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Buchtipp
Mehr Anerkennung für Schwarze Queers
Die Annahme, Queerness sei nicht afrikanisch, ist weit verbreitet. Doch ein lesenswertes Buch zeigt, dass es Afrika eine lange Tradition von Geschlechterkonzepten jenseits der Heteronormativität und Zweigeschlechtlichkeit gibt.

Symbolbild: Demo für LGBTI-Rechte in Kenias Hauptstadt Nairobi (Bild: IMAGO / ZUMA Press Wire)
- Von Christian Höller
7. Dezember 2025, 04:40h 5 Min.
In Europa wissen wir wenig über das Leben von queeren Menschen in Afrika. Meist dominieren negative Nachrichten. So wurde erst im September in Burkina Faso ein Gesetz zum Verbot von Homosexualität verabschiedet. Homosexuellen Menschen droht in dem westafrikanischen Land eine Haftstrafe zwischen zwei und fünf Jahren. Hinzu kommt eine hohe Geldstrafe (queer.de berichtete). Damit ist gleichgeschlechtliche Liebe in mehr als 30 afrikanischen Ländern verboten. Besonders drastisch ist die Lage in Uganda. Dort gilt seit 2023 die Todesstrafe bei "schwerer Homosexualität" (queer.de berichtete). Schlimm ist in vielen afrikanischen Ländern auch die Lage für trans und nichtbinäre Menschen.
Angesichts der negativen Nachrichten über queeres Leben in Afrika lohnt es sich, sich mehr mit dem Thema zu beschäftigen und die eigenen Vorstellungen darüber zu hinterfragen. Im Berliner Querverlag ist in diesem Jahr in der Reihe "in*sight/out*write" ein kleines und lesenswertes Buch mit dem Titel "Afrotopia" (Amazon-Affiliate-Link ) geschrieben. Das Buch ist besonders preiswert. Dafür erhalten die Leser*innen wertvolle Informationen über Queerness und Afrika. Geschrieben hat das Buch Jenaba Samura (sie/ihr). Sie ist freie Autorin, Podcasterin und Moderatorin. Sie studierte Gender- sowie Postcolonial Studies in Göttingen und London. Derzeit forscht sie im Projekt "Schwarze Narrative transkultureller Aneignung" zu Imaginationen eines Schwarzen Europas.
Lesbisch und Schwarz: Kein Widerspruch

Jenaba Samuras Buch "Afrotopia" ist in der Reihe "in*sight/out*write" des Berliner Querverlags erschienen
Laut Jenaba Samura sei die Annahme, Queerness sei nicht afrikanisch, sowohl in der deutschsprachigen Dominanzgesellschaft als auch in Schwarzen und afrikanischen Communitys weit verbreitet. Afrikanische Politiker*innen behaupten oft, queere Identitäten seien ein "Import aus dem Westen". Die Autorin tat sich früher schwer, ihre Queerness anzunehmen. "In mir selbst eine queere Person zu sehen, war ein langer Prozess", schreibt sie im Vorwort. Für sich selbst zu checken "Ich bin queer" sei eine Sache, "diese Queerness auch auszuleben, eine völlig andere". Die Autorin habe für sich früher lesbisch und Schwarz als scheinbar widersprüchliche Kategorien gesehen. "Zum einen dachte ich, ich sei zu feminin, um eine Lesbe zu sein, aber vor allem bin ich Schwarz." Keine einzige Schwarze Person, die sie gekannt habe, sei queer und keine queere Person, die sie gekannt habe, sei nicht-weiß. "Also konnte ich auch keine Lesbe sein", dachte sie früher.
Dass Jenaba Samura für sich einst lesbisch und feminin sowie Schwarz ausgeschlossen hat, habe mit fehlender Repräsentation Schwarzer Queers zu tun. Doch das Buch macht deutlich, dass Schwarze Queers schon immer existiert haben. Allerdings sind Schwarze Queers die am meisten von Marginalisierung betroffene Personengruppe. "Vor allem Schwarze trans Frauen und Femmes. Jeden Tag wird eine unserer Schwestern ermordet. Sei es durch Partner*innen, Familienmitglieder, Nachbar*innen oder die Polizei", schreibt die Autorin.
Ihr Buch zeigt, dass die Annahme "Queerness is for white people" falsch ist. Jenaba Samura beschreibt anhand von vielen Beispielen, dass in afrikanischen Gesellschaften in der Vergangenheit die Vorstellungen von Geschlecht viel diverser waren. So gab es in Afrika viel mehr als nur cis Frauen und cis Männer.
Eine Sprache ohne Maskulinum und Femininum
Neben Konzepten wie nichtbinär und agender existierte in Afrika eine lange Tradition von Geschlechterkonzepten jenseits der Heteronormativität und Zweigeschlechtlichkeit. Ein Beispiel dafür ist der Slogan "Yorubas don't do gender", den die nigerianische Wissenschaftlerin Oyeronke Oyewumi prägte. So gibt es "auf Yoruba, eine Sprache, die vorwiegend in Nigeria gesprochen wird, kein Maskulinum oder Femininum", schreibt Jenaba Samura. Hier werde eine Person einfach nur als "die Person" bezeichnet, nicht aber mit den vergleichbaren gegenderten Pronomen "er" oder "sie" angesprochen. Auch in der ghanaischen Sprache Twi sei es nicht möglich zu gendern. Zudem existieren hier eigene Begriffe für queere Geschlechtsidentitäten. "Kojo Besia" beschreibe beispielsweise einen "femininen Mann".
In vielen präkolonialen Gesellschaften in Afrika haben queere Menschen "prestigeträchtige Rollen in der Gesellschaft" eingenommen wie etwa als Heiler*innen oder als Verkörperung von Gottheiten. "Viele von ihnen können in Darstellungen als inter gelesen werden, so zum Beispiel die Gottheit(en) Nommo, bestehend aus Zwillingspaaren, in Mali", schreibt die Autorin. Darüber hinaus sei für die Dogon, die Nommo anbeten, der "perfekte" Mensch androgyn. Im antiken Ägypten seien die Gottheiten Mut und Sekmet mit "weiblichen" und "männlichen" Attributen gleichermaßen ausgestattet gewesen.
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Als weiteres prominentes Beispiel für die Debatten um Geschlecht und Sexualität im präkolonialen Afrika nennt die Autorin die "female husbands". Dabei habe es sich meist um alleinstehende Frauen gehandelt, die nach dem Tod des Vaters zu Erbinnen ernannt worden seien. "War eine Frau wohlhabend genug, um den Brautpreis zu zahlen, konnte sie eine andere Frau heiraten", schreibt Jenaba Samura. In dem Buch finden sich noch viele Beispiele, die zeigen, dass es in Afrika viel mehr als die Konzepte von Heteronormativität und Zweigeschlechtlichkeit gegeben hat.
Kolonialismus hat viel zerstört
Doch vieles davon wurde durch den Kolonialismus ausgelöscht, verdrängt oder kriminalisiert. Die Kolonialherren setzten Monogamie, Ehe und die Kleinfamilie (bestehend aus Vater, Mutter und Kinder) mit Gewalt durch. Hinzu kommt, dass in europäischen Köpfen über Schwarze Menschen und afrikanische Sexualität teilweise widersprüchliche Vorstellungen und Bilder kursieren. "Schwarze Menschen, egal, welchen Geschlechts, werden hypersexualisiert, was sie zur Projektionsfläche gängiger sexueller Phantasien wie dem big Black Cock oder der unterwürfigen Sexsklavin macht", schreibt die Autorin. "Hypersexualisierung hat immer eine entmenschlichende Komponente, die Schwarze Körper zu einem reinen Objekt erklärt." Das hat schlimme Auswirkungen auf Schwarze Menschen. "Fetischisierende Blicke in der Bahn, sexualisierte Übergriffe, die seitens der Behörden nicht ernst genommen werden, und eine der beliebtesten Pornokategorien in den Suchmaschinen sämtlicher Interneterotikkanäle sind nur einige ihrer Konsequenzen", schreibt die Autorin.
Der Titel ihres Buches lautet "Afrotopia". Darin entwirft Jenaba Samura auch eine Schwarze Zukunftsvision, das an die früher "gelebten und tradierten alternativen Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität" anknüpft. Damit könne eine neue, queere Gesellschaftsutopie entstehen. "Schwarze Queers haben schon immer existiert und sie werden immer existieren. In Afrika, in Europa, überall auf der Welt", schreibt die Autorin. Es sei "Zeit, dass wir ihnen die Anerkennung zollen, die sie verdienen". Es ist zu wünschen, dass viele Menschen dieses Buch lesen.
Jenaba Samura: Afrotopia. Schwarze Konstruktionen von Gender und Sexualität. Band 18 der Reihe in*sight/out*write. 64 Seiten. Querverlag. Berlin 2025. Taschenbuch: 8 € (ISBN 978-3-89656-357-6)
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