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Lesbische Spannungen unterm Eisturm
Der neue Spielfilm "Herz aus Eis" der französischen Regisseurin Lucile Hadžihalilović erzählt von der Begegnung einer 16-jährigen Ausreißerin und einer rätselhaften Schauspielerin bei der Verfilmung des Märchens "Die Schneekönigin".

Szene aus "Herz aus Eis": Die bekannte französische Schauspielerin Marion Cotillard schlüpft in die Doppelrolle der Diva Cristina de Berg und der Schneekönigin (Bild: Grandfilm)
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20. Dezember 2025, 04:03h 4 Min.
Jeanne liest den anderen Mädchen im Waisenhaus mit Vorliebe aus ihrem Lieblingsmärchen vor: "Die Schneekönigin" von Hans Christian Andersen. "Endlos, riesig und glitzernd wie Eis war das Reich der Schneekönigin. Die Wände ihres Schlosses waren gebildet von dem treibenden Schnee, die Fenster und Türen von den schneidenden Winden." Der Kuss der Königin, so heißt es, sei kälter als Eis und treffe mitten ins Herz. Diese poetische Kälte bildet den mythischen Resonanzraum von "Herz aus Eis" der französischen Regisseurin Lucile Hadžihalilović – und zugleich dessen Problem.
Getrieben von einer diffusen, kaum benennbaren Sehnsucht beschließt die 16-jährige Waise Jeanne (Clara Pacini), dem Waisenhaus zu entfliehen. Per Anhalter gelangt sie nach Paris, auf der Suche nach einer anderen, besseren Zukunft. Die Großstadt empfängt sie ambivalent: Jeanne ist fasziniert von den jungen Menschen, die mit anmutiger Präzision über das Eis gleiten, zugleich aber eingeschüchtert von der nächtlichen Anonymität und Dunkelheit der Metropole. Ihre Flucht führt sie in eine Lagerhalle – und am nächsten Morgen in eine andere Wirklichkeit: Jeanne erwacht in einem Filmstudio, in dem ausgerechnet ihr Lieblingsmärchen, "Die Schneekönigin", verfilmt wird.
Eine Diva zieht Jeanne in ihren Bann

Poster zum Film: "Herz aus Eis" läuft seit 18. Dezember 2025 bundesweit im Kino
Dort begegnet sie der rätselhaften Hauptdarstellerin Cristina (Marion Cotillard), einer Diva von kühler Aura, die Jeanne augenblicklich in ihren Bann zieht. Die Beziehung zwischen den beiden Figuren bleibt schillernd und unentschieden: Sie oszilliert zwischen Begehren, Ersatz-Mütterlichkeit und latenter Bedrohung. In einzelnen Momenten entfaltet Hadžihalilović durchaus eine fragile Intensität – in der gemeinsamen Vulnerabilität, in der morbiden Eleganz der Todesnähe, in einer stillschweigenden, kaum artikulierten lesbischen Spannung. Wiederkehrende Symbole wie Holzperlen oder ein eisernes Kaleidoskop am Kleid der Schneekönigin fungieren als visuelle Marker einer ambivalenten, fast unheimlichen Form von Mütterlichkeit.
Am überzeugendsten ist der Film dort, wo er sich seiner eigenen Medialität bewusst wird. Wenn wir aus der Perspektive eines Sitzungsraums des Filmteams gedrehte Szenen betrachten – etwa eine Krähe im Schnee vor dem Schloss der Schneekönigin -, entsteht ein reizvolles Spiel von Film im Film. Diese metakinematischen Momente öffnen kurzzeitig einen Reflexionsraum, in dem Hadžihalilovićs Interesse an Kontrolle, Blickregimen und Inszenierung greifbar wird.
Kühl, glatt und hermetisch
Doch trotz des sorgfältig komponierten Klangteppichs, der sensibel mit Stille und Zwischentönen arbeitet, und trotz einer Bildsprache, die die Kontraste zwischen tiefer Dunkelheit und der blendenden Helligkeit von Schnee und Winter wirkungsvoll ausstellt, bleibt "Herz aus Eis" seltsam leblos. Das über fast zwei Stunden dahindümpelnde, unstete Narrativ entwickelt keinen Sog, sondern ermüdet. Die Geduld des Publikums wird nicht belohnt; stattdessen entfaltet sich eine weitgehend vorhersehbare Dramaturgie, die ihre eigenen Motive nicht zuspitzt.
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Auch die Beziehung zwischen Jeanne und Cristina trägt den Film nicht. Dafür bleibt die Figur der Diva Cristina de Berg zu konturlos, zu sehr Chiffre einer kühlen Projektion. Ihre exzentrischen Allüren und hohen Ansprüche treiben zwar den Regisseur Dino – gespielt von Hadžihalilovićs Ehemann Gaspar Noé – an den Rand des Nervenzusammenbruchs, doch diese Konflikte bleiben oberflächlich und folgenlos. Was der Film hinter seiner hochstilisierten, künstlichen Form eigentlich verhandeln möchte, bleibt unklar. Die ästhetische Strenge ersetzt hier keine emotionale oder gedankliche Tiefe.
So bleibt am Ende der Eindruck eines Films, der selbst das trägt, was sein Titel verheißt: "Herz aus Eis". Kühl, glatt und hermetisch – und letztlich ohne die innere Glut, die nötig wäre, um seine märchenhafte Melancholie in nachhaltige Bedeutung zu verwandeln.
Herz aus Eis. Melodram. Frankreich, Deutschland 2025. Regie: Lucile Hadžihalilović. Cast: Marion Cotillard, Clara Pacini, August Diehl, Marine Gesbert, Lilas-Rose Gilberti, Gaspar Noé, Dounia Sichov, Valentina Vezzoso, Cassandre Louis Urbain, Laurent Lufroy, Raphael Reboul, Jana Bittnerova, Carmen Haidacher, Héloïse Gonzalez. Laufzeit: 117 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Grandfilm. Kinostart: 18. Dezember 2025
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