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Meursault, der gleichgültige Mörder
François Ozon gibt dem Opfer einen Namen
"Der Fremde" von Albert Camus gehört zu den besten Romanen der Literaturgeschichte. Nun wagt sich der schwule Meisterregisseur François Ozon an eine Verfilmung – sinnlich, sehr treu und nur leicht aktualisiert. Und doch wirft ihm eine wichtige Stimme vor, zu "woke" zu sein.

Benjamin Voisin als Meursault in "Der Fremde" (Bild: Carole Bethuel / Foz / Gaumont / France 2 Cinema)
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31. Dezember 2025, 06:00h 5 Min.
Algier muss in den 1930er Jahren eine faszinierende Stadt gewesen sein. Eine Melange aus französischem Flair und arabischer Tradition, durch die Lage direkt am Meer mediterran geprägt. Gleichzeitig herrschten soziale Spannungen. Die algerische Unabhängigkeitsbewegung gewann langsam an Einfluss – und doch dauerte es bis 1962, bis das Land nach einem blutigen Krieg unabhängig wurde.
Der französische Philosoph und Schriftsteller Albert Camus kannte dieses Algier. Er wuchs dort auf, besuchte das Gymnasium, studierte an der dortigen Universität und schrieb seinen Roman "Der Fremde", der zum existentialistischen Klassiker werden sollte.
"Ich habe einen Araber getötet"

Poster zum Film: "Der Fremde" startet am 1. Januar 2026 bundesweit im Kino
Das französische Algier fühlt sich heute weit weg an. Und so beginnt der schwule Regisseur François Ozon seine Verfilmung von Camus' Roman mit Archivaufnahmen, die ein Gefühl für die Stadt vermitteln: ein belebter und beliebter Ort, aber auch Graffiti der Unabhängigkeitsbewegung.
Die körnigen, erkennbar alten Archivbilder werden plötzlich abgelöst von einem anderen Setting, wenn auch noch immer in Schwarz-Weiß. Ein junger Mann in einem dunklen Gefängnis, umgeben von anderen Häftlingen. Er wird gefragt, wofür er einsitzt. Er, der einzige Weiße, antwortet: "Ich habe einen Araber getötet." Ein Bekenntnis, das dank des kurzen Prologs deutlich aufgeladen ist.
Er lebt ein kaum erzählenswertes Leben
François Ozon nimmt damit aber auch das Ende vorweg. Der junge Mann landet im Gefängnis. Danach erst springt er an den Beginn der Erzählung, wie sie Albert Camus schrieb. Im Laufe der Handlung springt der Film immer wieder in die Zelle, wie um daran zu erinnern, wie er endet. Das nimmt einerseits Spannung raus, erhöht sie aber gleichzeitig: Wieso landet der unauffällige Mann hinter Gittern?
Der Büroangestellte lebt ein zurückgezogenes, kaum erzählenswertes Leben. Seine Mutter stirbt, wie er durch ein Telegramm erfährt, also macht er sich auf den Weg zu ihrer Beerdigung. Später beginnt er eine Affäre und versucht, einem Nachbarn einen Konflikt mit dessen Freundin zu lösen.

Meursaults Nachbar Raymond Sintè (Pierre Lottin) ist in krumme Geschäfte involviert (Bild: Carole Bethuel / Foz / Gaumont / France 2 Cinema)
Reue? Er empfinde Langeweile, sagt er vor Gericht
Durch einen puren Zufall, irgendwie so reingerutscht, zur falschen Zeit am falschen Ort: So ließe sich umschreiben, weshalb Meursault schließlich einen Araber erschießt. Doch seine Verurteilung ist viel weniger eine Konsequenz der Tat als ein Urteil über seinen Charakter: Einen Araber zu töten, ist im kolonialen Frankreich akzeptierter als nicht genug um die tote Mutter getrauert zu haben. Er folgt den Konventionen nicht und dafür wird er bestraft – was sich auch als queere Metapher lesen lässt.
Meursault bleibt unbeteiligt. Es hat keinen Zweck, die Mutter vor der Bestattung tot im Sarg zu sehen, sagt er. In der Kirche steht er zu spät auf, faltet die Hände nicht, bekreuzigt sich nicht. Wozu auch? Das bringt nichts, antwortet er auf die Frage seiner Freundin, ob er sie liebe. Statt Reue empfinde er Langeweile, teilt er dem Richter mit.

Meursault (Benjamin Voisin) fährt zur Beerdigung seiner Mutter (Bild: Carole Bethuel / Foz / Gaumont / France 2 Cinema)
Benjamin Voisin wirkt weich und hart zugleich
Diese Gleichgültigkeit hätte sich leicht psychologisieren lassen, doch Ozon verzichtet darauf – zugunsten der Unzulänglichkeit, die den Charakter so faszinierend macht. Meursault bleibt nur durch die Sinnlosigkeit des Lebens zu verstehen.
Mit Benjamin Voisin, der schon in Ozons Sommer-Romanze "Sommer 85" die Hauptrolle spielte, hat der Regisseur eine ideale Besetzung gefunden. Voisin wirkt weich und hart zugleich, nicht mehr jungenhaft, aber auch noch nicht erwachsen – und dabei so anziehend, dass seine Freundin fast alles für ihn tun würde. Die Kamera ist ihm gerne nah, ihre Schwarz-Weiß-Bilder lassen ihn fast skulptural aussehen. Kameramann Manuel Dacosse, mit dem Ozon häufig zusammenarbeitet, beherrscht das Spiel mit Licht, Schatten und Kontrast perfekt.
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Wenige, aber wichtige Aktualisierungen
"Der Fremde" von Albert Camus gilt als einflussreiches Meisterwerk. Ein Roman, der nur selten fürs Kino adaptiert wurde, 1967 etwa von Luchino Visconti. Manche nennen "Lo straniero" seinen schlechtesten Film.
Die Erwartungen an die Verfilmung eines Werks, das ganz fest im Literaturkanon verankert ist, sind gewaltig – noch dazu an einen Franzosen wie François Ozon. Er, einer der wichtigsten Gegenwartsregisseure, entschied sich für eine kluge Herangehensweise: dem Klassiker inhaltlich weitgehend zu folgen und ihn nur an wenigen Stellen behutsam, aber effektiv zu aktualisieren.
In der Form stand Ozon vor der Herausforderung, den subjektiven Ich-Erzähler in eine angemessene Filmsprache zu übersetzen, statt das Drama bloß zu literarisieren. Anders als andere Literaturverfilmungen liegt bei "Der Fremde" keine minutenlang erzählende Stimme aus dem Off über den Bildern. Nur an zwei besonders prägnanten Stellen meldet sich der junge Mann Meursault als Erzähler.
Bei Camus blieb das Opfer namenlos
Ozon wertet die zwei Frauenfiguren deutlich auf: Meursaults Partnerin Marie (Rebecca Marder) genau wie die Schwester des Getöteten. Das Opfer bekommt, anders als bei Camus, einen Namen: Moussa Hamdani. Ein Akt der Sichtbarmachung, den er sich vom Autor Kamel Daoud abschaute. Catherine Camus, die 80-jährige Tochter des Schriftstellers, zeigte sich davon gar nicht begeistert: "Ich glaube, François Ozon hat das getan, um den Wokeismus zu befriedigen."
Dabei ist das nur der leise Versuch, einem Klassiker gerecht zu werden, und doch dessen Schwachstelle offenzulegen. François Ozon aktualisiert "Der Fremde" ganz leicht, verbindet ihn auf diese Weise mit aktuellen postkolonialen Diskursen und zeigt so gesellschaftliche Kontinuitäten. Ist das schon zu "woke"? Dann wird nur einmal mehr sichtbar, wer im Roman immer schon fremd war.
Der Fremde. Krimidrama. Frankreich 2025. Regie: François Ozon. Cast: Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, Denis Lavant, Swann Arlaud. Laufzeit: 122 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Weltkino. Kinostart: 1. Januar 2026
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