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Wenige Tage nach Hochzeit

Rosa von Praunheim gestorben

Nur wenige Tage nach seiner Hochzeit starb der wohl bekannteste schwule Aktivist Deutschlands: Der Filmemacher Rosa von Praunheim wurde 83 Jahre alt.


Rosa von Praunheim beim ARTE-Berlinale-Empfang im Februar (Bild: IMAGO / Photopress Müller)
  • 17. Dezember 2025, 14:10h 5 Min.

Rosa von Praunheim ist tot. Der Regisseur, Autor und queere Aktivist starb nach Angaben des "Sterns" und des "Tagesspiegels" im Alter von 83 Jahren in Berlin. Zur Todesursache liegen bislang keine Informationen vor.

Erst am Freitag hatte Praunheim seinen langjährigen Partner Oliver Sechting geheiratet (queer.de berichtete). Das Paar war bereits seit 2008 zusammen. "Wir haben im Kreis enger Freunde und Weggefährten geheiratet, nachdem ich ihm im September einen Heiratsantrag gemacht hatte", erklärte von Praunheim nach der Trauung auf Instagram.

Von Praunheim ist eine der schillerndsten und prägendsten Figuren der Geschichte der deutschen Schwulen- und LGBTI-Bewegung. Seit über fünf Jahrzehnten mischt der Filmemacher die Bundesrepublik auf – laut, polemisch, verletzlich und stets politisch. Mit mehr als 150 Filmen prägte er über Jahrzehnte das deutsche Queer Cinema maßgeblich.

"Nicht der Homosexuelle ist pervers" veränderte Deutschland

Geboren 1942 als Holger Bernhard Bruno Mischwitzky im deutsch besetzten Riga, machte er schon früh klar, dass Anpassung keine Option sei. Sein Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" aus dem Jahr 1971 gilt als Zäsur der schwulen Geschichte: Er brachte Homosexualität erstmals offensiv ins deutsche Fernsehen und zwang die Mehrheitsgesellschaft, die Homosexualität verdrängte, sich mit der Community auseinanderzusetzen.

Außerdem übte er von einem linken Standpunkt aus beißende Kritik an der schwulen Community. Er kritisierte etwa versteckte Beziehungen, die Angst vor Öffentlichkeit und der Wunsch nach "Normalität" statt Veränderung. Diese Anpassung stabilisiere die unterdrückenden Verhältnisse, statt sie aufzubrechen. Der Film rief in anklagendem Ton dazu auf, kollektiv zu handeln, sich zu outen und sich als Community zu organisieren. Heute gilt die Erstausstrahlung als Geburtsstunde der modernen Schwulenbewegung in Deutschland.

Zudem kritisierte die Doku die inneren Hierarchien und Selbstverachtung innerhalb der Community. So werde Männlichkeit idealisiert und Effeminiertheit abgewertet. Dies betrachtete der Filmemacher als verinnerlichte Homophobie.


Szenen wie diese waren 1971 im deutschen Fernsehen ein Skandal – der Bayerische Rundfunk klinkte sich etwa aus dem ARD-Programm aus (Bild: Pro-Fun Media)

Der Provokateur zeigte schwules Leben in all seiner Widersprüchlichkeit – Sex, Einsamkeit, politische Kämpfe, Altern, Krankheit. In den Achtzigerjahren war er einer der Ersten, die Aids in Deutschland filmisch thematisierten, lange bevor das Thema gesellschaftlich akzeptabel war. Zu seinen weiteren Kultfilmen gehört etwa "Die Bettwurst" (1971), eine schräge, absurde Liebesgeschichte zwischen Außenseitern. Der Film ist camp, dilettantisch und verstößt bewusst gegen alle ästhetischen Regeln.



1981 erschien mit "Unsere Leichen leben noch" ein wütender, politischer Film über Verdrängung, Gewaltfantasien und gesellschaftliche Kälte. Fünf Jahre später brachte von Praunheim "Ein Virus kennt keine Moral" heraus, einen der ersten deutschen Filme, der sich offen und solidarisch mit Aids auseinandersetzte. 1992 veröffentlichte von Praunheim mit "Ich bin meine eigene Frau" einen Dokumentarfilm über die trans Frau Charlotte von Mahlsdorf (1928-2002) – bevor die Allgemeinbevölkerung und auch die viele Schwulen wussten, was trans ist.

Grenzüberschreitungen und Outings

Kritik begleitet ihn seit jeher: für Grenzüberschreitungen, für moralische Zuspitzungen und für das Outing prominenter Schwuler. 1991 outete er bei der RTL-Sendung "Der heiße Stuhl" den Komiker Hape Kerkeling (61) und den Talkmaster Alfred Biolek (1934-2021). Die beiden Geouteten sagten später, die Aktion habe sie zunächst schockiert, aber habe am Ende positive Aspekte gehabt. "Es hat wehgetan, aber es hat die Verspannung gelöst", sagte Biolek. Das Publikum habe "irre normal" reagiert, so Kerkeling ein Jahr nach dem Outing.


Rosa von Praunheim auf dem "Heißen Stuhl" (Bild: RTL)

Betroffenheit über Todesmeldung

"Mit Rosa von Praunheim verliert die queere Bewegung in Deutschland eine ihrer streitbarsten, unbequemsten und wirkmächtigsten Stimmen", erklärten in einer ersten Reaktion auf die Todesmeldung Daniel Bache, Frank Laubenburg, Luca Renner und Maja Tegeler, die Bundessprecher*innen von Die Linke queer. "Sein Tod markiert nicht nur das Ende eines außergewöhnlichen Lebens, sondern auch das Ende einer Generation, die queere Sichtbarkeit gegen offene Repression, staatliche Gewalt und gesellschaftliche Verdrängung erkämpft hat." Aus linker Sicht sei der Provokateur eine "notwendige Zumutung" gewesen. "Er machte sichtbar, dass queere Kämpfe immer auch Kämpfe gegen Klassenverhältnisse, gegen staatliche Repression und gegen moralische Kontrolle sind. Seine Arbeiten richteten sich gegen das Vergessen, gegen die Entpolitisierung queeren Lebens und gegen eine Gesellschaft, die Vielfalt feiert, solange sie nicht stört."

Der grüne Bundestagsabgeordnete Sven Lehmann, der frühere Queerbeauftragte der Bundesregierung, zeigte sich schockiert über die Todesmeldung: "Mein Herz ist voller Trauer und voller Dankbarkeit. Noch vor wenigen Tagen durfte ich bei Rosas Hochzeit dabei sein, ein wunderbares Fest der Liebe. Sein Tod ist ein großer Verlust", so Lehmann. "Nicht nur Film und Kultur verdanken Rosa von Praunheim unendlich viel, auch ich persönlich und Generationen schwuler Männer und queerer Menschen", so der offen schwule Politiker. "Sein Leben und sein Werk waren und sind subversiv und radikal, voller Empathie und voller Aufruhr, abgedreht und lebensnah."

Erst Anfang dieses Jahres stellte von Praunheim seinen neuen Film "Satanische Sau" auf der Berlinale vor (queer.de berichtete). Darin geht es auch um das Älterwerden und das Sterben. Im Interview mit queer.de antwortete er dabei auch die Frage, ob er Angst vor dem Tod habe: "Nein, überhaupt nicht, im Gegenteil: Ich freue mich auf den Tod. Ich finde das eine Befreiung. Und jemand wie ich, der wie eine Ratte mehr als 50 Jahre gearbeitet hat, der sieht das als eine wunderschöne Sache an, mit Ruhe und Ausruhen." (dk)

Artikel mehrfach aktualisiert

21.01.26 | Berlin-Schöneberg
Rosa von Praunheim in Berlin beigesetzt
30.12.25 | Jahresrückblick, Teil X
In Memoriam 2025
18.12.25 | Reaktionen zum Tod des Filmemachers
Bundespräsident Steinmeier: "Rosa von Praunheim war unvergleichlich"
17.12.25 | Bild des Tages
Rosa's Roses
06.12.25 | Gedichte und Fotografien
Das starke literarische Debüt von Lukas Röder
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