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Teil 1 von 4

Zurück in die schwule Zukunft: 1840-1918

Wie hat man sich früher homosexuelles Leben in der Zukunft vorgestellt? Im ersten Teil unserer neuen Serie stellen wir Prognosen bis zum Ende des deutschen Kaiserreichs vor, die manchmal bizarr und unfreiwillig komisch sind.


Walt Whitman (1819-1892) schrieb im 19. Jahrhundert ein Gedicht über queere Sichtbarkeit (Bild: G. Frank E. Pearsall / wikipedia)

Solange es Menschen gibt, haben sie sich wohl Gedanken über die Zukunft bzw. über die zukünftige Menschheit gemacht. Es sind Utopien und Dystopien, Zukunftswünsche und Zukunftsängste, konkrete Planungen und bizarre Prognosen, was sich nicht immer trennen lässt. Einige dieser niedergeschriebenen Gedanken sind unterhaltsam, machen nachdenklich und ängstlich; einige wirken erstaunlich weitsichtig, andere sind befremdend-bizarr. Sie alle verbindet die Perspektive auf eine Zukunft, die auf jeden Fall anders sein wird als das Heute ist.

Die von mir zusammengestellten Dokumente über die Zukunft sind recht unterschiedlich. Neben klassischen Prognosen habe ich auch Pläne für die nächsten Jahre, Aufrufe an Homosexuelle und belletristische Darstellungen berücksichtigt. In der letzten Folge habe ich auch Filme über die Zukunft behandelt. Es geht manchmal um vage Voraussagen über die nächsten 130 Jahre und manchmal um recht konkrete Planungen für die nächsten paar Jahre. Auch wenn sich die Zukunftsprognosen nicht immer auf unsere Gegenwart beziehen, bleiben es spannende Zeitdokumente. Die hier vorgestellten Texte über das schwule Leben in der Zukunft entstammen den vergangenen 180 Jahren. Sie reichen von Charles Fouriers Vorstellungen von freier Liebe aus dem Jahr 1820 bis zum inspirierenden Jahrtausendwechsel. Bei den Überschriften habe ich in Klammern neben der Jahreszahl nur dann den Namen des Autors bzw. der Autorin oder den Namen der Zeitschrift ergänzt, wenn dies wie bei prominenten Autor*innen bei der Zuordnung hilft. Die meisten Beiträge habe ich chronologisch sortiert. Für Hilfe bei der Recherche zu diesem Artikel bedanke ich mich recht herzlich beim Centrum Schwule Geschichte in Köln.

Die Utopie der freien Liebe inklusive Schwule und Lesben (Charles Fourier, 1820)

Etwa um 1820 schrieb der französische Gesellschaftstheoretiker und Utopist Charles Fourier (1772-1837) sein Werk "Le nouveau monde amoureux", das eine soziale und sexuelle Revolution entwirft, aber leider nicht in vollständiger deutscher Übersetzung vorliegt. Eine auszugsweise Übersetzung bietet eine Ausgabe mit dem Titel "Aus der neuen Liebeswelt" (1977) mit einem Vorwort des schwulen französischen Autors Daniel Guérin (1904-1988).

Texte von Fourier über Homosexualität bietet dieses Buch leider nicht. Dafür geht Guérin in seinem Vorwort (S. 7-36, hier S. 22-28) mit einem eigenen Absatz ausführlich auch auf "Die gleichgeschlechtliche Liebe" bei Charles Fourier ein: Fourier schätze die Zahl der Männer, "die gleich ihm eine Neigung für Lesbierinnen empfinden", auf 26.000, wobei es auch Frauen gebe, die sich für homosexuelle Männer interessierten. Für Fourier seien – so Guérin weiter – alle Neigungen "wertvoll", vorausgesetzt, sie "beeinträchtigen oder kränken keinen anderen". Anhand von mehr als 20 Textstellen belegt Guérin auch Fouriers widersprüchliche Aussagen über gleichgeschlechtlichen Sex in der Antike, der mal verurteilt und mal verherrlicht werde. In Fouriers Utopie "wird es kein homosexuelles Tabu mehr geben: dort werden die 'Quadrillen der Zwiespältigen' (schwuler Sex zu viert) Raum bekommen" und auch "die lesbische Liebe (…) zu ihrem Recht kommen". Für Fourier seien "edle" Orgien keine "schmutzigen Orgien" aus Sinnlichkeit, sondern solche, um die "gegenseitigen Sympathien (zu) verstärken". Homosexualität werde "dazu beitragen, die Teilung der Klassen zu beseitigen".

In einem Text aus einem Projekt zur Geschichte der Lebensreform, veröffentlicht auf der Homepage der Hamburger Hochschule für bildende Künste, heißt es über Fourier: "Er selbst bekennt sich öffentlich zu seinen homophilen (schwulen) Neigungen. (…) Insgesamt will Fourier die erstarrten monosexuellen Verhaltensformen – ausschließliche Homo- oder Heterosexualität – überwinden." Über Fouriers (Homo-)Sexualitätstheorien kann ich noch auf Saskia Poldervaarts Aufsatz: "Theories About Sex and Sexuality in Utopian Socialism" in dem Band "Gay Men and the Sexual History of the Political Left" (1995) verweisen. Zum Teil wird davon ausgegangen, dass Fouriers Ansichten bis zur sexuellen Revolution der 1960er Jahre wegen ihrer Radikalität unterdrückt worden seien. Hinzu kommt aber wohl auch der Umstand, dass seine Sprache und seine Vorstellungen nur schwer verständlich und seine Aussagen – wie die über die Antike – zu widersprüchlich sind.


Das Cover einer deutschen Teilübersetzung von Charles Fouriers Werk mit dem Titel "Aus der neuen Liebeswelt" (1977) wirbt mit einem pseudo-lesbischen Motiv des französischen Künstlers Paul Delvaux (1897-1994)

Wenn du dies liest, bin ich schon unsichtbar (Walt Whitman, 1859)

Der Dichter Walt Whitman (1819-1892) gilt als einer der einflussreichsten US-amerikanischen Lyriker des 19. Jahrhunderts. Sein Hauptwerk ist die Gedichtsammlung "Leaves of Grass" (= Grashalme), die er von 1855 bis kurz vor seinem Tod 1892 mehrfach erweiterte und veränderte. In "Leaves of Grass" beschäftigt er sich mehrfach mit der Zukunft, so in den Gedichten "Dichter der Zukunft", "Gesang von mir selbst" ("Ich glaube, daß ich nach 5000 Jahren wieder auf der Erde erscheinen werde") und "Wer immer Du bist, der mich jetzt in Händen hält". Wie im letztgenannten Gedicht spricht er die Leser*innenschaft häufig persönlich an.

Zu diesen Gedichten gehört auch das folgende: "Vierzig Jahre alt (…), / Sende ich einem, der ein Jahrhundert oder viele Jahrhunderte später lebt, / Sende ich dir diese Gedichte, und suche dich. / Wenn du sie liest, bin ich, der sichtbar war, unsichtbar geworden, / Du bist es nun, der, greifbar, sichtbar, meine Gedichte lebendig macht und der mich sucht. / Und der sich ausdenkt, wie glücklich er wäre, könnte ich bei ihm sein und wäre sein Kamerad; / Sei's, als wär ich bei dir! (Sei nicht zu sicher, daß ich nicht jetzt bei dir bin.)" (Zitiert nach: "Walt Whitmans Werk in zwei Bänden". Zweiter Band, 1922, S. 121. In der Übersetzung von Hans Reisiger).

Seit ihrem Erscheinen wurden Whitmans Gedichte als Darstellung "homosexueller Beziehungen oder Ausdruck von Bisexualität interpretiert und zensiert" (Wikipedia) und schon die erste Homosexuellenbewegung sah ihn als "ihren Dichter" an (s. Eduard Bertz: "Walt Whitman. Ein Charakterbild", in: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, 1905, S. 153-287). Bis heute ist Walt Whitman Teil der queeren Erinnerungskultur geblieben.

Die Straffreiheit für Homosexuelle wird kommen (Ulrichs und Kertbeny, 1864/1870)

Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895) war Jurist und einer der ersten Vorkämpfer für die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen. Er forschte und publizierte über gleichgeschlechtliche Liebe und schuf mit "Urninge" (= homosexuelle Männer) eine neue Terminologie. Gleichzeitig war er die erste Person des öffentlichen Lebens, die offen und selbstbewusst als "Urning" auftrat. In seiner zwölfteiligen Schriftenreihe "Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe" zeigte er sich sehr optimistisch, dass die Beendigung der Strafverfolgung schwuler Männer bald beendet sei. In "Vindex" (1864, S. 15), der ersten Schrift der Reihe, schrieb er: "Unserem Jahrhundert, ja hoffentlich unserem Jahrzehnt, wird es vorbehalten sein, die Verfolgung der mann-männlichen Liebe abzuschaffen." Sechs Jahre später schloss er mit etwas weniger Optimismus seine Schrift "Araxes" (1870, S. 40) ab: Das gegenwärtige Jahrhundert werde "zum Siege führen" und die "Urningsnatur vom Strafgesetz" befreien.

Ein anderer früher Homosexuellenaktivist war der österreichisch-ungarische Schriftsteller Karl Maria Kertbeny (1824-1882), der mit Ulrichs in Kontakt stand. Es gibt einen Briefentwurf vom 6. Mai 1868 von Kertbeny an Ulrichs, der nach Einschätzung des Historikers Manfred Herzer "das vielleicht einzige heute überhaupt noch vorhandene ausführlichere Dokument der Beziehung" zwischen den beiden Männern ist. Am Ende dieses Briefentwurfs schrieb Kertbeny an Ulrichs: "Vor allem aber sei die Zeit wahrzunehmen, denn vielleicht in einem Jahrhundert trifft es sich nicht wieder so glücklich, dasz eben jezt (…) die legislativen Commissionen tagen, und alle Leute von Fach sagen mir, dasz die Frage (der Legalisierung von Homosexualität) vor dem gesunden Menschenverstand und in juridischer Anschauung schon so reif sei, dasz es nur eines Anstosses bedarf, um (…) endgültig durchzudringen. Wird aber jetzt dieser Augenblick versäumt, (…) dann vergeht das Jahrhundert, ohne mehr Erlösung zu bringen!" (Manfred Herzer: "Ein Brief von Kertbeny in Hannover an Ulrichs in Würzburg", in: "Capri", 1987, Nr. 1, S. 25-35, PDF S. 45-55).


Karl Maria Kertbenys Briefentwurf vom 6. Mai 1868

Die Homo-Ehe im Jahre 2000 (Karl Heinrich Ulrichs und Alois Geigel, 1869/1870)

Von den unterschiedlichen Forderungen Ulrichs' hat vermutlich die nach einer Ehe für Homosexuelle seine Zeitgenoss*innen am meisten getriggert. Ulrichs: "Warum soll nicht auch Urningsliebe das Recht haben, vor die Altäre des Gottes hinzutreten, der sie erschuf? (…) Warum soll der U(rning) nicht die Wonne schmecken dürfen, mit seinem geliebten Jünglinge (…) dort zu stehn, wo ihr mit euren myrtenbekränzten Bräuten steht?" Die "Kirche muß (…) eine Form schaffen" und die bisherige "Unterlassungsschuld hat die Kirche nunmehr zu tilgen". Ähnlich wie das Konzil von Trient (1545-1563), das die Eheschließung neu regelte, könne auch die Kirche von heute die Ehe neu regeln. Ulrichs spricht sich dafür aus, dass das neue Liebesbündnis "lösbar sein" müsse. Von einer Ehereform verspricht sich Ulrichs eine "wohltätige Rückwirkung auf die Volksmeinung" und auf den Staat, der die "Bündnisse auch seinerseits anzuerkennen" habe. Auch die "liberalen Zeitungen" würden dann wie selbstverständlich über solche Bündnisse berichten. Wenn die katholische Kirche das täte, wäre sie nicht mehr rückwärtsgewandt, sondern sie würde "jugendfrisch dann auch in die Zukunft blicken dürfen" (X. Schrift "Prometheus", 1870, S. 33-41).

In der anonym veröffentlichten und gegen Ulrichs gerichteten Hetzschrift "Das Paradoxon der Venus Urania" (dem Mediziner Alois Geigel zugeschrieben, 1869, S. 14) heißt es polemisch, Ulrichs hätte "im Jahre 2000 geboren werden sollen, wo man vielleicht so vorgeschritten sein wird, um urnische (= homosexuelle) Ehen einzusegnen". Als der Autor dies schrieb, konnte er die oben wiedergegebenen Äußerungen Ulrichs' noch gar nicht kennen. Ulrichs hatte sich zuvor vorsichtiger ausgedrückt und z. B. 1865 einen Homosexuellen mit den Worten zitiert: "Es muß noch dahin kommen, daß wir uns förmlich verheiraten können" (V. Schrift "Ara Spei", 1865, S. 22).

Ulrichs' Forderung nach einer Homo-Ehe und nach selbstverständlichen Zeitungsberichten darüber hat sich 2025 bewahrheitet. Die katholische Kirche muss aber wohl – trotz einzelner Reformen – nach wie vor als rückwärtsgewandt gesehen werden.


Alois Geigels Polemik von 1869 über die Homo-Ehe im Jahre 2000

Lehrstühle für Homosexualität verlangt ("Die Presse", 1870)

Die meisten Zeitungen, wenn sie überhaupt über Ulrichs berichteten, stellten sich gegen seine Bestrebungen, das Strafrecht zu reformieren und die Ehe für alle einzuführen. Dies trifft auch auf die österreichische Zeitung "Die Presse" zu, in der der Autor eines Artikels (14. Juli 1870, S. 9-10) ausdrücklich betonte: "Und sie (die Homosexuellen) werden auch (bei der Straflosigkeit) nicht stehen bleiben". "Vielleicht verlangen sie von dem freien Staate die Creierung von Lehrstühlen für wissenschaftliche Behandlung des Urningthums" (= der Homosexualität).

Natürlich war dieser Hinweis auf ein Verlangen nach Lehrstühlen nicht ernst gemeint. An einer deutschen Hochschule gab es wohl noch nie eine Professur für Forschung über Homosexualität. Was es jedoch gibt und gab sind Professuren, bei denen die Beschäftigung mit Homosexualität im Rahmen einzelner Wissenschaftsbereiche möglich war. Prof. Rüdiger Lautmann hatte von 1971-2010 einen Lehrstuhl für Soziologie an der Universität Bremen inne. An der Universität Siegen gab es den Forschungsschwerpunkt "Homosexualität und Literatur" (1985-1998), der von Prof. Dr. Wolfgang Popp gegründet wurde, der auch die Zeitschrift "Forum Homosexualität und Literatur" (1987-2007) herausgab. Prof. Bernd Ulrich Hergemöller war von 1996-2012 Inhaber eines Lehrstuhls im Bereich Mittelalter an der Universität Hamburg. Alle drei haben ihre Tätigkeit zu einem erheblichen Teil der Forschung über Homosexualität gewidmet und die Möglichkeiten ihrer Stellung genutzt, um diese Schwerpunkte zu setzen. Heute ist es sogar möglich, mit Homo-Themen eine akademische Karriere zu machen, wie es die Professoren wie Martin Lücke und Benno Gammerl eindrucksvoll zeigen.

Objekt medizinischer Forschung, weil man auf die Zukunft hofft (1890)

Der Psychiater und Rechtsmediziner Richard von Krafft-Ebing (1840-1902) hatte für die wissenschaftliche Beurteilung der Homosexualität eine große Bedeutung. In seinem Hauptwerk "Psychopathia sexualis" (1886) definierte er die Homosexualität als eine Krankheit und sprach sich deshalb für Straffreiheit aus. Dieses Werk entwickelte sich zu einem sexualwissenschaftlichen Bestseller, der von Krafft-Ebing mit den Jahren erweitert wurde.

Das Werk ist auch deshalb recht lebendig zu lesen, weil Krafft-Ebing konkrete Fälle schildert und einige "Betroffene" selbst zu Wort kommen lässt. Zu ihnen gehört ein 34-jähriger, namentlich nicht genannter Kaufmann, der begründet, warum er sich Krafft-Ebing für eine Untersuchung zur Verfügung gestellt habe: Er möchte mit der Schilderung seiner Biographie zur "Erhellung dieses grausamen Irrthums der Natur" beitragen. Auf diese Weise wollte er seinen "Schicksalsgenossen späterer Generationen von Nutzen sein, denn Homosexuelle wird es geben, solange Menschen geboren werden". Mit der Zukunft verband er Hoffnungen auf die weitere wissenschaftliche Forschung. Dann "wird man in mir und meinesgleichen nicht Hassenswerthe, sondern Bedauernswürdige erblicken", die Mitleid verdienten ("Psychopathia sexualis", 7. Auflage 1892, S. 189).

Auch dieser Kaufmann hätte kein Mitleid, sondern Akzeptanz verdient. Leider lebte er zu einer Zeit, als es schon für fortschrittlich galt, in einem Homosexuellen keinen Sünder oder Straftäter, sondern "nur" einen Kranken zu sehen, der für sein Handeln nichts könne. Auf diese Weise wurden Jahrtausende alte Vorurteile nicht abgebaut, sondern nur transferiert.

Der Wunsch nach einer Ehe wird wohl niemals von Erfolg gekrönt werden (Otto de Joux, 1893)

Noch vor der Gründung der Homosexuellenbewegung (Mai 1897) veröffentlichte der österreichische Schriftsteller und Homosexuellenaktivist Otto de Joux (1862-1900) in den Jahren 1893 und 1897 zwei emanzipatorische Bücher über Homosexualität. Zu seinem 125. Todestag bin ich am 30. Dezember 2025 auf queer.de ausführlich auf sein Leben und Werk eingegangen.

In seinem ersten Buch "Die Enterbten des Liebesglückes" (1893) betont de Joux: "Die unglücklichen Urninge (= Schwulen) mögen immerhin hoffen. Sie haben noch keine Gegenwart, aber sie haben vielleicht eine Zukunft" (S. 74). Zum "alten famosen Streit um die Zulässigkeit" der Ehe unter Homosexuellen bleibt Otto de Joux skeptisch: "Ihre stürmische Begehrlichkeit nach derselben wird wohl niemals von Erfolg gekrönt werden" (S. 129).


Ein Foto von Otto de Joux aus seinem Buch "Die hellenische Liebe in der Gegenwart" (1897)

Bis zu einem gerechten und milden Urteil werden noch Jahrzehnte vergehen (1895)

In der deutschen Geschichte wurden sexuelle Handlungen unter Männern und teilweise auch unter Frauen aufgrund unterschiedlicher Gesetze bestraft. Seit der Reichsgründung 1871 wurde die Strafbarkeit im § 175 RStGB geregelt. Die Kritik am § 175 ist dabei älter als die Homosexuellenbewegung. So meint ein Dr. med. van Erkelens, zu dem keine weiteren Angaben bekannt sind, in seiner emanzipatorischen Broschüre "Strafgesetz und widernatürliche Unzucht" (1895, S. 20): "Noch Jahrzehnte werden vergehen, auch wenn der § 175 längst aufgehoben ist, bis das Urtheil der Menge über diese Sache aufgeklärt ein gerechtes und mildes sein wird."

Damit weist van Erkelens auf den wichtigen Aspekt der Wechselwirkung zwischen der öffentlichen Meinung und der Legalisierung hin, wobei jedoch auch die öffentliche Meinung dazu führen kann, dass das Strafrecht geändert wird, und nicht nur umgekehrt. Was indirekt deutlich wird: Um eine gesetzliche Bestimmung zu streichen, ist es nicht ausreichend, dass sie ungerecht ist und unzählige Menschen ins Gefängnis gebracht oder in den Freitod getrieben hat, sondern dass die breite Öffentlichkeit einer solchen Streichung zustimmt.

Bei Volkszählungen auch die sexuelle Orientierung erfassen (Otto de Joux, 1897)

Auch in seinem zweiten Buch über Homosexualität "Die hellenische Liebe in der Gegenwart" (1897, S. 214-216) ging Otto de Joux auf seine Vorstellungen über die Zukunft der Homosexuellen ein: Die bisherigen sittlichen Vorstellungen würden in der Zukunft "ganz gewiss unhaltbar" sein. Sie würden sich durch neue wissenschaftliche Erkenntnis ändern. Psychiater, Juristen und Presse würden dann zur Aufklärung der Öffentlichkeit beitragen. Es sei dann die Pflicht jedes "wahrhaft sittlichen" Staates, bei Volkszählungen die Rubrik "Heterosexual, Homosexual oder Bisexual" mit aufzunehmen, deren Ergebnis "dann nicht mehr erschrecken oder verblüffen, sondern als selbstverständlich empfunden würde". Hätte ein Homosexueller nach der Streichung des § 175 aber den "Frevel" (= bösen Willen), seine homosexuelle Natur "dreist zu verleugnen, und es würde ihm sein lügenhaftes Einbekenntnis von der Behörde nachgewiesen, dann übergebe man ihn ruhig dem Scharfrichter, denn der Elende hätte sein Los redlich verdient". Otto de Joux befürchtete eine Überbevölkerung der Erde und ging für das Jahr 2000 von drei Milliarden (tatsächlich waren es in diesem Jahr 6,17 Milliarden) und für das Jahr 2100 von sechs Milliarden Menschen aus.

Kann de Joux die Äußerung mit dem "Scharfrichter" ernst gemeint haben? Wenn ich versuche, mich auf seine Utopie einer diskriminierungsfreien Welt einzulassen, ist seine Intention noch halbwegs nachvollziehbar, weil sie wohl auf der Überlegung basiert, dass die Diskriminierung Homosexueller sofort beendet wäre, wenn die sexuelle Orientierung aller Menschen öffentlich bekannt wäre. Ängste, die mit "Rosa Listen" verbunden sind, müsste man in einer Welt ohne Diskriminierung ja gar nicht haben. Aber wenn die Homosexualität in seiner Utopie als selbstverständlich angesehen wird, warum sollte man sie dann – ähnlich wie Alter, Körpergröße, Religion oder Nationalität – noch erfassen? Für die Politik mag es sinnvoll sein kann, die Größe einzelner sozialen Gruppen zu erfassen. Trotzdem bleiben es recht bizarre Gedankenspiele.

Schwule werden eigene Kleidung tragen (Otto de Joux, 1897)

Otto de Joux ("Die hellenische Liebe in der Gegenwart", 1897, S. 252-253) übernahm von anderen die Vorstellung, dass sich Mädchen anders entwickeln würden, wenn man sie in männlicher Kleidung erziehe, und dass sich dadurch die Geschlechterrollen für beide Geschlechter verändern könnten. Für ihn war es deshalb eine naheliegende Schlussfolgerung, dass die zukünftige Homosexuellenbewegung ihre Forderung nach Emanzipation mit einer neuen Form der Kleidung verbinden werde, um Schwule und Lesben als solche auch äußerlich kenntlich zu machen. "Eine neue Gesellschaft, eine ganz neue Welt entstände um uns her, (…) wenn man auch einmal den femininen Seelenzwittern (= männlichen Homosexuellen) eine Reform ihrer Kleidung, eine sich an die weibliche Tracht (= Kleidung) anlehnende Ausnahmshülle zugestehen würde, welche sie nun auch äußerlich als dem dritten Geschlechte (= den Homosexuellen) angehörig kennzeichnen möchte." Sollte "die ferne Zukunft wirklich auch eine Emanzipation der Eva-Söhne (= Schwule) bringen und ihnen eine eigene Urningstracht gestatten", dann werde man die Schwulen von den Lesben kaum noch unterscheiden können.

Der Gedanke einer schwul-lesbischen Kleidung ist nicht ganz so absurd, wie er zunächst erscheint. So hat die Frauenbewegung ihre Forderung nach Emanzipation auch mit dem Wunsch nach einer anderen Kleidung verbunden; Frauen wollten Hosen und keine Mieder mehr tragen. Identität kann Kleidung beeinflussen – und umgekehrt. Heute werden von Schwulen Marken wie Abercrombie & Fitch auch deshalb getragen, weil sie in der Szene einen besonderen Stellenwert haben, oder auch T-Shirts zum CSD mit unterschiedlichen Symbolen und Texten im Kontext der sexuellen Orientierung.


Schwule und eine besondere Form der Kleidung (Symbolbild)

Aufrufe zur Gründung eines Vereins, einer Zeitschrift und zum Einreichung einer Petition (1897)

Otto de Joux veröffentlichte im Anhang seines Buches "Die hellenische Liebe in der Gegenwart" (1897, S. 273-276) einen "Aufruf an alle gebildeten und edlen Menschen", datiert auf November 1896. Darin werden die Gründung einer homosexuellen Interessenvertretung und die Herausgabe einer homosexuellen Zeitschrift angekündigt. Es wurde auch um finanzielle Unterstützung gebeten, um emanzipatorische Broschüren an Juristen und Mediziner kostenlos verteilen zu können. (Einige Seiten zuvor hatte auch Otto de Joux selbst Schwule zu mehr Aktivismus, zur Gründung einer "Keuschheitsliga" und zu öffentlichen Kundgebungen aufgefordert; S. 269-272). Ein recht ähnlicher zweiter Aufruf, der auf "Frühling 1897" datiert ist, erschien im Anhang der zweiten Auflage von "Die Enterbten des Liebesglückes" (1897, S. 249-253). In ihm wurde ebenfalls um finanzielle Unterstützung für die Gründung einer homosexuellen Zeitschrift gebeten. Außerdem sei von "Herrn Dr. Ramien (= Magnus Hirschfeld) (…) eine Erklärung ausgearbeitet worden, die der geistigen Elite unseres Volkes zur Unterschrift vorgelegt werden soll".

Der Hinweis auf die Gründung einer homosexuellen Interessenvertretung steht in Verbindung mit der Gründung des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) durch Magnus Hirschfeld am 15. Mai 1897 und mit der homosexuellen Zeitschrift ist bestimmt das "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" gemeint, das ab 1899 erschien. Mit der "Erklärung zur Unterschrift" kann nur die Petition zur Abschaffung des § 175 RStGB von Dezember 1897 gemeint sein, die von zahlreichen Prominenten, u. a. von August Bebel, unterzeichnet wurde (s. "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen", 1899, S. 239-280). Es wurde auch auf eingegangene Spenden hingewiesen. Offenbar konnte damit alles, was in den beiden Aufrufen angekündigt wurde, in kurzer Zeit auch umgesetzt worden. Zwischen dem Erscheinen von "Die hellenische Liebe" im Februar 1897 und der Gründung des WhK im Mai 1897 lagen nur einige Monate. Es bleibt unklar, ab wann Hirschfeld die WhK-Gründung plante und wann er Otto de Joux über seine Pläne und die Auflösung des Pseudonyms "Dr. Ramien" informierte.

Wissenschaftler und Künstler werden sich zusammenschließen ("Der Eigene", 1899)

Die vor allem in Berlin ansässige frühe Homosexuellenbewegung wurde vor allem von zwei Protagonisten bestimmt: Neben dem eben erwähnten Magnus Hirschfeld gehörte dazu Adolf Brand, der die Kunstzeitschrift "Der Eigene" (1896) herausgab, die ab dem Jahrgang von 1898 die erste regelmäßig erscheinende Homosexuellenzeitschrift der Welt war.

In "Der Eigene" (1899, August, S. 99-105) schrieb Hermann Esswein den Artikel "Von der Zukunft unseres Entwicklungsstrebens". So sicher sich Esswein ist, dass uns die Wissenschaft "das lenkbare Luftschiff bescheren und eine Verbindung mit dem Mars herstellen wird", so sicher ist er, dass uns die Wissenschaft auf anderen Gebieten keinen Schritt weiterbringen werde. Er hofft, dass sich Künstler und Wissenschaftler in "zukünftige(n) Zeiten" zusammenschließen würden. "Der Erkenntnisarbeiter der Zukunft", also der Intellektuelle von morgen, werde über die Grenzen von Wissenschaft und Kunst hinausgehen mit dem Streben nach Wissen als oberstem Ziel. Esswein sieht darin den Beginn einer neuen, aufgeklärten Ära: "(…) es wird Manna regnen! (…) Vielleicht wird dann erst die Sonne aufgehen!"

In diesem Artikel geht es vordergründig nicht um Homosexualität. Wenn man jedoch das manchmal angespannte Verhältnis zwischen dem Wissenschaftler Magnus Hirschfeld und dem Künstler Adolf Brand berücksichtigt, wird daraus ein auf die Homosexuellenbewegung bezogener versöhnender und vermittelnder Beitrag. Übrigens: Essweins Hinweis auf ein lenkbares Luftschiff bezieht sich offenbar auf das am 13. August 1898 ausgegebene Patent für ein lenkbares Luftfahrzeug (= Zeppelin) an Ferdinand Graf von Zeppelin. Der erste Aufstieg eines Zeppelins fand am 2. Juli 1900 statt, ungefähr ein Jahr nach dem Erscheinen von Essweins Artikel.

Die freie Liebe wird eine Art "Zukunftsehe" sein (1897, 1900, 1907)

Die Idee der "freien Liebe" wurde um 1900, ausgehend von Impulsen der Lebensreform-Bewegung und im Kontext der Diskussion um Sexualreform, viel diskutiert. Die Idee, Liebe und Sex ohne die Einschränkungen traditioneller sozialer Normen und Moralvorstellungen zu leben, fasziniert viele. Im Leipziger Spohr-Verlag, der um die Jahrhundertwende der Haus- und Hofverlag der Homosexuellenbewegung war, erschienen zwei Bücher zu dieser Utopie.

Von dem Buch "Ist freie Liebe Sittenlosigkeit?" (1897) der Pädagogin und Sachbuchautorin Emma Trosse (1863-1949) hatte ich viel erwartet, schließlich heißt ihr erstes Kapitel "Der Standpunkt des Urnings" (S. 5-8). Hier stellt sie jedoch nur fest, dass der "Standpunkt" des Homosexuellen ein unparteiischer sei, da sie die freie Liebe nur aus der Ehe heraus thematisiert – und Schwule und Lesben eine solche ohnehin nicht eingehen konnten. Das Buch ist zwar spannend, weil sich Trosse ausdrücklich zur Kategorie des "Konträrsexualismus" bekennt, aber sie bezieht Schwule und Lesben nicht mit ein. Dabei ging es Trosse aber nicht darum, Homosexuelle auszuschließen. Um es anders zu formulieren: Homosexuelle praktizierten sozusagen automatisch "freie Liebe", weil sie keine Ehe eingehen konnten.

Für Charles Albert in seinem Buch "Die freie Liebe" (1900) ist die freie Liebe, die "die Zukunft der sexuellen Vereinigung repräsentiert", tiefer und vollkommener als das, was sich die meisten Leute darunter vorstellen. Die Veränderung der Geschlechtsliebe sei eines von vielen Motiven "für eine Revolution" mit dem Ziel einer kommunistischen Ordnung (S. 119). Schwule und Lesben wertet er jedoch ab, wie aus seinen abfälligen Äußerungen über die Antike (S 45) und den "Typus des 'Mannweibes'" (S. 170-171) deutlich wird.

Der Mediziner und Sexualforscher Iwan Bloch (1872-1922) bietet in seinem Buch "Das Sexualleben unserer Zeit in seinen Beziehungen zur modernen Kultur" (1907, hier Auflage von 1908, S. 260-311) einen guten Überblick über die unterschiedlichen Positionen zum Thema "freie Liebe", "wie sie kommen muss und wird" (S. 263), die er folgerichtig mehrfach als "Zukunftsehe" (S. 276, 281) bezeichnet. Am ausführlichsten geht Bloch auf die schwedische Reformpädagogin und Schriftstellerin Ellen Key (1849-1926) ein, die sich zwar mehr erotische Freiheiten und "Gewissensehen" wünschte, aber in einem neuen Ehegesetz Verwandte, Kranke und Homosexuelle von der Ehe ausschließen wollte (s. dazu Ellen Key: "Über Liebe und Ehe", 1904, Kapitel "Ein neues Ehegesetz").

Die Forderung, eine Ehe auch wieder lösen zu können, wirkt auf mich ziemlich selbstverständlich, war damals aber äußerst progressiv und hatte durchaus etwas Revolutionäres. Bei der Forderung nach "freier Liebe" ging es aber vor allem darum, Sexualität auch außerhalb der staatlich und kirchlich geschlossenen Ehe in Beziehungen auf Zeit zu legitimieren. Damit war die "freie Liebe" früher nichts anderes als das, was heute als "serielle Monogamie" bezeichnet wird, also die Tatsache, dass Menschen im Laufe ihres Lebens mehrere sexuelle Beziehungen nacheinander haben können und es zweitrangig ist, ob diese Beziehungen institutionalisiert werden oder nicht. Diese Vorstellung ist in den westlichen Ländern heute weitgehend akzeptiert, wobei auch die damalige Diskussion um "freie Liebe" zu dieser Veränderung beigetragen haben wird. Was jedoch immer noch an damals erinnert: Bis heute kann eine katholische Ehe nicht geschieden, sondern allenfalls durch eine kirchliche Annullierung unter bestimmten Voraussetzungen aufgelöst werden.

Die Renaissance der antiken Päderastie wird kommen ("Der Eigene", 1903)

Ein Autor, der sich Gotamo nennt, schildert in seinem Artikel "In die Zukunft" ("Der Eigene", 1903, Januar, S: 64-73. Nicht online) seine persönliche Utopie einer Renaissance der Antike. Er lebe in einer Zeit des Übergangs, in der die katholische Kirche an Bedeutung verliere, sich die Gesellschaftsordnung im Umbruch befinde und seiner Ansicht nach alles nach einer neuen Kultur dränge. Wenn die Aufklärung durch Mediziner wie Krafft-Ebing, Moll und Hirschfeld weiter voranschreite, werde "nach ein paar lustren (= nach einigen Zeiträumen von jeweils fünf Jahren) unsere heutige Gesetzgebung völlig mittelalterlich erscheinen". Der Paragraph 175 RStGB werde "über kurz oder lang" fallen. "Wenn wir aber dieses Ziel erst erreicht haben, o dann, hinauf! hinauf! Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag!" Die Antike werde "sich erneuern" und dann werde es nicht nur um Duldung der Homosexuellen gehen, sondern die homosexuelle Liebe werde an "Kraft und Schönheit" gleichbedeutend mit der heterosexuellen sein. "Dann werden wir es auch erreichen, dass wir öffentlich um Gegenliebe und um Freundschaft werben dürfen." Väter würden sich "freuen, wenn ein tüchtiger Mann um die Gunst ihrer Söhne wirbt". Wenn auch die öffentliche Meinung die homosexuelle Liebe anerkenne und wenn die "Umgestaltung der männlichen Kleidung" die wohlgeformten "Körper wieder erkennen lassen wird", würden Tausende "ihren homosexuellen Trieb zur Entfaltung bringen. (…) Unsere Sportplätze werden eine ähnliche Rolle spielen wie die Gymnasien von Athen. (…) Man mag das alles für Utopien halten. Aber wir sehen, dass etwas neues sich gestalten muss und da dürfen wir wohl das wogende Chaos uns entwickelt vorstellen." Die gegenwärtigen Menschen schafften die Grundlagen "zu neuer Kultur. Und so blicken wir getrost in die Zukunft."

Der Artikel ist von der Lebensreform-Bewegung geprägt (die ein wichtiger Hintergrund für die damaligen Sexualreform-Debatten war), und wohl ein typisches Beispiel dafür, wie Schwule früher das antike Griechenland verklärten. Im Gegensatz zur feindseligen christlich-moralischen Umgebung ihrer Zeit sahen sie hier eine Bestätigung und Legitimierung ihrer gleichgeschlechtlichen Liebe. Die Antike bot eine mächtige kulturelle Referenz, um die prüde und homophobe bürgerliche Moral der eigenen Zeit herauszufordern. Die frühe Homosexuellenbewegung konnte so zeigen, dass Homosexualität keine isolierte, moderne Erscheinung war, und so trug Magnus Hirschfelds erste Veröffentlichung zu diesem Thema den Titel "Sappho und Sokrates". Für die Literaturwissenschaftlerin Marita Keilson-Lauritz ("Die Geschichte der eigenen Geschichte", 1997, S. 90-91) gehört Gotamos Artikel zu den im "Eigenen" regelmäßig wiederkehrenden Texten, die den "pädagogischen Eros" behandelten.

Die Vorstellung eines homosexuellen Staatsbordells (1904)

Hans Hermann war auf einem (nicht genannten) Kongress, bei dem der Vorschlag unterbreitet wurde, in Zukunft die Prostitution zu legalisieren und zu reglementieren. In seinem Buch "Das Sanatorium der freien Liebe. Pläne und Hoffnungen für die Zukunft" (1904) versucht er diesen Gedanken zu Ende zu denken und argumentiert aus christlicher, antisemitischer und homophober Perspektive dagegen an. Sprachlich recht gewandt und ironisch stark gebrochen schildert er im Mittelteil, wie sich ein solches zukünftiges "Staatsbordell" entwickeln würde, das er ironisch und euphemistisch auch als "Sanatorium" bezeichnet. In diesen "Staatsbordellen" solle auch die Möglichkeit bestehen, Sex mit Tieren zu haben, und auch der § 175 "wäre somit gänzlich zu streichen", denn Männer sollten auch "ihr eigenes Geschlecht zur Unzucht benutzen" dürfen. Frauen sollten natürlich die gleichen Rechte haben und auch ihnen solle es "unbenommen bleiben, sich mit Hilfe ihres eigenen Geschlechts oder mit einem Tier zu entwürdigen". Und wenn Mädchen missbraucht werden dürften, dann doch bitte auch die 14-jährigen Knaben: "Gleiches Recht für alle" (S. 91, 133-135; s. a. S. 27, 91, 150).

Die Reglementierung der Prostitution war damals ein viel und kontrovers diskutiertes Thema und es ist möglich, dass der Autor einen Kongress nur als imaginäres Beispiel für die breite damalige Diskussion fingierte. Auch dem WhK muss bei Hermanns Text die Ironie aufgefallen sein. Trotzdem heißt es in den "Monatsberichten des WhK" (wohl in emanzipatorischer Absicht), Hans Hermann fordere "die Aufhebung des § 175, damit das männliche Geschlecht dem weiblichen gleichgestellt werde" ("Monatsberichte des WhK", 1. November 1904). Dies wirkt, als wäre Hans Hermann ein Feminist und Homosexuellenversteher – das Gegenteil war der Fall.


Das Buchcover von "Das Sanatorium der freien Liebe" (1904, Ausschnitt)

Das Andenken an uns wird unser Leben überdauern (WhK-Aktivisten, 1905)

Neben dem in Berlin ansässigen Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WhK) gab es in einzelnen Städten regionale Ortsgruppen – sogenannte Subkomitees. Das Münchner Subkomitee traf sich Ende 1905 und wies in seiner Sitzung darauf hin, für wen es sich engagiere: "Nicht für die Lebenden, weit mehr für ein kommendes Geschlecht stünden wir auf der Bresche." Gezeichnet wird das Bild einer großen, heroischen Bewegung für eine bessere Zukunft: "Alle die Tausende, für die wir schaffen und ringen, sind uns unbekannt, aber unverdrossen suchen wir ihnen den Weg zu ebnen, auf daß ihr Leben leichter und sonniger werde, als das eigene gewesen. Wir pflanzen die Bäume, deren Früchte kommende Jahrhunderte ernten." In "Stunden der Entmutigung (mag uns) der Gedanke Trost und freudige Ermunterung geben, daß auch unser Andenken einst gesegnet sein wird und daß der Dank für das, was wir getan, unser flüchtiges Leben überdauert" ("Monatsberichte des WhK", 1. Dezember 1905, S. 24-25).

Hat diese erste Homosexuellenbewegung einen Dank erhalten – von den Aktivisten der Zwanzigerjahre oder später? Das lässt sich schwer beantworten, auch weil die Aktivisten der 1920er Jahre zu einem erheblichen Teil noch dieselben wie im Kaiserreich waren. Einzelne Vorkämpfer wie Magnus Hirschfeld und Karl Heinrich Ulrichs wurden und werden durchaus geehrt. Ich mache mir aber manchmal Gedanken über die Homosexuellenaktivisten der Fünfziger- und Sechzigerjahre, die vorsichtig und ruhig agieren mussten und auf die neue Bewegung der Siebzigerjahre trafen, die provokativ und laut auf die Straße gingen, aber sich nicht wirklich für ihre Vorgänger interessierte. Das führt zu spannenden Fragen: Baut der Aktivismus einzelner Epochen auf den vorigen Epochen auf? Wäre unser schwules Leben heute ein anderes, wenn es die Bewegung von 1897 bis 1933 nicht gegeben hätte?

Die Ärzte werden die Richter der Zukunft sein (Magnus Hirschfeld, 1906/1922)

Magnus Hirschfeld verteidigte in seinem Aufsatz "Vom Wesen der Liebe" (in: "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen", 1906, S. 1-284) nicht nur die Homosexualität, sondern auch die recht neue Sexualwissenschaft: Es werde in "späteren und besser unterrichteten Zeiten noch weitaus erstaunlicher sein", dass Sexualität wissenschaftlich so lange unbeachtet blieb (S. 1). Auf dem Gebiet der Kriminalistik lasse sich "mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit (…) voraussehen: Die Ärzte werden die Richter der Zukunft sein" (S. 284). Zum gleichen Thema betonte Hirschfeld 1922/23, es sei "kaum ein Menschenalter vergangen", seitdem es ein Verständnis dafür gebe, dass Sex "keine Frage der Theologie, sondern ausschließlich der Biologie ist". "Erst die nächste Generation wird die Wahrheit lernen und der übernächsten lehren" (Magnus Hirschfeld: "Von einst bis jetzt", 1986, S. 162).

Der Übergang von einer juristischen bzw. theologischen zu einer vorwiegend medizinischen Betrachtung der Homosexualität war ein Prozess, der sich über das späte 19. und das gesamte 20. Jahrhundert erstreckte. Diesen Prozess hatte der Mediziner Magnus Hirschfeld nicht nur mitbekommen, sondern auch maßgeblich mit unterstützt. Für Mediziner war es eine Aufwertung; für Schwule war es nur eine Transformation von Vorurteilen, wenn sie nun nicht mehr als Kriminelle, sondern als Kranke galten. Hirschfelds Wissenschaftsgläubigkeit lässt sich heute auch kritisch hinterfragen, auch wenn er zweifellos humane Ziele verfolgte. Seine Annahme, Wissenschaft führe per se zu Gerechtigkeit, wirkt naiv.

Der Eulenburg-Skandal wird zur Legalisierung beitragen (WhK, 1907)

Während der homosexuellen Skandale in der Wilhelminischen Zeit, wie der Verurteilung Oscar Wildes (1895) oder dem Skandal um Friedrich Alfred Krupp (1902), schienen sich die politischen und gesellschaftlichen Reaktionen zu wiederholen. Für die Prominenten, die in einen Skandal verwickelt waren, waren es persönliche Tragödien, die häufig zu Ächtung, Verurteilungen und manchmal sogar zum Tod führten. Die Skandale führten aber auch zur Enttabuisierung von Homosexualität und zu der Erkenntnis, dass auch Personen mit hohem öffentlichem Ansehen schwul sein konnten, was sich wie eine Initialzündung auswirkte (Wilde) bzw. die Bewegung puschte (Krupp).

Mitte 1907 informierte das WhK seine Mitglieder über eine neue Affäre: Es ging um die "Harden-Eulenburg-Affäre" (1907-1909) und damit um einen Skandal um Homosexualität im engsten Umfeld des Kaisers. Das WhK ging zunächst von einem einsichtigen Kaiser aus, der doch bestimmt mit "Verständnis und Mitleid" gegenüber den Homosexuellen reagieren werde, wenn er erkenne, dass auch seine engsten Freunde "keine Verbrecher sind". Wenn der Skandal – so das WhK – zur Legalisierung der männlichen Homosexualität beitrage, sei dieses Ziel "nicht zu teuer erkauft" und den am Skandal beteiligten Männern bleibe die "Genugtuung (…), Tausende Gleichfühlender in Zukunft vor der Vernichtung ihrer Existenz gerettet zu haben" ("Monatsberichte des WhK", 1. Juli 1907, S. 130).

Es ist nachvollziehbar, dass das WhK die weitere Entwicklung dieses Skandals zunächst vollkommen falsch einschätzte. Der Eulenburg-Skandal stürzte die Bewegung in die größte Krise seit ihrem Bestehen, erst in der Weimarer Republik konnte sie sich von diesem Schock wieder erholen.


Karikatur zum Eulenburg-Skandal in "Der wahre Jacob" (9. Juli 1907, Ausschnitt)

Die Frau wird sich ihre Sexualpartner selber aussuchen (August Bebel, 1879/1910)

August Bebel war einer der Begründer der deutschen Sozialdemokratie und ist bis heute eine ihrer wichtigsten Persönlichkeiten. Sein Buch "Die Frau und der Sozialismus", das zunächst unter dem Titel "Die Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft" erschien, war für "die zeitgenössische Frauenbewegung von großer Bedeutung und wurde europaweit intensiv rezipiert" (Wikipedia). Es erschien erstmals 1879, wurde bis 1910 stark erweitert und erscheint bis heute in Neuauflagen.

In dem Kapitel "Die Frau in der Zukunft" (hier zitiert nach der Ausgabe von 1913, S. 474-482) verdeutlicht Bebel seine politische Utopie: "Das 'goldene Zeitalter', von dem die Menschen seit Jahrtausenden träumten und nach dem sie sich sehnten, wird endlich kommen", denn die Frau werde sozial und wirtschaftlich unabhängig sein. In der "Liebeswahl" (= Auswahl der Sexualpartner) werde die Frau wie der Mann "frei und ungehindert" sein. Mit ihrem Lebenspartner werde sie einen Bund als "Privatvertrag" schließen, der lösbar sein solle. Die "Befriedigung des Geschlechtstriebes" sei eine "persönliche Sache", für die keine "Rechenschaft" nötig sei. Der "Verkehr mit der Person eines anderen Geschlechts" sei so wichtig wie Essen und Trinken. Dieser Satz verdeutlicht, dass Bebel Lesben in seine Überlegungen nicht mit einbezieht. Dass er von Lesben und Schwulen nichts hält, macht er in anderen Kapiteln deutlich: In der Antike sieht er zwischen der fehlenden Achtung vor der Frau, der "widernatürlichen Leidenschaft" unter Männern und der lesbischen Liebe unter Frauen einen Zusammenhang (S. 42). Über die Gegenwart schreibt er, dass "auch unter den Frauen (…) die Widernatürlichkeiten des alten Griechenland in stärkerem Maße wieder" aufleben würden (S. 207). Ausgerechnet der religionslose Bebel ergänzte seinen Text um eine Fußnote mit dem homophoben Bibelzitat aus "Römer I, 26-27", als würde es sich dabei um eine historische Quelle handeln oder als sollte und könnte damit die Verfolgung legitimiert werden (S. 54).

August Bebel unterschrieb zwar die Petition zur Abschaffung des § 175 RStGB, war aber trotzdem nicht so liberal, wie er in den schwulen Geschichtsbüchern häufig dargestellt wird. In meinem queer.de-Artikel "Wie August Bebel gegen die schwulen 'Hintermänner' austeilte" (22. Februar 2020) habe ich diese Ambivalenz auch anhand des Buches "Die Frau und der Sozialismus" herausgearbeitet.


August Bebel: Ein Colliergriff allein macht noch keinen Straight Ally...

Wann nennt dich die Zukunft bei deinem Namen? (John Henry Mackay, 1913)

John Henry Mackay (1864-1933) wurde sich mit Hilfe von Krafft-Ebings "Psychopathia sexualis" seiner homosexuell-päderastischen Neigung bewusst und betätigte sich später als Schriftsteller. In mehreren Werken setzte er sich mit den Idealen des individualistischen Anarchismus auseinander und ging dabei – wie in "Der Freiheitssucher" – auch mehrfach auf die Zukunft ein. Seine Schriften über die "namenlose" oder "griechische" Liebe, das heißt die Zuneigung erwachsener Männer zu männlichen Adoleszenten, veröffentlichte er unter dem Pseudonym Sagitta (= Pfeil).

In der Einleitung zu seinen "Büchern der namenlosen Liebe" (hier zitiert nach der Ausgabe von 1979, 1. Band) schrieb er: "Sie morden unsere Liebe – und sie lebt. Sie erdrosseln unseren Schrei – und die Zukunft hallt ihn wider! Sie haben meine Bücher gemordet. Aber meine Bücher werden leben" (S. 54-55). In dem ersten der sechs Bücher schrieb er: "Namenlose Liebe des Mannes, der den Liebling zu sich emporzieht und ihm Alles zugleich zu sein begehrt: Freund und Vater, Bruder und Geliebter! Namenlose Liebe – wann nennt dich die Zukunft endlich bei deinem wahren Namen?" (S. 80).

Die Zitate sind typisch für Mackays poetische, dramatische und metaphernreiche Sprache. In diesen Zeilen bringt er gut zum Ausdruck, dass die Inhalte von Büchern auch dann rezipiert werden können, wenn diese verboten oder vernichtet werden. Als er 1913 diese Texte schrieb, gab es für diese Gefühle schon mehrere Namen, wie u. a. Homosexualität. Sie dennoch als "namenlose Liebe" zu bezeichnen, geht vermutlich zurück auf Oscar Wildes Äußerungen in dem gegen ihn gerichteten Prozess.

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Wird man in einer Ehe unter Männern Sex einfordern können? (1914)

Der Rechtsanwalt Gustav Cohen geht im zweiten Teil seines Buches "Die gleichgeschlechtliche Liebe in Gegenwart und Zukunft" (1914, S. 37-54) sehr dezidiert auf die rechtliche Zukunft ein. Der § 175 "wird fallen, wenn nicht alle Zeichen trügen", allerdings erst, wenn dies auch "Ausdruck des Rechtsbewußtseins des Volkes" sei, was "aber nicht mehr lange auf sich warten lassen" werde. Neben dem Strafrecht geht Cohen auch auf weitere Rechtsbereiche ein. Das Wahlrecht (das bis 1919 nur Männer hatten) sollten auch Frauen erhalten. Damit würde sich die Frage, ob auch feminine Homosexuelle das Wahlrecht ausüben dürften, nicht stellen und man würde auch den Frauenrechtlerinnen entgegenkommen, die meistens "zum dritten Geschlecht (gehören), viele ohne es zu wissen". Es solle einen dritten Geschlechtseintrag geben in Verbindung mit einem geschlechtsunspezifischen Vornamen oder einer Kombination aus männlichen und weiblichen Vornamen.


Das Buchcover von "Die gleichgeschlechtliche Liebe in Gegenwart und Zukunft" (1914, Ausschnitt)

Der Autor plädiert für die Möglichkeit einer Ehe unter Homosexuellen, denn sie schaffe Ordnung und man solle den Homosexuellen "nicht die wilde Ehe überlassen. (…) Lassen wir daher ruhig die Homosexuellen ihre Ehe schließen." Dabei bleibe es aber eine "sehr schwierige Frage", welche "Art der geschlechtlichen Betätigung der eine Teil von dem anderen zu fordern berechtigt sein soll", denn die sexuelle Verweigerung wäre ja wie in der "normalen Ehe" ein Scheidungsgrund. Der Autor geht davon aus, dass viele beim Lesen dieser Zeilen ein "Schauder überkommt", wenn das, was zurzeit noch strafbar sei, eingefordert werden könne. Er sei sich jedoch sicher, dass derzeit kein Staat diese Ideen umsetzen werde. Ein neues Eherecht hätte Auswirkungen auf andere Gesetze: Das BGB, wonach der Ehemann den gemeinsamen Wohnort bestimmen durfte, müsse geschlechtergerecht umgestaltet werden, während das Scheidungsrecht, z. B. hinsichtlich der Möglichkeit des Antrags auf Scheidung wegen "Ehebruchs", nicht geändert zu werden brauche. Kein "Leser dieses Buches" werde die Einführung der Homo-Ehe erleben, aber "nicht etwa, weil es nie dazu kommt". Ehen unter Homosexuellen würden irgendwann üblich sein und als "das Normale" angesehen werden.

Bezogen auf die wilhelminische Zeit ist dies für mich der überzeugendste Beitrag über die Zukunft der Homosexuellen, sowohl wegen der Ausführlichkeit als auch wegen der sachlichen Argumentation. Cohens progressive Haltung zur Homosexualität und seine Offenheit gegenüber Forderungen der Frauenbewegung ist beeindruckend, aber auch er hat einzelne patriarchale Elemente des Eherechts wie die "eheliche Pflicht" nicht in Frage gestellt, sondern wollte sie nur auf Homosexuelle übertragen. Wie zwei schon erwähnte Bücher (1897, 1900) erschien auch dieses im Spohr-Verlag, also dem Haus- und Hofverlag der frühen Homosexuellenbewegung, setzt sich aber am deutlichsten für die homosexuelle Emanzipation ein. Übrigens: In Deutschland gab es bis in die späten Sechzigerjahre eine Rechtsprechung, die Sex als eheliche Pflicht ansah. Der Mann durfte zwar keinen Zwang ausüben, aber ein "Nein" zum Sex war – wie schon 50 Jahre zuvor – ein Scheidungsgrund.

-w-