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Biografie

Die queere Nazi-Künstlerin

Avantgarde und völkischer Rassismus schließen sich nicht aus: Das zeigt Nina Schedlmayer in ihrer faszinierenden Biografie der Malerin Stephanie Hollenstein. "Hitlers queere Künstlerin" taucht nicht nur tief in die Hintergründe ein, sondern verweist auch in unsere Gegenwart.


Die österreichische Malerin Stephanie Hollenstein stug im Nationalsozialismus zu einer hohen Funktionärin des öffentlichen Kunstbetriebs auf (Bild: Historisches Archiv der Marktgemeinde Lustenau)

Wie ein Soldat sieht der Mensch auf dem Cover nicht wirklich aus. Ja, die Person trägt dunkelgrün-grau, so etwas wie eine Schulterklappe ist angedeutet. Aber eine Waffe fehlt, genau wie eine Kopfbedeckung. Und der Blick ist nicht streng, entschlossen, militärisch, sondern schweift in die Ferne. Die Augen tragen eine Melancholie in sich, eine gewisse Sehnsucht ist spürbar.

Und doch, das Gemälde trägt den Titel "Bildnis eines Soldaten". Es wird angenommen, dass es sich um ein Selbstbildnis handelt. Allerdings nicht von einem Künstler, sondern von der Künstlerin Stephanie Hollenstein.

Drei Monate als Soldat an der Front

Ob es sich tatsächlich um ein Selbstporträt handelt, ist durchaus strittig – und zweitrangig. Interessant ist vor allem, dass das überhaupt für möglich gehalten wird: Eine Frau malt sich selbst als Soldaten.

Doch Stephanie Hollenstein, 1886 in Lustenau ganz im Westen Österreichs an der Schweizer Grenze geboren, war tatsächlich als Soldat im Ersten Weltkrieg. Eigentlich wollte sie als Rotkreuz-Schwester an die Front, doch man hielt sie für zu schwach. Stattdessen zog sie als Stephan für drei Monate an die Front in den Dolomiten. Fotos zeigen sie auf einem Pferd und mit Skizzenbüchlein in der Brusttasche – kurze gescheitelte Haare, eher unsicherer Stand, aber in ihrer Rolle durchaus überzeugend.

Die Künstlerin passt nicht in Schubladen


"Hitlers queere Künstlerin" ist im September 2025 im Zsolnay Verlag erschienen

Es ist nicht nur dieser kurze Ausflug ins Soldatenleben, der die Künstlerin interessant macht. Die österreichische Kunsthistorikerin und Kulturjournalistin Nina Schedlmayer widmet ihr eine Biografie, die zeigt: Ein progressiver, queerer Lebensstil und völkischer Rassismus schließen sich nicht aus. Expressionismus und Antisemitismus ebenso wenig. Es gilt, Ambivalenzen auszuhalten, in der historischen Rückschau wie im Heute. Denn Stephanie Hollenstein entzieht sich gängigen Schubladen.

Ihr Buch trägt den durchaus plakativen Titel "Hitlers queere Künstlerin. Stephanie Hollenstein – Malerin und Soldat" (Amazon-Affiliate-Link ). Hitler und queer, damit zieht man auf jeden Fall die Aufmerksamkeit auf sich. Doch Nina Schedlmayer beweist, dass der Titel mehr als nur Eyecatcher ist.

Völkisch und emanzipiert zugleich

Sie erzählt das Leben dieser Künstlerin, die auf dem Land in Vorarlberg geboren wurde und in München studierte. Dort fühlte sie sich in der Schwabinger Boheme wohl, hatte erste Erfolge als Künstlerin – und lebte ihre Homosexualität aus. Schedlmayer widmet den "komplizierten Liebschaften" aus dieser Zeit ein ganzes Kapitel, zitiert Briefe, die zeigen, dass ihr lesbisches Liebesleben "geprägt ist von wechselseitigen Abhängigkeiten, emotionalen Erpressungen, leeren Versprechen, vielleicht Manipulationen".

Nach dem Ersten Weltkrieg zieht sie mit ihrer Partnerin nach Wien, stellt Werke aus und ist an der Gründung der feministischen Künstlerinnengruppe "Wiener Frauenkunst" beteiligt. Bereits 1934, gibt sie selbst später an, tritt sie der damals verbotenen NSDAP bei, schreibt antisemitische Schriften und verehrt Adolf Hitler. "Der Grundkonflikt zwischen völkisch-nationalem Denken und emanzipierter Moderne wohnt in ihr", fasst Schedlmayer es pointiert zusammen.

Noch 1986 erscheinen Medaillen mit Hollensteins Porträt

1944 stirbt die Künstlerin, noch keine 60 Jahre alt, an einem Herzinfarkt. Nach dem Krieg wird sie sogar als Widerstandskämpferin geehrt, noch 1986 erscheinen Medaillen mit Hollensteins Porträt. Erst spät wendet sich dieses Bild. Zur Rezeption der Malerin hätte man gern noch mehr erfahren, das letzte Kapitel wirkt auffallend kurz.

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Dennoch liest sich ihre gesamte Darstellung ungemein spannend und frisch, was auch an den geschickt, aber nicht übertrieben eingebauten Cliffhangern liegt. Ihr Stil ist locker, wo er es sein kann, aber genauso präzise und an Fakten orientiert. Wo etwas unklar ist, wo Meinungen auseinandergehen, stellt die Kulturjournalistin es genauso dar. Genauso lässt sie die Leser*innen am Rechercheweg teilhaben, schildert immer wieder Besuche in Archiven oder Museen in Reportageform.

Sie hätte Opfer sein können

"Hitlers queere Künstlerin. Stephanie Hollenstein – Malerin und Soldat" geht dabei weit über eine gängige Künstlerinnenbiografie hinaus: Das Werk taucht tief in die Hintergründe ein, erläutert etwa die nationalsozialistische Kulturpolitik oder das Verhältnis anderer Künstler*innen zum NS-Staat genau. Außerdem versucht die Autorin, sich dem vermeintlichen Gegensatz einer lesbischen NS-Anhängerin zu nähern und bezieht sich dafür auf den Begriff der kognitiven Dissonanz.

Und natürlich erwähnt sie Alice Weidel, die lesbische, aber nicht queere AfD-Co-Vorsitzende. Parallel zu heutigen Verhältnissen drängen sich auf, wo völkisch-rechtsextreme Ansichten offener zutage treten. Menschen vereinen Widersprüche in sich, schon immer wie in Zukunft. Oder, wie Nina Schedlmayer es in ihrer abschließenden Beurteilung formuliert: Stephanie Hollenstein hätte Opfer sein können, stand aber auf der Seite der Täter.

Infos zum Buch

Nina Schedlmayer: Hitlers queere Künstlerin. Stephanie Hollenstein – Malerin und Soldat. 320 Seiten. Zsolnay Verlag. München 2025. Hardcover: 28 € (ISBN 978-3-552-07512-2). E-Book: 20,99 €

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