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Politische Theoretikerin

Ein queerer Blick auf Hannah Arendt

Heute vor 50 Jahren starb die politische Denkerin Hannah Arendt. Sie galt als Analytikerin totaler Herrschaft, von Macht und individueller Freiheit. Didier Eribon hält sie aber auch für eine "Philosophin der Schwulenbewegung".


Hannah Arendt im Jahr 1958 (Bild: Barbara Niggl Radloff / wikipedia)
  • Von Michael Freckmann
    4. Dezember 2025, 02:04h 6 Min.

Als Hannah Arendt am 4. Dezember 1975 in ihrer New Yorker Wohnung starb, war sie eine weltweit viel gelesene Theoretikerin. 1906 in Hannover in eine jüdische Familie geboren, studierte sie zuerst in Deutschland und wurde bald während der Nazizeit verfolgt. Ihr gelang über Umwege die Flucht in die USA und sie avancierte dort zu einer Meisterin der Politischen Theorie.

Legendär sind noch immer ihre TV-Interviews, in denen sie fröhlich rauchte und mit tiefer, rauer Stimme eloquent Antworten gab. Heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später, ist Arendt als hellsichtige Autorin der Analyse autoritärer politischer Prozesse omnipräsent. Während derzeit bei vielen eine Sehnsucht nach einem starken Anführer zu spüren ist, wird immer wieder Arendts Werk hervorgeholt, um darin Antworten auf solche Trends zu finden. Zitate und Memes von ihr geistern durch Social Media wie etwa ihr Ausspruch: "Niemand hat das Recht zu gehorchen" oder: "Ein Mensch kann sich nur als das wehren, als was er angegriffen wurde."

Queere Ansatzpunkte in Arendts Werk

Als Inspiratorin für die queere Communitys galt Hannah Arendt allerdings eigentlich bisher weniger. Und doch gibt es in ihrem Werk auch queere Ansatzpunkte. So zumindest sieht es der französische Soziologe Didier Eribon.

Er hatte nämlich in seinem umfassenden Werk "Betrachtungen zur Schwulenfrage", das in Frankreich bereits 1999, in Deutschland leider jedoch erst 20 Jahre später herauskam, etwas dazu geschrieben. Im Anhang seines über 600 seitigen Buch ist noch ein kleiner Text mit dem Titel "Hannah Arendt und die 'diffamierten Gruppen'" zu finden. Eribon war damals offenbar etwas vorsichtig, galt doch Arendt in Frankreich nicht gerade als fortschrittlich.

Zu sehr hatten sich vor allem Feministinnen daran abgearbeitet, dass Arendt in ihrem Großwerk "Vita Activa" über Arbeit, Konsum und das Tätigsein in der Gesellschaft für Frauen keine besonders progressive Rolle vorsah. Was allerdings damaligen Zeitumständen geschuldet sei – so ihre Verteidiger*innen. Didier Eribon hielt diese Kritik nur für ideologische Verblendung von Arendts Gegner*innen und sah in ihr stattdessen sogar eine "Philosophin der Schwulenbewegung". Doch wie kam der französische Soziologe auf diesen Gedanken?

Assimilation von Minderheiten wird scheitern


Hannah Arendt im Jahr 1933 (Bild: wikipedia)

Dass es in Arendts Texten häufiger um Diskriminierungen von Gruppen geht, ist vielfach bekannt. Zentral war bei ihr natürlich die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus, sowie die Verfolgung und Ermordung jüdischer Menschen, von der sie selbst Opfer und Zeugin war. Später analysierte sie dann die Rassendiskriminierung in den USA. Aber sollte es bei Arendt tatsächlich auch um queere Perspektiven gegangen sein? Dider Eribon meint, man müsse hier etwas genauer hinsehen.

Und tatsächlich: An einer Stelle in ihrem Standardwerk "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" bezieht sich Arendt direkt auf die Stigmatisierung Homo­sexueller, als sie deren Situation mit der Ausgrenzung jüdischer Menschen des 19. Jahrhunderts aus dem gesellschaftlichen Leben vergleicht. Sie übernimmt diesen Vergleich von Marcel Proust, um die Mechanismen von Benachteiligung zu beschreiben.

Sehr genau analysiert Arendt, was jüdischen Menschen widerfahren ist, als in der damaligen Zeit die gesellschaftliche Anerkennung langsam zunahm. Arendt schreibt darüber, dass Assimilation – also die Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft – letztlich nicht zum Ziel führen konnte. Denen, die ihre Identität versteckten, um anerkannt zu werden, wurde dies fortwährend vorgeworfen. Wodurch sie weiter auf Abstand gehalten wurden. Letztlich gelangten jene dann in dieselbe Situation wie diejenigen, die sich jeglichem Kompromiss von Anfang an verweigerten. Assimilierte und Ausgeschlossene blieben beide weiterhin Fremde in der Gesellschaft.

Arendt beschreibt hier, wie das Entgegenkommen gegenüber der Mehrheitsgesellschaft zu ungerechter Behandlung führt. Sich selbst zu behaupten, so schlussfolgert Didier Eribon, könnten nämlich nur die Personen, die sich weder anpassten noch sich zurückzögen. Selbstbewusst seien nur jene, die sich "rebellisch zu Wort melden". Und als Teil ihrer Gruppe sollten sich diese Menschen dann auch politisch einmischen.

Ohne queere Teilhabe keine liberale Demokratie

Das war für Hannah Arendt immer zentral: Dass Menschen ihre Stimme erheben und teilnehmen. Und dieses Einmischen sei dann nicht nur für die jeweilige Gruppe wichtig, so Arendt. Es sei sogar notwendig, damit überhaupt gesellschaftliches Leben gelingen könne. Ziel einer Gesellschaft war für sie nämlich immer Pluralität in einer "gemeinsamen Welt". Diese Welt sah für sie aber nicht so aus, dass alle Unterschiede so lange verwischt werden, bis alle gleich denken und handeln. "Einstimmigkeit" sei nur Ausdruck davon, "dass man aufgehört habe zu denken", so Arendt.

Sie spricht sich vielmehr dafür aus, dass die einzelnen Gruppen mit all ihren Unterschieden erhalten bleiben und aufeinandertreffen. "Die Wirklichkeit eines öffentlichen Raumes erwächst aus der gleichzeitigen Anwesenheit zahlloser Aspekte und Perspektiven", sagt Arendt. Sie gebraucht dazu öfter das Bild eines Tisches, an dem viele verschiedene Menschen sitzen. Einendes und Trennendes, Austausch und Lernen fänden dort immer gleichzeitig statt.

Verschwinde auch nur eine Gruppe aus der öffentlichen Debatte, sei dies eine Verstümmelung der gemeinsamen Welt, so Arendt. Dann könne gar kein Pluralismus mehr entstehen. Deswegen, resümiert Eribon aus Arendts Gedanken, seien eben unter anderem auch queere Menschen dazu aufgerufen, sich einzumischen.

Man könnte also sagen: Dort, wo unter anderem queere Interessen nicht vorkommen, kann gar kein wirklicher öffentlicher Raum, keine liberale Demokratie und keine offene Gesellschaft entstehen. Es liegt damit letztlich auch im Interesse anderer Menschen, die eine lebendige Demokratie wollen, mit darauf zu achten, dass auch queere Stimmen gehört werden.

Sabine Hark bezieht Arendts Denken auf die heutige Zeit

Doch wie kann diese "gemeinsame Welt" praktisch aussehen? Gerade in einer Zeit, die von digitaler Vereinzelung, zunehmender Aggressivität und Informationsblasen gekennzeichnet ist. Die Berliner Geschlechterforscherin Sabine Hark hat dazu in ihrem Text "Mit Differenz leben" Arendts Denken auf die heutige Zeit bezogen.

Sabine Hark verweist darin auf Arendts Begriff der "Amor Mundi", der Liebe zur Welt. Dabei gehe es Arendt um das, was zwischen einzelnen Menschen stattfinde. Um die Bereitschaft, die Welt mit anderen Menschen zu teilen. Hark sieht in Arendts Gedanken die "Vision einer der Welt zärtlich, aber nicht romantisch-verklärt zugewandten Bürgerlichkeit".

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Die Menschen respektieren darin die sie umgebende Welt in all ihrer Vielgestaltigkeit und Widersprüchlichkeit, erkennen moralische Gleichheit aller an und erleben sich aufeinander bezogen. Dann könne es gelingen, so die Berliner Wissenschaftlerin, Differenzen in einer Gesellschaft auszuhalten und produktiv zu machen. Wenn dies nicht gegeben sei, so Hark, regiere die Gier, die Gewalt und der Hass.

Die "gemeinsame Welt" als Ausdruck des Queeren

Hannah Arendt erklärte einmal, dass in "finsteren Zeiten" das Bedürfnis zunehme, sich ins Private zurückzuziehen und sich mit Bekanntem und Gleichförmigem zu umgeben. So wie man es derzeit auch in vielen westlichen Gesellschaften erlebt. Bedroht sei eine offene Gesellschaft durch radikale Isolierung der Einzelnen und dadurch, dass sich niemand mehr mit anderen einigen und verständigen wolle. Dies wäre dann das Gegenteil von ihrer gesellschaftlichen Zielvorstellung, nämlich der Verteidigung der Unterschiede und der Vielfalt zwischen gesellschaftlichen Gruppen – in einer letztlich "gemeinsamen Welt".

So lässt sich Hannah Arendt tatsächlich queer lesen, da sich queere Akteur*innen an dieser Stelle ihrer Theorie mit angesprochen fühlen können. Eben Teil einer differenzierten Gesellschaft zu sein, die nur existieren kann, wenn alle zu Wort kommen. Und vielleicht kann man sogar so weit gehen zu sagen, dass ihre "gemeinsame Welt" und der Weg dorthin, als Ausdruck des Queeren an sich verstanden werden können: als etwas Diverses, manchmal Fluides und oft Grenzüberwindendes, wo andere anerkannt werden und immer wieder Neues entsteht.

-w-