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Tatort Fußball: Die ewige Angst vorm Coming-out und ihre Folgen
Im neuen ZDF-Krimi "Abseits" aus der Reihe "Jenseits der Spree" geht auch ums Coming-out im Profifußball. Trotz vorhersehbarer Stränge überzeugt der Film mit klarer Haltung, queerer Repräsentation und wichtigen Denkanstößen.

Träumerische Zweisamkeit zwischen Kiyan Schultz (László Branko Breiding, l.) und Erpressungsopfer László Varga (Christoph Moreno, r.). Haben die beiden eine Chance? (Bild: ZDF / Christiane Pausch)
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13. Dezember 2025, 05:11h 5 Min.
Eigentlich sollte für Profifußballer László Varga (Christoph Moreno) die glücklichste Zeit seines Lebens anbrechen, denn er hat den Sprung in die ungarische Nationalmannschaft geschafft und vor zwei Monaten seine große Liebe gefunden: Kiyan Schultz (László Branko Breiding). Doch die Beziehung, die ihm eigentlich Halt geben sollte, wird zum Verhängnis. Der schwule László ist ungeoutet und wird mit heimlich aufgenommenen Fotos des jungen Paares erpresst. Die Angst, dass die Bilder öffentlich werden, zwingt ihn zu drastischen Maßnahmen: einer Scheinehe und der Unterstützung einer Reputationsmanagerin, die mit László die nächsten Schritte für ein mögliches Coming-out plant.
Als diese Managerin plötzlich tödlich verunglückt, stellt sich die Frage: Unfall oder Mord? Für die Kommissar*innen Robert Heffler (Jürgen Vogel) und Mavi Neumann (Aybi Era) beginnt eine Spurensuche, die immer neue Verdächtige ins Spiel bringt – vom erpressenden Physiotherapeuten über die Scheinehe-Partnerin bis hin zum queerfeindlichen Vater. Kaum glaubt man als Zuschauer*in, den Täter oder die Täterin erkannt zu haben, rückt schon die nächste Person ins Zentrum des Verdachts.
Teilweise vorhersehbar – und dennoch treffend platziert
Der neue ZDF-Krimi "Abseits" aus der Reihe "Jenseits der Spree", der seit der vergangenen Woche in der ZDF-Mediathek gestreamt werden kann, versteht es, die Spannung durchgehend hochzuhalten – auch wenn manche Themenstränge erwartbar sind. Dazu zählen die Scheinehe als klassisches Versteckspiel, stereotype Bemerkungen wie die des Physiotherapeuten, László sei "zu soft für eine körperbetonte Männersportart" wie Fußball, sowie die verbreitete Annahme, ein Coming-out bedeute zwangsläufig das Ende einer Profikarriere. Solche Erzählmuster gehören seit Jahren zum festen Repertoire, wenn Homosexualität im Fußball thematisiert wird. Sie wirken vorhersehbar, weil sie bekannte Konfliktlinien aufgreifen, die auch außerhalb der Leinwand immer wieder diskutiert werden.

László Varga (Christoph Moreno) plant sein Coming-out. Seine PR-Agentin Megan Rhinehart (Lori Baldwin) macht ihm Mut (Bild: ZDF / Christiane Pausch)
Gerade deshalb bleibt ihre Darstellung aber relevant. Sie verdeutlicht, wie tief Vorurteile und Klischees im Fußball verankert sind und wie stark sie die Realität von Spielern prägen. Der Film nutzt diese bekannten Stränge nicht bloß als dramaturgische Routine, sondern verwebt sie geschickt mit der Krimihandlung. Dadurch wird klar: Fragen nach Sichtbarkeit, Karriereängsten und gesellschaftlicher Akzeptanz sind weiterhin ungelöst – was auch die gescheiterten Versuche eines kollektiven Coming-outs in der Bundesliga eindrücklich zeigen (queer.de berichtete).
Mangel an neuen Perspektiven und Hoffnung auf Veränderung
Dennoch würden dem Krimi an der ein oder anderen Stelle neue Perspektiven guttun. Statt Homosexualität ausschließlich als Bürde darzustellen, hätte es spannend sein können, positive Gegenbilder zu zeigen: Wie könnten Vereine aktiv gegen Queerfeindlichkeit vorgehen, ihre Spieler ermutigen und sichtbar unterstützen? Lászlós Geschichte reiht sich in eine lange Tradition filmischer Erzählungen ein, in denen Homosexualität vor allem als Last erscheint – als etwas, das man geheim halten muss, vor dem man flieht und das zu Scheinehen oder gar zum Rückzug aus der Karriere zwingt. Ein stärkerer Fokus auf Zuversicht und positive Repräsentation hätte dem Film zusätzliche Kraft verliehen und neue Identifikationsmöglichkeiten eröffnet.
Und auch die Allies fehlen – jene Figuren, die László Rückhalt geben oder ihm zur Seite stehen. Sein Vater wird vielmehr als jemand gezeigt, der starke Sympathien für Ungarn und dessen konservatives Umfeld hegt und damit die ablehnende Haltung gegenüber Homosexualität verstärkt. Die Scheinehe-Partnerin erscheint nicht als Verbündete, sondern als Opportunistin, die sogar eine Affäre mit dem Erpresser eingeht. Einzig Kiyan bleibt verlässlich an Lászlós Seite – weshalb dieser ihn als "einzigen Lichtblick in diesem abgefuckten Albtraum" bezeichnet.

Starspieler László Varga (Christoph Moreno, M.) kommt nach Verletzung wieder zurück zum Training. Das Medieninteresse ist groß (Bild: ZDF / Christiane Pausch)
Offene Fragen – klare Antworten
Auch wenn der Krimi in einigen Punkten noch Luft nach oben hat, überzeugt er insgesamt zu einem Großteil. Der heimliche Star ist Kommissar Robert Heffler. Mit klaren Aussagen wie "Meine Tochter liebt Frauen, davon geht die Welt nicht unter" zeigt er eine wohltuend entspannte Haltung gegenüber queerer Identität. Damit setzt er einen wichtigen Kontrapunkt zu den Vorurteilen, die László im Umfeld erlebt. Heffler ist es auch, der Lászlós Vater mehrfach konfrontiert und ihn sichtbar zum Nachdenken bringt. Diese Szenen verdeutlichen, wie wichtig es ist, dass Figuren im Krimi nicht nur ermitteln, sondern auch gesellschaftliche Haltungen spiegeln und hinterfragen.
Zwar bleiben am Ende viele Fragen offen, etwa nach dem genauen Täter oder der Täterin, doch der Film liefert zugleich wichtige Antworten. Er zeigt, warum Fußballer nach wie vor Angst vor einem Coming-out haben, welche Strukturen im System falsch laufen und wie tief Vorurteile im Profisport verankert sind. Diese Antworten sind nicht immer angenehm, aber sie geben dem Publikum Denkanstöße und machen deutlich, dass es nicht nur um einen Kriminalfall geht, sondern um gesellschaftliche Realitäten.

Die Ermittler*innen Robert Heffler (Jürgen Vogel, l.) und Mavi Neumann (Aybi Era, M.) erhalten weitere Infos von Kollegin Friederike Hanke (Philippa Jarke, r.) im Kommissariat (Bild: ZDF / Christiane Pausch)
Wenig Sex – aber starke queere Repräsentation
Abschließend bemerkenswert ist, dass das Thema Sex im Krimi kaum eine Rolle spielt. Nur wenige Sekunden lang sieht man das schwule Paar vertraut in der Sauna sitzen – und das war's. Damit unterscheidet sich der Film deutlich von vielen anderen Krimis, die für einen hohen Anteil an Sexszenen bekannt sind. Vielleicht ist aber gerade dieser Verzicht wohltuend, wird die queere Community sonst allzu oft auf Sexualität reduziert.
Darüber hinaus setzt der Film mit queerer Repräsentation – etwa durch die trans Schauspielerin Philippa Jarke und die Musik von Lil Nas X – deutliche Zeichen für Vielfalt. Auch wenn es an einigen Stellen noch Verbesserungsbedarf gibt, etwa bei der Darstellung von Allies oder neuen Perspektiven, bleibt der Krimi sehenswert. Er setzt die richtigen Impulse und öffnet den Weg für weitere, mutigere Erzählungen, die Spannung mit gesellschaftlicher Vielfalt verbinden.
Links zum Thema:
» Der Krimi "Jenseits der Spree: Abseits" in der ZDF-Mediathek
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