Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?56320

Buchtipp

Das emanzipatorische Potenzial des Fühlens

In ihrem neuen Buch "alles fühlen" denkt die queer-feministische Aktivistin Clara Porák Körper und Gefühle konsequent politisch und ordnet sie in System ein, das Emotionalität als irrational abwertet.


Clara Porák lebt in Wien. Sie arbeitet für "andererseits", ein preisgekröntes Magazin für Behinderung und Gesellschaft. Als Aktivistin ist sie in der queer-feministischen Bewegung engagiert (Bild: Luiza Puiu)

Gleich zu Beginn markiert Clara Porák mit "alles fühlen" (Amazon-Affiliate-Link ) einen programmatischen Anspruch: einen "Platz für das Weich-Sein". "Ich möchte sanft zu den Menschen und hart und kritisch gegenüber den Strukturen sein", schreibt sie – ein Satz, der das Buch zusammenhält. Porák, österreichische Journalistin, denkt Körper und Gefühle konsequent politisch und ordnet sie in ein kapitalistisches, koloniales Weltsystem ein, das alle auf Arbeit trimmt, Emotionalität als irrational abwertet und systematisch bagatellisiert. Fühlen gilt hier als Störung – und genau darin liegt für Porák sein emanzipatorisches Potenzial.

Am überzeugendsten ist das Buch dort, wo Porák eine poetische, körpernahe Sprache findet. Wenn sie schreibt: "Ich sehe mir meine Traurigkeit an und verstaue sie in meiner Brust, ich hebe meine Scham im Knie auf, ich lege meine Freude auf die Spitze meines Brustbeins", werden Gefühle nicht romantisiert, sondern lesbar gemacht. Sie erscheinen als Signale von Anwesenheit und Beziehung – nicht als private Innenzustände, sondern als politisch geformte Erfahrungen. Wichtig ist dabei ihr Beharren darauf, dass Fühlen kein moralischer Imperativ ist: Wer permanent Gewalt ausgesetzt ist, darf sich auch für Gefühllosigkeit entscheiden.

Die Unverwertbarkeit von Gefühlen


Clara Poráks Buch "alles fühlen" ist im Oktober 2025 im Wiener Verlag Wasser Publishing erschienen

Zentral ist Poráks These von der Unverwertbarkeit von Gefühlen. Gerade weil sie sich nicht produktiv machen lassen, stehen sie quer zur kapitalistischen Logik. Gefühle sind bei ihr weder individuell noch neu, sondern historisch, relational, geteilt. Das Bild vom fehlenden "Alphabet an Körperlichkeit" beschreibt treffend eine Gesellschaft, die emotionale Kompetenz systematisch verlernt – und verlernen soll.

Politische Scham fungiert dabei als ideologischer Gegenpol: Sie vereinzelt, diszipliniert, trennt Körper voneinander und erzeugt eine Angst vor Sichtbarkeit. Poráks Antwort darauf ist Verletzbarkeit als Praxis der Verbindung: "Wir dürfen davon ausgehen, dass wir einander brauchen." Dieser Gedanke trägt das Buch – bleibt aber oft programmatisch, wo man sich eine schärfere Analyse der Machtverhältnisse wünschen würde, die diese Verletzbarkeit so ungleich verteilen.

Auch formal setzt Porák auf Zugänglichkeit: klare Kapitel, erklärende Passagen, ein bewusst niedrigschwelliger Ton. Das ist politisch klug, führt aber inhaltlich dazu, dass vieles bekannt bleibt. Ihre Bezüge auf Abolitionismus, Epistemizide oder Emotionalität als Wissensform werden angerissen, selten vertieft. Oft wirkt "alles fühlen" eher wie eine gut geschriebene Einführung in linke Gefühls- und Körperpolitiken als wie ein eigenständiger theoretischer Zugriff.

Befreiung als Praxis

Stärker sind die queeren und körperpolitischen Passagen. Wenn Porák ihr Leben als "im besten Sinne ordnungslos" beschreibt, Beziehungen jenseits der Kernfamilie denkt oder das Zuhause als politischen Raum begreift, gewinnt der Text an Konkretion. Auch ihre Überlegungen zu Wut, Lust, Behinderung und Berührung – von "Wütende Menschen bitten nicht, sie fordern" bis zu Access Intimacy – öffnen produktive Denkbewegungen, ohne sie zu glätten. Lust erscheint hier nicht als Eindeutigkeit, sondern als Zweifel, als tastendes Nicht-Wissen.

Am Ende kreist "alles fühlen" um Befreiung als Praxis: Fürsorge ist Arbeit, Liebe keine Belohnung für sie, Sicherheit die Voraussetzung des Fühlens. Angst stabilisiert bestehende Ordnungen, während Sehnsucht produktiv über sie hinausweist. Wo das Buch Gefühle als politisches Terrain ernst nimmt, gewinnt es an Durchschlagskraft; wo es sich jedoch in konsensfähige Setzungen und vertrauten Diagnosen verliert, fehlt es an der nötigen Präzision und Schärfe.

"alles fühlen" ist weniger ein radikaler Einschnitt als ein sensibles Angebot: Gefühle nicht zu versöhnen, sondern ihnen ihren Eigensinn zu lassen. Das ist nicht wenig – aber auch nicht so riskant wie das Buch selbst gern wäre.

Infos zum Buch

Clara Porák: alles fühlen. 208 Seiten. Wasser Publishing. Wien 2025. Taschenbuch: 24,50 € (ISBN 978-3-903618-00-8). E-Book: 18,99 €

Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.

-w-