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Die etwas andere Playlist
The Not-So-Final-Countdown
Die schönsten Lieder über sexuell übertragbare Krankheiten zum Jahreswechsel.

Szene aus dem offiziellen Musikvideo zum Song "Sex on Fire" von Kings Of Leon
- Von Sebastian Jung
31. Dezember 2025, 17:44h 10 Min.
"The Final Countdown" von Europe ist ein Song, den die allermeisten vor allem als Gassenhauer der Silvesternacht kennen. Kein trashiges Fernsehformat kommt zum Jahreswechsel und zur Feier der Sekunde 0 noch ohne die eingängigen, fanfarenartigen Synth-Riffs dieses Kulthits der 1980er Jahre aus. Darüber hinaus kennen manche das Lied aber auch noch aus anderen, weniger festlichen Kontexten. Nämlich als zynischen, geschmacklosen, oft von anstandslosen Typen hinter vorgehaltener Hand dahingeträllerter Jingle, wenn die Themen Tod, Alter oder Krankheit aufkamen. Das dürfte zwar ein seltenes Phänomen geblieben sein, erleben musste ich es zu meinem Leidwesen trotzdem.
Seither sind beide Bedeutungsebenen für mich nicht mehr auseinanderzuhalten, die taktlose Implikatur dröhnt im Subtext immer mit, sobald ich "The Final Countdown" höre. Es erinnert mich darüber hinaus leider auch – wegen einiger expliziter Erwähnungen in diesem Kontext – an die Zeit der Aids-Epidemie. Heute kann man die Krankheit, auch dank der immensen medizinischen Fortschritte und einer zumindest teilweisen Entstigmatisierung, als lästige Unnahnehmlichkeit verbuchen – insofern man sich so viel Gedankenlosigkeit erlauben will. In den 1990er Jahren war es aber schlicht und ergreifend ein Todesurteil: das schlagartige Ende einer sozialen Vita als Vorbote des baldigen Schlussstrichs unter der biologischen Existenz.
Lieder wie "The Final Countdown" schienen da aus einer menschenverachtenden, oft fundamentalistischen Perspektive nur der folgerichtige Kommentar zur Liberalisierung homoerotischer Sexualität zu sein – der "perfekte" Soundtrack zur sogenannten "Schwulenseuche", die in manchen Kreisen geradezu als göttliche Gerechtigkeit empfunden wurde. Die 1990er Jahre waren aber auch von einem anderen Sound gekennzeichnet und von Künstler*innen, die Zeichen der Anteilnahme, des Bedauerns und der Solidarität setzten. Unter den Geschlechtskrankheiten, die im Liedgut des Westens besungen wurden, war Aids die unangefochtene Nummer 1. Heute sieht das, den Umständen entsprechend, wieder anders aus, der musikalische Bezug auf das Thema STDs (engl. sexually transmitted diseases) hat sich sozusagen "normalisiert".
Provokation statt Aufklärung: STDs in der Popmusik
Schon vor dem Aufkommen von Aids thematisierte Popmusik STDs, aber eher augenzwinkernd, ironisch, tongue in cheek. In den 1970er Jahren dominierten Humor, Anspielungen und Slang. Krankheiten wie "the clap" (Tripper) wurden als lästige, aber beherrschbare Begleiterscheinung der neuen Freiheit und Emanzipation dargestellt. Der Ton war spielerisch, manchmal sogar derb, und setzte auf Provokation statt Aufklärung.
Mit dem Ausbruch der Aids-Epidemie in den 1980er Jahren änderte sich das radikal. Die Kulturindustrie reagierte mit Ernsthaftigkeit und Empathie: Benefiz-Songs, Mahnungen zu Safer Sex und persönliche Verlusterfahrungen prägten die späten 1980er und 1990er Jahre. Das Thema wurde versachlicht, moralisch aufgeladen und oft pädagogisch gerahmt. Humor galt unter diesen Umständen als anstößig und unangebracht.
Seit den 2000er Jahren findet diesbezüglich aber wieder ein Umschwung statt. Medizinischer Fortschritt, breitere Aufklärung und Entstigmatisierung erlauben einerseits wieder Ironie und Selbstreflexion, andererseits treten mit dem Verlust der diskursiven Dominanz von Aids auch andere Geschlechtskrankheiten wieder stärker in den Vordergrund. Zeitgenössische Pop- und Rap-Songs thematisieren STDs wieder nüchterner, selbstbewusster und oft auch wieder mit viel Witz – ob angebracht oder nicht, darüber lässt sich streiten. Eines kann man aber mit Sicherheit sagen: Es handelt sich dabei oft um Songs, die gute Laune verbreiten und die es verdient haben, hin und wieder gehört zu werden.
Die schönsten Liedern zum Thema STDs
Wer also am 1. Januar 2026 um schlag 0 Uhr keine ausgelutschte Nummer von Europe aus der Retorte hören möchte, für die gibt es hier vielleicht ein musikalisches Gegenprogramm – sozusagen einen "Not-So-Final-Countdown" mit ein paar der schönsten Liedern zum Thema STDs, die die Popindustrie über die letzten 100 Jahre hervorgebracht hat. Ein schräger und eventuell auch etwas unappetitlicher Soundtrack zum Ausklang eines nicht weniger schrägen und unappetitlichen Jahres 2025. Und damit sei allen ein guter, infektionsfreier Rutsch ins neue Jahr gewünscht!
Mirella Precek – Ein Strauß Chlamydien
Das jüngste und einzige deutschsprachige Lied auf der Liste fällt nicht nur mit seiner blumigen Bildsprache auf, sondern auch stilistisch: Zu Beats und Klängen, die man sofort der weichgespülten, zwanghaft gut gelaunten, chronisch oberflächlichen und ironiebefreiten Schlagerhölle rund um Performer*innen wie Helene Fischer und Beatrice Egli zuordnen kann, zelebriert die YouTube-Influencerin Precek den Umstand, ihrem untreuen Lover mit einem Strauß Chlamydien wenigstens ein Andenken ins Bett der heimlichen Affäre mitgegeben zu haben – "wenn's juckt und schäumt / dann war das ich".
Kings of Leon: Sex on Fire
Auch wenn die 1999 in Tennessee gegründet Band den Bezug zu Geschlechtskrankheiten in ihrem 2008 erschienen Hit in manchen Interviews nur scherzhaft aufstellte, gilt seit Roland Barthes nicht umsonst: Der Autor ist tot, die Intention der Künstler*innen ist nebensächlich. Wenn das Vögeln im Fluss aller Ausscheidungen brennt und zehrt (engl. "your sex is on fire, consumed with what's to transpire"), dann klingt das nicht nach Unschuld und Blümchensex, sondern nach einem Tripper, der sich gewaschen hat!
Electric Six – Infected Girls
Weniger doppeldeutig sind da die raunenden Balzgesänge der Detroiter Rockband Electric Six, die im Song Infected Girls deutlich machen, dass infizierte Mädels es ihnen einfach besser besorgen. Hier ist die Geschlechtskrankheit nicht nur ein metaphorisches Feuer, das beim Ficken brennt, sondern ein versautes Teufelchen, das in die besungenen Damen fährt. Mit genau solchen Besessenen will das lyrische Ich ungeschützt vögeln, selbst wenn es dadurch nur als eine von vielen Nummern am Seuchenkontrollzentrum endet. Wie sagte der Sargnagel der FDP Christian Lindner einst: "Probleme sind auch nur dornige Chancen..."
The Mighty Mighty Bosstones – The Impression That I Get
"The Impression That I Get" war mit eines der erste Anzeichen der Entspannung des Themas HIV im Mainstream. Der energiegeladene Ska-Punk-Song handelt nicht von der Krankheit an und für sich, sondern von der Angst davor, was ein Test nach einem ungeschützten Date ans Licht bringen könnte. Dabei geht es vor allem darum, die Selbstbeschwichtigungen und faulen Ausreden zu entlarven, mit denen sich ein prototypischer Macker nach einer Risikobegegnung einredet, einen Test auf STDs gar nicht nötig zu haben: Wird schon nix passiert sein… Entsprechend lautet die Botschaft: Sei kein Hosenscheißer, lass dich testen! Was für ein Jammer, dass Frontmann Dickey Barrett während der Corona-Pandemie selbst zum Hosenscheißer und Anti-Vaxxer mutierte.
NOFX – Gonoherpasyphilaids
Das Punk-Urgestein NOFX aus Los Angeles gehörte zu den wenigen Bands, die sich auf dem Höhepunkt der HIV-Krise mit etwas Humor und Frechheit an das seinerzeit noch sensible und emotional aufgeladene Thema heranwagten. Zwar kommt der 1991 erschienene Song "Gonoherpasyphilaids" mit einem für Punks seltsam pädagogischen Gestus daher (eine damals wohl unumgängliche Pflichtübung) und mahnt mit erhobenem Zeigefinger zum Kondom ("I should have worn a jimmy hat / … / I wouldn't listen to reason"), aber die kreative Wortschöpfung und der energiegeladene Sound machen das Lied zu einem kleinen Juwel aus einer für solche Spielereien eher unempfänglichen Zeit.
Frank Zappa – Why Does It Hurt When I Pee?
Im Psychedelic Rock der 1970er Jahre durfte das Thema STDs natürlich nicht fehlen, schon gar nicht im Oevre solch abgefahrener Ausnahmekünstler*innen wie Frank Zappa. Seit er sich seinen namentlich nicht weiter spezifizierten Erreger auf einer Toilettenbrille eingefangen oder, besser gesagt, der aggressive Erreger sich auf sein Würstchen gestürzt hat, fühlen sich seine Klöten wie ein paar Rumba-Rasseln an. Uffff… Den Doktor will er aber nicht sehen, denn beim Gedanken an den Urethralabstrich scheint es ihm die Schuhe auszuziehen. Ob der arme Frank in seinem Leben jemals mit Sounding in Berührung kam?
AC/DC – The Jack
Wenn es ein Lied gibt, das die Glücksspielmetapher des ungeschützten Geschlechtsverkehrs zu Tode reitet, dann ist das sicherlich das 1975 auf "T.N.T." erschienene "The Jack" von AC/DC. Die Band gehörte schon immer zu den prolligeren Vertretern ihrer Zunft, entsprechend zählt auch "The Jack" nicht gerade zu ihren feinsinnigen, subtilen Ergüssen. Der Jack, der hier ebenso gut ein in Australien gebräuchlicher Name für bestimmte Kartentypen wie den Buben oder den Joker sein könnte, steht für eine Niete namens Gonorrhoe, die sich das lyrische Ich bei einer durchtriebenen Spielerin zugezogen hat. Erfrischend ist dabei immerhin der gehässige Vergeltungsdrang, es der Dame mit gleicher Münze heimzahlen zu wollen: "If I'd known what she was dealin' out / I'd have dealt it back"
Shel Silversein – Don't give a dose to the one you love most
Zu Klängen des amerikanischen Südens, die man grob dem Country oder der regionalen Folkmusik zurechnen könnte, singt Shel davon, seinen Geliebten doch lieber Marmelade oder Toastbrot zu verpassen statt einer Infektion. Wenn am Pimmel oder an der Mumu was brennt oder juckt, dann heißt es für Shel ohne Wenn und Aber: Ab zum Onkel Doktor! Ansonsten droht einem ein Teufelskreis, denn der Infekt, den man den Geliebten verpasst, der kommt früher oder später wieder zu einem zurück. Damit verdanken wir Shel so etwas wie den musikalisch dargebotenen, kategorischen Imperativ der Geschlechtshygiene.
Sarah Hester Ross – STD
Sarah Hester Ross ist auch nicht gerade angetan von der Aussicht darauf, sich (schon wieder) einen räudigen Bazillus einzufangen. Zum Instrumental von Peggy Lees Kulthit "Fever" entdeckt die Sängerin während ihres Jazz-Cabarets verschiedene, ehemalige Liebhaber im Publikum, die sich mit ihren neuen Eroberungen in Sarahs Show gewagt haben. Dabei haben sie die Rechnung aber ohne den singenden Racheengel gemacht, der den Schmierlappen nach und nach die Erreger um die Ohren haut, die sie ihr als Andenken hinterlassen haben: Tripper, Chlamydien, Genitalwarzen… Yikes!
Todd Rundgren – You Left Me Sore
Subtiler und mit mehr Romantik kommt da schon die soulige Schnulze des Singer-Songwriter Todd Rundgren daher. Dabei mutet das Lied erstaunlich modern an, trotz seiner Erstveröffentlichung Anfang der 1970er Jahre. Inhalt der Lyrics und musikalische Darbietung kontrastieren einander auf ironische Weise, insofern "You Left Me Sore" zwar relativ eindeutig davon handelt, das sich das lyrische Ich beim One-Night-Stand eine schmerzhafte Infektion eingefangen hat, der Song als musikalische Untermalung aber auch genauso gut in jeder RomCom dahin rieseln könnte, ohne zwingend negativ aufzufallen.
Tom Lehrer – I Got It From Agnes
Verspielt und unschuldig kommt auch Tom Lehrer von der Westküste daher, der vor allem in den 1950er und 1960er Jahren zu naiv-heiteren Pianomelodien über alle (un)möglichen Themen zu singen wusste, vom nuklearen Armageddon bis hin zu den grotesken Kontaktketten, an deren Gliedern sich eine Geschlechtskrankheit quer durch alle Betten ausbreitet ("Max got it from Edith / who gets it every spring / she got it from her daddy / who just gives her everything / she than gave to Daniel / who's Spaniel got it now"). Der humoristische und für seine Zeit maximal anstößige Song imponierte dem Science-Fiction-Autoren Isaac Asimov so sehr, dass der noch in seiner Autobiografie von dem Abend berichtete, an dem er "I Got It From Agnes" zum ersten mal hörte. Tom Lehrer starb erst kürzlich, im Juli 2025, im biblischen Alter von 97 Jahren. Die teils queeren Zoten und Anspielungen in seinem Liedgut machen ihn rückblickend zu einem der liberalsten Künstler*innen der sonst so biederen Jahre seiner Schaffenszeit.
Monty Python – Medical Love Song
Die ersten beiden Verse der Lyrics sagen alles, was man zum Gassenhauer der britischen Kulttruppe des absurden Anarchohumors wissen muss: "Inflammation of the foreskin / reminds me of your smile". Schon in "The Life of Brian" bewiesen die sechs Herren, dass ihnen nichts auf dieser Welt heilig ist, und in ihrer Hymne an alle nur denkbaren Arten von STDs, an "Gonococcal urethritis, streptococcal ballinitis / Meningo myelitis, diplococcal cephalitis / Epididimitis, interstitial keratitis / Syphalitic choroiditis, and anterior you-ve-I-tis" zementieren sie diesen Ruf nachhaltig. Ein Fest für die Sinne, aber der Albtraum aller Krankenkassen.
Lucille Bogan – Till The Cows Come Home
Während die meisten der bisherigen Songs STDs eher metaphorisch angedeutet haben und die eigentliche Message hinter Sinnbildern versteckten, dreht Lucille Bogan den Spieß ganz einfach um und nutzt explizite Rede über Sex, Genitalien und Gonorrhoe, um der damaligen Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Für einen Song aus den 1930er Jahren, der stilistisch sofort an die Spielreihe "Fallout" erinnert, ist die Sprache der Lyrics auffällig derb und obszön und ein übergeordneter Sinn nur schwer fassbar. Es scheint naheliegend, dass sich das lyrische Ich bewusst der machohaften, großmauligen Alltagssprache männlicher Land- und Arbeitermilieus bedient und diese in karikierender Weise imitiert – ein auf den Straßen allgegenwärtiger Duktus, der aus der spießigen und sauberen Unterhaltungswelt meistens rigoros herausgefiltert wurde. Und wenn gerade eine Frau schamlos davon singt, dass erst ihre verseuchte Tripperpussy die Männer richtig scharf macht, verstärkt das den Schockeffekt umso mehr.











