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Interview

"Die Gefühle von eigener Schuld und Scham sind oft übermächtig"

Die MUT-Traumahilfe in Berlin berät Männer*, die sexualisierte Gewalterfahrungen gemacht haben. Wir sprachen mit ihrem Berater Stefan Schröder über ein oft unterschätztes Problem.


Symbolbild: Männer* als Betroffene von sexualisierter Gewalt sind immer noch ein Tabuthema (Bild: timur-weber / pexels)
  • Von Marcel Malachowski
    7. Dezember 2025, 05:31h 5 Min.

Stefan Schröder ist Diplom-Sozialpädagoge, Traumapädagoge und Traumafachberater (DeGPT/FVTP). Er arbeitet als Berater für Betroffene bei der MUT-Traumahilfe für Männer* in Berlin-Friedrichshain.

Wir sprachen mit ihm über das Tabuthema sexualisierte Gewalt von Männern* und Frauen gegen Jungs und Männer*, über Gefühle und Gesellschaft, falsche Rollenbilder und Zuschreibungen – und warum unbürokratische Hilfe auf Augenhöhe das Wichtigste ist.

Wie würden Sie den Schwerpunkt Ihrer Arbeit beschreiben?

Wir beraten Männer*, die sexualisierte Gewalterfahrungen gemacht haben, sei es in der Kindheit oder der Jugend oder aktuell.

In der Öffentlichkeit, in den Medien, aber auch in der queeren Community ist das Thema sexualisierte Gewalt gegen Mädchen und Frauen seit den letzten Jahren sehr präsent. Wird das Thema sexualisierte Gewalt gegen Jungs und Männer* dagegen immer noch unterschätzt? Verschließt die Gesellschaft ihre Augen davor?

In den vergangenen Jahren hat sich einiges verändert. Eine Sensibilisierung zu den Themen sexualisierte Gewalt, Grenzverletzungen und Konsens ist durch die #MeToo-Bewegung ins Rollen gekommen. Es fehlt aber leider immer noch ein breiterer Blick auf alle Personen, auf alle Geschlechter.

Männer* als Betroffene von sexualisierter Gewalt sind immer noch ein Tabuthema, welches oft nicht in die Rollenbildern und die Zuschreibung von Männern passt. Ein noch größeres Tabu ist es, wenn die Gewalt durch Frauen ausgeübt wurde oder wird.

Aber schadet diese Ignoranz nicht den Betroffenen, wenn ihr Leiden nicht wahrgenommen wird?

Es ist schwer zu sagen, ob es eine Ignoranz ist. Vielleicht ist es eher die Angst davor, verletzlich und angreifbar zu sein oder zu wirken. Ein positiver Umgang mit Gefühlen hat gesamtgesellschaftlich noch nicht alle erreicht. Aber ja – wenn es Ignoranz ist, was sicher in Einzelfällen sein kann, schadet es den Betroffenen absolut.

Die Bedürfnisse, Erfahrungen und Traumatisierungen von Betroffenen werden in der sozialen Arbeit und der Traumabehandlung heute ja mehr mit einbezogen als früher. Aber Betroffene beklagen immer noch oft, dass sie von der "Sozialindustrie" bisweilen "von oben herab" behandelt werden. Dies wurde insbesondere nach den Skandalen in den Kirchen deutlich. Ist das nicht ein sehr großes Problem und retraumatisierend?

Das Thema Trauma und Traumfolgestörungen hat in den vergangenen Jahren mehr an Bedeutung gewonnen. Wenn von Trauma gesprochen wird, dann ist oft die Diagnose PTBS – Posttraumatische Belastungsstörung – gemeint. Dennoch führt nicht jedes belastende Ereignis zu einem Trauma. Betroffene Menschen benötigen schnelle und unkomplizierte Hilfen, einen schnellen Zugang zu Hilfesystemen.

Gerade in der ersten Zeit nach einem erschütternden Ereignis ist Hilfe und Unterstützung wichtig, damit sich die Ereignisse nicht im Köper festigen, sich nicht chronifizieren. Aber auch nach vielen Jahren ist es möglich, schwerwiegende Erfahrung zu verarbeiten, sie zu bewältigen. Dies benötigt Zeit, Sicherheit und Geduld.

Retraumatisierung kann viele Ursachen haben. Oft wird sie ausgelöst durch Trigger, die zu einer hohen Belastungsreaktion, wie zum Beispiel einem Flashback oder einem Wiedererleben der Ereignisse, führen kann.

Wenn Straftaten öffentlich werden und wenn der Umgang mit den Taten verheimlicht, vertuscht oder einfach nur schlecht bis gar nicht aufgearbeitet wird, dann entstehen oftmals Wut und Ärger, Ohnmacht und Schmerz. Diese Gefühle können natürlich gravierende Auswirkungen auf das Wohlbefinden haben.

Jeder Mensch hat verdient, auf Augenhöhe behandelt zu werden und das gilt gerade für Menschen mit traumatischen Erlebnissen, die oft Schwierigkeiten haben, sich Menschen anzuvertrauen.

Mit welchen Problemen von außen haben Ihre Klient*innen nach traumatisierenden Erlebnissen denn besonders zu kämpfen?

Wenn man Menschen, die Betroffene von Gewalt und insbesondere von sexualisierter Gewalt waren oder sind, nicht glaubt, wenn man Aussagen anzweifelt oder gar umkehrt, in Behauptungen wie "Du bist selber schuld", "Das hast du dir doch ausgedacht", "Das war ja nicht so schlimm", dann fühlen sich die Betroffen alleingelassen und erhalten keine Anerkennung für das Erlebte, keine Anerkennung ihres Leids. Die Gefühle von eigener Schuld und Scham sind oft übermächtig.

Ist es denn richtig, dass wirtschaftlich marginalisierte Jungs und Männer* dramatisch öfter von Gewalt, sexualisierter Gewalt und traumatisierenden Erlebnissen betroffen sind als privilegierte?

Es gibt Untersuchungen dazu, dass wirtschaftlich marginalisierte Jungen tatsächlich öfter von (sexualisierter) Gewalt betroffen sind. Ob das auch für Erwachsene zutrifft, ist uns nicht bekannt. Zumindest in unseren Beratungen spiegelt sich das nicht wieder.

In den letzten Monaten hat sich die politische und gesellschaftliche Stimmung noch weiter gewandelt: Anstatt gesellschaftliche Antagonismen wie den von Arm und Reich einfach zu bekämpfen, hat sich die Mehrheitsgesellschaft entschieden, diese noch weiter zu verschärfen. Traumatisierte Menschen sind überdurchschnittlich von Armut und Ausgrenzung betroffen. Spüren Sie diese gesellschaftliche Gewalt auch in Ihrer Arbeit?

Es gibt viele traumatisierte Menschen, die nicht oder nicht dauerhaft in der Lage sind, einer geregelten Beschäftigung nachzugehen, was natürlich dazu führen kann, dass sie nicht nur gesellschaftliche Ausgrenzung erfahren, sondern auch teilweise drastische finanzielle Einbußen. Bei einigen dieser Personen kommt es zu einem inneren wie äußeren Rückzug.

Ist denn die Finanzierung Ihrer Arbeit etwa durch den Berliner Senat gesichert?

Wir werden immer für ein Jahr finanziert und hoffen, dass das in Zukunft auch so weitergeht. Noch schöner wäre natürlich eine gesicherte Festfinanzierung. Der Bedarf an Beratungen ist sehr hoch, und wir könnten sofort noch eine*n Mitarbeitenden einstellen. Dafür stehen allerdings keine Gelder zur Verfügung.

-w-