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Aufklärung von anno dazumal
Homosexuelle als "Enterbte des Liebesglückes"
Heute vor 125 Jahren – am 30. Dezember 1900 – starb Otto de Joux, der Bücher zur homosexuellen Emanzipation schrieb, als es noch gar keine Bewegung gab. Sein Andenken gehört jedoch korrigiert

Otto de Joux im Jahr 1897
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30. Dezember 2025, 00:44h 25 Min.
Es gibt Autoren, von denen eine große Faszination ausgeht, weil sie vor der Gründung einer Homosexuellenbewegung und mit kaum positiven Identifikationsmöglichkeiten emanzipatorische Literatur veröffentlichten. Neben den Homosexuellenaktivisten Heinrich Hössli und Karl Heinrich Ulrichs (mit seinen wichtigen Schriften ab 1864) gehört dazu auch der weniger bekannte Otto de Joux. Neben der Darstellung seines Lebens und seines Werks geht es mir auch darum, wie ihn die frühe Homosexuellenbewegung sah und wie er heute rezipiert wird. Durch neu digitalisierte zeitgenössische Printmedien, die Otto de Joux' Angaben nicht nur bestätigen, sondern auch ergänzen, ergeben sich sogar neue Ansatzpunkte für die queere Geschichtsforschung.
Leben und Werk
Mit diesem Artikel möchte ich den österreichischen Schriftsteller Otto de Joux (geboren am 1. Januar 1862 in Klagenfurt; gestorben am 30. Dezember 1900 in Dresden) für sein Werk würdigen und die Erinnerung an ihn wachhalten. Dabei geht es mir vor allem um drei Veröffentlichungen, die in einem homosexuellen Kontext stehen. Neben seinen beiden Büchern "Die Enterbten des Liebesglückes" (1893, 1897) und "Die hellenische Liebe in der Gegenwart" (1897) gehört dazu auch sein Artikel "Der Uranismus und die Homosexuellen" (1898). Sein drittes Buch "Die Gefahren der modernen Ehe. Soziale und ethische Studien" (1897) hat keinen Bezug zum Thema Homosexualität und wird daher hier nicht berücksichtigt. Ich werde zunächst den seit Jahrzehnten falsch kolportierten Namen korrigieren und später auch auf seinen Schlaganfall mit anschließenden Wahnvorstellungen eingehen, an dessen Folgen er vermutlich auch starb. Einen kurzen biografischen Abriss bietet Ludwig Eisenbergs Künstler- und Schriftsteller-Lexikon "Das geistige Wien" (1893, 1. Band, S. 240).
Otto de Joux ist nicht Otto Rudolf Podjukl
Bisher ging die gesamte homosexuelle Geschichtsforschung von der Annahme aus, dass Otto de Joux ein Pseudonym sei, hinter dem sich der Autor Otto Rudolf Podjukl verberge. Der Grund dafür sind offensichtlich die bibliographischen Erwähnungen seiner beiden Bücher über Homosexualität im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (JfsZ, 1. Jg., 1899, S. 225-226) mit dem doppelten Hinweis auf "Joux, Otto de (Otto Rudolf Podjukl)". Das JfsZ, das vom Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WhK) herausgegeben wurde, ist eine seriöse und zitierfähige Quelle und alle Historiker waren vermutlich froh, dass das Pseudonym dieses Autors so leicht dechiffriert werden konnte.
Dabei blieben jedoch grundsätzliche Überlegungen unberücksichtigt. Die Nennung des richtigen Namens eines pseudonym auftretenden Autors wäre vom WhK ein schwerwiegendes Outing zu Lebzeiten gewesen, das sich mit der politischen Linie des Komitees nicht in Einklang bringen lässt. Außerdem: Warum sollte das WhK den Autor noch zu seinen Lebzeiten (1899) mit seinem richtigen Namen outen und nach seinem Tod – in mehreren Beiträgen im JfsZ bis 1910 – nur noch sein Pseudonym verwenden? Nur umgekehrt wäre es sinnvoll und im Einklang mit der politischen Linie des WhK, als posthum vorgenommene Auflösung des Autoren-Pseudonyms. Außerdem: Warum sollte sich Otto de Joux zu Lebzeiten hinter einem Pseudonym verstecken, aber gleichzeitig in seinem Buch "Die hellenische Liebe in der Gegenwart. Psychologische Studien" (1897) ganz vorne ein Foto von sich veröffentlichen? Das passt nicht zusammen.
Ergänzend lässt sich noch anführen, dass zumindest bisher keine weitere Quelle bekannt ist, die bestätigen würde, dass es sich bei Otto de Joux um Otto Rudolf Podjukl handelt. Ich gehe deshalb davon aus, dass Otto de Joux der bürgerliche Name des Autors ist und dass er auf ein Pseudonym verzichtete. Für die Falschangabe im JfsZ bietet sich folgende mögliche Erklärung an: Otto de Joux berichtete in einem seiner Bücher von einem homosexuellen Klub, in dem – so die zeitgenössischen Zeitungen (siehe unten) – der Kriminelle Otto Potjukl (sic) sein Unwesen trieb. Vielleicht führte der gleiche Vorname der zwei Männer zu dieser Verwechslung.
Es gibt allerdings auch eine Äußerung von Magnus Hirschfeld, die sich mit diesen Überlegungen nicht in Einklang bringen lässt: Hirschfeld gab an, den Autor persönlich gekannt zu haben, und betonte noch 1922/1923 (Nachdruck: "Von einst bis jetzt", 1986, S. 83), dass Otto de Joux zu den Autoren gehöre, die "ihren wahren Namen verleugnen".
"Die Enterbten des Liebesglückes" (1893, erste Auflage)
Otto de Joux' erstes Buch trägt den Titel "Die Enterbten des Liebesglückes. Ein Beitrag zur Seelenkunde" (1893), wobei "Seelenkunde" eine heute veraltete Bezeichnung für Psychologie ist. Mit den Bezeichnungen "Enterbte des Liebesglückes" (= Homosexuelle), "Evasöhne" (= Schwule) und "Adamstöchter" (= Lesben) versuchte er eine neue Terminologie zu begründen. Neben den von Ulrichs übernommenen Begriffen wie "Urning" verwendete er weitere Bezeichnungen wie "lesbische Liebe" (S. 26) und "Homosexuale" eher selten. Die erste Auflage beinhaltet 23 Kapitel, die jedoch keine nachvollziehbare Struktur oder inhaltliche Gliederung erkennen lassen. Sein Buch ist populäre Sachliteratur, wobei der Text sehr emotional gehalten und teilweise pathetisch ist, so dass man meinen könnte, der Autor habe versucht, einen schwulen Roman zu schreiben. Es wäre naheliegend zu vermuten, dass Karl Heinrich Ulrichs ein großes Vorbild für Otto de Joux war. Otto de Joux kannte jedoch nur dessen VII. Schrift "Memnon", die, so seine Ansicht, "viel Wahres" enthalte, aber auch zahlreiche Schwächen habe (S. 13). Zu den Unterschieden zwischen Ulrichs und de Joux gehörte, dass nur Ulrichs eine sexpositive Einstellung zeigte.
Neben Hinweisen auf Kunst, Kultur und prominente Homosexuelle sind einige Angaben de Joux' interessant, weil sie Parallelen zu späteren Zeiten erkennen lassen. So schreibt er, dass sich Schwule bereits zu seiner Zeit untereinander "Schwestern" und "Tanten" (= Tunten) nannten und sich weibliche Vornamen gaben (S. 68). Weil Schwule Frauen "nicht gefährlich" werden könnten, seien besonders enge Freundschaften zwischen Frauen und Homosexuellen möglich (S. 178; für Frauen, die Freundschaften mit Schwulen suchen, etablierten sich später Bezeichnungen wie "Gabi" oder "Fruit Fly"). Einige Passagen bei de Joux sind auch unterhaltsam, z. B. wenn er davon schreibt, dass ein Mann von seiner Leidenschaft für Kavalleristen "geheilt" werden sollte und danach seine Neigung zu Männern der Infanterie entdeckte (S. 76-77). Auf diskreditierende Formulierungen, wie "Viele der Mannweiber sind (…) häßlich und gräßlich, was Wunder, daß sie empfindlichen Männern in tiefster Seele zuwider sind" (S. 185), werde ich später noch eingehen.

Otto de Joux' erstes Buch "Die Enterbten des Liebesglückes" (1893, Ausschnitt), mit dem er versuchte, eine neue Terminologie für Schwule und Lesben zu begründen
"Die Enterbten des Liebesglückes" (1897, zweite Auflage)
Für die zweite Auflage wurde der Titel in "Die Enterbten des Liebesglückes oder Das dritte Geschlecht. Ein Beitrag zur Seelenkunde" (1897) geändert. Mit "das dritte Geschlecht" ergänzte de Joux im Titel eine weitere emanzipatorische Selbstbezeichnung, die er von Ulrichs übernahm. Es irritiert zunächst, dass diese "vermehrte und verbesserte Auflage" weniger Seiten beinhaltet (253 statt 256 S.), was sich jedoch durch den engeren Schriftsatz erklärt. Neu eingefügt wurden ein Vorwort zur zweiten Auflage (S. 9-14) und das 14. Kapitel über den bayerischen "Märchenkönig" Ludwig II. (S. 136-140), wodurch diese zweite Auflage nun 24 statt 23 Kapitel umfasst. In dem Exemplar der Bayerischen Staatsbibliothek in München, dessen Scan hier verlinkt ist, befinden sich einzelne handschriftliche Anmerkungen einer unbekannten Person, die offenbar der Dechiffrierung ungenauer Personenangaben dienen sollten, wie bei dem Schauspieler (Wilhelm) Kunst (S. 73) und Emil Mario Vacano (S. 230). Neben dem Bibliotheksstempel enthält das Exemplar den früheren Besitzerstempel "Ex libris J. Schedel". Es stammt also aus dem Nachlass des Homosexuellen-Aktivisten Joseph Schedel (1856-1943), womit die Vermutung naheliegt, dass die handschriftlichen Anmerkungen von Schedel stammen könnten.
"Die hellenische Liebe in der Gegenwart" (1897)
In seinem zweiten Buch "Die hellenische Liebe in der Gegenwart. Psychologische Studien" (1897) verbindet Otto de Joux die Vorstellung von der Homosexualität in der Antike mit seiner Gegenwart. Für ihn ist "Hellenismus" das gleiche wie "Uranismus" und damit Homosexualität (S. 199). Im Untertitel ersetzte er nun den veralteten Begriff der "Seelenkunde" durch Psychologie. Zum Schreiben dieses zweiten Buches habe er sich entschlossen, weil er zu seinem ersten Buch innerhalb eines Jahres 736 Dank- und Anerkennungsschreiben erhalten habe (S. 129, s. a. S. 168). Er schreibt, dass "Urninge" (= Homosexuelle) anders seien "als wir" (S. 18), womit er indirekt angibt, heterosexuell zu sein. Durch verschiedene Textstellen wie diese wird deutlich, dass die Zielgruppe seiner Bücher Homo- und Heterosexuelle waren. Im Gegensatz zu seinem ersten Buch geht es hier ausschließlich um männliche Homosexualität.
"Die hellenische Liebe in der Gegenwart" war bereits Anfang 1897 lieferbar, was aus einer Werbeanzeige im "Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" (11. Februar 1897) ersichtlich ist. Damit erschien auch dieses zweite Buch zu einem Zeitpunkt, als es noch keine Homosexuellenbewegung gab. Die Gründung des bereits erwähnten WhK als homosexuelle Interessenvertretung erfolgte erst einige Monate später am 15. Mai 1897. Das ist relevant, weil in den Büchern von Otto de Joux ein vielbeachteter Aufruf an Schwule und Lesben abgedruckt wurde.
Ein früher Aufruf an Schwule und Lesben, selber aktiv zu werden
Im Anhang von "Die hellenische Liebe in der Gegenwart" (1897, S. 273-276) ist ein "Aufruf an alle gebildeten und edlen Menschen" abgedruckt, der als weltweit einer der ersten Aufrufe an Schwule und Lesben gilt, für ihre Interessen selber aktiv zu werden. Dieser Aufruf ist auf November 1896 datiert und nur von Wilhelm Erler von Aistoß unterschrieben, zu dem keine weiteren Angaben bekannt sind. Der Aufruf fordert vor allem zu finanzieller Unterstützung des Vorhabens auf, emanzipatorische Literatur an "im Staatsleben besonders maßgebende und einflußreiche Persönlichkeiten" wie Juristen und Mediziner kostenlos zu verteilen. Es muss jedoch berücksichtigt werden, dass Otto de Joux in seinem "Schlußwort" (S. 268-272) zuvor viel deutlicher geworden ist: Schwule und Lesben müssten sich organisieren und die "Bewegung darf nicht einen Moment nachlassen". Er wünschte sich eine Liga bzw. einen Bund zur Durchsetzung ihrer Interessen. Bei seinem "Freund und Verleger" Max Spohr sei eine Zeitschrift bereits in Planung.

Ein früher Aufruf an Schwule und Lesben, selber aktiv zu werden (Auszug)
Außerdem ist auf einen zweiten, recht ähnlichen Aufruf hinzuweisen, der im Anhang der zweiten Auflage von "Die Enterbten des Liebesglückes" (1897, S. 249-253) erschien und auf "Frühling 1897" datiert wurde. Unterschrieben wurde dieser Aufruf von neun Personen, u. a. von Otto de Joux, Dr. Th. Ramien (d. i. Magnus Hirschfeld), Max Spohr (Verleger) und Wilhelm Erler von Aistoß. Auch hier geht es um finanzielle Unterstützung für eine homosexuelle Zeitschrift und Broschüren, die kostenlos verteilt werden sollten. Weiter heißt es: "Von Herrn Dr. Ramien ist eine Erklärung ausgearbeitet worden, die der geistigen Elite unseres Volkes zur Unterschrift vorgelegt werden soll." Mit diesem zweiten Aufruf wurden die durch den ersten Aufruf eingegangenen Spenden von mehr als 680 Mark bestätigt.
Die Ankündigung der Gründung einer homosexuellen Interessenvertretung und einer homosexuellen Zeitschrift ist in Verbindung mit der Gründung des WhK (15. Mai 1897) und des JfsZ (ab 1899) zu sehen. Mit der Erklärung, die der "geistigen Elite unseres Volkes zur Unterschrift" vorgelegt werden sollte, ist offenbar die Petition zur Abschaffung des § 175 RStGB von Dezember 1897 gemeint, die u. a. von August Bebel unterschrieben wurde (s. Hirschfeld: Von einst bis jetzt, 1986, S. 105 und "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen", Jg. 1899, S. 3, 239-280). Wilhelm Erler von Aistoß kann nicht, wie zum Teil angenommen, ein Pseudonym von Otto de Joux sein, denn dann würden im zweiten Aufruf nicht beide Namen gemeinsam genannt worden sein.
Der Artikel "Der Uranismus und die Homosexuellen" (1898)
Erst durch neu digitalisierte Zeitungen bin ich auf Otto de Joux' mehrteiligen Artikel "Der Uranismus und die Homosexuellen. Eine Studie" (in: "Die neue Heilkunst. Volkstümliche Halbmonatsschrift", 10. Jg. 1898, Hefte 5-9, S. 39-40, 48, 54, 64, 75-76, 83-84, 91-92) gestoßen. Trotz der eindeutigen Überschrift redet Otto de Joux auf den ersten drei Seiten zunächst um das Thema herum. Dann geht er darauf ein, dass es jedem "denkenden und gerechten Menschen" einleuchten müsse, dass die strafrechtliche Verfolgung ein Fehler sei, denn die Homosexualität sei schließlich nur "eine Art von Sicherheitsventil", um eine Überbevölkerung zu verhindern. Unter den Homosexuellen gebe es zwar auch Kranke, die "mit Recht verabscheut und verfolgt werden", aber auch nicht mehr als bei Heterosexuellen. In der Antike sei die Homosexualität unter Männern geachtet gewesen, diejenige unter Frauen, wie bei der Dichterin Sappho, aber verspottet. Auch in der Antike sei es jedoch nicht, wie oft fälschlicherweise angegeben, um "paedicatio" (= Analverkehr) gegangen, sondern nur um Umarmungen und Küsse. In homosexuellen Dichtungen "liegt ein Ueberschwang (…) und eine Innigkeit, welche eine normale (Seele) niemals begreifen kann". Sprachlich und inhaltlich entsprechen diese Ausführungen dem, was Otto de Joux auch in seinen Büchern schrieb.
Der Schriftleiter von "Die neue Heilkunst" war zu dieser Zeit der Schriftsteller und Volksredner Reinhold Gerling (1863-1930), der heute auch als früher Mitstreiter für Homosexuellenrechte bekannt ist und selbst mehrere kleinere Schriften über Homosexualität veröffentlichte. Gerlings Offenheit war wohl mit ein Grund dafür, dass Otto de Joux recht viel Raum für seine Artikelserie bekam.
Otto de Joux' Schriften wurden angegriffen, verteidigt und verboten
Schon in meinem früheren queer.de-Artikel über das "Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" ("Wenn Buchhandel auf Homosexualität trifft" vom 24. August 2024) habe ich erwähnt, dass ein veröffentlichter Schriftwechsel über Otto de Joux' erstes Buch vom Januar 1894 wohl zu den wichtigsten Beiträgen über Homosexualität im "Börsenblatt" gehörte. Unter der Überschrift "Versuchter Boykott" berichtete der Verlagsbuchhändler Johannes Grunow von einem Konflikt mit dem Spohr-Verlag. Er hatte von Spohr Werbung für das Buch "Die Enterbten des Liebesglückes" zugeschickt bekommen und war so empört darüber, dass er Spohrs Schreiben der Staatsanwaltschaft übergab. Die forderte das Buch von Spohr an, sah nach dessen Durchsicht jedoch keinen Handlungsbedarf. Spohr wollte daraufhin von dem Denunzianten das Geld für das Buch erstattet bekommen und drohte diesem mit einem Liefer-Boykott. Nach einigem Zögern erstattete Grunow ihm die Kosten (Börsenblatt, 25. Januar 1894, S. 533-534). Spohr bekam zwar keine Entschuldigung, ging so aber trotzdem als Sieger vom Platz. Einige Tage später wurde im "Börsenblatt" Spohrs Entgegnung abgedruckt, in der er de Joux' Buch mit Richard von Krafft-Ebings sexualwissenschaftlichem Standardwerk "Psychopathia sexualis" verglich und ausdrücklich die "Schilderungen der seelischen Zustände und Kämpfe" Homosexueller verteidigte (Börsenblatt, 29. Januar 1894). Für Mark Lehmstedt, der die Geschichte des Max Spohr Verlags erforscht hat ("Bücher für das 'dritte Geschlecht'", 2002, S. 51-53), ist es "bemerkenswert, mit wieviel Engagement Max Spohr nicht nur für ein von ihm verlegtes Buch, sondern für die darin vertretenen Anschauungen kämpfte".

Eine eindrucksvolle Verteidigung schwuler Emanzipationsliteratur ("Börsenblatt für den deut-schen Buchhandel", 29.1.1894)
Außerdem gibt es im "Börsenblatt" Hinweise auf ein Verbot von "Die Enterbten des Liebesglückes" in Österreich 1894 (21. April 1894). Das wird durch das "Amtsblatt zur Wiener Zeitung" bestätigt, in dem Verbote von "Die Enterbten des Liebesglückes" (29. März 1894) und "Die hellenische Liebe in der Gegenwart" (25. September 1897) bekanntgegeben wurden.
Hat Otto de Joux in Budapest ein Plagiat verbreitet? (1893-1894)
In der deutschsprachigen Zeitung "Pester Lloyd" aus Budapest wurden mindestens drei (nicht homosexuelle) Erzählungen unter dem Namen Otto de Joux publiziert, wie "Das Christkindl von der Straße. Eine Weihnachtsgeschichte" (24. Dezember 1893) und "Phantastischer Karneval" (4. Februar 1894). Nach dem Abdruck seiner Erzählung "Maienliebe" (29. Mai 1894) wurde dem Autor vorgeworfen, dass es sich dabei um ein Plagiat handle, das aus Jens Peter Jakobsens Roman "Niels Lyhne" abgeschrieben abgeschrieben sei. Daraufhin gab der "Pester Lloyd" in der Ausgabe vom 31. Mai 1894 bekannt, dass er ab sofort jede weitere Zusammenarbeit mit Otto de Joux beende.
In dem oben schon erwähnten Lexikon "Das geistige Wien" (1893, 1. Band, S. 240) wird darauf hingewiesen, dass Otto de Joux auch für den "Pester Lloyd" schrieb. Ob der Plagiatsvorwurf berechtigt war, müsste näher untersucht werden. Plagiate wären meiner Ansicht nach für ihn untypisch.
Schlaganfall und Wahnvorstellungen (1898-1900)
Mitte Juni 1898 berichteten mehrere Zeitungen weitgehend gleichlautend davon, dass der mittlerweile in Berlin ansässige Otto de Joux ein "Opfer spiritistischer und religiöser Wahnvorstellungen" geworden sei. Otto de Joux berichte von Eingebungen eines Verstorbenen und halte sich für den "neuen Messias, der berufen sei, die Sünden der bösen Menschen offenbar zu machen". Seine Verwandten halte er der fürchterlichsten Verbrechen für schuldig und er prophezeie Leuten, die ihn schlecht behandelten, entsetzlichste Todesarten. Laut den Berichten hatte de Joux sich während einer Rheinreise in einem Koblenzer Hotel eingebucht. Weil er dort durch lautes nächtliches Beten und Unterhaltungen mit Geistern die Gäste gestört und in Schrecken versetzt habe, sei er zunächst in ein Krankenhaus gebracht und anschließend in die rheinische Provinzial-Irrenanstalt Andernach überführt worden. Da er gebürtiger Österreicher war und seine Verwandten in Wien lebten, sollte er in eine österreichische Heilanstalt überführt werden (u. a. "Volkswacht", 11. Juni 1898).
Der Autor Hans Freimark hatte enge Verbindungen zur frühen Homosexuellenbewegung (Wikipedia) und war gegenüber dem Spiritismus aufgeschlossen. In seinem Buch "Okkultismus und Sexualität" (1909, S. 368-369) verband er Äußerungen über Otto de Joux' Krankheit thematisch mit Erotik und Sexualität: "In den letzten Jahren seines Lebens (also Mitte 1898 bis Ende 1900) glaubte er einen Kontrollgeist um sich, mit dem er sexuellen Verkehr pflog." De Joux habe außerdem die "leidige Eigentümlichkeit (gehabt), sich auch um die sexuellen Sünden oder Heimlichkeiten Dritter zu kümmern". Viele seiner "Enthüllungen waren aus den Fingern gesogen" und seien nur Ausdruck seiner "üppigen, erotischen, Phantasie(n)" gewesen. Die heilige Anna sei "Ausdruck des Weiblichen in ihm" und damit "Sinnbild seiner Neigung". Freimarks Hinweis auf Otto de Joux' "weibliche" Neigung ist als indirekter Hinweis auf seine Homosexualität anzusehen. Für Freimark waren Otto de Joux' falsche Behauptungen in diesen Jahren offenbar Teil seines Krankheitsbildes.
De Joux' Tod (1900)
Offenbar kam es nicht mehr zu der geplanten Überführung in eine österreichische Heilanstalt. Nach Hans Freimark starb der erst 38-jährige Otto de Joux an einer "Gehirnerweichung". Damit wird das Absterben von Gehirngewebe bei mangelhafter Durchblutung wie nach einem Schlaganfall bezeichnet. Das deckt sich mit den Angaben Magnus Hirschfelds (JfsZ, 3. Jg., 1901, S. 608), wonach Otto de Joux am 30. Dezember 1900 in Dresden an einem "Gehirnschlag" (= Schlaganfall) starb. Wegen seines Geburtsorts Klagenfurt habe ich mich an das Kärntner Landesarchiv gewandt, dessen hilfsbereite Mitarbeitende mir jedoch leider nicht mit weiteren Informationen helfen konnten.
Faktenchecks zu einigen Angaben Otto de Joux'
Ich habe, soweit möglich, recherchiert, ob sich Otto de Joux' Angaben bestätigen lassen bzw. mindestens als glaubwürdig erscheinen, insbesondere solche zu mehr als 50 homosexuellen Männern und Frauen, meistens verstorbene Prominente, deren Leben und Werke von der späteren Homosexuellenbewegung aufgegriffen wurden, um schwules und lesbisches Selbstbewusstsein der Leser*innenschaft zu stärken. Es sind Namen wie Adele Spitzeder, Alexander "der Große", August Graf von Platen, Edward II. von England, Emil Mario Vacano, Friedrich II. von Preußen, Johann D. Gries, Johann Joachim Winckelmann, Johannes von Müller, Königin Christine von Schweden, Lord Byron, Ludwig II. von Bayern und Michelangelo, um nur einige von ihnen zu nennen. Otto de Joux hat zu diesen und anderen Personen erstaunlich viel Hintergrundwissen zusammengetragen. Weil seine Texte Ausdruck guter Recherche sind, fand ich es gerechtfertigt, in meinen bisherigen queer.de-Artikeln zu Friedrich Hölderlin, Franz Grillparzer und zum Roman "Fridolins heimliche Ehe" auch Äußerungen Otto de Joux' einfließen zu lassen.

Otto de Joux ging in seinen Büchern auf mehr als 50 prominente Schwule und Lesben ein, um positive Identifikationsmöglichkeiten zu bieten. Das Ergebnis ist eine schwul-lesbische "Ahnengalerie" – hier mit Johann Joachim Winckelmann, Johannes von Müller und Königin Christine von Schweden -, wie sie auch von der kurz danach gegründeten Homosexuellenbewegung erstellt wurde
Viele Angaben von Otto der Joux finden sich in den Schriften der späteren Homosexuellenbewegung wie-der und wurden offensichtlich von ihm übernommen. Ein vermutliches Beispiel ist etwa, dass sowohl Otto de Joux ("Die Enterbten des Liebesglückes", 1893, S. 85) als auch das "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (JfsZ, Jg. 1899, S. 229) den polnischen Roman "Pamiatki" von Julian Madjewski erwähnen. Anders sieht es aus, wenn Magnus Hirschfeld ("Von einst bis jetzt", 1986, S. 76) auf die Ehe zwischen einer Französin und einem Kölner Homosexuellen eingeht, über die auch Otto de Joux berichtete ("Die Enterbten des Liebesglückes", S. 77), und dabei Angaben ergänzt, die er nicht von de Joux übernommen haben kann. Im Folgenden möchte ich nur einige Angaben von Otto de Joux zu Personen wiedergeben, die sich durch andere Quellen bestätigen ließen und in der queeren Geschichtsforschung bisher wohl unbekannt sein dürften.
Ein schwuler Club in Österreich (1883)
Nach Otto de Joux soll es in Wien einen homosexuellen "Club der Vernünftigen" gegeben haben, der, als er ans "Tageslicht gezerrt" worden sei, "Kopfschütteln und Bedauern" hervorgerufen habe ("Die Enterbten des Liebesglückes", 1893, S. 128).
Über diesen Club hatten 1883 mehrere österreichische Zeitungen berichtet. Ausgangspunkt war ein Prozess gegen Otto Potjukl (mit dem Otto de Joux später offenbar verwechselt wurde, s. o.), der sich vor Gericht verantworten musste, weil er 1880 Theresia Oehlschläger erpresst haben sollte. Er hatte laut Anklage "Kenntnis von einer unsittlichen ihren Sohn Gustav arg compromittirenden Correspondenz" und hatte damit gedroht, dessen Arbeitgeber zu informieren. In nicht-öffentlicher Sitzung wurde Potjukl zu einem Jahr schwerem Kerker verurteilt. In der Verhandlung beschuldigte er einen Belastungszeugen, zu dem besagten "Club der Vernünftigen" zu gehören, dessen Mitglieder sich Frauennamen zulegten. Ein Herr nenne sich "Mignon", was hier im Kontext von Goethe, Geschlechterrollen und Italiensehnsucht zu verstehen ist (s. "Wiener Allgemeine Zeitung", 20. April 1883, und "Morgen-Post", 21. April 1883). Das ebenfalls in Wien erscheinende "Neuigkeits-Welt-Blatt" (24. April 1883) machte weitere Angaben zum 26-jährigen Privatlehrer Otto Potjukl und zum "Club der Vernünftigen", der "unsittliche Zwecke verfolgt" habe.
Joséphin (Joseph) Péladan und das Androgyne (1884)

Joséphin (bzw. Joseph) Péladan auf einem Gemälde von 1891
Otto de Joux geht auf einen Roman des französischen Schriftstellers und Okkultisten Joséphin Péladan ein, in dem sich der Protagonist Valérien mit einer anderen Person über androgyne Männer austauscht ("Die Enterbten des Liebesglückes", 1893, S. 23-24). Obwohl de Joux den Buchtitel nicht nennt, sind seine knappen Angaben ausreichend, um auf Péladans Roman "Le vice suprême" ("Das höchste Laster", 1884) zu kommen. In diesem Roman wird das Androgyne als ein wesentliches Merkmal der Dekadenz, aber auch als ein Ideal der spirituellen und künstlerischen Vollkommenheit dargestellt.
Die zärtliche Ehe der Gräfin Sarolta (Sándor) Vay mit einer Frau (1889)
Otto de Joux berichtete über die ungarische Gräfin Sarolta Vay, die in Klagenfurt als Mann unter dem Namen Sándor Vay auftrat. Sie warb dort um ein "Fräulein" aus einer angesehenen Familie und beide ließen sich katholisch trauen. Nach acht Monaten "einer glücklichen und zärtlichen Ehe" wurde Vay als Frau identifiziert und verhaftet, es wurde über sie ein psychiatrisches Gutachten erstellt. Nach eigenen Angaben wäre sie, wenn sie sich einem Mann hätte hingeben müssen, "vor Eckel und Abscheu gestorben" ("Die Enterbten des Liebesglückes", 1893, S. 17).
Diese Geschichte trug sich 1889 zu, worüber in ähnlicher Form auch österreichische Zeitungen berichteten ("Neues Wiener Tagblatt", 7. November 1889, "Neues Wiener Abendblatt", 8. November 1889, und "Linzer Tagespost", 9. November 1889). Die damals Aufsehen erregende Geschichte der Gräfin Vay ist in der Forschung zur lesbischen Geschichte ziemlich bekannt und wird u. a. von Hanna Hacker in ihrem Buch "Frauen und Freundinnen" von (1987. Neuausgabe 2015) behandelt (s.a. Wikipedia).
Alfred Meißner liebte Franz Hedrich mit seinem ganzen Herzen (1893)
Die beiden Autoren Alfred Meißner (1821-1885) und Franz Hedrich (1823-1895) verband (zunächst) eine enge Freundschaft. Seit den 1850er Jahren war Hedrich als Ghostwriter für Meißner tätig. Später erpresste Hedrich seinen früheren Freund zu Geldzahlungen mit der Drohung, ansonsten ihre literarische Kooperation publik zu machen. Durch Hedrichs Geldforderungen in die Enge getrieben, nahm sich Alfred Meißner 1885 das Leben. Diese Geschichte wurde in mehreren zeitgenössischen Publikationen erörtert, aus denen sich jedoch kein homoerotisches Verhältnis ableiten lässt. Verarbeitet wurde sie außerdem in Karl Ed. Klopfers Roman "Zwei Dichter" (1893), in dem die Namen von Alfred Meißner und Franz Hedrich – unter Beibehaltung ihrer Initialen – in Albert Merwald und Ferdinand Hagendorff geändert wurden. Der Roman ist nicht mehr zugänglich und auch nicht über die Fernleihe von Bibliotheken lieferbar. Wenn dieser Roman eine homoerotische Freundschaft schildert, bleibt offen, ob er fiktiv ist oder wie sehr er sich an der Realität orientierte.
Otto de Joux bezieht sich auf diesen Roman und betont, dass es "mannigfache Anzeichen" für die Homosexualität Meißners gebe, wie "seine grenzenlose Liebe für Hederich (sic)". Meißner habe seinen Freund mit einer "Kraft des Herzens, einer Gewalt, deren eben nur ein Urning fähig ist", geliebt ("Die Enterbten des Liebesglückes", S. 152-154).

Zwei von mehreren Büchern, die zum Fall Meißner-Hedrich erschienen sind
Otto de Joux im Urteil seiner Zeitgenossen
Viele Zeitgenossen haben sich in unterschiedlicher Form über Otto de Joux geäußert. Bei dem Buchautor Johannes Guttzeit ("Naturrecht oder Verbrechen?", 1897, S. 23-26, 31-32) fällt auf, dass er längere Zitate von Otto de Joux einbindet, ohne diese zu kommentieren. Er sah de Joux' Aussagen offenbar als gute Quelle an, die seine eigenen Ausführungen unterstützten. Der Arzt und Sexualwissenschaftler Albert Moll (1862-1939) betonte in seinem Hauptwerk "Die konträre Sexualempfindung" (1899, S. 94), dass der "weitaus größte Teil" der zahlreichen Broschüren über Homosexualität keinen wissenschaftlichen Wert haben. Aufgrund "einer Reihe ganz interessanter Einzelheiten" hebt er jedoch Otto de Joux' Schriften positiv hervor.

Das Cover von Johannes Guttzeits "Naturrecht oder Verbrechen?" (1897, Ausschnitt)
Seine Bücher haben "den Druck nicht verdient" (Elisàr von Kupffer, 1899)
Elisàr von Kupffer rezensierte in der Homosexuellenzeitschrift "Der Eigene" die Neuausgabe der Schriften Karl Heinrich Ulrichs' und kritisierte in diesem Kontext de Joux: "Es ist ja auch mancherlei auf diesem Gebiete (der Homosexualität) geschrieben worden, scheinbar zu Gunsten der Frage (der homosexuellen Emanzipation), was eines wirklichen Wertes ganz entbehrt und nach meinem Dafürhalten von ernst meinender Seite den Druck nicht verdient hätte. Ich denke an die Bücher von Otto de Joux", die, wie andere, oberflächlich und "ohne klaren offenen Geist" seien ("Der Eigene", 1899, S. 26). Elisàr von Kupffer ist heute vor allem als Herausgeber der ersten schwulen Anthologie bekannt (s. a. meinen Artikel "Weltliteratur als sexuelle Grenzüberschreitung" hier auf queer.de)
In einem früheren Artikel habe ich bereits darauf hingewiesen, dass es in "Der Eigene" keine breite Rezeption von Karl Heinrich Ulrichs gab, was vermutlich an Ulrichs' Männlichkeitsbild lag. Das gleiche gilt für den Umgang des "Eigenen" mit Otto de Joux. Die Rezeption Ulrichs' und de Joux' bei Magnus Hirschfeld und im WhK hebt sich sehr stark davon ab.
Er verbreitete "Sonnenschein" um sich (Magnus Hirschfeld, 1900, 1914)
Magnus Hirschfeld schrieb in einem Nachruf auf Otto de Joux: "In den zwei Jahren seines Berliner Aufenthaltes, wo ich ihm persönlich nahestand, habe ich ihn als einen ideal veranlagten Menschen kennen gelernt, der etwas wie Sonnenschein um sich verbreitete". Hirschfeld betonte für das WhK, dass de Joux' Andenken in Ehren gehalten werde (JfsZ, 3. Jg., 1901, S. 608). Was dies bedeutete, wurde im folgenden Jahrbuch deutlich: Das WhK beteiligte sich finanziell an seinem Grabstein (JfsZ, 4. Jg., 1902, S. 980 – nicht online) und sein Buch "Die hellenische Liebe in der Gegenwart" gehörte zur Bibliothek des WhK (JfsZ, 12. Jg., 1910, S. 128). Wo sich de Joux' Grab befindet oder befand, ist unbekannt. Eine ähnlich würdigende Haltung gegenüber Otto de Joux und seinen Veröffentlichungen zeigt sich in einigen weiteren Beiträgen in den ersten zwölf Jahrgängen des JfsZ.
Magnus Hirschfeld erwähnte de Joux auch mehrmals in seinem Hauptwerk "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes" (1914, s. Register mit 20 Verweisen). Meistens handelt es sich dabei um Zitate aus seinen beiden Büchern. Er widersprach Otto de Joux nur bei dessen Behauptung, dass Schwule sich an Blicken erkennen könnten (S. 40). Auch in diesem Buch ging Magnus Hirschfeld jedoch kaum auf de Joux' Privatleben ein. Die Frage, warum er sich so intensiv für Homosexualität interessierte, bleibt offen.
Werbung für Edward Carpenters "Das Mittelgeschlecht" mit Zitat von de Joux, 1907
Ich finde den Umstand bemerkenswert, dass Edward Carpenters Buch "Das Mittelgeschlecht. Die gleichge-schlechtlich Liebenden" (1907) in einer Werbeanzeige in der Zeitschrift "Jugend" (1907, Heft 29, S. 634) mit einem langen Zitat von de Joux beworben wurde. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass der Name Otto de Joux' zu dieser Zeit – zumindest in der Homosexuellenbewegung – als bekannt vorausgesetzt werden konnte und dass er als angesehener, seriöser Autor galt.

Werbung für Carpenters Buch "Das Mittelgeschlecht", die vor allem aus einem Zitat von Otto de Joux besteht
Wie Otto de Joux heute eingeschätzt wird
Wer sich für queere Geschichte interessiert, ist vielleicht schon einmal auf den Namen Otto de Joux aufmerksam geworden, und es gibt offenbar viele Autor*innen, die die Faszination emanzipatorischer Literatur teilen können, die vor dem Beginn der Homosexuellenbewegung erschien. Otto de Joux wird häufig erwähnt, aber in der Regel nur knapp. Beispielsweise wird in dem großen Ausstellungskatalog "Goodbye to Berlin. 100 Jahre Schwulenbewegung" (1997, S. 75) mit der Quelle "Die Enterbten des Liebesglückes" (S. 126, richtig: S. 128) auf Homosexuellenclubs in Wien, Rom und Brüssel hingewiesen. In Bernd-Ulrich Hergemöllers biografischem Lexikon "Mann für Mann" (2010, S. 615) erläutern drei Sätze Otto de Joux' Leben und Werk. Insgesamt ist das Interesse an ihm jedoch erstaunlich oberflächlich geblieben und er war offenbar noch nie ein eigenes Forschungsthema. Es gibt daher auch nur wenig Sekundärliteratur, auf die ich verweisen möchte.
Inkonsistente Argumentation als vorbeugende Strategie (Marita Keilson-Lauritz, 1997)
Die Literaturwissenschaftlerin Marita Keilson-Lauritz geht in ihrer Dissertation "Die Geschichte der eigenen Geschichte" (1997) mehrmals auf Otto de Joux ein und stellt bei ihm und anderen frühen Publikationen der Homosexuellen-Emanzipation fest: "Ausdrücke des Abscheus wechseln mit liberal-fortschrittlicher Haltung und dann wieder mit Beteuerungen der asketisch-verzichtenden Lebensweise der Homosexuellen." Diese "gelegentlich wenig konsistente Argumentation" sei vielleicht auch bei de Joux "eine vorbeugende Strategie" (S. 251). Keilson-Lauritz verweist auch auf die vielen Autoren, die von de Joux als homosexuell angesehen wurden (S. 279).
Mit Otto de Joux begann die Homosexuellenbewegung (Mark Lehmstedt, 2002)
Mark Lehmstedt nimmt in seinem Buch "Bücher für das 'dritte Geschlecht'" (2002, S. 44-53) eine informative und ausführliche Würdigung von de Joux' Werk vor. Ihm entnahm ich den Hinweis auf den bedeutsamen Schriftwechsel im "Börsenblatt" (s. o.). Um Otto de Joux' Bedeutung zu umschreiben, legt Lehmstedt die Latte recht hoch: "War Ulrichs der einsam gebliebene Vorläufer, so begann mit Otto de Joux nichts weniger als die eigentliche Geschichte der homosexuellen Emanzipationsbewegung in Deutschland." Wenn man Lehmstedts Einschätzung teilt, wofür es gute Gründe gibt, kann man die Wörter "in Deutschland" sogar streichen, weil die deutsche Homosexuellenbewegung, die vor allem von Berlin ausging, weltweit einmalig war.
Das Besondere des Fotos im Frontispiz (Andreas Brunner, 2005)

Das Foto im Frontispiz seines Buches "Die hellenische Liebe in der Gegenwart. Psychologische Studien" (1897) ist das bisher einzige bekannte Foto von Otto de Joux
Andreas Brunner ("Geheimsache – Leben: Schwule und Lesben im Wien des 20. Jahrhunderts", 2005, S. 33-34) verweist auf de Joux als österreichischen Autor und druckt qualitativ gute Faksimiles der Titelblätter seiner Bücher ab. Zu dem Foto des Autors in verweist Brunner zu Recht auf den besonderen Umstand, dass Otto de Joux der Erste war, "der ein Foto von sich im Frontispiz eines schwulen Bekenntnisbuches veröffentlichte". Das Wort "Bekenntnisliteratur" ist allerdings etwas missverständlich: In dem Buch lässt Otto de Joux zwar viele Schwule selber zu Wort kommen, äußert sich jedoch nicht deutlich zu seiner eigenen sexuellen Orientierung.
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Mein Resümee
Wegen der Hinweise auf de Joux' Wahnvorstellungen und seine möglichen Plagiate im "Pester Lloyd" befürchtete ich zunächst, dass auch seine Äußerungen über Homosexualität unter Vorbehalt zu lesen sein könnten, und habe deshalb viele seiner Angaben genauer überprüft. Ich bin froh, dass ich danach den Eindruck gewinnen konnte, dass er seine Bücher (1893, 1897) und seine Artikelserie (Mai 1898) mit klarem Kopf verfasste und er seinen Schlaganfall offenbar erst einen Monat später im Juni 1898 erlitt. Ein großer Teil der von ihm zusammengetragenen Fakten, auf denen er seine emanzipatorischen Forderungen aufbaut, sind nicht bei anderen frühen Autoren der Homosexuellen-Emanzipation zu finden. Auf einige für die queere Geschichtsforschung neuen Funde habe ich hingewiesen und ich kann mir vorstellen, dass sich noch mehr finden lassen.
Otto de Joux hat sich mit Bezeichnungen wie "Enterbte des Liebesglückes", "Evasöhne" und "Adamstöchter" an eigenen Wortneuschöpfungen versucht, die jedoch nicht in den allgemeinen Sprachgebrauch übergingen. Nur wenige Autoren der frühen Homosexuellenbewegung übernahmen diese Formulierungen. So griff der Autor Reinhold Gerling – der Otto de Joux über dessen oben erwähnte Artikelserie wohl auch persönlich kannte – mit seinem Buchtitel "Das dritte Geschlecht und die Enterbten des Liebesglücks" (1904/1919) im zweiten Teil die Formulierung von Otto de Joux auf. (Die Bezeichnung "drittes Geschlecht" im ersten Teil kann Reinhold Gerling von Magnus Hirschfeld, Karl Heinrich Ulrichs oder auch von de Joux übernommen haben.)
Viele Erklärungen de Joux' wirken heute bizarr und auch in seiner historischen Bedeutung bleibt er hinter Karl Heinrich Ulrichs zurück. Er bleibt jedoch ein spannender Zeitzeuge zur Geschichte der Homosexualität, der viel recherchiert und viel zu erzählen hat und dessen Versuch, homosexuelle Emanzipationsliteratur zu schreiben, allein schon deshalb Respekt verdient. Seine Bücher hatten das Potenzial, Menschen bei der homosexuellen Selbstfindung zu helfen. Dieser Artikel ist der ausführlichste Beitrag, der bisher über sein Leben erschien. Es ist gut möglich, dass es zukünftig gelingt, z. B. durch neu digitalisierte Quellen, noch mehr über sein Leben und Werk in Erfahrung zu bringen. Ich würde mich freuen!
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