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Queere Medien

Die "Siegessäule" auf dem Weg zur Genossenschaft

Berlins queeres Stadtmagazin will zu einer Genossenschaft mit gemeinschaftlicher Verantwortung werden. Bei dem kämpferischen Community-Projekt der Verlegerinnen Gudrun Fertig und Manuela Kay sind jedoch noch Fragen offen.


Archivbild: Die Verlegerinnen von "Siegessäule" und "L-Mag", Gudrun Fertig (l.) und Manuela Kay, wurden 2015 für ihr Engagement für lesbische Sichtbarkeit mit dem Augspurg-Heymann-Preis ausgezeichnet (Bild: Yeliz Karapolat / www.flyerking.de)

Die "Siegessäule" will sich neu aufstellen und von einer GmbH zu einer Genossenschaft werden. Tatsächlich wirkt die geplante Verlagsumwandlung zunächst äußerst stimmig – beinahe wie maßgeschneidert für ein Medium wie das traditionsreiche queere Stadtmagazin, zu dem auch "L-Mag" und der "Siegessäule-Kompass" gehören. Seit das Verlagssortiment 2012 von Gudrun Fertig und Manuela Kay in einem Bieterverfahren erworben wurde, schien es den beiden Gesellschafterinnen nie um Profit zu gehen. Stattdessen war ihr Handeln erkennbar von einem Idealismus getragen, der sich am Leitbild einer solidarischen queeren Community orientiert.

Folgerichtig wird das neue Vorhaben in den letzten Ausgaben der "Siegessäule" als eine Art Kollektivbetrieb beworben: "Queer bleibt stark! Mit Dir!" und "Werde Kompliz*in der Siegessäule!". Dazu drei erhobene Fäuste mit bemalten Fingernägeln vor regenbogenfarbenem Hintergrund – ein Bild, das Aufbruch und Kampfbereitschaft in wirtschaftlich und politisch turbulenten Zeiten signalisieren soll. Solche Motive gehören jedoch zum klassischen Repertoire von Kampagnen, die nach außen Geschlossenheit vermitteln sollen, wenn intern Unsicherheit herrscht.


Drei bunte Fäuste werben für das Genossenschaft-Projekt (Bild: Siegessäule)

Darauf deutet nun auch ein aktuelles Rundschreiben hin. Kay und Fertig haben es eigenen Angaben zufolge an mehr als 850 Interessierte verschickt, die sich seit Beginn der Kampagne vor drei Monaten auf der Website komplizin-werden.de in eine Liste eintragen ließen. Die Resonanz ist beachtlich und ein Zeichen von allgemeiner Solidarität und Wertschätzung – und dennoch lässt der Ton des Schreibens aufhorchen, weil er Unsicherheiten anklingen lässt. Was anfangs als kämpferisches Projekt für die Community daherkam, entpuppt sich nun als möglicher Ausweg aus einer Krisensituation. Das wird vor allem beim Lesen zwischen den Zeilen deutlich: "Mit der Genossenschaft möchten wir einen passenden Übergang einleiten und den Verlag in die Hände der Community (zurück)geben. Wir bleiben für die Übergangsphase an Bord und unterstützen das neue Vorstandsteam."

Die Genossenschaft sucht noch "Anführer*innen"

Doch wer das neue Vorstandsteam sein wird, ist noch völlig offen – bei Kay und Fertig ist nicht von Zukunft, sondern von Übergang ist die Rede. Die Verantwortung soll perspektivisch abgegeben werden, dafür werden ab sofort "Anführer*innen" aus der Community gesucht, die sich bei der "Siegessäule" bewerben können. Ein Zeitplan wird nicht angegeben. Die Preisgabe der wenigen Informationen macht beinah einen überstürzten und chaotischen Eindruck – planen die beiden Verlegerinnen nach der Übergangsphase etwa ihren Ausstieg? Zumindest Manuela Kay spricht schon seit einiger Zeit immer wieder von Belastungen, die der redaktionelle und verlegerische Betrieb mit sich bringe.

Beide Gesellschafterinnen des Special Media Verlags wollen sich zu dieser Frage nicht äußern. Auch weitere Nachfragen zur betrieblichen Umstellung bleiben unbeantwortet. Gudrun Fertig lässt lediglich mitteilen, dass sich die ursprünglich für dieses Jahr geplante Gründung der Genossenschaft verschieben wird: "Wir sind noch im Gestaltungsprozess. Alle, die an einer Mitgliedschaft in der künftigen Genossenschaft interessiert sind, werden wir zu gegebener Zeit informieren." Und Manuela Kay schreibt: "Ich gebe derzeit keine Interviews zu dem Thema, das kann alles zum jetzigen Zeitpunkt nur sehr ungenau beantwortet werden."

Keine Frage – eine solche Aktion ist aufwändig und sollte bis ins Detail überlegt und vorbereitet werden. Doch hätte das Konzept nicht wenigstens in Grundzügen festgelegt werden müssen, noch bevor man mit der Ankündigung überhaupt an die Öffentlichkeit ging? Zumal das Timing derzeit nicht so günstig scheint. Das war während der Pandemie vor fünfeinhalb Jahren noch ganz anders, als das Magazin in Existenznot geraten war und daraufhin von einer Welle der Solidarität getragen wurde. Vor allem lokale Künstler*innen setzten sich im Mai 2020 für "ihre" "Siegessäule" ein und spendeten einen symbolischen Geldbetrag in Höhe von 50 Euro als Aufforderung an die Leser*innen zur Nachahmung. Dazu konnten Stars wie Wolfang Tillmanns und Marlene Dumas gewonnen werden, die Reproduktionen von ihren Kunstwerken zugunsten einer Hilfsaktion zur Verfügung stellten. Die Aktion war ein großer Erfolg.

Kritik an Berichterstattung zum Nahostkonflikt

Indes: Was die Verbundenheit der Redaktion mit der Community betrifft, lief es zumindest in diesem Jahr nicht so gut. Für ungewöhnlich harsche Kritik sorgte etwa ein Artikel in der Mai-Ausgabe im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt und der Darstellung des Kriegsleids queerer Palästinenser*innen – ohne im Text den Bezug zum 7. Oktober und den israelischen Opfern zu nennen. Dabei wollte die Redaktion eigentlich nur den vielen queeren Palästinenser*innen in Berlin eine Stimme geben, die sich immer selbstbewusster zu Wort melden. Dabei geriet allerdings der größere politische Kontext außer acht.

Vor allem prominente Stimmen aus der Community machten ihrer Empörung Luft. "Ich vermittle euch gerne den Kontakt zu queeren Menschen die von der Hamas in Gaza und ihren islamofaschistischen Freunden im Libanon gefoltert, vergewaltigt und verfolgt werden", kommentierte etwa Ina Wolf – Leiterin des Projekts "Queer Refugees Deutschland" – den Artikel in einem öffentlichen Beitrag auf Facebook, womit sie viel zustimmende Reaktionen erntete.

"Ihr verratet jede Lesbe, jeden Schwulen, jeden Transmenschen, jede einzelne eurer LeserInnen und werft uns unseren Verfolgern und Mördern zum Frass vor", lautete wiederum der Kommentar der East-Pride-Aktivistin Anette C. Detering, die am Ende ihrer Tirade zudem noch persönlich wurde: "Manuela Kay, hast du den Verstand verloren?" Auch wenn Kay den Text selbst gar nicht geschrieben hat, wird die Kritik an ihr als leitender Redakteurin wohl kaum einfach so abgeperlt sein.

Da hilft es auch nicht, dass zwei Monate später die Auseinandersetzung über den Nahostkonflikt innerhalb der queeren Szene selbst zum Schwerpunktthema im Heft wurde. Der Beitrag "Wie die Nahost-Debatte die Community zerreißt" in der Juli-Ausgabe erntete von prominenter Seite erneut deutliche Kritik. Ilona Bubeck etwa, die ehemalige Verlegerin des Querverlags, ist der Ansicht: "Der Beitrag ist doch genauso einseitig, nur harmlos verpackt mit dem Wunsch nach Harmonie. Echte Verständigung sieht anders aus und erfordert Wissen und Aufklärung über die Geschichte Israels. Aber das ist natürlich anstrengend und schafft kein plattes Wir-Gefühl."

Wohin steuert die "Siegessäule"?

Doch auf ein authentisches Wir-Gefühl der Community kommt es der "Siegessäule" an, darauf zielt nun das geplante Genossenschaftsprojekt ab – und das sollte es auch. Folgerichtig ist geplant, die Verantwortung für den Inhalt auf viele Schultern zu verteilen. Was dabei herauskommt, bleibt ohne die Klärung von Grundsatzfragen allerdings offen. Niemand von den Angesprochenen weiß, mit wem genau man sich durch den Kauf eines Geschäftsanteils auf eine Komplizenschaft einlässt. Wohin steuert die "Siegessäule"- und wer gibt künftig die Richtung vor?

Eines ist zumindest klar: Die Kräfteverhältnisse im Verlag werden sich verschieben. Dabei wird es nicht nur auf den neuen Vorstand der Genossenschaft ankommen, für den erst jetzt händeringend Verantwortliche gesucht werden. Denn die "Siegessäule" ist – im Unterschied zu der von Fertig und Kay als Vorbild genannten "taz" – zu einem Großteil auf die Anzeigen aus der Community angewiesen. Und während bundesweit mehr als 25.000 Genoss*innen an der "taz" beteiligt sind, dürfte selbst eine optimistische Schätzung von 1.000 Anteilen an der regional begrenzten "Siegessäule" bei weitem nicht zu einer Überfülle von neuem Kapital sorgen – selbst ein regionales Printmagazin dieser Größe ist weitaus kostspieliger als sich das die meisten vorstellen können.

Zudem drängt die Zeit. Manuela Kay und Gudrun Fertig bringen die Krisensituation in einem Satz ihres Rundschreibens offen zum Ausdruck: "Die wirtschaftliche Situation des Verlags wird immer schwieriger." Es ist davon die Rede, dass die Umwandlung "zeitnah" erfolgen muss.

Für die "Siegessäule" heißt das, innerhalb kurzer Zeit noch mehr Interessierte als bislang zu mobilisieren – und dabei gegebenenfalls mit anderen queeren Institutionen zusammenzuarbeiten. Zudem müssen in der laufenden Vorbereitungsphase verbindliche Leitlinien im Umgang mit konfliktträchtigen Themen formuliert werden.

Ob das Magazin in dieser Form tatsächlich neu aufblüht, kann man nur hoffen – denn in Zeiten von Queerfeindlichkeit, billigem KI-"Journalismus" und mangelnder Solidarität ist die "Siegessäule" so wichtig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Ob das Projekt von Erfolg gekrönt wird, zeigt sich allerdings erst, wenn Transparenz an die Stelle von Andeutungen tritt. Denn eine Community lässt sich nicht gewinnen, indem man sie nur mit Formeln beschwört.

-w-