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Buchtipp

Wir sind nicht alle gleich, aber gleichwertig

In seinem neuen Buch "Anders" spürt Bertolt Meyer den psychologischen Ursachen für Kulturkämpfe nach und fragt, warum beispielsweise gendergerechte Sprache oder trans und noch vieles andere solche Aufreger sind.


Symbolbild: Protestschild "Vielfalt statt Hetze" bei einer Demonstration Ende Oktober 2025 in Nürnberg (Bild: IMAGO / Ardan Fuessmann)

Die Botschaft lautet: Die Menschen sind nicht alle gleich, aber alle gleich viel wert. Die Realität sieht meistens anders aus. Warum das so ist, das versucht der Psychologe Bertolt Meyer in seinem jüngst im Ullstein Verlag erschienenen Buch "Anders" (Amazon-Affiliate-Link ) zu ergründen – oder wie es im Untertitel heißt: "Was wir aus der Psychologie über den Umgang mit Unterschieden lernen können".

Der Autor bringt hier nicht nur ausgewiesenes Fachwissen ein, sondern ebenso eigene Erfahrungen, nämlich als jemand, der gesellschaftlich als "anders" kategorisiert wird. Er ist schwul und behindert und weiß darum aus eigener Anschauung, wie sich Diskriminierung und Stigmatisierung anfühlen und wie schwierig Anerkennung im Leben sein kann. Eine wirklich inklusive Gesellschaft sieht jedenfalls anders aus als das, was beispielsweise wir als queere Community Tag für Tag um uns herum erleben. Das gleiche gilt für Menschen mit Behinderung und von Rassismus betroffene Menschen ohnehin und noch für viele andere.

Die scheinbar unausrottbare Vorliebe für Stereotypen


Das Sachbuch "Anders" ist Ende November 2025 im Ullstein Verlag erschienen

Das Buch gibt uns zu verstehen, dass es eine Menge Feinde einer inklusiven Gesellschaft gibt und nicht selten dort, wo wir es gar nicht erwarten – siehe genderkritischen Feminismus. Ein weiterer dieser Feinde ist unsere scheinbar unausrottbare Vorliebe für Stereotypen. Von solchen ist oft die Rede im Buch und mit der erkennbaren Absicht der Differenzierung. Meyers Kritik lässt trotzdem nichts an Deutlichkeit vermissen, aber er übt sie auf eine bemerkenswert unaufgeregte Weise aus fernab von Polemik.

Weil dieses Buch offenkundig für ein breites Publikum geschrieben wurde, legt der Autor großen Wert auf eine vermittelnde Sprache, ohne je die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus aktuellen Forschungen aus dem Blick zu verlieren. Er findet so eine Balance zwischen komplexen Inhalten und erklärender Sprache, ergänzt durch die eigenen Erfahrungen. Überzeugend ist das allemal.

Die Psychologie des Rechtspopulismus

Meyer spürt den psychologischen Ursachen für Kulturkämpfe nach und fragt, warum beispielsweise gendergerechte Sprache oder trans und noch vieles andere solche Aufreger sind. Schließlich gehört es zu unseren alltäglichen Erfahrungen, dass wir alle verschieden sind und unser Alltag von zwischenmenschlichen Unterschieden geprägt ist. Wann also wird das zum Problem? Was macht es mit uns, andere als andere zu erfahren? Meyer zitiert hier mal eben den Rechtsextremisten Höcke, der meint, man müsse die Schulen vom "Ideologieprojekt Inklusion" "befreien". Wieviel Menschenverachtung braucht es, um solche Vorschläge zu machen?

Die Themenpalette ist breit gefächert: Wir steigen beim Thema Behinderung ein, kommen schließlich zu Geschlecht und Geschlechterregeln und über die "Kampfzone Trans" landen wir bei Überlegungen zur Psychologie des Rechtspopulismus. Was wir im Buch etwa über eine gendergerechte Sprache erfahren, ist zwar nicht neu, aber gewisse Wahrheiten kann man nicht oft genug wiederholen. Zum Beispiel, dass es unzutreffend ist, wenn behauptet wird, das generische Maskulinum adressiere alle. Nein, wenn von Ärzten gesprochen wird, stellen wir uns eben tatsächlich nur Ärzte vor und nicht Ärzt*­innen.

Irrationale Abwehrreaktionen


Autor Bertolt Meyer (Bild: Gunnar Klack / wikipedia)

Auch das ist keine neue Erkenntnis, aber leider noch immer nicht allgemeiner Wissensstandard: "Geschlechterrollenstereotypen lassen sich daher besser als Ergebnis aktueller kultureller, institutioneller und psychologischer Prozesse begreifen, denn als Fortsetzung steinzeitlicher Ordnung. Sie sind nicht die Fortführung der Natur, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Aushandlungen."

Und weil dem so ist, konnte Gender zu einem "Kampfbegriff" beziehungsweise "Trigger" in kulturkämpferischen, rechtspopulistischen Zusammenhängen werden. Wobei Meyer vermutet, dass von der dort kommenden Kritik weder verstanden wird noch verstanden werden will, was Gender überhaupt meint. Der Autor spricht darum zu Recht von einer "symbolischen Bedrohung". Wie überhaupt die Sprache als symbolisches Schlachtfeld zu begreifen ist. Woran sich seit Judith Butlers "Gender Trouble" von vor über dreißig Jahre nichts geändert hat – allerdings ebenso wenig die Gewissheit, eine welch fragile Konstruktion das Cis-Sein bedeutet angesichts der irrationalen Abwehrreaktionen.

Die Verrohung des politischen Diskurses

Beim Thema trans erinnert Meyer an die aktuelle Trump-Politik als erschreckendes Beispiel für Menschenverachtung und als ein Beleg für die Verrohung des politischen Diskurses. Aber auch im Fall Alice Schwarzer kritisiert der Autor, wie sehr ihre Ansichten der Faktenlage widersprechen. "In der Wissenschaft dürfen Fakten und ihre Interpretation nicht vermischt werden." Und weiter: "Eine Identität für schick zu erklären [die "Emma"-Redaktion tut das im Fall von trans, N.E.], die derzeit mit der krassesten Ausgrenzung und Stigmatisierung verknüpft ist, erschließt sich mir nicht."

Das erschließt sich nicht nur Bertolt Meyer nicht. Aber mit Blick auf den Rechtspopulismus, gibt es zumindest eine Erklärung. Denn hier gehe es nicht um ein rationales Programm, sondern um ein emotionales Angebot. Ja, es geht darum, Ängste zu schüren, Bedrohungsszenarien zu entwerfen im Freund-Feind-Schema. Ob freilich die Handlungsempfehlungen, mit denen das Buch schließt, wirklich diejenigen erreicht, die sie dringend nötig hätten, mag man bezweifeln. Trotzdem, die Botschaft bleibt richtig und wichtig: Wir sind nicht alle gleich, aber gleichwertig.

Infos zum Buch

Bertolt Meyer: Anders. Was wir aus der Psychologie über den Umgang mit Unterschieden lernen können. 352 Seiten. Ullstein. Berlin 2025. Hardcover: 22,99 € (ISBN 9-783-55020-413-5). E-Book: 22,99 €

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