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Buchtipp
Priester mit Poppers, guter Sex im Knast: Höchste Zeit, das Werk von David Wojnarowicz wiederzuentdecken
Der schwule Künstler David Wojnarowicz gab Menschen am Rand der Gesellschaft eine Stimme. In seinen "Waterfront Journals" geht es um Cruising, rohe Gewalt und blankes Überleben. Jetzt erscheint das Buch endlich auf Deutsch.

Der schwule US-Künstler David Wojnarowicz starb 1992 an den Folgen von Aids (Bild: IMAGO / Capital Pictures)
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15. Dezember 2025, 04:46h 3 Min.
Die Lichter sind grell, überwältigend, schier endlos, beinahe hypnotisierend. Der New Yorker Times Square mit seinen fassadenhohen Leuchtreklamen ist wohl einer der berühmtesten und beeindruckendsten Plätze der Welt. Nirgendwo sonst feiert der Kapitalismus sich selbst offensichtlicher.
Doch der Platz in Manhattan glitzerte nicht immer. Als bei immer mehr Menschen ein eigener Fernseher im Wohnzimmer stand, gingen sie nicht mehr in die großen und eleganten Broadway-Theater. Stattdessen zogen Sexkinos und Stripbars ein. In den 1970er und 1980er Jahren tummelten sich am Times Square Sexarbeiter*innen, Drogendealer*innen, Obdachlose, Kleinkriminelle. Der "Rolling Stone" nannte die Gegend den "widerlichsten Block Amerikas".
Mehr als Aktivismus

Das Buch "Waterfront Journals" erscheint am 17. Dezember 2025 in der Bibliothek Suhrkamp
Genau hier treibt sich auch David Wojnarowicz herum. Als Teenager aus einer gewalttätigen Familie war er obdachlos und ging am Times Square anschaffen. Später sollte er zu einer prominenten schwulen Figur der New Yorker Kunst-Avantgarde werden, die mit Nan Goldin, Peter Hujar oder Rosa von Praunheim zusammenarbeitete. Er machte sich einen Namen als Multimedia-Künstler, Fotograf und Filmemacher, dessen Werk über reinen Aktivismus hinausragte.
So auch in seinen "Waterfront Journals" (Amazon-Affiliate-Link ): In dem Buch lässt er Menschen am Rand der US-amerikanischen Gesellschaft zu Wort kommen. Darunter sind Obdachlose, Drogenabhängige, Stricher – oder alles kombiniert -, Herumtreiber*innen, von zu Hause Ausgerissene oder Rausgeworfene, Gelegenheitsarbeiter*innen, Trucker*innen, ehemalige Marines, die unehrenhaft entlassen wurden.
Ganz weit weg vom American Dream
Es sind Geschichten, die David Wojnarowicz vor allem in New York, aber auch im Rest des Landes aufschnappte und in fiktionalisierte Monologe goss. Viele von ihnen sind nur wenige Seiten lang. Der Ton ist oft atemlos, im wahrsten Sinne des Wortes ohne Punkt und Komma. Sie erhalten keinen Kontext, keine Erklärung, keinen Filter. Es ist ein hartes Land, ganz weit weg vom American Dream.
Die Menschen haben etwas zu erzählen, wenn man ihnen zuhört – es tut sonst offenbar kaum jemand. Sie berichten von komischen, hoffnungsvollen und gewalttätigen Dates, von wahnwitzig-skurrilen Begegnungen mit Poppers nehmenden Priestern, von brenzligen Situationen, von gutem Sex im Knast, von Cruising im Park und der Angst vor der Polizei, von zärtlichen Zufallsbekanntschaften, überhaupt von viel Sex, bezahlt und unbezahlt.
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Politisches Potenzial bis heute
Viele Protagonist*innen von David Wojnarowicz "Waterfront Journals" haben nie aufgehört zu träumen und zu hoffen, auch wenn der Abgrund beängstigend nahe ist. Andere tragen eine unerträgliche Traurigkeit mit sich, viele sind einsam, können aber Freude in kleinen Momenten entdecken.
David Wojnarowicz starb 1992 an den Folgen von Aids, das Werk erschien fünf Jahre später – und nun endlich und als erstes seiner Bücher auf Deutsch. Marcus Gärtner überträgt die Worte der Straße und des schwulen Slangs gekonnt ins Deutsche, wenn auch stellenweise etwas zu wörtlich, etwa wenn er "beat the shit out" als "die Scheiße aus dem Leib prügeln" übersetzt.
Die "Waterfront Journals" sind ein enorm wichtiger Teil queerer Kulturgeschichte, an dem die Folgen von Benachteiligung, Unsichtbarmachung und Kriminalisierung hautnah erlebbar werden. Alle Geschichten verfügen über eine politische Dimension, ohne dass sie je benannt wird. Gerade in dieser subtilen Schicht liegt das universelle Potenzial, das sie gerade heute wieder entfalten können. Höchste Zeit, das Werk von David Wojnarowicz wiederzuentdecken.
David Wojnarowicz: Waterfront Journals. Aus dem amerikanischen Englisch von Marcus Gärtner. 186 Seiten. Bibliothek Suhrkamp. Berlin 2025. Gebundene Ausgabe: 23 € (ISBN 978-3-518-22563-9). E-Book: 19,99 €
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