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"Capturing Compassion"
Sie fotografierte Stars – und eine lesbische Hochzeit anno 1965
Die Porträts und Dokumentationen der US-Fotografin Eve Arnold wurden schon zu ihren Lebzeiten zu Ikonen der Fotografie. Jetzt widmet ihr die Berliner Galerie f3 eine umfassende Ausstellung.

Lesbische Hochzeit, Women Without Men, Clapham Common, South London, England, Großbritannien, 1965 (Ausschnitt) © Eve Arnold / Magnum Photos
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14. Dezember 2025, 10:01h 5 Min.
"Ich wurde zu Tode fotografiert", antwortete Marlene Dietrich damals dem Interviewer und Schauspielerkollegen Maximilian Schell. Das 1983 in der Wochenzeitung "Die Zeit" veröffentlichte Gespräch ist nicht nur wegen des seither vielzitierten Satzes berühmt geworden. Auch wenn wohl niemand die Fotos gezählt hat, so ist doch klar, dass ihr Gesicht zur Ikone des 20. Jahrhunderts wurde.
Die der US-amerikanischen Fotografin Eve Arnold gewidmete aktuelle Ausstellung der Galerie f3 – freiraum für fotografie in Berlin-Kreuzberg (zu sehen noch bis zum 1. März 2026) zeigt auch Porträts von Marlene Dietrich. Arnolds herausgehobener Platz in der Fotogeschichte des 20. Jahrhunderts ist ihr jedenfalls sicher und bestätigt nebenbei den erfreulichen, weil auffällig hohen Frauenanteil in der Kunst der Fotografie.
Geboren wurde Eve Arnold 1912 in Philadelphia und verstarb mit 99 Jahren in London. Ihre Spezialität waren Porträts und Dokumentationen, darunter Fotos, die selbst zu Ikonen wurden wie etwa jene Frau im Badeanzug am Strand, die in ihrer Körperfülle wie ein kampfbereiter Sumo-Ringer in die Kamera herausfordert schaut.
Große Nähe zwischen Fotografin und Fotografierten
Und als ob Arnold irgendwie ironisch auf Marlene Dietrichs Satz, den sie damals natürlich noch nicht kennen konnte, weil er erst dreißig Jahre später die Runde machte, als ob sie also mit einem Foto darauf antwortete, präsentiert sie uns eine Rückenaufnahme. Denn Arnold hatte 1952 den Weltstar während der Arbeit im Tonstudio auf einen der Fotos mal eben von hinten aufgenommen. Wir sehen also gar nicht das Gesicht und sehen doch Marlene Dietrich und ihren elegant gekleideten Körper in makelloser Schönheit.
Aus der Schräge heraus sehen wir die übereinandergeschlagenen Beine, den Ellbogen auf dem Oberschenkel ruhend und dazu die Hand, die den Kopf stützt. Wir sehen das blonde, wellig frisierte Haar. Das alles ergibt eine weich geschwungene Linie. Ein Meisterwerk – ohne Frage, ein geniales Porträt ohne Gesicht. Und selbst, wenn es inszeniert wurde, bleibt es großartig, dennoch dürfen wir wohl einen Schnappschuss vermuten, das Glück des richtigen Augenblicks.
Für gewöhnlich schaute die Fotografin natürlich in die Gesichter, der von ihr porträtierten Menschen, und zwar auf besondere, weil ausgesprochen intime Weise und die im Übrigen keineswegs immer nur Stars waren. Es dürfte kaum schönere Aufnahmen von Marilyn Monroe als gerade jene unzähligen Fotoserien von Eve Arnold geben. Das Besondere daran ist immer wieder die Nähe der Fotografin zu dem Menschen Norma Jean Baker, so Marilyns bürgerlicher Name, und zwar im Sinne von empathisch, mitfühlend. Der Titel der Ausstellung "Capturing Compassion" benennt auf jeden Fall einen zentralen Aspekt in Arnolds Arbeitsweise. Das Vertrauen zwischen beiden macht die Fotografierte nicht zum Objekt, sondern beschreibt sie in ihrer Persönlichkeit und Integrität.
Unverstellte Offenheit

Marilyn Monroe am Set von "The Misfits", Nevada, 1960. © Eve Arnold / Magnum Photos
In der Ausstellung sind zahlreiche Fotos zu sehen, die während der Drehaufnahmen zu dem Film "The Misfits" (deutsch: "Nicht gesellschaftsfähig") entstanden. Regie führte John Houston und neben Marilyn sind unter anderem Clark Gable und Montgomery Clift in Hauptrollen zu sehen. Das Drehbuch stammt von dem Dramatiker Arthur Miller, mit dem Marilyn seit 1956 verheiratet war. Der Film hätte wohl eine künstlerische Weichenstellung werden können und blieb darin doch nur ein Konjunktiv.
Der 1961 in die Kinos gekommene Film präsentierte nämlich eine völlig veränderte Marilyn Monroe – aus der naiven Blonden war gewissermaßen über Nacht eine Charakterschauspielerin geworden. Ihr früher Tod 1962 hat die Frage allerdings unbeantwortet gelassen, ob ihre Karriere die eingeschlagene Richtung nehmen würde. Der nächste, unvollendet gebliebene Film jedenfalls sollte wieder eine der üblichen Komödien werden.
Wie gesagt, das Besondere an den Fotos ist diese unverstellte Offenheit, all das Unprätentiöse, Unverkrampfte. Eine solche Nähe setzt sicherlich auch ein großes Maß an Vertrauen voraus. Auf einer Aufnahme von 1955 hält Marilyn ein aufgeschlagenes Buch in ihren Händen. Und was liest sie? "Ulysses" von James Joyce. Schwer zu sagen, ob das als Gag inszeniert wurde, weil wohl niemand, der den Roman des irischen Schriftstellers kennt, ihn in Verbindung mit Marilyn bringen, ihr eine solche Lektüre zutrauen würde. Was natürlich vor allem unsere tiefsitzenden Vorurteile verrät und den unschlagbaren Erfolg von Stereotypien.
Großartige Dokumentationen
Wie gesagt, Eve Arnold hat nicht nur Stars fotografiert, doch davon eine große Zahl: Joan Crawford, die nur mit Mieder, BH und einem großen Hut bekleidet gerade telefoniert. Oder die unvergleichliche Simone Signoret oder Aimée Anouk, nachdenklich im Auto sitzend bei geöffneter Wagentür und auf was auch immer wartend. Und noch viele mehr. Interessiert haben Arnold ebenso Dokumentationen, so etwa als Fotoessay über die Harlem Fashion von 1956, die in New York als Schwarzer Protest gegen die von Weißen dominierte Modebranche entstand.

Eine Krankenschwester hört den Herzschlag eines Fötus. Nquta, Zululand, 1973 © Eve Arnold/Magnum Photos
Daneben finden wir Aufnahmen der Schwarzen Aristokratie in den USA, Ladys in Nerz und mit exquisiten Hüten dekoriert. Ende der 1960er Jahre schließlich kommt die Parole "Black is beautiful" auf, eingeführt von dem Sänger und Musiker James Brown ("Say it Loud! Black and Proud"). Wir sehen die Schauspielerin Cicely Tyson, die damals den Afrolook popularisierte. Zu sehen sind auch zeitgeschichtlich bedeutsame Fotos der Black-Muslim-Bewegung der 1960er Jahre mit Malcolm X als Zentralgestalt. Und schließlich hat Arnold nicht verpasst, 1965 in Großbritannien eine lesbische Hochzeit zu fotografieren.
Die Ausstellung ist unbedingt sehenswert und dazu eine wunderbare Ergänzung der noch bis 18. Januar im Berliner Martin-Gropius-Bau gezeigten Diane-Arbus-Retrospektive. Zwei Fotokünstlerinnen, die zeigen, mit welch einer Riesenpalette an Ausdrucksmöglichkeiten die Fotografie arbeitet und wie sie dabei Zeitgeschichte visuell speichert und zugleich zum Sprechen bringt.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Ausstellung auf der Homepage der Galerie f³ – freiraum für fotografie
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de















