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Jahresrückblick, Teil VI
Die wichtigsten queeren Romane 2025
Filzläuse vom Lover, lesbische Liebe im 18. Jahrhundert oder schwules Leben auf den Philippinen: Auch 2025 gab es jede Menge queerer Romane zu lesen. Einer schaffte es sogar auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Der vietnamesisch-US-amerikanische Schriftsteller Ocean Vuong im September 2025 beim Kölner Literaturfestival lit.Cologne (Bild: IMAGO / Horst Galuschka)
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26. Dezember 2025, 07:48h 7 Min.
Mehr junge Menschen lesen. Was für eine gute Nachricht. Und doch steht die Literaturbranche vor gewaltigen Herausforderungen. Papier ist so teuer wie nie, künstliche Intelligenz ist zur ernsthaften Konkurrenz für Autor*innen geworden, und die Sichtbarkeit auf TikTok beschränkt sich auf bestimmte Genres wie "Romance" und "Young Adult".
Und doch sind auch 2025 großartige queere Romane erschienen. Auffällig ist jedoch, dass trans oder nichtbinäre Hauptfiguren selten sind, selbst in den kleineren Verlagen. Hier darf der Buchmarkt gerne wieder vielfältiger werden.
Blaise Campo Gacoscos: Der Junge aus Ilocos
Die Philippinen waren in diesem Jahr das Gastland der Frankfurter Buchmesse – umso schöner, dass auch ein queerer Roman von dort auf Deutsch erschienen ist: In seinem teils autobiografischen Debütroman "Der Junge aus Ilocos" erzählt Blaise Campo Gacoscos vom Leben Victors auf den Philippinen: von Kindheit und Familie, sozialen Erwartungen, ersten Begehren, Liebeskummer, Konkurrenz mit dem Bruder und dem Älterwerden der Eltern. Queerness ist dabei kein lauter Plotmotor, sondern eine leise, selbstverständliche Facette eines Lebens. Der Roman ist "poetisch, realitätsnah und ohne Kitsch und Klischee", schreibt Christopher Filipecki. Er "streichelt leichtfüßig die Seele".
➤ Ein schwules Leben auf den Philippinen (01.06.2025)
Yael van der Wouden: In ihrem Haus
Ein spannungsgeladener Debütroman über Begehren, Macht und Erinnerung. In kunstvoll verdichteter Sprache erzählt die israelisch-niederländische Autorin Yael van der Wouden von zwei Frauen, die in einem Haus aufeinandertreffen – und sich zwischen Abwehr, Anziehung und historischen Verstrickungen immer näherkommen. Körperlichkeit wird dabei zum emotionalen Schauplatz, queere Liebe steht nie losgelöst von Fragen jüdischer Geschichte und Verantwortung. Der Roman lebt von Ambivalenzen, von unausgesprochenen Konflikten und überraschenden Wendungen. Luise Erbentraut findet: "Ein bemerkenswertes Debüt", das es auf die Shortlist des Internationalen Booker-Preises geschafft hat.
➤ Ambivalenzen zwischen queerer Liebe und geschichtlicher Verantwortung (24.05.2025)
Justin Torres: Blackouts
"Blackouts" ist sicher einer der bemerkenswertesten queeren Romane seit Langem. Er behandelt queere Erinnerung, Macht und Solidarität über Generationen hinweg. Justin Torres verwebt Fakt und Fiktion zu einer collageartigen Spurensuche: Ein junger Mann begleitet einen sterbenden Freund und übernimmt dessen Mission, die vergessene lesbische Forscherin Jan Gay und ihre Arbeit an der frühen Homosexuellenforschung sichtbar zu machen. Entstanden ist ein vielschichtiges, forderndes Buch voller Nähe, Vertrauen und politischer Dringlichkeit, das ebenso von Fürsorge wie von der Frage lebt, wer queere Geschichte schreiben darf.
➤ Zwei Generationen wollen queere Geschichte retten (31.05.2025)
Constance Debré: Play Boy
Manchmal kommt der zweite Schritt vor dem ersten. So auch mit "Play Boy", dem ersten Teil einer Trilogie von Constance Debré – denn der zweite, "Love Me Tender", ist bereits erschienen. In diesem Jahr folgte also der erste – ein radikal nüchterner Roman über lesbisches Begehren, Freiheit und die Demontage eines bürgerlichen Lebens. Constance Debré erzählt vom späten Coming-out einer Vierzigjährigen, von Beziehungen zwischen Verlangen und Langeweile – und von der Erkenntnis, dass auch queere Liebe kein Heilsversprechen ist. In knapper, harter, oft verstörend ehrlicher Sprache seziert Debré Paarbeziehungen, Besitzansprüche und gesellschaftliche Erwartungen an den weiblichen Körper. Nora Eckert schreibt: "Debrés Sprache ist hart und absolut offen, nie falsch, sondern ehrlich bis zur Unerträglichkeit."
➤ Ein lesbisches Coming-out und die Demontage eines bürgerlichen Lebens (11.05.2025)
Alan Hollinghurst: Unsere Abende
Ein großer, melancholischer Roman über Herkunft, Begehren und das lebenslange Ringen um Zugehörigkeit. Alan Hollinghurst begleitet seinen Protagonisten Dave von der Kindheit bis ins Alter – durch Klassenschranken, Rassismus und die queere Theaterwelt – und zeichnet dabei ein reiches Panorama schwuler Existenz im Großbritannien der letzten Jahrzehnte. Jojo Streb findet, der Roman ist "ein reiches, klangvolles Werk – eine melancholische Meditation über Herkunft, Begehren und die Kunst, sich selbst zu erfinden".
➤ Der schwule Meister der Melancholie (02.11.2025)
Ocean Vuong: Der Kaiser der Freude
Mit 37 Jahren zählt der vietnamesisch-US-amerikanische Schriftsteller Ocean Vuong bereits zu den wichtigsten queeren Stimmen der Literatur. In diesem Jahr ist sein neuestes Werk erschienen: Ein großer, schonungsloser Roman über Scheitern, Illusionen und die leisen Momente von Menschlichkeit. Ocean Vuong zerlegt den American Dream am Beispiel eines jungen Mannes, der zwischen Drogen, Lügen und sozialem Abstieg fast verschwindet – und dennoch fragile Formen von Zugehörigkeit findet. "Dieser Roman ist auch eine Zumutung, wie es nur das Leben sein kann. Aber die Momente großer Menschlichkeit darin sind von Gewicht", findet Nora Eckert.
➤ Das Leben ist gut, wenn wir einander Gutes tun (25.05.2025)
Pajtim Statovci: Bolla
Ein dramatisches Cover: Der Drachen aus der albanischen Mythologie spiegelt die gefährliche Liebe zwischen Arsim und Miloš wider. Der finnisch-kosovarische Autor Pajtim Statovci erzählt von zwei Männern, deren Liebe während des blutigen Kosovokriegs geheim bleiben muss. Arsim ist ein schwieriger Ehemann, doch in seiner Beziehung zu Miloš offenbart er überraschende Sanftheit. Eine bedrückende Geschichte, die in seiner Traurigkeit wunderbar erzählt wird – und die bislang zu wenig Aufmerksamkeit bekommen hat.
➤ Schwule Liebe im Kosovokrieg (04.04.2025)
Chloé Caldwell: Women
Manche Klassiker brauchen etwas länger, bis sie bei uns ankommen: Chloé Caldwells Roman "Women" erschien bereits 2014, aber jetzt erst auf Deutsch. Sie erzählt in klarer, lakonischer Sprache von einer jungen Frau, die sich in New York zum ersten Mal in eine Frau verliebt – und in eine ebenso intensive wie toxische Beziehung gerät. Zwischen queerer Community, Liebeskummer und biografischer Selbstsuche trifft der Roman einen Nerv, der ihn für viele Leser*innen zum Coming-out-Buch gemacht hat. Ehrlich, humorvoll und schmerzhaft nah. Oder, wie Kat Ohlmann auf queer.de schreibt: "Spannend, lakonisch und humorvoll geschrieben, hat die Autorin eine sympathische queere Figur geschaffen, der es Spaß macht, zwischen Bartresen, Büchern und Bett zu folgen."
➤ Ein queerer Klassiker erscheint erstmals auf Deutsch (25.04.2025)
Seán Hewitt: Öffnet sich der Himmel
Ein leiser, zeitloser Roman über das erste Verliebtsein – und darüber, wie schön und schmerzhaft es zugleich sein kann. Seán Hewitt erzählt von James, einem schüchternen schwulen Teenager in einem nordenglischen Dorf, dessen Welt sich seit der Begegnung mit Luke öffnet. In poetischer, präziser Sprache fängt der Roman Begehren, Scham und Unsicherheit ein und macht die Wucht dieser ersten Liebe unmittelbar erfahrbar. Seán Hewitt hat einen Roman geschrieben, der zeigt, wie quälend schön es sein kann, zum ersten Mal zu lieben. Das Buch wurde, wie auch "Play Boy", für den "Spiegel"-Buchpreis nominiert.
➤ Ein zeitlos eleganter schwuler Liebesroman (10.08.2025)
Christine Wunnicke: Wachs
Ein historischer Roman voller Witz, Wissen und leiser Radikalität. Christine Wunnicke erzählt von zwei realen Pionierinnen des 18. Jahrhunderts: der Anatomin Marie Biheron und der botanischen Zeichnerin Madeleine Basseporte, die Kunst und Wissenschaft gegen alle Widerstände betreiben – und sich dabei lieben. Zwischen Seziertischen, Pflanzenstudien und Französischer Revolution entfaltet sich eine lesbische Liebesgeschichte, die nie im Vordergrund steht und gerade dadurch umso selbstverständlicher wirkt. Die Feuilletons waren von diesem queeren Roman begeistert, er schaffte es sogar auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Nur eine traurige Nachricht bleibt: Der Berenberg Verlag, in dem "Wachs" erschien, hört 2026 aus finanziellen Gründen auf.
➤ Lesbische Liebe zwischen Botanik, Leichen und Revolution (12.04.2025)
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Ozan Zakariya Keskinkılıç: Hundesohn
"Hundesohn" war wohl der queere Roman in diesem Jahr, der den größten Hype auf Social Media hervorbrachte: Ein sehnsüchtiger, oft poetischer Roman über Begehren, Herkunft und die Suche nach Zugehörigkeit. Ozan Zakariya Keskinkılıç erzählt von Zeko, einem queeren jungen Mann zwischen Berlin und der Türkei, zwischen Grindr-Dates, Familiengeschichte und der überwältigenden Erinnerung an eine unerfüllte Liebe aus der Kindheit. "Hundesohn" ist ein lebhaftes Porträt von Sehnsucht – nach einem Mann genau wie nach Antworten auf die vielen Fragen, die Zeko sich selbst sowie die Gesellschaft ihm stellt – und eine postmigrantische queere Erzählung, die Queerness selbstverständlich erzählt.
➤ Filzläuse, Grindr-Dates – und die gewaltige Sehnsucht (15.09.2025)
Victor Schefé: Zwei, drei blaue Augen
Von wegen Ostalgie: Der Schauspieler Victor Schefé erzählt in seinem autofiktionalen Roman, wie er als schwuler Teenager aus der DDR fliehen wollte – überwacht von der Stasi und sogar seiner eigenen Mutter. Das Werk zeigt eindrucksvoll das Leben in der Diktatur und den Drang nach Freiheit – und ist sowohl in seiner Form als auch in seiner drängenden Sprache bemerkenswert. Mit "Zwei, drei blaue Augen" hat Victor Schefé einen beeindruckenden zeitgeschichtlichen Roman geschrieben, der nicht nur die DDR als Unrechtsstaat, sondern auch das schwule Leben im Staatssozialismus greifbar macht.
➤ Wie es der schwule Teenager Tassilo raus aus der DDR geschafft hat (24.12.2025)
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