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Jahresrückblick, Teil V
Die wichtigsten queeren Sachbücher 2025
Das neue Werk von Judith Butler, Thomas Mann so schwul wie nie oder eine Einladung zum lesbisch werden: In diesem Jahr sind viele lesenswerte queere Sachbücher erschienen. Diese zwölf gehören zu den Highlights.

Judith Butler im Mai 2025 bei einer Lesung aus ihrem neuen Buch "Wer hat Angst vor Gender?" in Athen (Bild: IMAGO / NurPhoto)
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25. Dezember 2025, 09:15h 7 Min.
Komplexe Zeiten erfordern verständliche Aufklärung. So ließe es sich erklären, dass die Buchbranche im vergangenen Jahr mit Sachbüchern knapp acht Prozent mehr Umsatz machte als im Jahr davor. Gut so – nicht nur für den Handel.
Schlaue Bücher über Geopolitik, gesellschaftliche Verschiebungen oder deutsche Geschichte waren besonders erfolgreich. Doch 2025 sind auch viele lesenswerte queere Sachbücher erschienen. Diese zwölf gehören zu den Highlights:
Magda Wystub & Justin Time: Queere Tiere
Von den schwulen Pinguinen haben wohl viele schon gehört. Doch die Tierwelt ist noch deutlich queerer. Magda Wystub und Justin Time zeigen in "Queere Tiere" anhand von 33 Tierarten, wie vielfältig Geschlecht und Sexualität in der Natur tatsächlich sind. Witzig, mit klarem Anspruch und großartigen Illustrationen räumt das Buch mit binären Vorstellungen der Biologie auf – von flexiblen Geschlechterrollen über gleichgeschlechtliches Verhalten bis hin zu Inter- und Hermaphroditismus. Unterhaltsam, erkenntnisreich und didaktisch klug verbindet es Wissenschaft mit Haltung. Jojo Streb findet: "Dieses Buch gehört in jeden Biologie-Unterricht."
➤ Dieses Buch gehört in jeden Biologie-Unterricht! (09.11.2025)
David Wojnarowicz: Waterfront Journals
Der New Yorker Künstler und Aids-Aktivist David Wojnarowicz gab den Menschen am Rand der Gesellschaft eine Stimme. In seinen "Waterfront Journals" erzählt er von Sexarbeit, Cruising, Gewalt und Überleben in den Vereinigten Staaten der 1970er und 1980er Jahre – Geschichten voller Rohheit, Hoffnung und Einsamkeit. Seine Texte sind atemlos, ungeschönt und politisch, ohne dass je ein Zeigefinger erhoben wird. Sein Buch, erstmals auf Deutsch erschienen, ist ein enorm wichtiger Teil queerer Kulturgeschichte, an dem die Folgen von Benachteiligung, Unsichtbarmachung und Kriminalisierung hautnah erlebbar werden. Es ist höchste Zeit, das Werk von David Wojnarowicz wiederzuentdecken.
➤ Priester mit Poppers, guter Sex im Knast: Höchste Zeit, das Werk von David Wojnarowicz wiederzuentdecken (15.12.2025)
Louise Morel: Lesbisch werden in zehn Schritten
Ein kämpferischer, auch provokanter Titel: In "Lesbisch werden in zehn Schritten" versteht Louise Morel lesbische Identität nicht nur als Frage des Begehrens, sondern als bewusste solidarische Lebenspraxis und politisches Statement. Angesichts von sexualisierter Gewalt, Femiziden und Bewegungen wie dem 4B-Movement aus Südkorea erinnert Morel an den politischen Lesbianismus als solidarische Alternative. "Wir werden lesbisch geboren und wir werden es", schreibt sie programmatisch. Schritt für Schritt löst das Buch die Leser*innen aus den Normen des Heteropatriarchats. Das Buch von Louise Morel ist "ein gleichermaßen mutiger und ermutigender Ratgeber", findet Luise Erbentraut.
➤ Eine Einladung zum Lesbisch-Werden (26.04.2025)
Paul B. Preciado: Ich bin ein Monster, das zu euch spricht
Wenig bis gar nichts: Das hält der spanische Philosoph, Schriftsteller, Filmemacher und trans Mann Paul B. Preciado von der Psychoanalyse. In "Ich bin ein Monster, das zu euch spricht" ist jener legendäre Vortrag versammelt, den er 2019 vor 3.500 Psychoanalytiker*innen in Paris hielt. Preciado erzählt darin seine Transition nicht als "heroische Erzählung", sondern als Weg in ein Leben jenseits der Geschlechterdifferenz, scharf analysierend, literarisch zugespitzt und politisch unmissverständlich. Der Text ist Manifest, Selbstzeugnis und Theorie zugleich. "Eine Fundgrube wunderbarer An- und Einsichten zum Trans-Sein", urteilt queer.de-Autorin Nora Eckert.
➤ Eine Fundgrube wunderbarer An- und Einsichten zum Trans-Sein (16.03.2025)
Erich Ebermayer: Jugend im Lichte des Vaters
Der Jurist und Drehbuchautor Erich Ebermayer wächst als schwuler Jugendlicher zwischen Erstem Weltkrieg und Machtübertragung auf – mit einem liberalen Vater, ersten Liebeserfahrungen und der Faszination für Theater, Literatur und Oper. Über 50 Jahre lag das Manuskript im Nachlass, Anfang des Jahres erscheinen seine lebendigen Erinnerungen, die historische Ereignisse wie die Novemberrevolution und die Weimarer Jahre aus persönlicher Perspektive zeigen. Seine Memoiren sind lebendig und voller Lust am Erzählen. Es ist ein aufschlussreiches und dabei unterhaltsames Vergnügen, in die Jugenderinnerungen dieses klugen, aber auch ambivalenten Mannes einzutauchen – und dabei viel zu entdecken.
➤ Als schwuler Jugendlicher zwischen 1. Weltkrieg und Machtergreifung (23.02.2025)
Nina Schedlmayer: Hitlers queere Künstlerin. Stephanie Hollenstein – Malerin und Soldat
Stephanie Hollenstein war eine österreichische Malerin, Soldat (!) im Ersten Weltkrieg, liebte Frauen – und gleichzeitig Anhängerin des Nationalsozialismus. Die Journalistin Nina Schedlmayer zeichnet in ihrem Buch das Leben einer Künstlerin, die zwischen Avantgarde, feministischer Emanzipation und völkischem Rassismus und Antisemitismus navigierte. Ambivalenzen und Widersprüche prägen Hollensteins Leben ebenso wie ihre Kunst. Eine spannende Lektüre, flüssig geschrieben und dennoch voller Fakten und Erkenntnisse.
➤ Die queere Nazi-Künstlerin (06.12.2025)
Brix Schaumburg: Qu(e)er durchs Land
Eine Fahrradtour als politisches Statement und persönliche Selbstvergewisserung: In "Qu(e)er durchs Land" erzählt Deutschlands erster geouteter trans Schauspieler Brix Schaumburg von seiner Reise quer durchs Land – und von einem Leben, das sich konsequent allen Schubladen widersetzt. Er nutzt die Bewegung nach außen, um innere Prozesse sichtbar zu machen: Begegnungen mit queeren Menschen und Initiativen, Erinnerungen an Umwege und Zweifel, aber auch an Mut, Glück und Selbstbestimmung. Offen, warmherzig und reflektiert schreibt Schaumburg über Identität jenseits von Labels und über die Freiheit, den eigenen Weg immer wieder neu zu definieren.
➤ Brix Schaumburg veröffentlicht neues Buch (19.05.2025)
Tilmann Lahme: Thomas Mann. Ein Leben
Das Thomas-Mann-Jahr anlässlich des 150. Geburtstag des Nobelpreisträgers geht langsam zu Ende. Unzählige Bücher sind über ihn erschienen – eines aber sticht deutlich heraus: Tilmann Lahmes Biografie zeichnet ein vollständiges Bild des Schriftstellers – inklusive dessen Homosexualität. Auf fast 600 Seiten beleuchtet er Manns Leben, Werke und vor allem seine unterdrückte Sexualität, dazu veröffentlicht er bislang ungedruckte Briefe. Die Biografie rückt zudem die bisherige Forschung gerade. Völlig zurecht führte das Werk die Sachbuch-Bestenliste von ZDF, "Die Zeit" und Deutschlandfunk Kultur im Juni an. Tilmann Lahme hat eine Biografie geschrieben, die endlich auch den schwulen Thomas Mann zeigt – in all seiner Komplexität.
➤ Endlich eine Biografie, die den schwulen Thomas Mann zeigt (26.05.2025)
Judith Butler: Wer hat Angst vor Gender?
Ein Buch gegen den globalen Rechtsruck – und eine Zumutung im besten Sinne: In "Wer hat Angst vor Gender?" seziert die weltbekannte Philosophin und Begründerin der Gender Studies Judith Butler die internationale Anti-Gender-Bewegung als autoritäres Projekt, das von der Fantasie einer restaurierten patriarchalen Ordnung lebt. Mit analytischer Schärfe zeigt Butler, wie rechte Politik, Kirchen, Terfs und Kulturkämpfer*innen Gender zur Projektionsfläche kollektiver Ängste machen und progressive Politik für jedes gesellschaftliche Unbehagen verantwortlich erklären. Die Lektüre ist materialreich, quellenbasiert und fordernd, weil sie den reaktionären Bullshit offenlegt. In letzter Zeit wurde Butler zwar scharf kritisiert, weil sie die Massaker des 7. Oktobers 2023 nicht als antisemitischen Terror, sondern als "Akt des bewaffneten Widerstands" bezeichnete. Und dennoch: "Das richtige Buch zur richtigen Zeit", schreibt Nora Eckert, und bezeichnet das neue Buch von Judith Butler sogar als "die wichtigste Neuerscheinung des Jahres".
➤ Das richtige Buch zur richtigen Zeit (16.08.2025)
Natascha Bobrowsky: Verbotene Beziehungen
Was jahrzehntelang marginalisiert oder verschwiegen wurde, macht Natascha Bobrowsky sichtbar: In "Verbotene Beziehungen" rekonstruiert die Historikerin erstmals systematisch die Verfolgung homosexueller Frauen im nationalsozialistischen Österreich. Anhand von Gerichtsakten, Briefen und Archivmaterial erzählt sie von verbotenen Liebesbeziehungen, Denunziation, Haft und Deportation – nicht nur in Wien, sondern auch auf dem Land. Darüber hinaus macht Bobrowsky sichtbar, wie eine patriarchale Geschichtsschreibung lange Zeit lesbische, inter und trans Opfer bewusst verschwiegen hat. Ihr Buch ist zugleich akribische Wissenschaft und politischer Einspruch gegen das Vergessen. "Eine Leseempfehlung", findet deshalb Christian Höller.
➤ So wurden homosexuelle Frauen in der NS-Zeit verfolgt (01.02.2025)
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Evan Hugo Tepest: Sind Penisse real?
Noch ein Sachbuch, das im Titel eine Frage stellt: "Sind Penisse real?" ist ein kurzer, kluger Essay über ein überfrachtetes Körperteil: Evan Hugo Tepest verknüpft darin seine eigene Transition mit Gesprächen, Theorie und literarischen Reflexionen über Männlichkeit, Begehren und Macht. Der Penis erscheint hier weniger als anatomische Tatsache, sondern als Projektionsfläche für Normen, Fantasien und Verletzlichkeit. Persönlich und analytisch zugleich tastet sich Tepest an die Frage heran, was Männlichkeit jenseits festgeschriebener Körperbilder bedeuten kann – offen, manchmal unbequem und gerade deshalb erkenntnisreich.
➤ Warum der Penis ein overhyptes und unterschätztes Körperteil ist (05.08.2025)
Leonie Plaar: Meine Familie, die AfD und ich
Ein ehrliches Buch: Leonie Plaar, bekannt als "Frau Löwenherz", schildert, wie es ist, als queere Person in einer Familie zu leben, die sich der AfD zuwendet. "Meine Familie, die AfD und ich" ist eine Geschichte von Entfremdung, von aussichtslosen Diskussionen und der schmerzhaften Erkenntnis, dass politische Radikalisierung auch das Private zerstört – bis sie sich entschloss, Abstand zu nehmen und ihre Geschichte öffentlich zu machen. Leonie Plaar macht Mut, zeigt Strategien gegen Hass und betont gleichzeitig: "Wie lautstark wir Alice Weidel auch kritisieren mögen, wir werden immer auch für ihre Rechte mitkämpfen." Jojo Streb findet, das Buch "ist ein Sprachrohr für all jene, die gezwungen sind, ihre Bratkartoffeln am selben Tisch mit radikalisierten Familienmitgliedern zu essen".
➤ Als queere Person in der AfD-Familie: Es bleibt nur der Bruch (12.09.2025)
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