https://queer.de/?56091
Buchtipp
Erotische Übertragung als queeres Potential
In Adelaide Faiths Debütroman "Happiness Forever" verliebt sich die Protagonistin Sylvie in ihre Therapeutin. Zuvor hatte sie nur Beziehungen mit Männern.

Symbolbild: Psychotherapeutin und ihre Patientin (Bild: IMAGO / Panthermedia)
- Von Luise Erbentraut
6. Dezember 2025, 16:35h 4 Min.
Auf den ersten Blick scheint es so simpel wie spannungsgeladen: Sylvie ist in ihre Therapeutin verliebt. Die Geschichte von "Happiness Forever" (Amazon-Affiliate-Link ) interessiert sich allerdings ohne großes Trara und Tamtam für die vielschichtige, bisweilen banal anmutende und manchmal auch abschweifende Gedankenwelt, die das vulnerable Setting des Therapieverlaufs begleitet.
Auf den 256 Seiten bewegt sich Autorin Adelaide Faith damit auf einem Terrain, das an den Humor und die Poetik von Miranda July erinnert. Ihr Blick für das Abseitige, die Zuwendung zum scheinbar Unbedeutenden und die Fähigkeit, Alltägliches in poetisch-absurde Funken zu verwandeln, sind eng beieinander. Doch während Julys Humor auf performative Absurdität setzt, bleibt Faith unscheinbarer: Ihr Witz schimmert in winzigen Details durch, die sich wie Stolpersteine innerhalb der Geschichte verteilen. Der zarte wie eigensinnige Debütroman der britischen Autorin ist in der deutschen Übersetzung von Henriette Zeltner-Shane bei Blumenbar im Aufbau Verlag erschienen.
Therapie-Geschehen als Romanstoff

"Happiness Forever" ist im Blumenbar Verlag erschienen
Dass sich Patient*innen im Verlauf einer Behandlung in ihre Therapeut*innen verlieben können, gehört zu den klassischen Phänomenen der Psychoanalyse, die bereits von Freud selbst thematisiert wurden. Bei der "erotischen Übertragung" werden Gefühle aus früheren Beziehungen auf dem fruchtbaren Boden des Therapie-Geschehens auf den*die Therapeut*in projiziert.
Indem Sylvie eine Obsession für ihre Therapeutin entwickelt, macht Faith das Phänomen zum zentralen Handlungsstrang ihres Romans: Sylvie gesteht nämlich ihrer Therapeutin ihre Gefühle. Was wie ein Ausgangspunkt für ein Drama oder sogar einen Thriller klingt, entwickelt sich zu einem Schauplatz von Sylvies gedanklichem Innenleben, das zwischen der Arbeit als Tierpflegerin, Freund*innenschaft und Hundebetreuung immer wieder um die Therapeutin kreist.
Statt die obsessive Dynamik zuzuspitzen, lässt die Geschichte Sylvies Empfinden nahezu trivial erscheinen. So entsteht ein paradoxes Leseerlebnis: Einerseits wirkt das Buch überladen mit Nebensächlichkeiten. Andererseits sind es genau diese Nebensächlichkeiten, die seine besondere Qualität ausmachen. Faith verleiht dem Alltäglichen Gewicht und lässt es in seinem Eigensinn aufblühen.
Ist das schon queer oder nur Projektion?
Neben den Gefühlen zur Therapeutin selbst erfahren wir in den Therapiesitzungen etwas über Sylvies Vergangenheit: Beziehungen zu Männern, die von Alkohol, Drogen und emotionaler Abhängigkeit geprägt waren. Dabei dürfen die Leser*innen daran teilhaben, welche Rolle die emotionale Fixierung auch innerhalb der Selbstreflexion einnimmt.
Thematisiert wird damit nämlich auch die Sexualität der Protagonistin. Gerade weil neben der erotischen Übertragung keine Liebeserfahrungen abseits von Heterokonstellationen angesprochen werden und Sylvie feststellt, dass sie sich wohl zu Männern und Frauen hingezogen fühlen würde, solange sie der Therapeutin ähnlich seien, akzentuiert sich ein deutlicher Bruch im Begehren der Protagonistin, mit dem die erotische Übertragung einhergeht. Dadurch läuft der Roman jedoch auch Gefahr, ein Stereotyp von Bisexualität zu bedienen, das die Begehrensform als Verwirrung missversteht. Zweifelsohne stellt sich hier jedoch eine interessante Frage: Ist das queere Projektion oder kann auch Projektion als solche queer sein?
"Happiness Forever" ist, wo Sehnsucht, Glück und Melancholie zusammenfallen
Selbst als Sylvie Chloe kennenlernt, wird deren Freundinnenschaft von Sylvies Fokussierung auf ihre Therapeutin getragen, obwohl die beiden Frauen viele Gemeinsamkeiten verbinden. Eine davon ist die Leidenschaft für Pierrot, die melancholische Clownsfigur. Pierrot bleibt aber nicht nur eine nostalgische Referenz, sondern ist auch ein Spiegel für Sylvies eigene Existenzweise: verletzlich, unbeholfen, sehnsüchtig, und gerade dadurch komisch.
Instagram | Adelaide Faith über ihren Roman
|
Und auch Faiths Erzählweise erinnert an die Commedia dell'arte, aus der die Figur des Pierrot stammt. Sie zielt weniger darauf ab, Probleme so tief wie tiefenpsychologisch auszuleuchten oder moralische Wertung vorzunehmen, sondern setzt auf szenische Wirkung: die Staffelung von kleinen Episoden und Momenten, ohne sich zum großen Drama zu verdichten. In dieser Mischung aus Melancholie und überraschender Komik verschmelzen Figur und Erzählhaltung – Sylvie wird selbst zur modernen Pierrot- beziehungsweise Pierrette-Gestalt.
In dieser Kombination aus feinsinniger Beobachtung, subtilem Humor und innerer Verletzlichkeit verbindet "Happiness Forever" nicht nur den Stil von Miranda July mit der Commedia dell'arte, sondern auch, wie Literatur ein tabuisiertes Thema entstigmatisieren kann. Adelaide Faith erlaubt einen einfühlsamen Blick in die unzähligen Gedanken einer Gefühlswelt, die nicht in einzelnen Worten herunterzubrechen sind. Die Leser*innen erleben die Obsession als Teil eines fließenden psychischen Prozesses, statt als Sensation. Damit zeigt der Roman auch, dass sie Teil von komplexen und oft auch komischen Beziehungskonstellationen sein können.
Letztendlich ist "Happiness Forever" ein Debüt, das weniger durch Plot oder dramatische Wendungen überzeugt als durch seine ganz eigene Perspektive auf die Welt. Faith zoomt auf die scheinbar kleinen Details des Alltags, lässt sie aufblitzen, bis sie zugleich komisch, melancholisch und berührend wirken – auch, weil Leser*innen sich vielleicht selbst in diesen unbeholfenen Momenten wiedererkennen.
Adelaide Faith: Happiness Forever. Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Henriette Zeltner-Shane. 256 Seiten. Blumenbar Verlag. Berlin 2025. Hardcover: 22 € (ISBN 978-3-351-05136-5). E-Book: 16,99 €
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch, Leseprobe und Bestellmöglichkeit bei amazon.de
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.














