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Buchtipp

Wie es der schwule Teenager Tassilo raus aus der DDR geschafft hat

Tassilo will in den Westen – und wird sogar von seiner eigenen Mutter bespitzelt. Der beeindruckende Roman "Zwei, drei blaue Augen" von Victor Schefé nutzt die DDR nicht nur als Kulisse, sondern zeigt, wie das Leben in der Diktatur war.


Archivbild: FDJ-Mitglieder 1979 in Ost-Berlin (Bild: IMAGO / SMID)

"Spektakel". Das ist der Deckname, den sich das Ministerium für Staatssicherheit für Tassilo ausdenkt. Es ist 1985, der Jugendliche hat im vergangenen Jahr die 10. Klasse abgeschlossen. Aus seiner Abneigung gegenüber der DDR machte er nie ein Geheimnis. Und noch mehr: Er will die Diktatur verlassen, er will – nein, er muss – in den Westen.

Deshalb will die Stasi "Anhaltspunkte zu Vorbereitungshandlungen für ein widerrechtliches Passieren der Staatsgrenze der DDR eindeutig klären" sowie "einen ungesetzlichen Grenzübertritt verhindern". So steht es in den Akten. Kurz: Tassilo soll DDR-Bürger bleiben. Und die Stasi wird alles dafür tun, damit das so bleibt.

Auch seine Mutter berichtet der Stasi

Dafür werden Spitzel Tassilo beobachten, auf der Arbeit, auf Reisen nach Tschechien, sie werden sich in der Nachbarschaft umhören und Inoffizielle Mitarbeiter*innen auf ihn ansetzen. Sogar seine eigene Mutter, eine Journalistin, wird über ihren Sohn berichten – und nicht nur das.

Was die Stasi bei ihren Aktionen auch herausfinden: Tassilo will nicht nur dem Staatssozialismus den Rücken kehren. Er ist auch noch homosexuell. Der Überwachungsstaat schlägt zu.

Originale Akten und Tagebucheinträge


Victor Schefé ist vielen als Schauspieler, Sänger und Filmemacher bekannt. 2021 war er Erstunterzeichner der Initiative #ActOut (Bild: Dorothea Tuch)

Der Schauspieler Victor Schefé, bekannt aus einer Vielzahl von Fernsehfilmen und -serien wie "Bewegte Männer", erzählt in seinem herausragenden Roman "Zwei, drei blaue Augen" (Amazon-Affiliate-Link ) seine eigene Fluchtgeschichte. Er ist der Ich-Erzähler Tassilo, er streifte später seinen Namen ab, "der steht im Weg, der sitzt mir im Nacken". Es sind Akten, Berichte und Vermerke über ihn sowie seine eigenen Tagebucheinträge, die im Buch abgedruckt sind. Das Foto auf dem Cover zeigt ihn als Kind.

Und doch handelt es sich um einen Roman, ein autofiktionales Werk, das durch die Vielzahl an Originaldokumenten jedoch einen starken dokumentarischen Charakter erhält. Dazu trägt auch bei, dass reale Ereignisse wie die Atomkatastrophe von Tschernobyl miterzählt werden.

"Endlich werden auch wir Jungpioniere"

Victor Schefé erzählt nicht chronologisch, sondern springt fröhlich hin und her. Der Roman beginnt am Tag des Mauerfalls, dem 9. November 1989, wo am Kurfürstendamm ein "Volksfreudenvulkan" ausbricht. Es folgen Szenen über seine Kindheit in Rostock mit unschuldigen, aber nie naiven Gedanken zur DDR, etwa über den "Freudentag, denn endlich werden auch wir Jungpioniere". Oder über seine vielen Jobs als Kellner oder am Theater – und natürlich über Männer, Dates, erste Lieben und große Dramen.

So wird das Bild des schwulen Teenagers, der aus der DDR fliehen möchte, auf 450 Seiten nach und nach vollständiger. Diese anachrone Erzählweise ist ein beliebtes Mittel, um eine Geschichte spannend zu gestalten, und sie funktioniert auch in "Zwei, drei blaue Augen".

Tassilo muss Spitzel abwimmeln

Doch es ist vor allem Victor Schefés Sprache, die den Roman zu einer beeindruckenden Lektüre machen. Oft schreibt er kurze, auch unvollständige Sätze und lässt gekonnt weg – so entsteht ein treibender, drängender Ton, der die Unmittelbarkeit des Ganzen betont. Und Schefé denkt sich neue Worte aus, spielt mit Ironie – jeweils passend zu dem Alter, über das er gerade schreibt.

Viel Raum nehmen dabei sowohl seine schwulen Erlebnisse als auch sein Ausreiseantrag ein. Tassilo fährt oft von Rostock nach Berlin, wo er genauso systemkritische Menschen kennenlernt, die zu Freund*­innen werden. Sie planen seinen Antrag penibel, denn der will perfekt vorbereitet sein, sie denken sich Codewörter aus und wimmeln Spitzel ab.

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Verliebt in den Austauschstudenten


"Zwei, drei blaue Augen" ist in Oktober 2025 bei dtv erschienen

Und sie tauschen Westliteratur und -musik aus – die Musik, von Nina Hagen bis zur geschmuggelten Platte von Tina Turner, spielt eine besondere Rolle in "Zwei, drei blaue Augen", es gibt sogar eine eigene Playlist zum Roman.

In Berlin begegnet er auch anderen schwulen Männern. Tassilo lernt etwa Will kennen, den Tänzer an einem Theater, "mit dem ich so was wie ein Techtelmechtel habe". Später verliebt er sich in Mikis, einen zyprischen Austauschstudenten, der in Prag lebt und in Berlin zu Besuch ist: "Erster Kuss. Wird erst mal kein Dinner geben. Wir haben genug. Alles schmeckt. Alles duftet. Alles weich. Alles hart. Alles fließt." Also geht es immer häufiger in die Hauptstadt Tschechiens, dorthin kann Tassilo immerhin reisen.

Ein bemerkenswerter zeitgeschichtlicher Roman

Erste Küsse, erster Liebeskummer – vieles fühlt sich in der DDR an wie überall. Und doch gibt es riesige Unterschiede. Tassilo weiß, dass die Stasi ihn auf dem Schirm haben muss. Ein NVA-Soldat, mit dem er sich einlässt, wurde wohl von der Staatssicherheit geschickt. Der Teenager wird vorsichtiger. "Sogar Sex habe ich mir das gesamte Jahr über versagt, aus Angst, auch da in eine Schlinge zu tappen."

Und so zeigt Victor Schefés Roman eindrücklich, wie hart, einschränkend und erniedrigend das Leben in der Diktatur ist – ein hochpolitisches Werk, ohne belehrend zu sein. Der Roman verdeutlicht, was Zweifel und Misstrauen mit einem Menschen machen, aber auch, wie enorm der Drang nach Freiheit sein kann. "Zwei, drei blaue Augen" ist ein bemerkenswerter zeitgeschichtlicher Roman, der die DDR als Unrechtsstaat greifbar macht.

Doch Tassilo hat es geschafft. Er wurde zu Victor.

Infos zum Buch

Victor Schefé: Zwei, drei blaue Augen. Roman. 472 Seiten. dtv Verlagsgesellschaft. München 2025. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-423-28514-8), E-Book 18,99 Euro.

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