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Hörspieltipp

Eine Geschichte queerer Beziehungsgewalt

Jetzt in der ARD-Audiothek: Das neue queere Hörspiel "Nixe" von Tia Morgen nimmt die zerstörerische Kraft toxischer Beziehungen ebenso ernst nimmt wie die Zärtlichkeit, aus der sie oft entstehen.


Tia Morgen arbeitet zwischen Prosa, Hörspiel, Installation, Film und Sound. Ihre preisgekrönte Serie "Desire" (WDR 2023) erzählt von den Lebensrealitäten queerer Sexarbeiter*innen (Bild: Clara Renner)

Jara sitzt mit ihrer 36-jährigen Gesprächspartnerin im Studio, reicht ihr noch ein Glas Wasser und fragt, ob alles bequem sei. Erst als die Frau bestätigt, dass es ihr gut gehe, beginnt sie zu erzählen. Ihre Stimme ist ruhig, doch unter der Oberfläche gespannt. Sie spricht davon, wie schwer es ihr immer gefallen sei, Menschen wirklich nah an sich heranzulassen – bis sie einer Frau begegnete, bei der es plötzlich möglich war. Für sie verließ sie ihren Mann, ihre Freund*innen, ihre Familie. Und stand am Ende ohne jedes Auffangnetz da. Dann der Satz, der den Raum für einen Moment still macht: "Meine Frau kontrolliert mich komplett. Ich darf kaum noch raus. Sie kontrolliert die Finanzen. Ich hab Angst, dass sie mich irgendwann umbringen wird."

Ein harter Schnitt – "Nixe", das von Tia Morgen entwickelte und vom Westdeutschen Rundfunk beauftragte Hörspiel, springt an den Kanal. Jara sitzt mit Tonia am Wasser, ein Bier in der Hand. Tonia, ihre frühere Schwimmlehrerin und erste große Liebe, die damals nach einem gemeinsamen Sommer einfach verschwand. Jetzt, Jahre später, verspricht sie, diesen Fehler nicht zu wiederholen, bittet aber gleichzeitig darum, nichts hineinzuinterpretieren. Sie habe ihre Ex wiedergesehen, vielleicht etwas projiziert; die "zweite Hälfte" zu finden sei schließlich ein Privileg. Und tatsächlich: Die alte Intensität flammt wieder auf.

Verhältnis von Kontrolle und Abhängigkeit

Was als vorsichtiges Wiederantasten beginnt, gleitet jedoch schleichend in ein Verhältnis von Kontrolle und Abhängigkeit. Zunächst sind es nur kleine Verschiebungen: körperliche Grenzen, die bagatellisiert werden, Freund*innen, die Jara kaum noch erreichen, Treffen, die sie kurzfristig absagt. Schnell unterbindet Tonia auch den Kontakt zu Jaras bestem Freund. Als ehemalige Leistungsschwimmerin hat sie zudem Probleme, Jaras beruflichen Erfolg auszuhalten. So entsteht eine Dynamik, in der Tonia zunehmend kontrolliert, was Jara im Podcast sagt, wie viel Privates sie teilt, worum sich ihr Leben drehen darf. Jara verliert den Zugriff auf ihre eigene Arbeit: verpasste Termine, abgebrochene Transkriptionen, eine geplante Episode über queere Betroffene von Gewalt, die sie kaum noch fertigstellen kann – ironischerweise genau das Thema, das sie vor ihrer eigenen Geschichte hätte warnen können.

"Nixe" verdichtet diese Spirale aus psychischer und später auch physischer Gewalt mit präzisem erzählerischem Gespür. Die Montage zeigt eindringlich, wie Tonia Kommunikation als Waffe nutzt: exzessives Zuspammen, gefolgt von totale Funkstille; Anwesenheit, wenn sie Kontrolle will – Abwesenheit, wenn Jara Unterstützung braucht. Besonders stark sind die Momente, in denen Jara ihre Hilflosigkeit erkennt und damit den ersten Schritt in Richtung Selbstschutz macht. "Ich hätte es viel früher schon bemerken müssen. Wie konnte ich nicht mitbekommen, was oben passiert, während ich unten im Wasser war?" Immer wieder taucht die Wasser- und Meerjungfrauen-Metapher auf, verknüpft mit ihrer gemeinsamen Vergangenheit im Schwimmunterricht: eine poetische, zugleich schmerzhafte Linie, die das Hörspiel konsequent durchzieht.

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Betroffene queerer Beziehungsgewalt sind nicht allein

Schade bleibt, dass "Nixe" sich weniger Zeit für die Phase nach dem Bruch nimmt. Das Hörspiel deutet an, wie zerstörerisch Tonia gewirkt hat – aber zeigt kaum, wie Jara langfristig wieder Stabilität finden könnte, wie ein konsequentes Loslösen aus Gewaltbeziehungen aussehen kann, wie queere Menschen nach solchen Erfahrungen Unterstützung erhalten. Gerade diese Perspektive hätte das Werk noch weiter vertiefen können.

Tia Morgen widmet die Geschichte allen, "die uns von sich erzählt haben, die uns zugehört haben", und "allen, die es brauchen". Immer wieder betont sie, dass Betroffene queerer Beziehungsgewalt nicht allein sind, und verweist auf anonyme Beratungsstellen. In zwei Episoden mit insgesamt rund zwei Stunden Laufzeit – abrufbar in der ARD-Audiothek in der Kollektion "ARD-Hörspiel-Speicher" – zeigt sie ihre große Liebe zum Medium: präzise montierte Dialoge, intime Innenperspektiven der Hauptfigur, kraftvolle Soundeffekte und die pulsierenden Kompositionen von Linda-Philomene Tsoungui. Eine klanglich dichte, atmosphärisch immersive Produktion, die die zerstörerische Kraft toxischer Beziehungen ebenso ernst nimmt wie die Zärtlichkeit, aus der sie oft entstehen.

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