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Buchtipp

Wenn das Bücherregal des Lovers beim Sex ablenkt

Ein schwules Leben für die Kunst und Kultur: Mit viel Liebe und Freude am Erinnern durchkämmt der bekannte Kulturjournalist, Theater- und Filmkritiker Andreas Wilink in seiner Memoir "Wenn es anders wäre" das eigene Leben.


Andreas Wilink, 1957 in Bocholt geboren, lebt in Düsseldorf. Seit den 1980er Jahren arbeitet er als Kulturjournalist, Theater- und Filmkritiker (Bild: Markus Feger)

Am Anfang steht eine Begegnung, vorsichtig, beiläufig und dann doch schmerzhaft wie ein Papierschnitt in der Haut. Zwei Menschen sprechen miteinander, und während sie sprechen, beginnt sich die Erinnerung zu entfalten. Die Erinnerung an ein Leben und das, was darin fehlt. So verspricht es der Untertitel von Andreas Wilinks autobiografischem Lebensbericht "Wenn es anders wäre" (Amazon-Affiliate-Link ), der im Verlag Lilienfeld erschienen ist.

Die großen Lebenserzählungen taugen nicht viel, wenn es um die Details geht. Das Streben nach Ruhm und Erfolg, die Fortführung der Stammhalterschaft und der Familienehre, die Revolution in Politik oder Wissenschaft – wie lässt sich der Café-Besuch mit einem Schwarm, wie lässt sich das Schaumbad, wie lassen sich die Abendessen mit Opa in diese Erzählungen einordnen?

Was hält ein Leben zusammen?


Andreas Wilinks Buch "Wenn es anders wäre" ist im Oktober 2025 im Verlag Lilienfeld erschienen

Andreas Wilink macht sich mit einem melancholischen Summen auf die Suche nach dem Dazwischen. Das Cover macht deutlich, was im Buch wartet. Auf dem Umschlag prangt ein auf den ersten Blick unförmiger Stein, der bei genauerem Hinsehen aus kleinen Fossilien besteht. Und bei noch genauerem Hinsehen ähnelt der Stein einem Herzen. Darauf ein gelber Kristall. Denn so fühlt sich das Leben in Wenn es anders wäre an: eine Kollektion an Erinnerungen und kleinen Momenten, deren große Form schemenhaft bleibt. Und doch: obenauf ein Kristall.

Es macht großen Spaß, dem Autor durch sein Leben zu folgen. Die Kapitel bleiben immer angenehm kurz, lassen eine Episode, eine Erinnerung aufblitzen, überspannen aber nicht den Bogen. Es ist wie das Durchblättern eines sehr gut kuratierten Fotoalbums, in dem jedes Bild für eine emotionale Kraft ausgewählt wurde. Ohne vor den schmerzhaften Bilder zurückzuschrecken!

Gelebte Literatur

Auf der einen Seite erzählt Andreas Wilink mit Liebe und Traurigkeit von der homo­sexuellen Kindheit und dem ebensolchen Aufwachsen in Westdeutschland. 1957 in Bocholt geboren, gibt er in "Wenn es anders" wäre einen gefühligen Bericht eines schwulen deutschen Lebens. Jedoch eines Lebens für die Kunst und die Kultur.

Andreas Wilink ist Kulturjournalist, Theater- und Filmkritiker und schreibt seit den 1980er Jahren für die großen Medien von "Westdeutscher Zeitung" bis "Süddeutscher Zeitung". Sein Memoir bleibt dann auch nicht der rein melancholische Lebensbericht, sondern ist auf der anderen Seite auch ein sehr unterhaltsamer Bildungsroman. Nicht im klassischen Sinne – es gibt keine Prüfungen, keine pädagogischen Lektionen. Nein, wir schauen aber einem Menschen, der die Kultur und die Literatur liebt, sie in seinem eigenen Leben zu suchen.

Eine Kindheitserinnerung führt mühelos in die Bildwelt eines Gemäldes, ein zufälliger Geruch zurück in eine Filmszene. Ein Gespräch verwandelt sich in eine kurze kunsthistorische Reflexion, nicht um zu brillieren, sondern weil das Denken des Autors so strukturiert ist. Ein Versuch, das eigene Leben lesbar zu machen, das Innenleben im Außen zu spiegeln und zu verstehen.

Literatur lebt lustig

"Wenn es anders wäre" erzählt von der Kunst und der Sucht nach Kultur. Aber mit Leichtigkeit und nie aufdringlich oder überladen. Im allerbesten Fall auch noch unterhaltsam. Etwa wenn die Beschreibung eines sexuellen Moments zwischen dem Erzähler und einem Liebhaber nach kaum einem Satz auch schon ins Bücherregal abschweift:

Der Sex ist soso, zumal Paul einiges an Bier intus hat. Ich bewundere bei ihm die gefüllten IKEA-Bücherregale reihum, darin die kompletten Kursbuch-Hefte und die blaue Studienausgabe von Marx / Engels sowie das Filmplakat von Godards Le ­ Mépris über dem unbequemen Bett.

Sex ist schließlich auch nur Kulturtechnik. Komisch ist es auf jeden Fall im besten Sinne. Wilink erzählt mir einer empfindsamen, aber nie empfindlichen Aufmerksamkeit. Seine Sprache ist bedacht und lässt Belesenheit erkennen, ohne sie auszustellen. Meistens jedenfalls. Manchmal verengt sich der Stil ein wenig, ist sehr um den elaborierten Code bemüht. Dann wäre ein Hauch mehr Ungezwungenheit wünschenswert. Zum Glück sind diese Momente kurz und selten.

Mit viel Liebe und Freude am Erinnern durchkämmt Andreas Wilink das eigene Leben. Die sehr angenehm lesbaren 280 Seiten sind warm, bewusst und eine Lektüre über Liebe, Verlust und das Erwachsenwerden. Ein bisschen Pathos hier und da, wie es sich für die Erinnerung an die alte BRD auch gehört. Meist aber mit dem bekannten Spritzer Ironie. Und obenauf: ein Kristall!

Infos zum Buch

Andreas Wilink: Wenn es anders wäre. Erzählung eines Lebens und was darin fehlt. 280 Seiten. Hardcover mit Schutzumschlag. Lilienfeld Verlag. Düsseldorf 2025. Gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag: 24 € (ISBN: 978-3-910266-08-7). E-Book: 18,99 €

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