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Queeres Liebesdrama

Warum "10Dance" eine große Enttäuschung ist

Im neuen Netflix-Film "10Dance", der auf der gleichnamigen Boy-Love-Mangareihe basiert, entdecken zwei rivalisierende Profitänzer ihre Gefühle füreinander – leider bedient Regisseur Keishi Ōtomo vor allem Klischees.


Szene aus "10Dance": Sugiki und Suzuki treten in einem Tanzturnier gegeneinander an (Bild: Netflix)

Als Shinya Suzuki und Shinya Sugiki – ja, diese Namensähnlichkeit ist mehr als nur ein beiläufiges Detail – erstmals aufeinandertreffen, geschieht dies im Rahmen der japanischen Tanzmeisterschaft. Beide gehen als Sieger aus ihren jeweiligen Disziplinen hervor: Sugiki im Standardtanz, Suzuki im lateinamerikanischen Tanz. Doch schon in diesem Moment wird eine Hierarchie etabliert: Während Sugiki die Aufmerksamkeit der Medien und Paparazzi auf sich zieht, scheint sich kaum jemand für Suzukis lateinamerikanische Performances zu interessieren. Erst als sein Rivale ihn zum titelgebenden Wettbewerb provoziert – einem Tanzturnier, bei dem zehn verschiedene Tänze aus beiden Stilrichtungen beherrscht werden müssen -, setzt die eigentliche Dramaturgie des Films ein.

Die Verfilmung des gleichnamigen Mangas von Satō Inoue ist auf mehreren Ebenen unerquicklich. Beginnen wir mit dem offensichtlichsten Bruch: Der titelgebende Tanzwettbewerb wird im Film letztlich nie gezeigt. Stattdessen arbeitet man sich durch eine mit 128 Minuten überdehnte und erstaunlich spannungsarme Laufzeit. Regisseur Keishi Ōtomo löst das im Titel formulierte Versprechen nicht ein. Was bleibt, ist die Darstellung einer schwulen Rivalität zwischen zwei Tänzern – ein Motiv, das weder originell noch dramaturgisch tragfähig ausgearbeitet ist. Die beiden Hauptfiguren finden nicht glaubwürdig zueinander, verfügen über kein erkennbares emotionales Rückgrat, und ihre Beziehung oszilliert zwischen kompetitivem Ehrgeiz und grober sexueller Anziehung. Diese Dynamik bleibt jedoch bemerkenswert folgenlos und lässt einen weitgehend unberührt zurück.

Ein Dauerlaufband aus Sexismus


Poster zum Film: "10 Dance" ist seit 18. Dezember 2025 bei Netflix verfügbar

Immer wieder betont der Film, dass Tanz über den Körper Geschichten erzähle. Doch diese Geschichten werden nie wirklich erzählt. Wenn sich die Hauptfigur Suzuki (Ryōma Takeuchi) selbst als jemand mit "lateinamerikanischem Blut" bezeichnet, verlangt das nach Kontextualisierung. Stattdessen wird seine kubanische Mutter lediglich über eine Aneinanderreihung exotisierender Klischees eingeführt: Kuba als Ort von "Musik, Tanz, Rum, Romanze und Meer". Suzukis Charakter wird auf eine stereotype Figur des party- und sexorientierten Menschen reduziert – eine Darstellung, die nicht nur flach, sondern auch rassistisch konnotiert ist. Sugiki (Keita Machida) steht dem in problematischer Weise kaum nach: großgezogen von einer US-amerikanischen Tanzvorsitzenden und erzogen mit dem erklärten Ziel, ein Gentleman zu werden, bleibt auch er eine schablonenhafte Konstruktion.

Interessant – und letztlich ungenutzt – ist die wiederholte Präsenz des Begriffs "Ballroom" auf Bildschirmen und in Schriftzügen, der hier eindeutig im Sinne einer bürgerlich-institutionalisierten Hochkultur verstanden wird und nicht als Verweis auf die queere Ballroom-Subkultur. Gezeigt wird ein Hochglanzparkett, das sich über strenge Normen, rigide Regelwerke und klar binär organisierte Rollenverteilungen zwischen Mann und Frau definiert. Gerade vor diesem Hintergrund hätte sich eine reflektierende Brechung oder zumindest eine kritische Kommentierung aus queerer Perspektive angeboten. Stattdessen reproduziert der Film diese Ordnung nahezu widerspruchslos und etabliert ein ästhetisches und erzählerisches Dauerlaufband aus Sexismus.

Die Tanzpartnerinnen sind nur dekorative Begleitfiguren

Zwar erlaubt sich der Film in einer kurzen Szene einen Moment der Reflexion über die schmerzhafte Körperhaltung von Tänzerinnen im Walzer – den weit nach hinten gekrümmten Rücken, die hohen Absätze -, doch bleibt dieser Ansatz folgenlos. Die beiden Tanzpartnerinnen Aki Tajima (Shiori Doi) und Fusako Yagami (Anna Ishii) erhalten keinerlei Profil oder Tiefe; über die gesamte Laufzeit hinweg fungieren sie lediglich als dekorative Begleitfiguren ihrer männlichen Partner, ohne eigene Perspektive, ohne narrative Autonomie. Besonders deutlich wird dies in einer Szene, in der Sugiki zu seiner Partnerin sagt: "Als meine Partnerin lasse ich Sie heute schöner tanzen als alle anderen im Saal. Ich will, dass alle Tänzerinnen sagen: 'Fusako Yagami ist wunderschön. Ich will wie sie sein.' Sie dazu zu bringen, wäre für mich äußerst erfüllend." Während dieses Monologs sieht man Fusakos Gesicht kein einziges Mal. Die Szene kreist ausschließlich um den Selbstanspruch des vermeintlichen Gentlemans – eine Pose, die letztlich nichts anderes als selbstgefällige Verlogenheit offenbart.

Direktlink | Englischer Trailer zum Film
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Selbst in dem Moment, in dem Sugiki seinem Rivalen und zugleich sexuellen Projektionsobjekt gesteht, er habe seine frühere Tanzpartnerin verbal erniedrigt und massiv unter Druck gesetzt, bleibt der Film erschreckend folgenlos. Nach sekundenlangem Nachdenken reagiert Suzuki mit einer Antwort, die einen tatsächlich die Haare raufen lässt: Sugiki sei schlicht "langweilig". Er geht. Fünf Minuten später fallen beide in der U-Bahn übereinander her und küssen sich minutenlang. Vor dem Hintergrund der zuvor benannten patriarchalen Gewalt und Demütigung wirkt diese Wendung nicht nur unerquicklich, sondern vollständig entleert von emotionaler oder ethischer Konsequenz.

Dem Film fehlt die Liebe

Hinzu kommen eine auffallend stereotype musikalische Untermalung – etwa Yirumas "River Flows in You" – sowie eine Untertitelung, die Sätze wie "Bring ihnen Latein bei" ausspuckt. Der Film springt unmotiviert zwischen Zeitebenen, ohne dabei etwas Substanzielles zu erzählen – etwa den titelgebenden Wettbewerb. Es entsteht eine spürbare Inkongruenz zwischen flotter Musik, trägem Erzähltempo und langsamem Schnitt. Zwar wissen die Hauptdarsteller ihre Körper durchaus zu bewegen, doch die Tanzsequenzen werden zu häufig und zu sentimental unterbrochen: durch Blickdynamiken, durch Zeitlupen, durch großspurige Reflexionen über den Sinn der eigenen Leidenschaft.

Wenn bei den Tanzwettbewerben immer wieder betont wird, Tanz entstehe aus Liebe, dann drängt sich bei "10Dance" ein bitteres Fazit auf: Genau daran mangelt es diesem Film. Ihm fehlt die Liebe.

Infos zum Film

10Dance. Liebesdrama. Japan 2025. Regie: Keishi Ōtomo. Cast: Ryoma Takeuchi, Keita Machida, Shiori Doi, Anna Ishii. Laufzeit: 128 Minuten. Sprachen: deutsche Synchronfassung, japanische Originalfassung. Untertitel: Deutsch (optional). FSK 12. Seit 18. Dezember 2025 bei Netflix
Galerie:
10Dance
25 Bilder
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