Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?56325

Interview

100 Jahre Knef: Ein Gespräch mit Ulrich Michael Heissig

Seit drei Jahrzehnten verkörpert er Irmgard Knef – die erfundene Zwillingsschwester von Hildegard Knef. Zum großen Jubiläum der Diva trafen wir Ulrich Michael Heissig, um mit ihm über die Entstehung seiner Bühnenfigur, den Knefschen Geist und ihre schwulen Fans zu sprechen.


Er lässt rote Rosen regnen: Ulrich Michael Heissig als Irmgard Knef (Bild: Robert Recker)

Du schlüpfst seit fast dreißig Jahren in die Rolle der erfundenen Zwillingsschwester von Hildegard Knef…

Es war 1996, als Irmgard das Licht der Welt erblickt – im legendären "Café Anal", betrieben von einem links-anarchistischen, schwul-lesbischen Kollektiv in Kreuzberg.

Seither erfindest du sie immer wieder neu. Jede Show wirkt wie ein Work in Progress: eine fortlaufende Auseinandersetzung mit Hildes Biografie und ihren Texten. Hast du inzwischen das Gefühl, über Hildegard Knef mehr sagen zu können als sie selbst?

Nein! (lacht) Sicher nicht. Ich bin ihr ja leider nie wirklich begegnet. Diese Figur, diese Irmgard, ist für mich trotzdem ein Alter Ego geworden. Nicht eines, das ich gesucht hätte, sondern eines, das mich gefunden hat.

Wie kommt das?

Vieles an ihr kenne ich von meiner Tante, Jahrgang 1925 – dieser Generation von Flakhelfern: zu jung, um Verantwortung zu tragen, und zu alt, um nicht davon geprägt worden zu sein. Diese Mentalität fließt in Irmgard ein. Gleichzeitig studiere ich die Knef seit Jahrzehnten. Selbst die Hundertjahrfeier hat mir noch Neues eröffnet.


Irmgard Knef ist die behauptete eineiige Zwillingsschwester von Hildegard (Bild: M.P.Schimweg / whitehall.de)

Auf der Bühne siehst du aus wie Hilde, sprichst wie Hilde, singst wie Hilde. Wer genau ist Irmgard Knef?

Irmgard ist die behauptete eineiige Zwillingsschwester von Hildegard. Von Anfang an gab es den Satz: "Als 1948 die Kessler-Zwillinge erste Achtungserfolge feierten, hat Hildegard zu mir gesagt: Irmgard, vergiss es – ich mach Karriere alleine."

Die eine fliegt nach Amerika …

… und heiratet Kurt Hirsch und wird Weltstar. Die andere – mit denselben Talenten ausgestattet – bleibt in Berlin im Hinterhof und wird der ewige Underdog. Daraus entsteht der Witz: Die Loserin stellt das Leben der Winnerin vor, ohne Groll, aber mit Humor. Mein erstes Programm hieß nicht umsonst "Auferstanden aus Ruinen".

Also keine Veralberung, sondern eine Hommage?

Ja, aber eine sehr besondere. Auch bei Irmgard regnen rote Rosen- aber Rosen haben Dornen. Mit Hildes Tod 2002 bekam Irmgard dann ihre eigene Berechtigung und wurde unabhängige Kunstfigur. Die Idee, dass auch die Knef eine Zwiillingsschwester hätte haben können, mit der sie gemeinsam "Fieber" singt – dieser Gedanke ist einfach komisch.

Vor allem trägt Irmgard den "Knefschen Geist" weiter.

Ja, das Berlinische, das Lakonische, das "Kopf hoch, wenn der Hals auch dreckig ist". Und sie ist – wie Hilde – nie larmoyant. Eine Figur, die zurückblickt, aber auch die Gegenwart auf ihre spezifische Art beurteilt. Ein charakterlicher Teil der Knef bleibt mit Irmgard am Leben.

Du betrachtest dich selbst nicht als Comedian oder Dragqueen Wie beschreibst du Irmgard als Bühnenfigur?

Ich spiele eine ältere Frau, das Geschlecht spielt dabei kaum eine Rolle. Die versteht sich als Entertainerin. Hilde hatte schon eine gewisse Androgynität, die im Alter noch stärker wurde – das trage ich auch als Irmgard in mir. Ich trete in Hosen, Jaquet und etwas Glitzer auf, nie als junge Knef, sondern als die ältere, fragile. Diese Zerbrechlichkeit hat mich darstellerisch immer gereizt.

Gab es einen Moment bei deinem ersten Auftritt, in dem du wusstest: Irmgard wird die Rolle deines Lebens?

Ja. Ich kam eigentlich vom Theater, Regie, Dramaturgie, Abendspielleitung – ich hatte gar nicht vor, selbst auf Dauer zu spielen. Aber diese Figur hat mich regelrecht ergriffen.

Wie das?

Mein erster Auftritt im "Café Anal" fand nachts um halb zwei statt, die Polizei war wegen Lärmbeschwerden gerade weg. Ich habe drei, vier Knef-Songs gesungen, bei denen die Mittelstimme herausgefiltert war. Live, mit eigenen Texten. Und da war klar: Das schwul-lesbische Publikum versteht sofort, dass ich nicht Hilde nachmache, sondern Irmgard spiele. Statt "Aber schön war es doch" singt Irmgard "Ja so schön war es nicht" – solche Verdrehungen. Von Anbeginn korrespondierten meine Texte immer mit dem Original.

Und als Hilde 2002 starb …

… konnte sich Irmgard erst richtig outen als die, die nicht die Nummer Eins war, sondern in der zweiten Reihe stand. Hildegard war schließlich immer die Erste: Sie hatte die erste Hauptrolle nach dem Krieg, die erste Nacktszene, sie war die erste Deutsche am Broadway, sie hatte das erste öffentliche Outing mit ihre Krebserkrankung … Die Gegenseite dazu war meine Grundidee: die andere Seite derselben Medaille.

Das hat ja fast philosophische Dimensionen: der Gedanke, dass zu jedem Gefühl gleichzeitig sein Gegenteil mitgedacht wird.

Einige Titel von ihr spielen mit diesem Gedanken, sich aufzuteilen und dann wieder anders zusammenzusetzen:"Ich möchte mich gern von mir trennen, wenn möglich auf längere Zeit, es reicht nicht, mich näher zu kennen, ich mag mich nicht mehr – tut mir leid". Oder "Wär mein Leben ein anderes geworden, hätt man mich Natascha getauft".

Und du hast dann "Natascha" in "Hildegard" umgewandelt?

Genau. Nicht zu vergessen: "Eins und Eins, das macht Zwei". Solche Textstellen haben mich direkt inspiriert. Sie enthalten poetische Bilder, aber auch konkrete Lebenshilfe. Und erzählt durch die Loserin Irmgard sieht man sie aus einem anderen Blickwinkel. Von Anfang an war klar: Ich spiele zwar mit der äußeren Wiedererkennbarkeit – Perücke, Brille, Stimmfarbe – aber ich habe nie karikiert, sondern mit ihren Eigenheiten gespielt, um eigene Inhalte zu transportieren.

Direktlink | Irmgard Knef singt "Der Lack ist ab"
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

So wurde Irmgard nebenbei auch zur Ikone für all die Diven in der zweiten Reihe?

Ja nach dem Motto: "Hätte ich in New York gelebt, wäre ich ein Star geworden …" Diese gekränkte Diva – das war ein Motiv, das sich von Beginn an durch mein Programm zog.

Wie ging es dann weiter?

Dann kam ein kleiner Hype: Der "Spiegel" schrieb 2000 über mich, die "Zeit", alle möglichen Redaktionen. Im "Kleinen Theater" in Friedenau war es jahrelang voll. Und immer die Frage: Wie findet Hilde das?

Und? Wie fand sie es?

Ich habe ihr meine erste CD geschickt. Sie hörte sie – und sagte: "Also, meinen Segen hat'se!" Das war wichtig, weil so manche Redaktion mich damals unbedingt für eine Live-Konfrontation mit ihr instrumentalisieren wollten: Wie würde Hilde reagieren? Ich war da sehr vorsichtig. Aber das Thema war erledigt, als klar war: Ich stehle ihr nichts, es ist ähnlich, aber anders: also etwas ganz Eigenes.

Welche Bedeutung hat das schwule Publikum für dich?

Eine enorme. Die Mischung aus schwulen Männern, heterosexuellen Paaren, älteren Damen – das ergibt eine wunderbare Dynamik mit generationenübergreifenden Konstellationen: der 50jährige Sohn mit seiner 80-jährigen Mutter, die Tante mit dem Neffen. Jüngere kommen eher, wenn sie eine queere Diven-Sozialisation haben. Ich sage immer: Die Show ist freigegeben ab 40. (lacht)

Du selbst hast schon als Heranwachsender gespürt, dass die Knef etwas Besonderes war?

Ja- ich bin Jahrgang 65. In meiner Kindheit war sie ständig in den Medien präsent, vor allem in der "Bild"-Zeitung: "Todeskampf in Klinik" oder "Ich hasse alle Deutschen". Als sie nach Amerika ging, wollte man sie als Vaterlandsverräterin abstempeln. Die Großbuchstaben der Schlagzeilen, die Löwenmähne, diese Stimme. Dazu die völlig unterschiedlichen Bewertungen durch die Generationen: Meine Großmutter sah sie ganz anders als meine Mutter. Mein Vater hat als 16jähriger im Kino "Die Sünderin" gesehen, während meine Mutter aufgrund der sozialen Kontrolle nicht mal an der Litfaßsäule mit dem Kinoplakat vorbeilaufen durfte. Aber alle kannten sie, und das hat mich fasziniert.

Spricht diese Mischung aus unnahbarer Diva und Berliner Schnauze besonders schwule Männer an?

Absolut. Die Diva als Außenseiterin, die Außenseiter liebt. Das ist ein queeres Urmotiv. Speziell die deutschsprachigen Diven haben alle eine tiefe Stimme, von Zarah Leander über Marlene Dietrich bis Hildegard Knef – da kann man als Mann gleich mitsingen.

Hat dich deine Knef-Faszination beim Coming-out beeinflusst?

Nein, ich bin ja ein spät berufener Schwuler ich hatte mein Coming-out erst mit 25. Aber der Mann, in den ich mich damals verliebt habe, brachte die Knef wieder in mein Leben. So ging's richtig los.

Wenn man Talkshows der 1960er Jahre anschaut, fällt auf, wie souverän Hildegard Knef auf frauenfeindliche Fragen oder selbst auf persönliche Anfeindungen reagiert. Moderatoren und Publikum wirken dabei auffällig kleingeistig und bieder – was sich auch äußerlich bemerkbar machte. Wie weit war Hildegard Knef ihrer Zeit voraus?

Sehr weit. Um sie wehte immer ein Hauch von Welt – und das mitten in einer piefigen Nachkriegsrepublik, in der das Heimchen am Herd die Norm war. Sie war das komplette Gegenprogramm. Sie hat schon in den Fünfzigern gesagt: "Ich bin kein Mädchen. Alle wollen nur Mädchen, aber ich bin eine Frau." Gleichzeitig war sie später reflektiert genug zu sagen, dass sie sich nicht als emanzipiert sieht, da ihr Weg so stark von Männern bestimmt wurde: Regisseure, Produzenten, Plattenbosse – auch wenn sie nie die "Försterliesel" verkörperte. Die wirkliche Unabhängigkeit kam erst, als sie ihre Tourneen gemeinsam mit ihrem Mann selbst organisierte. Das war für die Zeit radikal. Sie hat sehr früh begriffen, dass wir in einer patriarchalen Struktur leben – und dass sie darin ihren eigenen Raum bauen musste.

Woher nahm sie diese Klarheit?

Sie war ein intellektueller Mensch, sehr rational, sehr beobachtend. Und gleichzeitig mit dieser Wärme und Herzlichkeit ausgestattet. Das ist eine seltene Mischung.

Welche Rolle spielte dabei ihre Zeit in den USA?

Eine große. Sie wollte diese Enge loswerden und Weltstar werden – doch das klappte nicht so ganz. Dafür war sie unser Weltstar: ein Weltstar für Deutschland. Und sie brachte diese Weltläufigkeit mit zurück in die Talkshows. Das wurde unglaublich bewundert. Sie verkörperte die heimlichen Wünsche so vieler Frauen, die in ihren Rollen feststeckten. In New York konnte sie verrucht sein- ein Wort, das heute kaum noch benutzt wird. Sie hat sich Dinge erlaubt, die andere maximal zu träumen wagten.

Ist das ein weiterer Grund dafür, warum sie gerade unter schwulen Männern so beliebt ist?

Ja, wegen ihres Mutes und ihrer Unverklemmtheit. Sie hat gesagt: "Gut, wenn die Rolle es verlangt, zieh ich mich aus." Und dann hat sie das getan.

Du beziehst dich auf die Szene in dem Skandalfilm "Die Sünderin" von 1951.

Ich fand es großartig, wie sie später die allgemeine Empörung über den Film kommentiert hat. Dass sich über eine anderthalbsekündige Nacktszene die Menschen aufregten, die ein paar Jahre zuvor geschwiegen hatten, als Millionen deportiert und ermordet wurden. Das hat sie nie verstanden – zu Recht.

Die Queer-Kollekte
Die queere Community braucht eine starke journalistische Stimme – gerade jetzt! Leiste deinen Beitrag, um die Arbeit von queer.de abzusichern.
Jetzt unterstützen!

Wenn man ihr Buch "Der geschenkte Gaul" liest …

… dann merkt man, wie viel man als queerer Mensch mit ihrer Weltsicht anfangen kann: der Wunsch nach Schönheit, nach Außergewöhnlichem, nach einem Leben jenseits der Norm. Und natürlich war auch sie eitel, hatte ein großes und zugleich kleines Ego – wie meine Irmgard auch, nur eben ganz anders. (lacht)

Du hast Politikwissenschaft studiert und deine Diplomarbeit über Georg Kreisler geschrieben. Hat dir das beim Umgang mit den Knef-Texten geholfen?

Sehr. Bei Kreisler lernst du ja den Mut zur Ironie, zur Bissigkeit, zum Schwarzhumor. Eine Zweischneidigkeit, die heute viele gar nicht mehr begreifen. Dieses Spiel mit Sarkasmus, doppeltem Boden und Selbstironie – das habe ich direkt von ihm. Meine ersten Chanson-Versuche am Theater waren auch Kreisler-Songs. Das hat mir die Freiheit gegeben, die Knef nicht einfach brav zu interpretieren, sondern mit Wärme, Witz und Biss zugleich zu arbeiten.

Wie fühlt sich diese intensive Nähe zur Knef für dich eigentlich an?

Hilde ist für mich wie eine Art Lieblingsgroßmutter. Ich bin ohne Großeltern aufgewachsen und habe das immer vermisst. Und die Knef ist für mich so eine coole, kluge, welterfahrene Großmutterfigur, mit der ich gerne befreundet gewesen wäre. Also hab ich sie mir einfach selbst erschaffen.

Am 28. und 30. Dezember 2025 findet in der "Bar jeder Vernunft" in Berlin ein Geburtstags-Special zum 100. Geburtstag der "Knefs" statt.

-w-