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Interview
"Meine Familie hat erst vom Film erfahren, als er nach Cannes eingeladen wurde"
"Die jüngste Tochter" erzählt von der 17-jährigen Fatima, die merkt, dass sie auf Frauen steht. Wir sprachen mit Newcomerin Nadia Melliti, ob Schauspielen oder Fußballspielen anstrengender ist – und wie ihr Umfeld auf die lesbische Rolle reagiert hat.

Nadia Melliti am 30. Oktober 2025 beim French American Film Festival in Los Angeles (Bild: IMAGO / Starface)
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26. Dezember 2025, 08:22h 8 Min.
Die Französin Nadia Melliti ist eine Newcomerin. Ohne Schauspielerfahrung bekam sie nicht nur die Hauptrolle in "Die jüngste Tochter", dem neuesten Film von Hafsia Herzi (Filmkritik von queer.de). Die 23-Jährige wurde auch noch beim diesjährigen Filmfestival von Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet (queer.de berichtete).
Im Herbst stellte sie das Drama unter anderem beim Filmfest Hamburg vor. Am Rande des Festivals nahm sie sich Zeit, um mit queer.de über ihre Arbeit am Film, ihre große Leidenschaft Fußball und den Konflikt zwischen Religion und Queerness zu sprechen.

Poster zum Film: "Die jüngste Tochter" läuft seit 25. Dezember 2025 bundesweit im Kino
Bevor du Schauspielerin geworden bist, hast du professionell Fußball gespielt. Was macht mehr Spaß – ein 90-minütiges Fußballspiel oder einen Film zu drehen?
Ganz klar Fußball. 90 Minuten Fußball zu spielen, das mache ich von klein auf, das kenne und kann ich am besten. "Die jüngste Tochter" war ja jetzt mein erster Film. Aber ich hatte da nur wunderbare Begegnungen. Alle, die mitspielen, sind sehr gute Freundinnen geworden. Ich habe eine neue Welt und auch eine neue Leidenschaft entdeckt.
Kann man die Arbeit als Schauspielerin mit der als Fußballspielerin vergleichen? Was ist anstrengender?
In gewisser Weise kann man es vergleichen, denn auch vor einem Fußballspiel gibt es sehr viel Arbeit. Das Training dauert wochenlang, das ist vergleichbar mit den Vorbereitungen vor den Dreharbeiten. Und natürlich ist es erschöpfend, Fußball zu spielen und eine Figur zu spielen. Aber der Unterschied ist: Beim Fußball hat man 90 Minuten höchste Konzentration und höchsten Einsatz, aber dann ist es vorbei und dann redet man nicht mehr darüber. Jetzt, wo der Film fertig ist, bin ich nicht k.o. Ich bin voller Energie und mir geht es gerade super gut, aber es ist noch gar nicht vorbei. Der Film ist abgedreht, der fertige Film ist auf der Leinwand. Aber jetzt fängt es an, man muss den Film vorstellen, man trifft das Publikum, man macht Werbung, man gibt Interviews.
Wie kam es denn überhaupt dazu, dass du an die Rolle der Fatima gekommen bist?
Ich bin auf der Straße von einer Casting-Agentin angesprochen worden, als ich mit Freunden unterwegs war.
Und wie hast du darauf reagiert?
Ich habe das gar nicht geglaubt. Die Frau hat ein Foto von mir gemacht und mir ihre Daten gegeben. Ich habe dann gedacht, da höre ich nie wieder was. Erst als ich dann eingeladen wurde zu verschiedenen Vorstellungsgesprächen, als ich gesehen habe, wie unendlich viele andere Leute sich auf diese Rolle beworben haben, da habe ich begriffen, dass es wirklich ernst gemeint war.

Nadia Melliti in "Die jüngste Tochter" (Bild: Katuh Studio / Arte France / mk2Films / Alamode Film)
Was hat überwogen: das Interesse an der Geschichte des Films oder die Zweifel?
Ganz eindeutig: Die Neugier hat überwogen, weil es eine Welt ist, die ich überhaupt nicht kannte. Es war so eine große Herausforderung für mich, den Weg dieser Figur mitzugehen.
Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Fatima Daas. Du hast den Roman zur Vorbereitung gelesen. Was hat dich daran besonders interessiert?
Die Zweifel und inneren Konflikte, die Fatima durchmacht, haben mich sehr angesprochen. Und die Identitätssuche: Sie ist auf der Suche nach sich selbst. Jedes Kapitel des Romans beginnt mit diesen Worten: "Ich bin Fatima, eine junge Frau mit algerischen Wurzeln und ich bin lesbisch." Die Suche nach der spirituellen Identität, die spirituellen Krisen, das hat mich sehr angesprochen.
Kennst du diese Suche auch selbst?
Ich glaube, wir alle sind immer ständig auf der Suche nach Spiritualität. Für mich ist alles, was sich im Kopf abspielt, was ich nicht in die Hand nehmen kann, spirituell. Und alle möglichen Probleme und Herausforderungen, die sich uns stellen, müssen wir geistig durchgehen. Das finde ich grundsätzlich immer spannend im Leben. Und das ist eben auch das, was in diesem Film spannend ist: dass Dinge durchdacht werden und dadurch auch Tabus gezeigt werden.
In Frankreich zum Beispiel gilt es als Tabu, über den Konflikt zwischen Religiosität und Homosexualität zu sprechen. Und dass der Film darüber in einer toleranten und öffnenden Weise spricht, das ist fantastisch. In dem Film ist sehr viel Menschlichkeit. Er kann Denkmuster öffnen und die Menschen dazu bringen, sich für andere zu öffnen. Und das sind gerade in der heutigen Zeit sehr wichtige Themen.
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Du und Fatima habt auf den ersten Blick einiges gemeinsam: der migrantische Background, das Aufwachsen in der Vorstadt. Wo seid ihr euch im Charakter ähnlich?
Wir sind beide Kämpfernaturen. Im Sport muss man sich überwinden, wenn es Rückschläge gibt. Man muss immer auch aus der Niederlage Kraft schöpfen können. Auch Fatima muss Niederschläge einstecken. Ihre erste große Liebe scheitert zuerst, das muss sie ertragen lernen und sich die Kraft zu einem zweiten Anlauf schenken. Und uns verbindet der Wunsch nach Emanzipation. Ich habe von klein auf Fußball spielen wollen, aber mir wurde immer klar gemacht, dass das nichts für Mädchen ist.
Aber ich wollte mich nicht in Schubladen packen lassen. Ich will meine eigenen Definitionen haben. Und ich lasse mir nicht von anderen vorschreiben, was ich zu tun habe oder lassen sollte. Und wir sind beide sehr empathisch. Ich kann mich sehr leicht und intensiv in andere Menschen hineinversetzen. Das ist ein Vorteil für die Arbeit. Aber das kann auch manchmal ein Nachteil sein, weil das sehr erschöpfen und auslaugen kann. Ich finde, wenn man sich umschaut, mangelt es in der Welt am meisten an Empathie, an der Fähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen. Wir bauen Feindbilder auf, anstatt zu versuchen, uns als Menschen zu verstehen.
Wie hat deine Familie und dein Umfeld reagiert? Einerseits, weil Schauspielerei nicht als zuverlässiger Job gilt, aber andererseits natürlich auch wegen einer homosexuellen Figur.
Meine Freunde und Familie haben erst davon erfahren, als der Film fertig war und nach Cannes eingeladen wurde – als der erste Erfolg schon mal gesichert war. Denn während der Dreharbeiten habe ich gemerkt, dass ich meine emotionale Energie bündeln muss. Ich habe während der Dreharbeiten mit niemandem darüber geredet. Ich habe auch niemandem im Vorfeld erzählt, dass es diese Castings gibt, weil es wirklich sehr viel von mir verlangt hat. Und ich hätte natürlich auch nie geglaubt, dass der Film solche Wellen schlagen würde, dass wir nach Cannes eingeladen werden.
Als die Einladung nach Cannes kam, habe ich gedacht: Jetzt muss ich wohl mal meine Mutter anrufen. Die Diskussion, dass meine Eltern sich vielleicht Sorgen machen wegen des Jobs, hat es gar nicht gegeben. Meine Mutter war dann erst ein bisschen traurig, weil ich sie nicht früher eingeweiht habe. Aber meine Familie ist super stolz, sie sind begeistert und haben mit mir mitgefiebert. Meine Mutter wollte auch unbedingt, dass die Palme im Wohnzimmer aufgestellt wird. Aber sie steht immer noch in meinem Zimmer neben den Sporttrophäen.
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Der Film ist von Hafsia Herzi, einer bereits erfolgreichen Schauspielerin und Regisseurin. Aber ab wann war dir denn klar, dass das ein Film wird, der gut ankommt und gefeiert wird?
Das war mir von Anfang an klar. Ich kannte Hafsia Herzi als Person, aber ihre Filme waren nicht die Filme, die ich mir so angucke. Ich bin eher für amerikanische Filme ins Kino gegangen, aber ich habe mich dann sehr intensiv mit ihrer Filmographie auseinandergesetzt. Ich habe ihre Filme gesehen, in denen sie mitgespielt hat und die sie als Regisseurin gedreht hat, und habe eigentlich sofort gewusst, das wird was richtig Gutes. Ich habe ihr blind vertrauen können.
Vom Casting zur Weltpremiere in Cannes und zum Preis als beste Darstellerin verging nicht viel Zeit. Aber dein Leben hat sich um 180 Grad gedreht, oder?
Was sich hauptsächlich geändert hat: Ich habe meine Anonymität verloren. Man erkennt mich jetzt, obwohl der Film auch in Frankreich noch nicht gestartet ist, zum Beispiel beim Bäcker. Der ist so begeistert. Wenn ich mein Brot holen gehe, will er mir 1.000 Fragen stellen. Ich liebe meinen Bäcker, und es ist alles wunderbar, aber das wird fast schon lästig. Ich war davor nicht so viel in den sozialen Medien aktiv. Ich war eher ruhig, zurückgezogen, habe mein Leben gelebt und habe mich um nicht viel anderes gekümmert. Und auf einmal habe ich einen Namen und Leute erkennen mein Gesicht auf der Straße.
Der zweite Punkt ist natürlich, dass ich durch die Arbeit mit ganz vielen super interessanten Leuten zusammengekommen bin, mit Regisseur*innen, mit Künstler*innen, mit Drehbuchautor*innen. Man sitzt zusammen, und die diskutieren über ganz andere Themen als das, was vorher meinen Alltag ausgemacht hat. Da lerne ich enorm viel. Und jetzt diese Promotour bei den Festivals, da lerne ich überall neue Leute kennen und alles ist spannend. Bisher ist alles, was der Film mir gegeben hat, ein Plus.
Die jüngste Tochter. Drama. Frankreich, Deutschland 2025. Regie: Hafsia Herzi. Cast: Nadia Melliti, Park Ji-Min, Amina Ben Mohamed, Melissa Guers, Rita Benmannana. Laufzeit: 108 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Alamode Film. Kinostart: 25. Dezember 2025
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