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Jahresrückblick, Teil IV
Die queeren Songs des Jahres 2025
Zum ersten Mal würdigen wir in unserer Jahresrückblick-Serie auch die Musikwelt. Denn 2025 hielt für die queere Community einige Songs bereit, die die Pride-Playlist perfekt erweiterten. Zwölf Beispiele von queeren Artists und wichtigen Allys.

Lady Gaga im Musikvideo zu "Abracadabra"
- Von Christopher Filipecki
24. Dezember 2025, 08:25h 7 Min.
Lady Gaga: Abracadabra
Gerade erst wurde "Abracadabra" von Lady Gaga laut der amerikanischen Ausgabe des Rolling Stone zum besten Song des Jahres gekürt. Eine Ehre, die selten mainstreamigen Pop-Songs gebührt. Doch zweifelsfrei war 2025 Lady Gagas Jahr. Das erste Mal seit 2009, als sie mit "Poker Face", "Paparazzi" und "Bad Romance" die Welt dominierte, waren Radios, Kritiker*innen wie Fans gleichermaßen hinter ihren neusten Hits her. "Abracadabra" umfasst alles, was ein herausragender Lady-Gaga-Song benötigt – einen Ohrwurm, einen stampfenden Beat, starke Vocals und einen Hang zum Verrückten. Und dann existiert mit "The Dead Dance" gleich noch eine weitere Single von ihr, die dem Ganzen fast ebenbürtig erscheint. Chapeau!
Chappell Roan: The Subway
Nachdem 2024 auf einmal alle von den Songwriting-Skills von Chappell Roan begeistert waren und "Good Luck Babe", "Pink Pony Club" sowie "Hot To Go" auf jedem CSD auf Heavy Rotation liefen, war es alles andere als leicht, daran anzuknüpfen. Die 27-jährige lesbische Künstlerin hat das Beste getan, was sie hätte tun können, nämlich sämtliche Erwartungen nicht zu erfüllen und stattdessen etwas ganz anderes zu machen. Mit "The Subway" gibt es seit Sommer eine verträumte klassische Pop-Ballade, die sich mit dem Gefühl beschäftigt, die Person, in die man verliebt ist, endlich als irgendeine Person in der U-Bahn betrachten zu können. Fühlen wir doch alle.
Rosalía: Berghain
Sagen wir so: Wenn man liest, dass ein Song "Berghain" heißt, hat man ziemlich konkrete Vorstellungen davon, wie er wohl klingt – aber Rosalía überrascht, und das in großen Ausmaßen. Techno? Nicht zu einer Sekunde. Stattdessen ein Mittelweg aus spanischer Folklore, deutschen Lyrics, Symphonieorchester, Chor, Avantgarde und Hip-Hop-Parts, der so absurd wie genial wirkt. Die aus Barcelona stammende Songwriterin erreichte mit ihrem neuen Album "Lux" auf fast allen relevanten Plattformen die Höchstwertung und holt für die nächste Generation das Crossover aus Klassik und Pop zurück. Zu ihrer Sexualität macht Rosalía zwar keine konkreten Angaben, war jedoch zuletzt mit der trans Schauspielerin Hunter Schafer liiert.
Abor & Tynna: Baller
Endlich! Für deutsche Eurovision-Song-Contest-Fans geschah diesen Frühling ein Wunder. Nach einer gefühlt endlosen Aneinanderreihung von wenig oder sogar gar nicht würdigen ESC-Beiträgen der letzten Jahre traute man sich, doch mal einen Beitrag zu schicken, der auch bei Menschen unter 30 richtig gut funktioniert. "Baller" von dem österreichischen Geschwister-Duo Abor & Tynna erlangte mit Platz 15 am Ende zwar im Wettbewerb nicht den gewünschten Erfolg, wurde aber zu einem großen Hit in der Bubble. Auch noch Wochen über den Wettbewerb hinaus blieb die unverschämte Hook im Ohr, erreichte in den deutschen und österreichischen Charts Platz 3 und in Litauen sogar Platz 1.
AnNa R.: Mut zur Liebe
Über mehrere Generationen war Rosenstolz die wichtigste queere Band Deutschlands. Rund zwei Jahrzehnte lieferten sie zunächst Underground-Mondän-Pop, später dann die ganz großen Charterfolge, mit denen sie auf Konzerten die größten Arenen des Landes vollmachten. Als AnNa R. im März 2025 verstarb, bewegte das nicht nur Fans – stattdessen stand die gesamte Welt des Deutsch-Pop für mehrere Tage still. Ihr letztes Album "Mut zur Liebe", das glücklicherweise bis kurz vor ihrem Tod schon fast fertiggestellt werden konnte, erschien im Oktober posthum und beinhaltet mit dem Titeltrack eine Hymne für Menschlichkeit und Nächstenliebe, so wie man es von ihr schätzte. Ein lachendes und ein weinendes Auge im selben Moment.
Robyn: Dopamine
Mit "Dancing On My Own" setzte sich die bisexuelle Robyn selbst ein Denkmal. Nun mussten Anhänger*innen der schwedischen Sängerin ganze sechs Jahre warten, doch im November war es endlich so weit – Robyn veröffentlichte mit "Dopamine" die nächste klinische Dance-Hymne, die gleichzeitig geheimnisvoll wie vertraut wirkt. In ihrer Heimat enterte der Song die Top 10 der Singlecharts. Gerüchten zufolge soll 2026 das neue Album kommen, das angeblich "Sexistential" heißen wird. Mit absoluter Sicherheit befinden sich dort wieder mehrere Tracks, die im nächsten Sommer auf jeder Queer-Party Gehör finden werden und zum Tanzen wie Knutschen gleichermaßen einladen.
Kehlani: Folded
Bei uns wartet Kehlani noch auf den ganz großen Durchbruch, doch in den USA ist sie schon längst ein Sprachrohr für die junge LGBTI-Community. Ihre Songs über Selbstakzeptanz, Liebe und dem gesamten Spektrum an Emotionen beweist, dass queere Musik nicht immer mit der vollen Breitseite kommen muss – stattdessen macht die pansexuelle Kehlani smoothen R'n'B wie in den 2000ern. Das ist berührend, cozy und für die kalten Tage genau das Richtige. "Folded" war 2025 ihr größter Hit.
Sabrina Carpenter: Manchild
Für das aufsehenerregendste Cover des Jahres war zweifellos Sabrina Carpenter zuständig. Die junge US-Amerikanerin spielt bewusst immer wieder mit dem Feminismus-Begriff und der Betrachtung von Männern auf Frauen, was sie zweifelsfrei mit ihrem Albumcover zu "Man's Best Friend" auf die Spitze trieb. Der fluffige Country-Pop-Hit "Manchild" zeigt wieder, wie klug und witzig sie mit feministischen Themen wie Dating umgeht. Hier bekommt ein erwachsener Mann, der sich jedoch wie ein Kind verhält, sein Fett weg. Da bringen ihr auch sein sexy Aussehen nicht viel, wenn dahinter nur dummes Gequatsche steckt. So ist das wohl – Yee-haw!
Conan Gray: Vodka Cranberry
Conan Gray aus Kalifornien hat das Potenzial zum nächsten Harry Styles: sein Modebewusstsein, seine sympathische Ader, aber auch sein Hang zum queeren Lifestyle, ohne selbst offen queer zu sein. "Vodka Cranberry" ist nicht nur ein leckerer Longdrink, sondern auch eine tolle Vorabsingle zum im August erschienenen Album "Wishbone", die einen romantischen Hymnencharakter innehält. Wer es also diese Saison verpasst hat, dazu mit dem Sommer-Fling kitschig beim Sonnenuntergang auf Tuchfühlung zu gehen, darf das gern 2026 nachholen. Alternativ ginge das übrigens auch im Mai live in Düsseldorf, Hamburg und Berlin.
Wet Leg: Catch These Fists
Der Award für das beste Gitarren-Riff geht an: Wet Leg. Mit ihrem groovenden Post-Punk holen die beiden Musikerinnen Rhian und Hester Genre-Liebhaber*innen sofort ab. "Catch These Fists" war in der Indie-Ecke eines der queeren Höhepunkte 2025. Sängerin Rhian ist mit einer nichtbinären Person in einer Beziehung und macht alternative Lebensarten sowie nicht-heteronormative, klassische Partnerschaften auch in ihren Liedern zum Thema. Wer sich also durch den zweiten Longplayer "Moisturizer" hört, sollte neben dem Tanzen auch immer mal wieder den Fokus auf die Texte verschieben.
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Lola Young – One Thing
Während "Messy" bei vielen immer noch auf Dauerschleife läuft, hat Lola Young bereits neues Material am Start: Die 24-jährige Londonerin äußerte sich zuletzt in Interviews zu ihrer Sexualität äußert offen und berichtete, dass sie auch Sex mit Frauen genießt. Ihr neues Album "I'm Only F**king Myself" ist erneut schonungslos ehrlich, sehr reflektiert und spielerisch im Sound, sodass jede*r einen Liebling finden wird. Das coole, zurückgelehnte "One Thing" hat als erste Single einen guten Vorgeschmack gegeben und beweist, warum Lola Young als die wohl aufregendste Solistin der britischen Metropole seit Amy Winehouse gehandelt wird. Leider hat die Sängerin mit dem markanten Look erhebliche Probleme mit dem öffentlichen Druck, sodass sie aus psychischen Gründen nun schon mehrfach Auftritte absagen musste.
Lorde: What Was That
Mit ihrer LP "Virgin" hat Lorde 2025 tief blicken lassen. Sie definiert sich zwar nicht offiziell als genderfluid, hat aber in Interviews schon häufiger Umschreibungen genutzt, die zu diesem Label passen würden. Doch auch musikalisch gab es verschachtelte, komplexe Songstrukturen, von denen besonders der treibende Electro-Track "What Was That" hängenblieb. Der intensive Sog entsteht durch den speziellen Aufbau, der auch auf den gerade stattgefundenen Deutschlandkonzerten mit Jubelstürmen zelebriert wurde. Inhaltich geht es um einen Drogenrausch-Moment mit einer anderen Person, die man auch einige Zeit später noch glorifiziert und mental nicht loslassen kann.















