https://queer.de/?56074
Streamingtipp
"Berufsrisiko als Schwuler": Begrapschen gehört dazu
In seiner Dokumentation #MeToo – Unter Schwulen?" geht der Journalist Steven Meyer einer sehr persönlichen Frage nach: Wieso sprechen wir in queeren, spezifisch cis-männlich schwulen Räumen so wenig über sexuelle Gewalt?

Der schwule Filmautor Steven Meyer hat in jungen Jahren mehr als einmal Verhalten hingenommen, mit dem er sich nicht wohlgefühlt hat (Bild: SWR)
- Von
5. Dezember 2025, 00:42h 3 Min.
Im schwulen Zelt des Oktoberfests tastet sich Steven Meyer durch eine Mischung aus Alkohol, Lärm und abgeklärtem Schulterzucken. Er spricht mit angetrunkenen Männern, steht in Toiletten, in denen Sex eher Regel als Ausnahme ist, und stößt immer wieder auf dasselbe Muster: Abnicken, Weglächeln, passives Akzeptieren. Begrapschen, Grenzüberschreitungen, Übergriffigkeit – das alles, so sagen ihm viele, sei "Berufsrisiko als Schwuler", etwas, das eben dazugehöre. Genau aus dieser Reibung heraus geht der Journalist in seiner Dokumentation "#MeToo – Unter Schwulen?" einer sehr persönlichen Frage nach: Wieso sprechen wir in queeren, spezifisch cis-männlich schwulen Räumen so wenig über sexuelle Gewalt?
Meyer hält dabei früh fest, dass er seine Community nicht diskreditieren will – aber das Schweigen sei keine Lösung. Er zeigt, wie sich eine Kommunikationskultur etabliert hat, in der Dickpics Gesprächsbeginn sind, in der das eigene Begehren Priorität hat und das Gegenüber oft ausgeblendet wird. Immer wieder verankert er das in seiner Biografie: das Coming-out im Saarland, die eigene Scham, die Schwierigkeit, im Intimen Grenzen zu ziehen. Und genau dahin führt die Doku: Wir müssen klare Kommunikation neu lernen, wir müssen Grenzen ziehen und auf ihnen bestehen. Gleichzeitig braucht es Räume und ein Sprachrohr für jene, deren Grenzen längst überschritten wurden – brutal, wie im Fall von Steven aus Saarbrücken, der über seine Vergewaltigung spricht und sich eine breite Debatte wünscht über sexualisierte Gewalt, die "an einem random Dienstag" und somit tagtäglich passiert.
Die Übergriffigkeit fällt nicht vom Himmel
Ein Konsens-Workshop des Berliner Vereins Village macht diesen Bedarf konkret: In Partnerübungen spüren die Teilnehmenden, ab wann die Nähe eines anderen Mannes zu viel ist. Der Leitende Karl Henrik formuliert dort einen wichtigen Satz: "Ich habe das Recht auf mein Verlangen. Ich habe ein Recht auf meine Unsicherheiten. Ich habe ein Recht auf meine Grenzen." Doch gerade die Männer, die sich über Konsens austauschen, sind selten diejenigen, die sich einfach nehmen, was sie wollen. Die Frage bleibt also bestehen: Warum glauben manche schwulen Männer, ihnen stehe alles zu?

Die Doku kann seit 4. Dezember 2025 in der ARD-Mediathek gestreamt werden (Bild: Wintergarten Films)
Hier hätte ich mir von der Dokumentation mehr Tiefe gewünscht. Denn diese Übergriffigkeit fällt nicht vom Himmel – sie hat Wurzeln im Patriarchat, auch dort, wo schwule Männer selbst nur am Rand stehen, aber dennoch dessen Muster übernehmen. Hypermaskulinität, das permanente Denken mit dem Körper statt mit dem Gefühl, starre Rollenbilder wie Twink, Otter, Daddy oder die Top-Bottom-Choreografie formen Erwartungen: Wer gibt den Ton an, wer hat zu gefallen, wer hält still. Diese Kategorien tun so, als wären sie harmlos, aber sie schreiben heimlich Hierarchien fest.
Sex wird zur Bestätigung des eigenen Werts
Die zentrale Frage der Doku bleibt damit offen: Brauchen wir eine #MeToo-Bewegung in schwulen Räumen – und was könnte sie leisten? Viele schwule Männer übernehmen patriarchale Muster, obwohl sie in der gesellschaftlichen Hierarchie selbst oft marginalisiert bleiben. Genau daraus entsteht manchmal eine Überkompensation: Der Körper wird zum Mittel, um Stärke zu beweisen, Sex wird zur Bestätigung des eigenen Werts, und Rollen wie Top, Bottom oder Daddy funktionieren plötzlich wie eine Art soziale Währung.
Eine schwule #MeToo-Bewegung könnte genau dort ansetzen: unsere Skripte von Lust, Macht und Verletzbarkeit neu sortieren, maskulines Begehren jenseits des Patriarchats denken, Sex von Status lösen – und klar machen, dass männliches Begehren nicht von Natur aus überschreitend ist, sondern einfach schlecht erzogen.
Links zum Thema:
» Die Doku "#MeToo – Unter Schwulen?" in der ARD-Mediathek
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
21:45h, Arte:
Freddie Mercury: Der letzte Akt
Die Doku erzählt die Geschichte des "Freddie Mercury Tribute Concert for Aids Awareness", einer Hommage der verbleibenden Mitglieder der Rockband Queen an Freddie Mercury.
Doku, GB 2022- 6 weitere TV-Tipps »















