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Jetzt im Kino
"Holy Meat": Satirisch, blasphemisch und ziemlich queer
Die katholische Kirche hat auch schon bessere Zeiten gesehen: Missbrauchsskandale, Mitgliederschwund – und nun läuft auch noch die skurrile Dramödie "Holy Meat" um einen neuen Dorfpfarrer bundesweit im Kino.

Szene aus "Holy Meat" (Bild: Matthias Reisser)
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1. Januar 2026, 09:51h 5 Min.
Ein junger Ministrant, der rettungslos in den neuen Pfarrer verliebt ist. Ein abgehalfterter bisexueller Berliner Regisseur, der seine Karriere mit einem Kirchentheater im ländlichen Schwaben wiederzubeleben hofft. Und eine resolute Metzgerin, die sich nicht scheut, auch mal ein totes Schwein an das Kreuz in der Kirche zu nageln, um dem Pfarrer ihre Missbilligung zu signalisieren: Willkommen bei Alison Kuhns schräger Dramödie "Holy Meat", einem wilden Mix aus Kirchenkritik, Theatersatire und Dorfposse.
Fangen wir mit dem toten Schwein an. Es ist nämlich so, dass der neue dänische Pfarrer, Pater Oskar Iversen (Jens Albinus), die Mutter der Metzgerstochter Mia (Homa Faghiri) quasi auf dem Sterbebett davon überzeugt hat, praktisch ihr ganzes Erbe der Kirche zu überschreiben. Schließlich braucht er Geld für sein geplantes Theaterstück: die letzte Hoffnung, die Kirchgemeinde soweit wiederzubeleben, damit sie nicht mit einer anderen fusioniert wird. Würde das geschehen, wäre er seinen neuen Job auch schon wieder los – und diesen brauchte er für seine Versetzung aus der bisherigen dänischen Pfarrei, wo offenbar etwas vorgefallen ist, vor dem er flüchtet.
Ein Pfarrer mit zahlreichen Problemen

Poster zum Film: "Holy Meat" startet am 1. Januar 2026 bundesweit im Kino
Mia, die wegen dem Tod ihrer Mutter nach langer Abwesenheit aus Stuttgart zurückkehrt, um sich um ihre Schwester mit Down-Syndrom und die familieneigene Dorfmetzgerei zu kümmern, wollte nie Metzgerin werden – doch nun bleibt ihr nichts anderes übrig. Als sie allerdings erfährt, dass sich der neue Pfarrer unter fragwürdigen Umständen "ihr" Erbe unter den Nagel gerissen hat, ist sie darüber derart erbost, dass sie auch vor Mafiamethoden nicht zurückschreckt, um Pater Iversen unter Druck zu setzen, das Erbe auszuschlagen.
Dabei hat der noch ganz andere Probleme. Da ist einmal sein einziger Ministrant Niklas (Jeremias Meyer), ein nerdiger Teenager, der immer offensivere Annäherungsversuche macht und sich von Iversens zunehmend verzweifelter Abwehr nicht beirren lässt. Und dann braucht der Pfarrer für sein Laientheater dringend auch noch einen passenden Regisseur. Den findet er schließlich in Gestalt von Roberto Dalon (Pit Bukowski), der nach einem von der Presse hochgeschriebenen Skandal in Berlin seinen Job und seinen Freund verloren hat. Vor lauter Geldnot heuert er in der schwäbischen Provinz an, um dort die Passionsgeschichte zu inszenieren.
Ein Dildo, ein Schwein und viel nackte Haut
Seine unerfahrenen Laienschauspieler*innen sind durchaus enthusiastisch dabei, aber so richtig will die Sache nicht in Schwung kommen. Doch dann schließt sich Mia der Truppe an und überzeugt den – sofort ein bisschen verliebten – Regisseur, dass sie ihm helfen will und er das ganze künstlerisch etwas freier angehen sollte. Dabei verfolgt sie nur ein Ziel: Das Stück soll derart desaströs scheitern, dass der für die Premiere angekündigte theateraffine Erzbischof die Kirchgemeinde sofort wegfusioniert und der verhasste neue Dorfpfarrer wieder verschwindet. Mit Mias freundlicher Unterstützung entsteht dann eine Aufführung, die so schnell niemand vergessen wird – mit viel nackter Haut, einem Dildo und einem echten Schwein auf der Bühne, das den Erlöser repräsentiert.
"Holy Meat" ist Alison Kuhns erster Langspielfilm, und sie hat auch gleich das Skript verfasst. In der Geschichte stecke einiges aus ihrem eigenen Leben, erzählte sie in einem Interview. "Ich bin in einem katholischen Dorf aufgewachsen, aber wie der Theaterregisseur irgendwann nach Berlin gegangen und lebe nun in dieser Künstler-Bubble, die manchmal sehr verkopft sein kann."
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Kirchen- und Theaterwelt aufs Korn genommen
Zudem sei sie auf eine Klosterschule gegangen und habe dort die verschiedenen Facetten der katholischen Kirche kennengelernt. "Das war mir auch wichtig abzubilden. Denn nicht alle daran beteiligten Menschen sind schlecht, es gibt ganz tolle Leute, die Gutes bewirken wollen. Aber dann gibt es da auch dieses Institutionelle, das den Machtmissbrauch fördert. Das war das Spannungsfeld, das ich bedienen wollte." Um mehr Menschen zu erreichen, entschied sie sich für eine Komödie. "Mir ist wichtig, publikumsnah zu erzählen und trotzdem gesellschaftlich relevante Themen einzubauen, die zum Nachdenken anregen."
Der Film ist bezüglich der katholischen Kirche dann aber doch mehr oberflächliche Provokation als scharfe Auseinandersetzung mit Missbräuchen. Schon etwas beißender ist der Spott gegenüber der Theaterszene und ihrer Begleitmedien, derweil das Dorfleben mit seinen Marotten fast schon liebevoll karikiert wird.
Vielfältig inklusive Besetzung
In queerer Hinsicht hätte man gerne noch etwas mehr über die Motive des verliebten Ministranten Niklas erfahren, aber anders als der Pfarrer, die Metzgerin und der Regisseur bekommt er im Film kein eigenes Kapitel, das aus seiner Perspektive erzählt. Und so originell die Umkehrung der üblichen Missbrauchssituation zwischen Pfarrer und Ministrant ist, bleibt auch sie dadurch etwas oberflächlich.
Dafür ist der Film geradezu vorbildlich inklusiv. Nicht nur spielt mit Amelie Gerdes eine Darstellerin mit Trisomie 21 eine zentrale Nebenrolle, Kuhn besetzte auch mehrere Figuren mit Schauspieler*innen über 80, "die von der Filmbranche oft ignoriert werden", wie sie im Interview sagte. "Mir ist es wichtig, alle Menschengruppen einzubinden, so dass sich jeder drin finden kann."
Alles in allem ist "Holy Meat" unterhaltsam und vielversprechend genug, dass man gespannt auf Alison Kuhns weitere Filme sein darf. Als nächstes plant sie einen "Coming-of-Age-Thriller" – offenbar der erste deutsche Langspielfilm mit einem vietnamesisch-stämmigen Main-Cast.
Holy Meat. Absurde Komödie. Deutschland 2025. Regie: Alison Kuhn. Cast: Jens Albinus, Homa Faghiri, Pit Bukowski. Laufzeit: 122 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 12. Verleih: Camino. Kinostart: 1. Januar 2026
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