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Jahresrückblick, Teil VII
Höhepunkte des Jahres 2025
Zugegeben: Dieses Jahr war es viel schwieriger, gute Nachrichten zu finden. Dennoch ist nicht alles schlecht. Wir stellen zehn schöne Geschichten und Entwicklungen von 2025 vor.

Das sind einige der Highlights des Jahres: Der Bundesrat hat LGBTI-Rechten einen Schub gegeben; Rob Jetten (re.), auf dem Bild mit seinem Verlobten, könnte nach einem überraschenden Wahlsieg erster offen schwuler niederländischer Regierungschef werden; der FC St. Pauli macht deutlich, wie wichtig Vielfalt ist (Bild: Achim Bodewig / flickr, IMAGO / ANP, Lichtblick SE)
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27. Dezember 2025, 07:02h 5 Min.
Queerer Sieg in Niederlanden
Lange galt der Aufstieg von rechtspopulistischen Kräften in Europa als praktisch unaufhaltsam. Auch der vor der Wahl in den Niederlanden im Oktober waren Geert Wilders und seine Partei PVV Favorit. Doch dann die Überraschung: Am Ende machten Rob Jetten und seine linksliberale Partei Democraten 66 das Rennen. Der charismatische Politiker hat jetzt beste Chancen, erster offen schwuler Ministerpräsident der Niederlande zu werden. Und sein Verlobter Nicolás Keenan, ein Hockey-Spieler aus Argentinien, könnte erster niederländischer First Gentleman werden.
Recht auf Eheschließung in EU
Im November sprach der Europäische Gerichtshof, das höchste Gericht der EU, ein entscheidendes Urteil für gleichgeschlechtliche Paare: Er stellte klar, dass – wenn Schwule oder Lesben in einem EU-Land heiraten – diese Ehe in anderen EU-Ländern anerkannt werden muss. Zwar können Länder das umgehen, etwa indem sie eingetragene Partnerschaften einführen. Aber seither ist klar: Die Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union gilt auch für gleichgeschlechtliche Paare. Dass die queerfeindliche katholische Kirche gegen diese Entscheidung wetterte, zeigt, wie wichtig sie war.
Queerfeindliches BSW schafft es nicht in den Bundestag
Das Ergebnis der Bundestagswahl im Februar war größtenteils ein Schock für die queere Community: Die AfD, die queere Rechte zurückdrehen will, erreichte rund 21 Prozent und wurde erstmals zweistärkste Kraft hinter der Union. Mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht hätte eine weitere populistische, queerfeindliche Partei in den Bundestag einziehen können, scheiterte aber mit 4,98 Prozent sehr knapp an der Sperrklausel. Im Wahlkampf hatte das BSW in einem extrem kurzen Wahlprogramm trans Frauen zu einer pauschalen Gefahr für cisgeschlechtliche Frauen erklärt. Die für ihre Queerfeindlichkeit berüchtigte Parteigründerin kann damit ihren Hass nicht mehr im Parlament verbreiten.
Deutschland erobert die Top Ten der Rainbow Map
Auch wenn es sich derzeit so anfühlt, als ob vieles schlechter werden würde: Deutschland steht in der jährlich von der queeren Organisation Ilga-Europe errechneten Rainbow Map gut da wie nie. Die Berliner Republik ist auf Platz acht vorgedrungen – nach Platz zehn im Vorjahr und Platz 15 im Jahr 2023. Ilga-Europe misst mit der Liste seit Jahren die rechtliche Lage von sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten in den 49 europäischen Nationalstaaten. Deutschland verdankt seinen Aufstieg vor allem den im November 2024 in Kraft getretenen Selbstbestimmungsgesetz.
Ein Wermutstropfen ist, dass nach der Regierungsübernahme von Friedrich Merz zunächst keine großen Fortschritte mehr zu erwarten sein dürften. Im Koalitionsvertrag sind, anders als noch unter der Ampel, keinerlei große queerpolitischen Projekte geplant.
Ehe für alle in Thailand und Liechtenstein
Dieses Jahr öffneten zwei sehr unterschiedliche Länder die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. In Liechtenstein trat die letztes Jahr vom Landtag beschlossene Ehe-Öffnung am 1. Januar in Kraft. Damit haben alle deutschsprachigen Länder Schwule und Lesben im Eherecht gleichgestellt. In Thailand durfte ab dem 22. Januar geheiratet werden. Das 72 Millionen Einwohner*innen zählende südostasiatische Land ist erst der zweite Staat auf dem Kontinent nach Taiwan, der diesen Schritt durchgeführt hat. Damit haben nun weltweit 38 Länder die Ehe für alle, davon 17 in der Europäischen Union.
Bundesrat will queere Menschen im Grundgesetz schützen
Laut dem Grundgesetz sind bekanntlich alle Menschen gleich und niemand darf diskriminiert werden. Eigentlich – denn bis 1994 galt in Deutschland der Paragraf 175, mit dem Schwule wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt wurden. Das Bundesverfassungsgericht war keine Hilfe: Es erklärte sogar 1957, dass der Paragraf 175 in der Nazi-Fassung (!) nicht gegen das Grundgesetz verstoße.
Da der gegenwärtige Rechtsruck in Deutschland auch die Existenz queerer Rechte grundsätzlich in Frage stellt, wäre es also wichtig, dass sexuelle Identität endlich auch im Grundgesetz geschützt wird – neben bereits etablierten Merkmalen wie Geschlecht, Behinderung oder "Rasse". Alle demokratischen Parteien mit Ausnahme der Union sprechen sich für diesen Schritt aus.
Doch die Blockadefront bei CDU und CSU bröckelt: Dieses Jahr organisierte die CDU-geführte Berliner Regierung in der Länderkammer erstmals eine Mehrheit für das Projekt. Das ist zwar ein Meilenstein, allerdings ist fraglich, ob sich die nicht gerade queerfreundlich agierende Union im Bundestag einen Ruck geben kann. Wichtig ist jedoch: Bewegung in dieser Frage scheint möglich zu sein.
Kein Rückschritt mit SBGG-Sonderregister
Dieses Jahr mussten wir schon froh sein, wenn es keine Rückschritte gibt. Und hier können wir – zum zweiten Mal in dieser Liste – der Länderkammer danken. Sie hat das Aufweichen des Selbstbestimmungsgesetzes durch die Union zumindest vorläufig verhindert. Einen solchen Versuch unternahm Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, für den bekanntlich queere Menschen ja lediglich eine "schrille Minderheit" sind. Er wollte ein Sonderregister für trans Menschen einführen, das stark an die Rosa Listen aus dunkleren Zeiten erinnerte. Das ging aber offenbar einigen zu weit: Die Abstimmung wurde abgesetzt, weil Dobrindt für seine schikanierende Regelung wohl keine Mehrheit gefunden hat.
Queerer ESC-Sieg
Auch wenn es zuletzt im Streit um die Teilnahme Israels viele Negativ-Schlagzeilen um den guten alten Grand Prix gegeben hat: Mit JJ konnte dieses Jahr nach Nemo zum zweiten Mal in Folge ein queerer Act den Eurovision Song Contest gewinnen. Das ist doch etwas wert!
Erster schwuler Sexiest Man Alive
Seit inzwischen 40 Jahren verteilt das "People"-Magazin den Award des "Sexiest Man Alive" an allerlei Schönheiten. Ein offen schwuler Mann war bislang nicht dabei – bis zu diesem Jahr. Der Titel wurde dem britischen Schauspieler Jonathan Bailey verliehen. Besonders schön ist, dass Bailey sich auch in herausragender Weise politisch für die LGBTI-Community engagiert.
Das Regenbogen-Solardach des FC St. Pauli
Bislang hat es in Deutschland noch kein aktiver Fußball-Bundesligaspieler gewagt, sich während seiner aktiven Karriere zu outen – aus Angst davor, seine Karriere zu ruinieren. Da ist es schön, wenn ein Verein mal ein Zeichen setzt wie der alternative Hamburger Club FC St. Pauli: Er ließ nicht auf derNordtribüne des Millerntor-Stadions ein Solardach errichten – löblich in einer Zeit, in der die Bundesregierug weiter auf fossile Energien setzt. Außerdem ist das Dach in Regenbogenfarben gehalten. "Die Regenbogen-Solaranlage bereichert unsere Stadt", lobte auch die zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne). "Sie ist ein leuchtendes Symbol für Innovation und Vielfalt."














