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Kinotipp
Jung, gläubig, muslimisch – und in eine Frau verliebt
Als die 17-jährige Fatima merkt, dass sie auf Frauen steht, beginnt für die gläubige Muslimin ein Doppelleben zwischen Moschee und queeren Clubs. "Die jüngste Tochter" gilt schon jetzt als Klassiker des postmigrantischen queeren Kinos.

Szene aus "Die jüngste Tochter": Muss sich Fatima wirklich zwischen Religion und Liebe entscheiden? (Bild: Katuh Studio / Arte France / mk2Films / Alamode Film)
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23. Dezember 2025, 05:24h 4 Min.
Das jüngste Kind nimmt oft eine besondere Rolle in Familien ein. Es darf mehr, weil die älteren Geschwister so manche Kämpfe schon gekämpft haben. Es wird verwöhnt und umsorgt und gern ein Auge zugedrückt, wenn was schiefläuft. Das Deutsche hat das liebevolle Wort Nesthäkchen hervorgebracht, weil das jüngste Kind am längsten im Nest hockt.
Auch Fatima ist so ein Nesthäkchen. Sie ist 17 und beendet bald die Schule. Das haben ihre zwei älteren Schwestern schon geschafft, was die Eltern mächtig stolz macht. Sie sind eine algerische Einwandererfamilie – die Kinder sollen es besser haben als die Eltern, Erfolg in der Schule ist also wichtig.
Ihre Sexualität verwirrt Fatima

Poster zum Film: "Die jüngste Tochter" startet am 25. Dezember 2025 bundesweit in den Kinos
Doch Fatima ist kein typisches Mädchen. Viel zu wenig feminin, machen sich die Schwestern über sie lustig. Sie spielt Fußball, trägt ihr Haar streng zu einem Pferdeschwanz gebunden und lacht wenig. Sie macht einfach ihr Ding.
Das Gebet zu Allah gehört zu ihrem Alltag. Gleichzeitig merkt sie, dass sie sich mehr für Frauen als für Männer interessiert. Die 17-Jährige ist verunsichert. Muss sie sich wirklich zwischen Religion und Liebe entscheiden?
Im Frühling beginnen Fatimas Gefühle
"Die jüngste Tochter" erzählt, aufgeteilt in die vier Jahreszeiten, ein Jahr im Leben von Fatima. Es wird ein Jahr, das sie verändert zurücklässt. Im Frühling wacht nicht nur die Natur auf, auch ihre Gefühle für Mädchen und Frauen erstarken.
Die französische Regisseurin Hafsia Herzi ist selbst als jüngstes Kind einer algerisch-tunesischen Familie aufgewachsen. Ihr Film basiert auf dem gleichnamigen autofiktionalen Roman, der vielfach ausgezeichnet wurde.
Was der Imam sagt, rührt Fatima zu Tränen
Das Drama erzählt von Konflikten in der Schulklasse, wo Fatima als Lesbe beschimpft wird, von ersten Dates mit älteren und gleichaltrigen Frauen, von zarten Annäherungen, vom Verliebtsein und von wilden Partys mit Zungenküssen. Aber auch von Enttäuschungen und Unsicherheiten sowie von einem echten Lächeln auf der ersten Pride-Demonstration. Kurz: "Die jüngste Tochter" ist ein klassischer Coming-of-Age-Film.
Der entscheidende – und doch gar nicht so große – Unterschied: Fatima ist gläubige Muslimin. So sucht sie Rat bei einem Imam, dem sie ihre Geschichte als die "einer Freundin" erzählt. Was er ihr berichtet, rührt sie zu Tränen.
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Islam und Queerness müssen sich nicht widersprechen
"Die jüngste Tochter" zeigt, wie universell queeres Aufwachsen sein kann, wie ähnlich die Kämpfe gelagert sind, wie empowernd es aber auch ist, in einer Community Halt und Unterstützung zu finden – und vielleicht sogar mehr.
Und natürlich macht das Drama deutlich, dass auch gläubige Musliminnen queer sein können. Eine Selbstverständlichkeit, die so selbstverständlich nicht ist – weder für manche Muslim*innen noch für Teile der Mehrheitsgesellschaft, die dem Islam gerne pauschal Rückständigkeit andichten. Es ist komplizierter, wie immer.
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Eine positive Darstellung der Banlieue
Auch auf einer weiteren Ebene erschafft "Die jüngste Tochter" neue, ungewöhnliche Bilder: Die Familie von Fatima lebt in einer Banlieue. Die Vororte von Paris haben oft einen schlechten Ruf, weil vergleichsweise viele Menschen hier arbeitslos sind oder schlecht verdienen.
Doch Fatimas Familie hat mit den Stereotypen nichts zu tun, in ihr herrscht Liebe und Zuneigung. Das liegt auch daran, dass Regisseurin und Drehbuchautorin Hafsia Herzi den Vater deutlich positiver zeichnet, als er im Buch dargestellt wird.
Keine visionäre Geschichte – aber zugänglich
Besonders beeindruckend ist die Leistung von Hauptdarstellerin Nadia Melliti. Die Newcomerin ohne Schauspielerfahrung wurde bei einem Straßencasting entdeckt. Hafsia Herzi passte ihre Figur sogar an die fußballbegeisterte Teenagerin an. Nadia Melliti spielt Fatima zurückhaltend, nur in wenigen Momenten laut. Dafür gewann sie in Cannes den Preis als beste Darstellerin – nachdem im vergangenen Jahr der Cast von "Emilia Pérez" ausgezeichnet wurde.
Es war nicht die einzige Auszeichnung für das Drama: "Die jüngste Tochter" erhielt darüber hinaus die Queer Palm. Der Film mag vielleicht in seiner Erzählung genau wie in seiner Form wenig visionär erscheinen. Doch das macht ihn besonders zugänglich – und schon jetzt zu einem Klassiker des postmigrantischen queeren Kinos. Noch viele queere Menschen, ob muslimisch oder nicht, werden sich darin wiedererkennen.
Die jüngste Tochter. Drama. Frankreich, Deutschland 2025. Regie: Hafsia Herzi. Cast: Nadia Melliti, Park Ji-Min, Amina Ben Mohamed, Melissa Guers, Rita Benmannana. Laufzeit: 108 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Alamode Film. Kinostart: 25. Dezember 2025
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