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Interview

"Die Geschichte wiederholt sich gerade – aber als schlechter Witz"

Mit "Deutschland plant den Frieden" hat queer.de-Autor Wolfgang Walter ein Buch über Rüstung, Krieg und deutsche Politik veröffentlicht. Wir sprachen mit ihm über den zweiten Band seiner "Kölner Sudelbücher".


Das neue Buch "Deutschland plant den Frieden" von Wolfgang Walter ist seit Anfang des Monats im Buchhandel erhältlich (Bild: privat)
  • Von Thomas Stölting
    21. Dezember 2025, 11:34h 5 Min.

Du schreibst als schwuler Autor vorwiegend über queere Themen. Warum jetzt ein Buch über Rüstung, Krieg und deutsche Politik?

Das Thema ist eng mit meiner eigenen Biografie verbunden. Ich wurde – wie alle jungen Männer in den 1970er Jahren – gemustert und sollte zum Wehrdienst eingezogen werden. Das war aber gegen meine Überzeugung. Ich verweigerte also den Kriegsdienst und musste schließlich in einem Gerichtsprozess meine Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer erkämpfen.

Heute wird schon wieder über die Einführung einer Wehrpflicht diskutiert. Das ist wie ein Rückschritt in die Zeit des Kalten Krieges.

Es gibt jetzt ein neues Wehrdienstgesetz und damit eine neue Musterungspflicht für junge Männer ab Jahrgang 2008. Gefragt wurden Jugendliche dazu nicht – und die Gesellschaft erfährt davon, wie von einer Baustellenabsperrung: "Ab hier bitte folgen." Die Regierung sagt jetzt: "Niemand wird gezwungen." Der Gesetzestext sagt aber: "Falls nicht genug kommen, wird gezwungen." Freiwilligkeit ist also ein Wort mit Verfallsdatum. Wie verlogen ist das denn? Dazu will und kann ich nicht schweigen.

Und für meine Rechte kämpfen musste ich damals auch als schwuler Mann. Schließlich gab es nicht nur die Wehrpflicht. Es gab auch noch den § 175, für dessen Abschaffung wir auf die Straße gegangen sind und Unterschriften gesammelt haben. Das eine wie das andere gehört für mich zusammen. Da gibt es für mich keine Trennung in heterosexuelle oder homosexuelle Interessen.

An welche Zielgruppe wendet sich Dein neues Buch?

"Aus der Nische für alle", ist wohl eine passende Beschreibung. Denn Krieg – das wird gerne verdrängt – betrifft uns alle. Der Krieg in der Ukraine ist kein fernes Ereignis, das sich in fremden Landschaften abspielt, er ist Teil unserer Gegenwart. Wir können uns einreden, dass wir nur Beobachter sind, neutrale Zuschauer in einem Drama, das andere austragen. Aber in Wahrheit sind wir längst Figuren auf der Bühne – ob wir wollen oder nicht.

Ein Kapitel in meinem Buch heißt: "Eros & Krieg: Homoerotische Verklärungen und queere Lebensläufe im Schatten der Front". Es sind aufwühlende Geschichten über queere Menschen, die in den Schützengräben vergangener Kriege Dinge gesehen und erlebt haben, die wir uns kaum vorstellen können. Aber wir sollten daraus lernen, wenn wir heute über aktuelle Kriege lesen oder über eine neue Wehrpflicht reden. Und die betrifft – wenn es dazu kommt – Heteros und queere Menschen gleichermaßen.

Das Titelbild Deines Buches ist sehr provokant. Eine Handgranate als ironischer Gegenpart zum Titel "Deutschland plant den Frieden". Ist unser Land wirklich so widersprüchlich?

Gut, dass Du "unser Land" sagst. Denn in der Tat ist es auch mein Land, in dem ich gerne lebe und gerne zu Hause bin. Das bedeutet aber nicht, dass ich mit allem einverstanden bin, was sich derzeit hier abspielt. Ich möchte in einem Land leben, das mit aller Kraft für friedliche Verhältnisse einsteht und eine Zukunft plant, die auch noch kommenden Generationen Bedingungen bereitstellt für eine intakte Umwelt und eine vielfältige und bunte Gesellschaft. Krieg ist das Gegenteil davon. Wenn wir es nicht schaffen, Kriege zu beenden, hat niemand in diesem Land eine Zukunft. Jeder europäische Krieg würde Deutschland in ein einziges Schlachtfeld verwandeln.

In der aktuellen politischen Debatte herrscht ein ohrenbetäubender Gleichklang: Waffenlieferungen, Abschreckung, Aufrüstung. All dies sind Furcht einflößende und vielleicht manchmal unvermeidliche Mittel. Doch wo bleibt das leise, fast unscheinbare Wort "Verhandlung"? Es klingt schwach, beinahe kompromittierend – und ist doch die einzige Sprache, in der Frieden je geschrieben wurde. Kriege beginnen mit Kanonen, sie enden an Tischen, an denen Menschen reden.

Gut gesprochen. Aber geht dieser Appell nicht ins Leere, wenn doch nur die Großmächte entscheiden über Waffenruhe und Friedensverträge?

Vielleicht ist das so. Oder besser: Unsere derzeitige Regierung verhält sich immer noch so, als sei unser einziger Schutz die "Vasallentreue" zur Großmacht USA. Aber ist das wirklich so? Ich bin nicht oft einer Meinung mit Sozialdemokraten. Aber Sigmar Gabriel hat es auf den Punkt gebracht: "Für den Ernstfall ist Europa das nukleare Schlachtfeld. Die USA führen ihre Abschreckungspolitik vom sicheren Ufer aus – Deutschland steht im Feuerkreis. Diese Asymmetrie ist kein Kollateralschaden, sie ist Kalkül."

Die Geschichte wiederholt sich gerade – aber als schlechter Witz. Wieder lässt Deutschland fremde Raketen auf seinem Boden zu, wieder wird die Bevölkerung vor vollendete Tatsachen gestellt, wieder wird Aufrüstung als Friedenspolitik verkauft. Darauf will ich in meinem Buch aufmerksam machen. Es ist eine Einladung, den Zwischenraum zu betreten – zwischen Krieg und Frieden, zwischen Pathos und Nüchternheit, zwischen Angst und Hoffnung. In diesem Zwischenraum entscheidet sich, wohin Deutschland geht. Nicht irgendwann, sondern jetzt.

Gibt es denn eine realistische Perspektive, wie wir unser Land schützen können?

Die Antwort sollten wir nicht in den Schlagzeilen oder in den schnellen Parolen der Talkshows suchen. Ich glaube, wir brauchen ein "neues Helsinki". Eine neue europäische Sicherheitsarchitektur, die nicht mehr bloß ein Abbild amerikanischer Interessen ist. Eine "KSZE 2.0". Das hat schon einmal funktioniert, als die Welt ganz real vor einem möglichen Atomkrieg mit der damaligen Sowjetunion stand. Eine Sicherheitskonferenz, verhandelt von Europäern, mit Russlands Einbindung. Wer den Frieden will, muss über eingefrorene Konflikte reden, über Grenzen, die nicht einfach so verschwinden.

Natürlich klingt das naiv, solange Bomben auf die Ukraine fallen. Aber moralische Empörung reicht nicht. Realpolitik heißt, Szenarien zu entwickeln, bevor es für alle zu spät ist. Wer auf einen "Sieg" der Ukraine setzt, unterschätzt die Kräfteverhältnisse. Wer nur Waffen liefert, verlängert den Krieg. Wer aber verhandelt, könnte wenigstens die Grundlage für eine Nachkriegsordnung legen.

Infos zum Buch

Wolfgang Walter: Deutschland plant den Frieden. Kölner Sudelbücher No.2. 168 Seiten. BoD – Books on Demand. Norderstedt 2025. Taschenbuch: 15,99 € (9-783-69514-508-9)

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