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Schwule Liebe lässt sich nicht "heilen"

Das tief bewegende "Homoheiler"-Drama "Lilies Not For Me" von Will Seefried zeigt die brutale Schlichtheit der Homophobie und zugleich die fragile Stärke queerer Selbstbehauptung. Ein Film, der lange nachhallt.


Szene aus "Lilies Not For Me" (Bild: Salzgeber)

Immer wieder zitiert der verträumte Owen – selbst Schriftsteller, der in den üppigen Landschaften des zwanzigsten Jahrhunderts Englands nach Worten sucht und durch Wiesen und Wälder streift, die ihm eine Zuflucht vor einer feindlichen, normierten Gesellschaft bieten – sein Lieblingsgedicht: "Lilien, nicht für mich. Blumen der Reinen und Heiligen. Ich habe sie an heiligen Orten gesehen, wo der Weihrauch sanft aufsteigt und der Priester den Kelch hebt. Lilien in den Altarvasen, nicht für mich."

Dass dieses Gedicht titelgebend ist für "Lilies Not For Me" (Amazon-Affiliate-Link ), ist kein Zufall. Die Lilie – Sinnbild liturgischer Reinheit, makelloser Altäre, eines Glaubens an Unberührtheit – markiert zugleich den Ort, an dem das lyrische Ich keinen Platz findet. Das "nicht für mich" lässt sich nicht nur als Ausschluss lesen, sondern auch als stille Auflehnung: Diese Reinheitsphantasien gelten nicht für mich, ich verweigere mich ihnen. Genau diese Zweischichtigkeit zeichnet der Film mit beeindruckender Klarheit: das Schwanken zwischen Verletzung und Widerstand, zwischen dem Schmerz des Ausgeschlossenseins und dem Mut, sich nicht in die Scham treiben zu lassen.

Homosexualität als Krankheit


Poster zum Film: "Lilies Not For Me" ist seit 11. Dezember 2025 bei Prime Video verfügbar

"Lilies Not For Me" ist erzählerisch präzise geschrieben, seine zwei Ebenen – Owens Gegenwart und seine Erinnerungen – verweben sich zunehmend miteinander. Wir begegnen Owen (Fionn O'Shea) in einer geschlossenen Psychiatrie, in der seine Homosexualität als Krankheit behandelt werden soll. Gegen seinen Willen erhält er Spritzen in den Hintern; er wird zu heterosexuellen Dates gezwungen, die eher als Strafritual denn als Therapie erscheinen. Dort begegnet er der Krankenpflegerin Dorothy (Erin Kellyman). Anfangs hält sie unbeirrbar am Glauben fest, Owen könne geheilt werden. Doch als er beginnt, ihr seine Geschichte zu erzählen, kippt etwas in ihr: Aus einer distanzierten Schwester, die das System verteidigt, wird eine sensible Komplizin, die subversive Wege des Beistands findet.

In einer der berührendsten Szenen fragt Owen sie, warum sie Krankenschwester geworden sei. Dorothy erzählt von ihrem Bruder Rory, der Soldat war, aber nicht kämpfen durfte, weil er Schwarz war. Er starb bei einem Luftangriff, als er Telefonleitungen reparierte. "Ich wurde Krankenschwester, weil Menschen nicht dazu bestimmt sind, allein zu sterben", sagt sie – ein Satz, der den Raum still macht. Trotzdem bleibt auffällig, wie stark die Rückblenden – die filmische Bebilderung von Owens Erzählung – seine Figur überlagern. Da Owen Schriftsteller ist, hätte der Film von seinen eigenen Worten profitieren können. Er bleibt merkwürdig anonymisiert, sein Hintergrund oft nur angedeutet, obwohl O'Sheas Spiel eine enorme Empfindsamkeit entfaltet.

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Die Rückblenden führen in die Beziehung zu Philip (Robert Aramayo), Owens große Liebe – ein Mann, der von internalisierter Homophobie zerfressen ist. Philip plant eine riskante, zutiefst brutale Operation, die seine Homosexualität "heilen" soll. Er bittet Owen um Hilfe, weil die Eingriffe im Intimbereich stattfinden sollen. Owen stimmt zu, aber nur unter der Bedingung, dass sie ein letztes Mal miteinander schlafen. Die Szene ist voller Zärtlichkeit, Verzweiflung, Selbstverrat. Der Film zeigt die ganze Bandbreite medizinischer Gewaltphantasien, die sich im 20. Jahrhundert als Heilversprechen tarnten. Und Owen wehrt sich immer wieder gegen das Narrativ der Krankheit: "Ich kann nicht geheilt werden, weil ich nicht krank bin." Diese Selbstbehauptung ist anrührend – und doch kann sie die Grausamkeiten, die folgen, nicht abwenden.

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Kein eindimensionaler Trauma-Film

Trotz all der Härte ist "Lilies Not For Me" kein eindimensionaler Trauma-Film: Er bewahrt die Schönheit und Farben einer queeren Liebe, den Rausch des ersten Erkennens. Und dann tritt Louis Hofmann als Charles Green in die Handlung – ein Mann, der Owen vom "Nightingales" erzählt, einer Schwulenbar, die wie ein verborgenes Biotop queerem Leben Raum gibt. Philip hingegen sieht in Charles jemanden, den er "retten" will. Seine Worte sind erschütternd: "Ich bin im medizinischen Beruf tätig, und eine Gruppe meiner Kollegen hat ein Heilmittel für die Krankheit entwickelt, die Sie und Owen betrifft. Ein Verfahren, das garantiert unmoralische Begierden ausrottet und Sie auf den Weg zur Gesundung führt. Ich könnte Ihnen helfen, Charles." Die Begegnung zwischen Charles' Ehefrau Alice, die sich mit der Queerness ihres Mannes arrangiert hat, und Owen ist eine sanfte, zarte Szene voller Verständnis und Schmerz.

Wie sich all diese Handlungsstränge schließlich im "Nightingales" kreuzen, zerreißt einem das Herz. Die aufkeimende Hoffnung eines jungen Owen, der selbstbewusst sagt: "Es ist Zeit, dass du zu dem Leben zurückkehrst, das du gewählt hast. Lass mich zu meinem zurückkehren", wird im Keim erstickt. Das Ende ist wunderschön und bitter zugleich – ein stilles, todtrauriges Tableau, das jede Zuschauer*in in Tränen zurücklassen dürfte. "Lilies Not For Me" zeigt die brutale Schlichtheit der Homophobie und zugleich die fragile Stärke queerer Selbstbehauptung. Ein Film, der lange nachhallt.

Infos zum Film

Lilies Not For Me. Drama. Südafrika, USA, Frankreich, Großbritannien 2024. Regie; Will Seefried. Cast; Fionn O'Shea, Robert Aramayo, Erin Kellyman, Louis Hofmann, Jodi Balfour. Laufzeit: 99 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Salzgeber. Seit 11. Dezember 2025 bei Prime Video

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Galerie:
Lilies Not For Me
12 Bilder
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