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Interview
Lukas von Horbatschewsky: "Es gibt noch viele Strukturen, die aufgebrochen werden müssen"
Heute ist trans Schauspieler Lukas von Horbatschewsky in der ARD-Serie "In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte" zu sehen. Wir sprachen mit ihm über seine Rollen, queere Sichtbarkeit im TV und den "Eskapismus" der Filmbranche.

Lukas von Horbatschewsky als Patient Leon in der ARD-Weekly "In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte" (Bild: ARD / Michael Kremer)
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18. Dezember 2025, 03:45h 4 Min.
Lukas von Horbatschewsky gehört zu den spannendsten Nachwuchsschauspieler*innen im deutschen Fernsehen. Nach seiner Hauptrolle im ZDF-Fernsehfilm "Von uns wird es keiner sein", der weiterhin in der ZDF-Mediathek abrufbar ist, steht der junge trans Mann nun erneut im Rampenlicht.
Am Donnerstag, den 18. Dezember 2025 um 18:50 Uhr ist er in der ARD-Weekly "In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte" in der Folge "Frischer Wind" als Patient mit einer schweren ALS-Erkrankung zu sehen (queer.de berichtete). Parallel dazu hat er seine Stimme dem Hörspiel "Nixe" geliehen, das seit dem 5. Dezember online verfügbar ist und ein intensives LGBTI-Drama erzählt (queer.de berichtete).
Im Interview mit queer.de spricht Lukas von Horbatschewsky über seine bisherigen Erfahrungen in der Schauspielbranche, die Debatte um die Besetzung queerer Rollen und die Sichtbarkeit der LGBTI-Community im Fernsehen. Außerdem verrät er, welche Traumrolle ihn besonders reizen würde, und erzählt, was ihm seine Durchbruchserie "Druck" bis heute bedeutet.
Du hast schon sehr unterschiedliche Rollen gespielt – von Jugendserien bis zu anspruchsvollen Fernsehfilmen. Was reizt dich an dieser Vielfalt?
Mich reizt die Herausforderung einer neuen Rolle oder eines neuen Formats. Es geht um Tonsetzung, um Figurenbiografien und darum, dem jeweiligen Drehbuch so gerecht wie möglich zu werden. Gleichzeitig hoffe ich immer, eine Zuschauerschaft zu erreichen, die sich mit der erzählten Geschichte identifizieren kann.
Viele kennen dich noch aus "Druck", wo du als David eine trans Person verkörpert hast. Welche Erinnerungen verbindest du mit dieser Zeit?
Diese Zeit war für mich die schönste und aufregendste meines Lebens. Ich war der Filmbranche zuvor komplett fremd und wusste nur, dass ich etwas für die trans Community erschaffen wollte, das ich selbst zu Beginn meiner Transition gebraucht hätte. Teil des Lebens so vieler junger queerer Menschen gewesen zu sein, dafür werde ich immer dankbar bleiben.
Immer wieder wird diskutiert, ob queere Rollen ausschließlich von queeren Schauspieler*innen gespielt werden sollten. Wie gehst du persönlich mit dieser Debatte um?
Ich beschreibe diese Debatte oft als ein Pendel. Solange echte Chancengleichheit nicht existiert, ist es wichtig, das Pendel bewusst in Richtung marginalisierter Gruppen ausschlagen zu lassen, die sonst strukturell unterrepräsentiert sind. Wenn Diversität wirklich zur Normalität wird, kann sich dieses Pendel wieder einpendeln – idealerweise in einer Mitte, in der Menschen für ihr Talent gesehen werden.

Szene aus der neuen Folge "Frischer Wind" der ARD-Serie "In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte": Leon Harpins (Lukas von Horbatschewsky, M.) berichtet Dr. Leyla Sherbaz (Sanam Afrashteh, r.) und Olli Probst (Arne Kertész, l.) von seiner Diagnose (Bild: ARD / Michael Kremer)
Wenn du auf die deutsche Film- und Fernsehlandschaft schaust: Wie sichtbar findest du die queere Community dort aktuell?
Die entscheidende Frage ist für mich: Wann beginnt Sichtbarkeit? Reicht es, wenn queere Geschichten über uns erzählt werden, oder braucht es auch queere Menschen, die diese Geschichten mitgestalten? Ich glaube, es gibt noch viele bestehende Strukturen, die aufgebrochen werden müssen, damit neue Stimmen und Perspektiven tatsächlich Teil der deutschen Film- und Fernsehlandschaft werden können.
Gibt es Entwicklungen, die dich hoffnungsvoll stimmen – und Bereiche, wo du dir noch mehr Offenheit wünschen würdest?
Die Fortschritte der letzten Jahre sind spürbar, aber sie dürfen nicht als selbstverständlich betrachtet werden. Rückschritte sind jederzeit möglich. Während Extremismus zunimmt und gesellschaftlich wieder stärker konservative Haltungen sichtbar werden, setzt die Filmbranche zunehmend auf "Eskapismus" als vermeintliche Rettung. Das Problem ist: Für viele Menschen ist ihre Existenz kein Eskapismus. Schauspielende mit diskriminierungsbehafteten Merkmalen laufen Gefahr, als "zu politisch" wahrgenommen und dadurch weniger besetzt zu werden.
In "Von uns wird es keiner sein" ging es um Suizidprävention. Welche Gedanken hattest du dabei, gerade mit Blick auf queere Jugendliche?
In dem Video, das den möglichen Suizid einer Schüler*in ankündigt, sagt meine Figur Waldi: "Er, sie oder they sagt ja, ich weiß nicht, ob ich mein Abi dieses Jahr mache." Solche kleinen sprachlichen Inklusionen waren mir sehr wichtig, damit sich auch queere Jugendliche, die sich in der Geschichte wiederfinden, gesehen und mitgedacht fühlen.
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In der "In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte"-Folge "Frischer Wind" spielst du einen Patienten, der mit ALS lebt und auf eine Medikamentenstudie hofft. Was hat dich an dieser Rolle besonders herausgefordert – auch emotional?
Die größte Herausforderung war für mich, mir innerhalb eines sehr eingespielten Formats bewusst Zeit zu nehmen, meine Darstellung immer wieder zu hinterfragen und sie im laufenden Drehprozess weiterzuentwickeln.
Die Serie erreicht ein großes Publikum im Abendprogramm. Welche Bedeutung hat es für dich, in einem so bekannten Format mitzuwirken und dort auch komplexe Themen sichtbar zu machen?
Mir war es besonders wichtig, eng mit der medizinischen Fachberatung zusammenzuarbeiten, um die Symptome und Lebensrealitäten von Menschen mit ALS möglichst realistisch darzustellen. In meiner Vorbereitung ging es mir nicht nur darum, die Krankheit zu verstehen, sondern vor allem die Menschen dahinter.
Welche Geschichten oder Figuren würdest du dir für die Zukunft wünschen, damit queere Lebensrealitäten noch stärker sichtbar werden?
Ich wünsche mir, meine eigene Geschichte über eine transmännliche Hauptfigur zu realisieren. In Zeiten wie diesen wirkt die Frage, was einen Mann ausmacht und wie man sich entscheiden kann, einer zu sein, beinahe existenziell.
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