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Kommentar
Unterlassene Hilfeleistung
Die Bundesregierung kann nun Algerien, Marokko und Tunesien ohne Zustimmung des Bundesrats als "sichere Herkunftsstaaten" einstufen. Für queere Asylsuchende ist dieser Beschluss des Bundestags besonders zynisch.

Protestschild bei einer Demo: "Politik mit Gewissen & Verstand statt sicheres Herkunftsland!" (Bild: Frauen*-Internationalismus-Archiv Dortmund / wikipedia)
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9. Dezember 2025, 09:55h 5 Min.
Der Bundestag hat ein neues Talent entdeckt: Nichtstun in Gesetzesform. 457 Abgeordnete stimmten dafür, 130 dagegen – ein demokratisches Mehrheitsverhältnis für das organisierte Wegsehen. Die Linke und die Grünen stimmten dagegen. Humanität, einst Verfassungsversprechen, ist nun Ermessensfrage. Willkommen in der neuen Disziplin parlamentarischer Kälte. Was früher Rechtsstaat hieß, heißt jetzt Beschleunigung.
Künftig kann die Bundesregierung "sichere Herkunftsstaaten" per Rechtsverordnung festlegen – ohne Zustimmung des Bundesrats. Was früher demokratisch umkämpft und kontrolliert war, wird nun exekutiver Schnellzugriff. Das Signal ist eindeutig: Schutz wird nicht mehr geprüft, sondern verwaltet. Asylanträge können als "offensichtlich unbegründet" abgefertigt werden – nicht, weil sie unbegründet sind, sondern weil der Staat keine Geduld mehr hat, sie ernsthaft zu prüfen.
Pro Asyl nennt das verfassungswidrig. Realistischer wäre: systemlogisch. Der Rechtsstaat stört, wenn er Zeit kostet. Also wird er wegrationalisiert. Der Gesetzgebungsprozess wird zum Schönwetterverfahren – gut für Sonntagsreden, hinderlich im politischen Alltag.
Eine Woche, ein Leben
Die Klagefrist gegen einen negativen Asylbescheid wird auf eine Woche verkürzt. Sieben Tage, um ein Leben zu retten. Sieben Tage zwischen Bleiberecht und Abschiebung, zwischen Schutz und Stacheldraht, zwischen Leben und Tod. Eine Woche, um das eigene Leben zu retten – in einer Sprache, die viele nicht sprechen, in einem System, das sie nicht verstehen. Das ist keine Verfahrensbeschleunigung. Das ist ein Zeitlimit auf Menschenwürde.
Besonders perfide ist die Streichung des Pflichtanwalts für Menschen in Abschiebehaft oder im Ausreisegewahrsam. Was die Ampel einst als Mindeststandard rechtsstaatlicher Fairness eingeführt hatte, wurde jetzt kassiert. Wer eingesperrt wird, soll künftig allein gegen den Staat kämpfen. Ohne Beistand. Ohne Chancengleichheit. Ohne faire Verfahren. Rechtsschutz ist ein Luxusproblem. Der Staat spart: an Anwälten, an Verfahren – und an Menschen.
Wer als "sicher" gilt, ist zuerst verdächtig
Das Prinzip ist elegant in seiner Brutalität: Wer aus einem "sicheren Herkunftsstaat" kommt, lügt zunächst. Das Verfahren beginnt mit Misstrauen, das Ergebnis steht faktisch fest. Der Betroffene muss beweisen, dass er verfolgt wird. Traumatisierung als Beweislast. Folter als Glaubwürdigkeitsprüfung.
Dass Algerien, Marokko und Tunesien als "sichere Herkunftsstaaten" eingestuft werden sollen, ist für queere Asylsuchende besonders zynisch. Der LSVD+ erinnert daran, dass dort queeren Menschen Haftstrafen, Folter durch Zwangsanaluntersuchungen und massive Gewalt drohen – durch Staat und Gesellschaft. Doch genau diese Realität wird aus dem Verfahren herausgekürzt.
Nicht der Staat rechtfertigt seine Entscheidung – der Mensch rechtfertigt sein Recht, zu leben.
Abgeschobene sind Freiwild – Tourist*innen werden geschont
Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem, was Tourist*innen erleben und dem, was Einheimische oder abgeschobene Asylsuchende erleben. Ihr Risiko, Willkür und Gewalt ausgeliefert zu sein, ist deutlich höher. Es gibt kaum Schutz. Genau deshalb sehen viele Gerichte und NGOs die Einstufung dieser Länder als "sicher" für queere Schutzbedürftige als höchst problematisch.
In Algerien, Marokko und Tunesien ist queeres Leben teilweise kriminalisiert: Festnahmen, Verhöre und Haft sind keine Ausnahmen, sondern dokumentierte Praxis. Hinzu kommen Polizeiwillkür, erzwungenes Outing, Durchsuchung privater Kommunikation und gezielte Einschüchterung. Was Tourist*innen als Zurückhaltung der Behörden wahrnehmen, ist für Einheimische ein Alltag voller Angst.
Soziale Ächtung, familiäre Gewalt, Zwangsverheiratung
Nach der Abschiebung drohen soziale Ächtung, familiäre Gewalt, Zwangsverheiratung und existenzielle Armut – ohne wirksamen staatlichen Schutz. Selbst in Indien, wo Homosexualität formal entkriminalisiert ist, bleiben gesellschaftliche Gewalt, Diskriminierung und fehlende Schutzräume Realität, besonders für trans Menschen.
Die Behauptung "sicherer Herkunftsstaat" verschleiert diese Realität. Für queere Schutzsuchende bedeutet Abschiebung nicht Heimkehr, sondern Preisgabe an ein System aus Strafandrohung, Gewalt und Schutzlosigkeit.
Queere Menschen als Kollateralschaden
Queere Schutzsuchende können ihre Verfolgung oft nicht sofort benennen – aus Angst, Scham, Lebensgefahr. Die verkürzten Fristen treffen sie besonders hart. Sie werden abgeschoben, bevor sie überhaupt verstanden wurden. Das ist kein Versehen. Das ist strukturelle Unterlassung.
Der LSVD+ nennt es ein fatales Zeichen. In Wahrheit ist es eine staatlich organisierte Realitätsverweigerung. Für queere Menschen ist die neue Ein-Wochen-Frist kein Verfahren, sondern eine Frist zur Unsichtbarkeit.
Verwaltung statt Gewissen
Der Staat hilft nicht mehr. Er sortiert aus. Er klassifiziert, kategorisiert, beschleunigt. Menschenschicksale werden zur Aktenlage. Unterlassene Hilfeleistung ist kein Unfall mehr. Sie wird nicht mehr verdrängt, sondern designt. Politisch gewollt. Juristisch codiert. Parlamentarisch legitimiert. Sie ist parlamentarisch beschlossen, exekutiv abgesichert, rechtstechnisch veredelt.
Der Bundestag hat beschlossen, sich schneller abzuwenden. Und das ist die kälteste Form von Politik: Nicht das aktive Unrecht, sondern das sauber verwaltete Wegsehen. Die politische Botschaft ist klar: Weniger Recht, weniger Zeit, weniger Mensch.
Wer heute Schutz sucht, trifft nicht mehr auf einen Rechtsstaat, sondern auf eine Behörde mit moralischer Null-Toleranz.
Die Banalität der Kälte
In Berlin entschied das Verwaltungsgericht in jüngster Vergangenheit endlich konsequent: Schutzbedürftige aus Afghanistan und Pakistan werden anerkannt und vor der Rückkehr in Gefahr bewahrt. Diese Urteile sind ein Hoffnungsschimmer – aber sie dürfen nicht die Ausnahme bleiben.
Hannah Arendt sprach von der "Banalität des Bösen". Der Bundestag übt inzwischen an der "Effizienz der Kälte". Kein Skandal, kein Eklat, keine Bilder. Nur Formulare, Fristen, Verordnungen. Nur Verfahren, die niemanden retten, aber viele verschwinden lassen.
Unterlassene Hilfeleistung ist in Deutschland kein Versagen mehr. Sie ist die Meisterklasse der aktuellen Regierung.
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