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Filmtipp
Wenn Blicke HIV übertragen
Jetzt im Kino: Das Drama "Der geheimnisvolle Blick des Flamingos" von Diego Céspedes erkundet die Mythen rund um Aids – visuell beeindruckend, voller Gewalt und Lebensfreude.

Bergmann Clemente (Luis Dubó) nimmt Mama Boa (Paula Dinamarca) gefangen und verbindet ihr sicherheitshalber die Augen (Bild: Filmreederei)
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4. Dezember 2025, 01:38h 4 Min.
Wenn Blicke töten können: Der böse Blick ist ein weltweit verbreiteter Volksglaube. Demzufolge kann allein der Blick eines Menschen zu Unheil und Verderben führen. In der Türkei und im Orient schützt man sich mit dem bekannten augenförmigen blauen Amulett davor.
Es überrascht also nicht, dass eine kleine Community aus trans Frauen, Transvestiten und Tunten beschuldigt wird, ihr intensiver Blick allein übertrage eine Krankheit. Viel ist Anfang der 1980er Jahre in der abgelegenen chilenischen Geisterstadt nicht über die Infektion bekannt. Einzig: Sie bringt den Tod.
Die Bergleute feiern bei den Dragshows

Poster zum Film "Der geheimnisvolle Blick des Flamingos" startet am 4. Dezember 2025 bundesweit im Kino
"Auf rätselhafte Weise übertragen, schlägt ein rätselhafter Erreger zu", das schrieb der "Spiegel" im Juni 1983 über das noch weitgehend unbekannte Krankheitsbild Aids. Wo etwas unerklärlich ist, suchen Menschen nach Erklärungen. Sündenböcke sind schnell gefunden.
Im Drama "Der geheimnisvolle Blick des Flamingos" ist das eine Gruppe queerer Menschen, die als Schicksals- und Wahlfamilie hier, in der Bergbaustadt, eine "Cantina" betreibt. Die glitzernd angezogenen, Gendergrenzen sprengenden Queers und die Bergleute haben ein ambivalentes Verhältnis: Die Männer besuchen den Nachtclub mit seinen bunten Shows gerne, sicher spielt hier auch bezahlbarer Sex eine Rolle. Gleichzeitig verbreiten sie den Mythos, von den Tunten und Transvestiten – so ihre Eigenbezeichnung – gehe Lebensgefahr aus.
Die Queers wehren sich, sind voller Kraft und Mut
Erzählt wird das allerdings nicht aus der Perspektive der Erwachsenen, sondern der zwölfjährigen Lidia – beeindruckend gespielt von Tamara Cortés. Flamingo (Matías Catalán), die genderfluide Namensgeberin des Films, zieht sie auf und bereitet sie aufs Leben vor. Doch auch Flamingo leidet unter der tödlichen Krankheit. Lidia will herausfinden, ob der Mythos stimmt, von dem sie gehört hat.
Anders als so oft in Filmen über diese Zeit wird die queere Gemeinschaft aber nicht als hilflos ausgelieferte Opfergruppe dargestellt. Im Gegenteil: Die trans Frauen wissen sich zu wehren, sie sind voller Kraft, Stolz, Mut – und auch mal frecher Provokation. In ihrer Bar unterstützen sie einander, angeführt von der Ältesten, Mama Boa (Paula Dinamarca).
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Aids in einer abgelegenen Geisterstadt
Genau das war dem chilenischen Regisseur Diego Céspedes besonders wichtig. Als er aufgewachsen ist, arbeiteten im Friseursalon seiner Eltern HIV-infizierte schwule Männer. Erst später habe er das "Leuchten dieser Menschen, die gestorben sind" entdeckt, erzählte er im queer.de-Interview. "Das wurde unter den Teppich gekehrt" – und der erst 30-jährige Regisseur bringt es auf die große Leinwand.
Auch der Ort, an dem diese ungewöhnliche Story spielt, sticht heraus: HIV und Aids kursieren hier nicht in einer großen Metropole, sondern in einer abgelegenen Geisterstadt. Chile ist Bergbauland, solche Orte sind ikonisch für das Land – für einen queeren Film jedoch selten. Den Eindruck, man habe es hier mit einem Western zu tun, bestärkt neben der Szenerie auch die Figurenzeichnung sowie das Motiv der Rache.
Streng komponierte Bilder in 4:3
Denn Lidia will sich an einem der Bergleute, Yovani, rächen. Der wiederum machte Flamingo für seine eigene Krankheit verantwortlich. "Der geheimnisvolle Blick des Flamingos" zeigt auch die brutalen Seiten dessen, was man heute als Verschwörungserzählung und Hetzkampagne der Bergleute bezeichnen würde.
Regisseur Diego Céspedes erzählt seine Geschichte höchst metaphorisch und allegorisch – und findet sich damit wieder in der südamerikanischen Tradition des magischen Realismus. An manchen Stellen verliert man sich beim Zuschauen, weil die Geschichte nicht jedes Bild trägt. Die Form folgt hier dann nicht mehr der Funktion, sondern wirkt eher als Selbstzweck.
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Doch die Bilder, eng im 4:3-Format gefilmt, beeindrucken. Sie sind gern überbelichtet, fast wie magisch angestrahlt, die Kontraste können grell sein. Und doch wird nichts dem Zufall überlassen, so streng komponiert sind sie.
Ein magisch-queerer Aids-Western
Diego Céspedes wurde für seinen ersten Langfilm in Cannes in der "Un Certain Regard"-Sektion ausgezeichnet. Doch der Erfolg ging weiter: Sein Heimatland wählte "Der geheimnisvolle Blick des Flamingos" als Oscar-Kandidaten aus. Am 16. Dezember verkündet die Academy die 15 Titel umfassende Shortlist für den besten internationalen Film. Die Konkurrenz wird stark und in diesem Jahr besonders politisch sein.
Egal, ob sein Film auf der Shortlist steht oder nicht: So erhält das Drama schon jetzt eine enorme Aufmerksamkeit, die ihm gebührt. Dieser magisch-queere Aids-Western ist einmalig – und von Regisseur Diego Céspedes werden wir hoffentlich noch einiges sehen.
Der geheimnisvolle Blick des Flamingos. Drama. Chile, Deutschland, Frankreich, Belgien, Spanien 2025. Regie: Diego Céspedes. Cast: Tamara Cortes, Paula Dinamarca, Luis Dubó. Laufzeit: 104 Minuten. Sprache: spanische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Filmreederei. Kinostart: 4. Dezember 2025
21:50h, ORF 1:
Breaking the Ice
Der vielstimmige Coming-of-Age-Film erzählt die queere Selbsterkundung als Spiel mit verschiedenen Identitätsentwürfen und richtet zugleich den Blick ins Vergangene.
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