, es gab zwei Begriffe: Transvestiten und Tunten. Mehr nicht. Und genau so nutzen wir es im Film. Aber ich habe nicht nur von ihrer Lebenserfahrung profitiert, sondern auch von ihrem Talent.

Es ist dein Langfilmdebüt, und damit wurdest du nicht nur nach Cannes eingeladen, sondern hast auch den Preis in der Sektion "Un certain regard" gewonnen. Wie war Cannes für dich?

Willst du über meine Outfits sprechen? Nein, nur ein Spaß. (lacht)

Doch, gerne!

Bei einem Interview in Chile wurde ich nach meinen Outfits gefragt. Aber ich habe die Sachen einfach bei Zara gekauft und am nächsten Tag zurückgegeben. Man hat dort so viele Events, und ich werde sicher nicht für all diese Outfits bezahlen. (lacht) Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Ich war schon mit meinen Kurzfilmen in Cannes, aber jetzt war es völlig anders, weil die Industrie dich ganz anders sieht. Man kann kein anderes Festival mit Cannes vergleichen. So viel Druck, so viele Interviews. So vieles passiert gleichzeitig, Partys, Leute, die Aufmerksamkeit wollen. Es ist irre. Ich bin dort im Automatikmodus durchgegangen.

Am schönsten fand ich, dass wir den gesamten Hauptcast mitbringen konnten. Der rote Teppich war toll. Sie haben Fotos gemacht, hatten teures Make-up und so weiter. Der Preis war völlig unerwartet, denn eigentlich würde man erwarten, dass eine Jury sich auf einen heterosexuellen weißen Mann einigt. Aber diese Jury war sehr progressiv. Ich finde das sehr gut – nicht nur, weil es mein Film ist, sondern weil wir mehr solcher Filme brauchen und andere Geschichten erzählen müssen. Die Darsteller*innen hatten jetzt wirklich eine Plattform und waren sehr glücklich. In Chile bekommen sie viel Aufmerksamkeit, bis heute. Sie bekommen ganz liebe Nachrichten, mehr Follower*innen und können stärker über die Themen sprechen, die ihnen wichtig sind.


Der queere Cast von "Der geheimnisvolle Blick des Flamingos" in Cannes (Bild: IMAGO / Future Image)

Und dann wurde dein Film auch noch als chilenischer Oscar-Kandidat ausgewählt.

Das ist cool, aber für mich muss die Promotion des Films sehr politisch sein. Ich freue mich darüber. Wir haben damit die allergrößte Plattform, und ich will sie für mich und meine Schauspieler*innen nutzen. Zu den Oscars gehört eine Kampagne, die man erfüllen muss. Wir konkurrieren nicht nur mit Filmen, sondern mit großen Studios hinter den anderen Beiträgen. Ich erwarte keine große Anerkennung, aber falls wir sie bekommen, würde ich sie nutzen, um die LGBTI-Agenda zu stärken.

Es ist toll, dass Chile dich als jungen Filmemacher und mit diesem Thema auserkoren hat, besonders in diesen Zeiten. Setzt dich das unter Druck?

Ich weiß nicht genau, warum, denn eigentlich würde meine Persönlichkeit sagen: Ja, du wirst total unter Druck stehen. Aber gerade fühle ich ihn noch nicht.

Infos zum Film

Der geheimnisvolle Blick des Flamingos. Drama. Chile, Deutschland, Frankreich, Belgien, Spanien 2025. Regie: Diego Céspedes. Cast: Tamara Cortes, Paula Dinamarca, Luis Dubó. Laufzeit: 104 Minuten. Sprache: spanische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Filmreederei. Kinostart: 4. Dezember 2025
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