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Sex, Politik und Zeitungen

Ein Fall von sexueller Denunziation

Heute vor genau 150 Jahren – am 21. Dezember 1875 – wurde Maximilian Pfeiffer geboren. Als Reichstagsabgeordneter (Zentrum) wurde er 1907 das Opfer einer antihomosexuellen Denunziation.


Symbolbild: Reichstagsgebäude im Jahr 1895 (Bild: wikipedia)

Der Autor und Homosexuellenaktivist Richard Linsert (1899-1933) schrieb in seinem lehrreichen Buch "Kabale und Liebe. Über Politik und Geschlechtsleben" (1931, S. 494-505) darüber, dass dem angesehenen ehemaligen Reichstagabgeordneten der katholischen Zentrumspartei Maximilian Pfeiffer (1875-1926) 1907 ein sexuelles Verhältnis mit dem jüngeren Anton Montag vorgeworfen worden war. Außerdem berichtete er von Pfeiffers Kontakten zur frühen Homosexuellenbewegung, womit er das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) von Magnus Hirschfeld meinte, in dem Richard Linsert selbst viele Jahre engagiert war. Was war damals passiert und welche Konsequenzen hatte es für Pfeiffer?

Die Vorgeschichte: Ein Diebstahl und eine Flucht


Maximilian Pfeiffer gehörte von 1907 bis 1918 dem Reichstag des Kaiserreiches an (Bild: Reichstags-Handbuch 1907)

Der 20-jährige Bankangestellte Anton Montag (1887-?) wurde beschuldigt, im Februar 1907 einen Wertbrief in Höhe von 1.431,31 Mark gestohlen zu haben. Er war flüchtig, suchte Zuflucht bei einem Pfarrer in Tübingen, wurde dort verhaftet und vor Gericht gestellt. Am 9. Juli 1907 fand die Gerichtsverhandlung gegen ihn wegen Diebstahls statt. In dieser Gerichtsverhandlung trat sein Freund Pfeiffer als Zeuge auf; es ging u. a. auch darum, ob Pfeiffer Montag bei der Flucht mit Geld geholfen und den Kontakt zu dem Pfarrer vermittelt hatte. Anton Montag wurde wegen Diebstahls zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Pfeiffer geriet unter Druck und stellte eine Strafanzeige wegen "Begünstigung" (der Straftat des Diebstahls) gegen sich selbst ("Gelsenkirchener Allgemeine Zeitung", 13. Juli 1907). Dieses Gerichtsverfahren wurde am 22. Mai 1908 eingestellt ("Sauerländisches Volksblatt", 28. Mai 1908).

Die Denunziation in den Zeitungen

Nach Linserts Schilderung nahm die antihomo­sexuelle Denunziation gegen Pfeiffer folgenden Verlauf: Die "Augsburger Abendzeitung" (21. März 1907) berichtete: "Die dicke Freundschaft Pfeiffers mit dem jugendlichen (Anton) Montag erregte allgemeines Kopfschütteln, umsomehr, als Montag, wenn auch ein hübsches Kerlchen mit zarter Haut, so doch kein Mann ist, der einem gebildeten Menschen als Verkehr genügen kann." Daraufhin erklärte Pfeiffer – so Linsert weiter – im "Bamberger Tageblatt" (26. März 1907), dass es zu "geradezu infamen Gerüchten" gekommen sei. Er dankte "der hiesigen Presse herzlich, daß sie sich nicht zu Mittätern der gemeinen Verleumdung machte", und erklärte, dass er "in keinem Punkte meines privaten und öffentlichen Lebens die Aufklärung zu scheuen habe". Pfeiffer lebte zu dieser Zeit in Bamberg, wo er als Bibliothekar arbeitete.

In den "Münchner Neuesten Nachrichten" (Linsert gibt das Datum 26. März 1907 an, tatsächlich erschien der Artikel am 27. März, siehe unten) wurde auf den Sachverhalt ausführlich eingegangen: Diese Zeitung erwähnte, dass auch die sozialdemokratische "Fränkische Volkstribüne" Pfeiffer "den versteckten Vorwurf eines Verbrechens nach § 175" RStGB gemacht habe. Pfeiffers Freundschaftsverhältnis habe "zu den schmutzigsten Gerüchten Anlaß gegeben". Er habe sich in einer öffentlichen Versammlung verteidigt und erklärt, "ein sexueller Verkehr sei vollständig ausgeschlossen", und er werde "den Beweis bringen, daß er physisch normal gebaut sei". (Diese Formulierung ist – vor dem Hintergrund damaliger Klischees – als Abwehr des Vorwurfs der Homosexualität zu werten.) Einige Monate später, am 9. Juli 1907, wurde der Prozess gegen Montag wegen Diebstahls eröffnet. Der "Augsburger Anzeiger" (Datum von Linsert nicht genannt) brachte einen ausführlichen Prozessbericht. Demnach wurde Pfeiffer vom Gericht "zum Vorwurf gemacht", mit Montag "ein sträfliches Verhältnis unterhalten" zu haben. Dies blieb für Pfeiffer jedoch offensichtlich ohne weitere Konsequenzen. Möglicherweise spielte dabei mit, dass Montag vor Gericht angab, ein Verhältnis mit einem "Mädchen" gehabt zu haben. Dass es keine breit angelegte Denunziation gegen Pfeiffer wegen Homosexualität in den Zeitungen gab, könnte auch daran gelegen haben, dass Pfeiffer mit Verleumdungsklagen drohte oder dass die Anschuldigungen von der bürgerlichen Presse für unglaubwürdig gehalten wurden.

Soweit ohne großen Aufwand möglich, habe ich die von Linsert angegebenen Quellen überprüft. Von den genannten Zeitungen sind nur die "Münchner Neuesten Nachrichten" online verfügbar. Den zitierten aussagekräftigen Artikel habe ich zwar nicht in der Ausgabe vom 26. März, aber in der "Vorabend"-Ausgabe vom 27. März 1907 auf S. 2 gefunden. An Linserts weiteren Quellenangaben und -zitaten habe ich keine Zweifel.


Die wichtigste Zeitungsmeldung zum Skandal ist heute auch online verfügbar: Die "Münchner Neuesten Nachrichten" (27. März 1907) berichten auch über mögliche Verstöße gegen den § 175 RStGB

Pfeiffers Verbindung zur frühen Homo­sexuellenbewegung

An zwei Stellen seines Buches geht Linsert auf Pfeiffers Verbindungen zur frühen Homo­sexuellenbewegung ein. Zum einen ist dies Pfeiffers Antwort auf eine Frage des WhK, "wie er sich zur Abschaffung des § 175 stelle". Pfeiffer antwortete am 1. Januar 1912: "Geehrte Herren! Ich sage kurz 'Ja!'. Sie müssen aber, da das Problem vielen der Herren des Parlamentes ganz fremd oder falsch dargestellt ist, für erneute Aufklärung sorgen. Sonst zweifle ich sehr, ob Sie etwas erreichen werden. Hochachtungsvoll Dr. Pfeiffer" (S. 494-497). Es verwundert, dass trotz des so deutlichen "Ja!" Pfeiffer nie als Unterstützer der Petition zur Abschaffung des § 175 RStGB in den entsprechenden Listen des WhK aufgeführt wurde. Das WhK hätte die Unterschrift eines prominenten Reichstagsabgeordneten wie Pfeiffer sicherlich veröffentlicht. Es ist daher möglich, dass Pfeiffer seinen Standpunkt zum § 175 nicht öffentlich machen wollte, weil er in diesem Punkt in der Zentrumspartei ein Abweichler war. Nach Linsert besuchten "vor einiger Zeit" Abgeordnete der Reichstagsfraktion des Zentrums das WhK, um sich von dem "Material" im Kampf gegen den § 175 (und damit von der Echtheit dieses Briefes) zu überzeugen.


Das Faksimile von Pfeiffers Brief vom 1. Januar 1912 (Auszug) wurde von Richard Linsert in "Kabale und Liebe" (1931) erstmals veröffentlicht

Zum anderen berichtet Linsert: "Noch in den Jahren 1922 bis 23 ließ er (Pfeiffer) sich über den Stand der Bewegung gegen den § 175 ausführlich Bericht erstatten und gab wertvolle Anregungen, um die Kampfkraft der Bewegung zu verstärken" (S. 505). Vor dem Hintergrund, dass man ihn 1907 als homo­sexuell zu diskreditieren versucht hatte, ist seine indirekte Unterstützung beachtenswert. Daher war Pfeiffer vielleicht nicht der einzige "Betroffene", der sich in einem homophoben Umfeld bewegte und der das WhK daher nur indirekt und nichtöffentlich zu unterstützen wagte. Für mich wäre es naheliegender gewesen, wenn sich Pfeiffer nach 1907 aufgrund seiner negativen Erfahrungen nicht mehr zur Homosexualität geäußert hätte. Für Linsert waren seine Äußerungen offensichtlich nachvollziehbar, gerade weil er am eigenen Leibe gemerkt hatte, wie schnell man zum Opfer einer sexuellen Denunziation werden konnte.

Pfeiffer und die Politik der Zentrumspartei


Richard Linsert (1899-1933) war Publizist und Sexualwissenschaftler (Bild: James Steakley / wikipedia)

Pfeiffer war Mitglied des Reichstages für die Deutsche Zentrumspartei, der Partei der Katholik*­innen und des politischen Katholizismus. Aufgrund ihrer katholischen Ausrichtung stand sie dem Anliegen des WhK insgesamt strikt ablehnend gegenüber. Mit seiner liberalen Haltung nahm Pfeiffer in seiner Partei eine Minderheitsposition ein. Er war ein profilierter Vertreter des "linken" Flügels dieser Partei, förderte die christlichen Gewerkschaften und trat für die Weimarer Republik ein. Interessant ist außerdem, dass Pfeiffer nach 1918 – obwohl er in Bayern lebte – nicht der reaktionären Bayerischen Volkspartei (BVP) beitrat, sondern weiterhin für die Zentrumspartei in Berlin kandidierte (ähnlich wie heute CSU und CDU bildeten diese beiden Parteien auf Reichsebene einige Jahre lang eine Fraktionsgemeinschaft). Auch diese Hintergründe passen gut zu Pfeiffers ungewöhnlicher Aufgeschlossenheit gegenüber der WhK-Petition.

Heute falsch kolportiert: Es gab nie ein Verfahren wegen § 175 RStGB

Bernd-Ulrich Hergemöller schrieb in seinem biografischen Lexikon "Mann für Mann" (2010, S. 922-923) zu Pfeiffer: Ihm "wurde vom Bamberger Gericht vorgeworfen, 'unerlaubte Beziehungen' zu dem 19jährigen Bankangestellten Anton Montag (zu) unterhalten (…). Es gelang P. jedoch, die Gerichtsverhandlung auf dem Vergleichswege zu beenden." Das ist eine missverständliche Formulierung.

In Wikipedia wurde daraus die Falschinformation: "Vor dem Bamberger Amtsgericht wurde Pfeiffer wegen § 175 angeklagt (…). Das Verfahren wurde auf dem Vergleichswege beendet." (Die dort angegebene Seitenzahl 533 bezieht sich auf eine frühere Ausgabe von "Mann für Mann".) Ein Verfahren gegen Pfeiffer wegen § 175 RStGB hat es jedoch nie gegeben und der Wikipedia-Text sollte entsprechend korrigiert werden.

Was bleibt …

… ist eine für Pfeiffer recht glimpflich verlaufene Denunziation, die ihm politisch nicht schadete. Wenn Pfeiffer zu einer Haftstrafe verurteilt worden wäre, würde ich den Fall übrigens nicht spannender finden. Es geht mir nicht darum, festzustellen, ob Maximilian Pfeiffer homo­sexuell war, und ihn als Homo­sexuellen zu vereinnahmen. Vielmehr möchte ich – mit der gleichen Intention wie Linsert – an diesem Beispiel zeigen, was eine sexuelle Denunziation damals bedeutete, in welcher Form Pfeiffer denunziert wurde und wie er darauf reagierte. Pfeiffers Denunziation lässt sich auch in Verbindung mit der Harden-Eulenburg-Affäre (1907-1909) betrachten. Diese Gerichtsverfahren und die Berichte darüber führten der Bevölkerung eindrucksvoll vor Augen, wie effektiv sexuelle Denunziationen sein konnten und dass manchmal schon ein Verdacht ausreichen konnte, um eine missliebige Person zu schädigen. Heutzutage gibt es mehrere Sachbücher, die sich mit dem Phänomen der sexuellen Denunziation befassen und aufzeigen, dass die Gründe für eine solche Tat politische Interessen, private Konflikte oder andere unterschiedliche Motive sein können.

Linsert zeigt erkennbar großen Respekt vor Pfeiffer, den er zu den Fähigsten seiner Partei zählte und ihn sogar dafür lobte, in diesem "Skandal einen außerordentlichen persönlichen Mut" bewiesen zu haben. Für Linsert war dieser Fall "ein Schulbeispiel für die außerordentliche Gefahr, die gleich­geschlechtliche Beziehungen für den aktiven Politiker haben können", und einer "der erstaunlichsten Fälle unseliger Verkettung von Politik und Geschlechtsleben". Pfeiffer sei aber zum Glück "mit einem blauen Auge davongekommen".

-w-