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Teil 2 von 4

Zurück in die schwule Zukunft: 1919-1968

Wie hat man sich früher homosexuelles Leben in der Zukunft vorgestellt? Im zweiten Teil unserer Serie geht es um Prognosen und Ideen, die seit der Weimarer Republik formuliert wurden.


Magnus Hirschfeld (1868-1935) sagte "volles Verständnis für die Homosexualität" voraus

Der Wunsch nach einer "Weltorganisation" der Homosexuellen (1920)

Seit Beginn der Weimarer Republik hatten sich viele lokale homosexuelle Freundschaftsvereine gegründet. Durch den Artikel "Vom Klub zur Weltorganisation" in der Homosexuellenzeitschrift "Die Freundschaft" (1920, Nr. 27, S. 2) wird deutlich, dass manche an diesem Punkt nicht stehen bleiben wollten und einen Zusammenschluss aller deutschen Freundschaftsvereine zu einem "großen Bund, Zentralverband oder wie er sich immer nennen mag" anstrebten. Danach wollte man, "durch das deutsche Beispiel angeregt", sich auch international vernetzen. Der Artikel endet mit der programmatischen Aufforderung und der Wiederholung der Überschrift: "Vom Klub zur Weltorganisation".

Die Idee eines nationalen Verbundes wurde nur wenige Monate später tatsächlich umgesetzt, indem sich die lokalen Verbände im August 1920 zum "Deutschen Freundschaftsverband" (DFV) zusammenschlossen (s. a. Stefan Micheler: "Selbstbilder und Fremdbilder der 'Anderen'", 2004, S. 5). Der erste internationale organisatorische Zusammenschluss von Homosexuellen erfolgte jedoch erst rund 30 Jahre später: 1951 wurde in Amsterdam das "International Committee for Sexual Equality" (ICSE) gegründet. Verweisen kann man auch noch auf die 1952 gegründete "International Homophile World Organisation" (IHWO) und die 1978 gegründete "International Gay Association" (IGA, heute ILGA).

Aufruf zur Gründung homoerotischer Männerorden (1920)

In der Homosexuellenzeitschrift "Der Eigene" (1920, Nr. 2, S. 13-15) erschien ein "Aufruf zur Gründung von Männerorden". Bei dem Namen des Autors "Anagenetos" handelt es sich um ein Pseudonym, das altgriechische und vielleicht auch theologische Assoziationen wecken soll. Der Autor schrieb von seinem Wunsch nach einem zukünftigen Orden – wohlwissend, "daß das Rad der Zeit weiterläuft, (…) einem fernen Menschheitsziele entgegen". Wie auch schon im Mittelalter gebe es bei "Einzelnen die alte Sehnsucht", gemeinsam mit "gleichfühlenden Seelen" zusammenzuleben, sowohl "zum Wohle künftiger Geschlechter" als auch zum persönlichen Glück. Die "Homoeroten" seien dafür besonders geschaffen, weil männliche Gemeinschaften ein "Ersatz für ein geregeltes Familienleben" sein könnten. Ein Orden solle eine "kommunistische Gemeinschaft" sein, an der "soziale und Bildungsunterschiede (…) zerschellen" sollten. Es gehe um "eine einfache gemeinsame Wohnung" und ein einfaches Leben, wobei jedes Alter willkommen sei. Der Aufruf richtet sich an religiöse Männer aller Konfessionen mit "homoerotischer Disposition". Der Orden solle aristokratisch sein und sich an einer modifizierten Form der Benediktinerregel orientieren.

Dieser Wunsch nach einem homoerotischen, elitären Männerorden knüpft an die Tradition von Klöstern und geistlichen Bruderschaften an. Ähnliche Versuche zur Gründung elitärer männlich-homoerotischer Gruppierungen, wie Logen und dergleichen, gab es Anfang des 20. Jahrhunderts öfter, mit eher bescheidenem Erfolg. Ungewöhnlich ist hier weniger die Idee einer elitären männlichen Gemeinschaft – die kam damals, gerade im Umfeld der "Gemeinschaft der Eigenen", öfter vor -, sondern eher der ausdrücklich religiöse Bezug mit Rückgriff auf katholische Traditionen.


Aufruf in der Homosexuellenzeitschrift "Der Eigene" (1920, Nr. 2)

Es wird volles Verständnis vorhanden sein (Magnus Hirschfeld, 1920-1923)

Die Situation der Homosexuellenbewegung in der Weimarer Republik (1919-1933) lässt sich als eine Phase des relativen Aufschwungs und der Sichtbarkeit zusammenfassen. Wie auch schon zuvor war Berlin das Zentrum der Homosexuellenbewegung und Magnus Hirschfeld einer der wichtigsten Repräsentanten.

Hirschfeld blieb ein Optimist, was die Akzeptanz und Legalisierung von Homosexualität anging. Am 22. Dezember 1920 schloss Magnus Hirschfeld einen seiner Vorträge mit "der Verkündigung, daß wir mit Gewißheit einer lichtvolleren Zukunft entgegen gehen und daß wir das Land der Freiheit noch sehen werden" ("Der Eigene", 1920, Oktober, S. 168). In einer Rede in Hamburg betonte er: "In 50 bis 100 Jahren ist aufgrund der wissenschaftlichen Forschungsarbeit volles Verständnis für die Homosexualität vorhanden und die späteren Geschlechter werden es fast nicht verstehen können, daß (…) eine Homoerotenächtung möglich war" ("Die Freundschaft", 1921, Heft 23, S. 6).

Hirschfeld war Sozialdemokrat und schrieb 1922/23 in seinen Erinnerungen in Anlehnung an August Bebel, den er persönlich gekannt hatte, ebenfalls von einem sozialistischen "Zukunftsstaat". Mit seiner eigenen Meinung hierzu hielt sich Hirschfeld jedoch zurück, er verwies nur auf den SPD-Politiker Georg von Vollmar (1850-1922), für den eine sexuelle Revolution und freie Liebe erst mit der sozialen Revolution verwirklicht werden könnten. Vollmar habe nur wenig Hoffnung gehabt, dass der § 175 vorher gestrichen werde (Magnus Hirschfeld: "Von einst bis jetzt", 1986, S. 107). Damit war Vollmar ähnlich skeptisch wie Hirschfelds Jugendfreund Richard Kandt, der gegenüber Hirschfeld geäußert hatte, dass dieser sein Ziel "nie und nimmer erreichen könne" ("Von einst bis jetzt", 1986, S. 158-159).


Über das volle Verständnis in 50 bis 100 Jahren ("Die Freundschaft", 1921, Heft 23, S. 6)

Ein schwules Theater ist keine Utopie (St. Ch. Waldecke, 1924)

St. Ch. Waldecke (= Ewald Tscheck), ein Autor aus dem Umfeld der "Gemeinschaft der Eigenen", beginnt seinen Artikel "Das Theater als Produkt des mann-männlichen Eros" mit dem Satz: "Ein Theater auf der Grundlage des mann-männlichen Eros ist keinesfalls eine Utopie." Zu dieser Zeit gab es mit dem "Theater des Eros" (1921-1924?) bereits einen schwulen Theaterverein. An diesem vermisste Waldecke jedoch die passenden Schauspieler und die passenden Dramen: "Wie alles Große und Lebendige ließe sich (eine solche Bühne) nicht von heute auf morgen gründen" und müsse "behutsam in ihrem Wachstum und Erblühen gefördert werden". Aber es sollte nicht "allzu schwer sein, besonders aufstrebende Kräfte aus der jüngeren Generation zu bekommen". "Ein solches Theater (…) würde das beste (Publikum) haben, das es gibt: die Jugend." Er, Waldecke, habe mit Plänen und Vorbereitungen bereits begonnen und Verbindungen geknüpft. Er habe große Hoffnungen auf ein solches Theater, auch wenn es nicht zur Abschaffung des § 175 beitragen könne ("Der Eigene", 1924, Nr. 5, S. 211-223).

Wolf Borchers hat sich in seiner Dissertation "Männliche Homosexualität in der Dramatik der Weimarer Republik" (2001, S. 165-177) sowohl mit dem "Theater des Eros" als auch mit Waldeckes Artikel und seiner Absicht auseinandergesetzt: "Es spricht alles dafür, daß der Versuch, ein eigenständiges, auf Homoerotik spezialisiertes Theater zu errichten, im Sande verlaufen ist."

Zu den Zielen gehören ein Sport-Bad und eine Wohnsiedlung (Adolf Brand, 1920/1925)

Seit 1896 gab Adolf Brand (1874-1945) seine Zeitschrift "Der Eigene" und damit die erste regelmäßig erscheinende Homosexuellenzeitschrift der Welt heraus. Mit der "Gemeinschaft der Eigenen" (GdE) gründete Brand 1903 eine Art homosexuellen Lesezirkel und veröffentlichte über diese Organisation weitere Schriften.

Zur weltanschaulichen Ausrichtung seiner Zeitschrift betonte Brand, dass "Der Eigene" auf "dem Boden des individualistischen Anarchismus steht und daß für ihn die Weltanschauung Max Stirners und Friedrich Nietzsches das große Arbeitsprogramm der Zukunft ist". Nötig seien "große und starke Persönlichkeiten" und deshalb "auch in Gegenwart und Zukunft wieder geborene Führer und Helden" ("Der Eigene", 1920, Nr. 10, 3. Dezember, S. 122). Die konkreteren zukünftigen Ziele des Vereins wurden 1925 in einer neuen Satzung formuliert ("Die Gemeinschaft der Eigenen. Bund für Freundschaft und Freiheit", 1925): ein eigenes Licht-, Luft- und Sport-Bad, eine Genossenschaftssiedlung mit einem Kunstverlag sowie ein Kur- und Erholungsheim mit einer Herberge für durchreisende Naturfreunde und Wandervögel (Marita Keilson-Lauritz: "Die Geschichte der eigenen Geschichte", 1997, S. 133).

Bis auf den Verlag, den Adolf Brand bereits betrieb, konnten diese Pläne offenbar nicht realisiert werden. Sie verdeutlichen die engen Bezüge der GdE zur Lebensreformbewegung. Brands Forderung nach "Führern und Helden" zeigt, dass er seine Forderungen nach homosexueller Emanzipation schon 1920 mit nationalistischen und "völkischen" Vorstellungen verknüpfte. 20 Jahre später befand sich Deutschland im Krieg. In seinem Aufsatz "Ein Buchprojekt Adolf Brands zur Zeit des Zweiten Weltkriegs" (in: "Capri", 2011, Nr. 44, S. 38-43, PDF S. 1900-1905) stellt Beat Frischknecht Brands Zukunftspläne vor, wie er sie 1943 in drei Briefen formulierte: "Sobald der Krieg zu Ende ist", wolle er Elisar von Kupffers 1900 erschienene schwule Anthologie "Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltliteratur" neu herausgeben. Frischknecht stellt fest, dass Brand "nicht nur ein baldiges Ende des Krieges, sondern offenbar auch den 'Endsieg'" erwartet habe. Dass Nazi-Deutschland seine Existenz vernichtet hatte, "klammert er anscheinend vollkommen aus". Am 26. Februar 1945 starb Brand bei einem Bombenangriff.

Hirschfelds Werk wird weiterleben ("Freundschaftsbanner", 1935)

Mit der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten wurde schwules und lesbisches Leben in Deutschland massiv und nachhaltig vernichtet. Tausende schwuler Männer wurden zwischen 1933 und 1945 verurteilt oder starben in Konzentrationslagern. Nur in der politisch neutralen Schweiz konnte auch in den Dreißiger- und Vierzigerjahren eine Homosexuellenzeitschrift erscheinen. Sie hieß zuerst "Freundschafts-Banner" (1932), dann "Schweizerisches Freundschafts-Banner" (1933-1936), "Menschenrecht" (1937-1942) und schließlich "Der Kreis" (1943-1967), der nach 1945 auch international beachtet wurde.

Im "Schweizerischen Freundschafts-Banner" (1935, Heft 11, S. 1) erschien ein Nachruf auf den am 14. Mai 1935 im französischen Exil gestorbenen Magnus Hirschfeld: Was er geleistet habe, werde eine "dankbare Mit- und Nachwelt ewig nicht vergessen". Sein Buch "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes" (1914) "wird wohl ein Standardwerk bleiben". Später heißt es in der gleichen Zeitschrift (1935, Heft 19, S. 1-2): "Sein Werk wird weiterleben."

Zumindest für das Jahr 2025 kann konstatiert werden, dass diese Prognose zutrifft: Magnus Hirschfeld ist nicht vergessen und das genannte Buch repräsentiert heute zwar nicht mehr den aktuellen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Stand, es ist aber eine zentrale historische Quelle der frühen Homosexuellenbewegung und eine reichhaltige Fundgrube zum Leben und zur Situation der damaligen Homosexuellen. In dieser Hinsicht ist es ein Standardwerk geblieben.

Die Utopie einer schwulen Zukunft voller Liebe (Jack Argo in "Der Kreis", 1956)

Jack Argo – Pseudonym von Johannes Werres, einem der aktivsten Autoren in den Homosexuellenzeitschriften der Fünfzigerjahre – geht zu Beginn seines Artikels "Die Zukunft der Welt. Die Menschen werden menschlicher sein" ("Der Kreis", 1956, Heft 3, S. 20-21) auf die Politik der Sowjetunion ein, die für den Menschen zum "Schaden seiner persönlichen Freiheit und Individualität" werde. In erster Linie beschreibt Argo alias Werres jedoch seine eigene Utopie: Durch Film, Rundfunk und Fernsehen würden die Menschen ihre Kenntnisse erweitern und vertiefen: "Dem Mensch der Zukunft (wird es) nicht genügen, bloss zu 'leben', wenn dieses Leben keine neue Mitte erhält." "Wenn der Gegenstand der Angst einmal fortgefallen sein wird, (wie) die Atombombe oder eine angriffsbesessene Nation", werde man erkennen, dass man der Liebe bedürfe. "Diese Liebe wird alle Menschen ohne Unterschied der Hautfarbe, des Geschlechtes und des Alters umfassen (…) und darum wird sie auch keine Verdammung aussprechen können über eine Neigung, die sich zum gleichen Geschlecht hinwendet." Die "so lange verfemte und verdrängte Sexualität (…) wird ohne Liebe unmöglich sein, aber die Liebe wird sie nicht verdammen oder unterdrücken". Es gebe keinen anderen Weg, so "weltfremd alle diese Gedanken auch klingen mögen". Für den "Homoeroten (auch dieses Wort findet dann seinen Garaus)" erwachse die Aufgabe, dass er "dieses Leben selbstverständlicher lebt, ohne Furcht vor seinen Mitmenschen, mit Klugheit zunächst und planvoll, aber immer sicherer und stärker ohne die fatale Maske, die mit schuld an dem augenblicklichen Zustand ist".

Die von dem Autor genannte "neue Mitte" würde man heute vermutlich mit "Selbstverwirklichung" oder "Sinn des Lebens" übersetzen und ist etwas, wonach Menschen wohl schon immer gestrebt haben. Johannes Werres hatte damals Angst vor Dingen, vor denen Menschen auch heute noch oder schon wieder Angst haben, wie der Atombombe oder dem "Streben Russlands".

Die fernen Ziele: eigene Räume und eine Bibliothek ("Rolf" in "Der Kreis", 1960)


Ein Foto von Karl Meier, der unter dem Pseudonym "Rolf" im "Kreis" firmierte

Der führende Kopf der Redaktion von "Der Kreis" (1943-1967) war der Schauspieler Karl Meier, der unter dem Pseudonym "Rolf" firmierte. In seinem Artikel "Das ferne Ziel" (1960, Heft 11, S. 1-2) umreißt "Rolf" die noch offenen Ziele der Homo­sexuellenbewegung: Der "unauffällige, aber ebenso zähe Kampf gegen Aechtung und Vorurteil (wird) noch Jahrzehnte, vielleicht noch ein Jahrhundert dauern". Die Zeitschrift "Der Kreis" solle weiter ausgebaut werden. Im "Kreis" könnten "Schriftsteller unserer Art" ihre Werke erstmals abdrucken und auch "Mediziner und Juristen unsere Neigung von ihrem Standpunkt aus beleuchten". Auch "eigene Räume" nur für den "Leserkreis dieser Gemeinschaft" seien dringend notwendig. In diese Räume gehörten auch eine Bibliothek und wechselnde Ausstellungen. Hier könnte jeder ein "seltenes Buch lesen, wir könnten diskutieren, rezitieren, musizieren", um für ein paar Stunden "nicht zu vereinsamen". Dieser Raum könnte für jeden Homo­sexuellen ein Stück Heimat werden. "Das ist und bleibt das ferne, schöne Ziel. (…) Wir müssen weiterhin zuversichtlich an unserer Zukunft mitarbeiten und mitbauen."

Der "Kreis" hatte einen organisierten Leserkreis, der tatsächlich solche Räume schuf bzw. anmietete – zumindest in dem begrenzten Rahmen, der damals möglich war. Zumindest konnten am Sitz des "Kreis" in Zürich Feste gefeiert und Theaterstücke aufgeführt werden.

Jetzt ist die nächste schwule Generation dran ("Rolf" in "Der Kreis", 1962)

Anfang 1962 wurde "Der Kreis" 30 Jahre alt. Auf dem Cover wurde die Frage "Und die Zukunft?" (1962, Heft 1, S. 1) gestellt und auf den Seiten 2-4 blickte "Rolf" nicht nur auf das bisher Erreichte zurück, sondern formulierte auch Wünsche an die Zukunft: "Was bleibt uns zu tun? Nichts anderes als für das, was wir für unser menschliches Recht halten, weiterhin einzustehen. (…) Jetzt geht der Appell vornehmlich an die Jungen! Die Schaffung eigener Räume, die uns das Recht geben, zwanglos unter uns zu sein, ist eine Aufgabe, die einer anderen Generation zukommt. (…) Ein Klubleben (…) muss von jenen in die Hand genommen werden, die es einmal gestalten müssen und denen es einmal dient." Die Älteren würden dabei der "initiativen Jugend" Platz machen. "Und so wie das Vergangene noch lange herüber leuchtet in die notwendige Arbeit, (…) so möge auch das Kommende einmal wiederum Ungezählten Freude bereiten und die Sicherheit geben, dass auch unsere Freundschaft kein leerer Wahn ist."


Der Artikel "Und die Zukunft?" (in: "Der Kreis", 1962, Heft 1, S. 1)

Die Erinnerung an Magnus Hirschfeld im Jahre 3000 (1951)

In der Bundesrepublik Deutschland wurde der § 175 in der von den Nazis 1935 verschärften Fassung übernommen. Damit war männliche Homosexualität weiterhin eine Straftat und die wenigen Aktivisten, die es auch in den Fünfzigerjahren gab, konnten nur äußerst vorsichtig agieren.

Herbert Lewandowski (1896-1996) war ein Pionier der Sexualwissenschaft, der mit Magnus Hirschfeld und anderen Sexualwissenschaftlern in Verbindung stand. Seinen Roman "Eine Reise ins Jahr 3000. Bericht eines phantastischen Abenteuers" (1951) veröffentlichte er unter seinem Pseudonym "Lee van Dovski". Der Roman ist beeinflusst von dem Schriftsteller H. G. Wells, der seine größten Erfolge mit den oft verfilmten Science-Fiction-Romanen "Der Krieg der Welten" (1897) und "Die Zeitmaschine" (1895) hatte. Lewandowskis Roman ist Wells sogar als "Freund" gewidmet. In Lewandowski Roman spielt eine Zeitreise in einer Zeitmaschine eine Rolle, die ausdrücklich als die gleiche bezeichnet wird, die H. G. Wells in "Die Zeitmaschine" beschrieben habe (S. 130). Sehr schnell wird deutlich, dass der Ich-Erzähler des Romans Herbert Lewandowski selbst ist. Er macht sich Gedanken über Arbeitsbedingungen, Architektur, Kleidung, Fernsehen (S. 117) und eine bargeldlose Gesellschaft in der Zukunft, aber auch über Freundschaften und Sexualität. Seine an die zukünftige Gesellschaft gerichtete Frage nach dem Umgang mit Homosexualität (S. 196) wird im Roman indirekt beantwortet – mit Hinweisen, dass man im Jahre 3000 zu den "freien Auffassungen Griechenlands" zurückgekehrt sei (S. 103) und dass jeder sein dürfe, "was er zu sein sich sehnt" (S. 188). Der Protagonist des Romans betont, dass sein eigenes Schicksal in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewesen sei: "Nicht sein dürfen, was man ist" (S. 178-179). Er schildert sich als einen Mann, der eine Frau sexuell begehre (S. 87-91, 118-119), betont aber auch: "(Wir) Dichter haben vielleicht einen etwas femininen Einschlag. Das Erobern von Frauen macht uns nicht ganz so viel Freude wie andern Männern. Wir möchten auch einmal genommen werden" (S. 171). Vor Magnus Hirschfeld, der "Verständnis und Anerkennung für meinen Lebenskampf" gehabt habe (S. 81-82), äußert er großen Respekt, weil dieser versucht habe, die Gleichstellung der Homo­sexuellen zu erreichen. Der Protagonist (Lewandowski) hofft, dass der Name Adolf Hitler im Jahre 3000 "hoffentlich vergessen ist" (S. 242-244).


Herbert Lewandowski beschreibt in seinem Roman die von ihm geschilderte Zeitmaschine als die gleiche, die H. G. Wells erfunden hat und die auch in der Verfilmung "Die Zeitmaschine" (1960) zu sehen ist

Lewandowskis Äußerungen über seine Zukunftsvorstellungen bzw. -hoffnungen über Homosexualität sind knapp und vage. Seine Äußerungen über Hirschfeld gehen über seine eigenen Vorstellungen des Jahre 1951 kaum hinaus. Dass er sich wünscht, dass Adolf Hitler vergessen (und nicht die NS-Zeit aufgearbeitet) werden solle, ist wohl recht typisch für den Zeitgeist der Fünfzigerjahre.

Ein Roboter als erotischer Begleiter (1965)

Von den Fünfziger- bis in die Siebzigerjahre waren vor allem in den USA sogenannte Beefcake-Magazine populär, die sich auf Bilder attraktiver Männer konzentrierten. In vielen Fällen orientierten sie sich an einer homo­sexuellen Zielgruppe und umgingen Zensurgesetze, indem sie sich als Fitness- oder Bodybuilding-Zeitschriften ausgaben. Das bekannteste Beefcake-Magazin war "Physique Pictorial" (1951-1990, s. a. mein queer.de-Artikel), wobei sich das Wort "Beefcake" wohl am besten mit "Muskelprotz" oder "Sahneschnitte" übersetzen lässt.

In einem Heft (1965, Oktober) ist ein Foto zweier fast nackter Männer abgedruckt. Auf der linken Seite ist ein geöffneter Karton mit der Aufschrift "The Century Robot" zu sehen. In der Beischrift ist vermerkt, dass es sich um eine Filmszene mit Jim Paris und David Mineric handelt. Eine solche Doppelvermarktung von Motiven in Beefcake-Magazinen und homo­erotischen Kurzfilmen für eine homo­sexuelle Zielgruppe war nicht unüblich. (Auf der Homepage der Bob Mizer Foundation kann man sich eine Kompilation mit fünf Sekunden aus diesem Film ansehen.)


Ein Roboter als erotischer Begleiter in "Physique Pictorial" (1965, Oktober)

Den Begriff "Roboter" gibt es seit 1920; der erste Industrieroboter wurde 1956 vorgestellt. Die Vorstellung von Robotern, die Gefühle haben, ist vermutlich ähnlich alt, wie Filmfiguren wie Tobor in "Tobor the great" (1954), R2D2 und C3PO aus "Star Wars" (ab 1977) und Data aus "Star Trek" ("The Next Generation", 1987-1994) zeigen, bis hin zu dem Film "I, Robot" (2004). In einigen Filmen sind auch schwule Roboter zu sehen wie in Woody Allens "Der Schläfer" (1973), "Gay Robot" (2006) und mehreren Folgen der "Simpsons" (u. a. 10/9, 16/5, 16/15, 20/4, 23/9 und 23/17). Es ist schade, dass ich keine Beiträge darüber gefunden habe, wie früher der Einfluss von Robotern auf den schwulen Alltag eingeschätzt wurde. Zwischen den erotischen Wunschvorstellungen, die auf Roboter projiziert werden, und heutigen High-Tech-Gummipuppen sehe ich eine direkte Verbindung.

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Über die Notwendigkeit einer sexuellen Revolution (Felix Rexhausen, 1965)

Seinen Roman "Zaunwerk" schrieb der Journalist und Schriftsteller Felix Rexhausen (1932-1992) zwar schon 1964, er wurde jedoch erst 2021 aus seinem Nachlass von Benedikt Wolf veröffentlicht. Er endet damit (S. 167), dass der Protagonist Roland einen Jungen kennen lernt und sich fragt, "was wohl einmal aus diesem Jungen werden würde". Außerdem macht er sich Gedanken darüber, was aus ihm selbst wohl geworden wäre, wenn er sich früher weniger zurückgehalten hätte, und er spielt mit dem Gedanken, dass er "all das, was er sich in früheren Jahren (…) versagt hatte, (…) eines Tages nachholen" könne.

Wesentlich bekannter ist Rexhausens Werk "Lavendelschwert. Dokumente einer seltsamen (später: "homosexuellen") Revolution" (1966). In dieser politischen Satire proben Schwule den Aufstand und versuchen – einige Jahre vor Stonewall – eine Revolution im spießigen Deutschland der Sechzigerjahre. Aus der Perspektive von 1966 gesehen, spielt dieses Werk in der Zukunft des Jahres 1975. (Das Jahr basiert auf einem Zahlenspiel mit 175 bzw. § 175 StGB.) Zur Neuausgabe von "Lavendelschwert" (1978) schrieb Rexhausen: "Man kann heute dieses Buch lesen (und) sich dann fragen, wie selbstverständlich wohl morgen die positiven Dinge noch sein werden, die uns heute so selbstverständlich vorkommen und es vor fünfzehn Jahren auch nicht waren" (wiederabgedruckt in der Neuausgabe von 1999, S. V). Mit seinem Buch traf Rexhausen einen Nerv, so dass die Schwulenzeitschrift "Du & Ich" (1970, November, S. 5) die Leserschaft zu Recht fragte: "Sind wir bereit zur Revolution?"


Felix Rexhausens "Lavendelschwert" (1966) und "Zaunwerk" (1964/2021)

"Lavendelschwert" liest sich heute so, als würde es die Revolte von 1969 in der New Yorker Bar Stonewall Inn – und damit die Geburtsstunde des CSD – vorwegnehmen. Es blickt aber auch kritisch – aus schwuler Sicht – auf die damaligen Schwulen. Rexhausen blieb zeitlebens ein engagierter Begleiter und Kommentator der Schwulenbewegung und schwulen Lebens. Der BLSJ (Bund Lesbischer & Schwuler JournalistInnen) erreichte es 2015, dass in Köln ein Platz nach ihm benannt wurde. Für die Hinweise auf die Textstellen bedanke ich mich bei Benedikt Wolf.

Drei Jahre nach dem Erscheinen von "Lavendelschwert" gab es noch ein weiteres wichtiges Ereignis: Im September 1969 wurde in der Bundesrepublik Deutschland der § 175 StGB bedeutend reformiert und homosexuelle Handlungen unter erwachsenen Männern waren nun nicht mehr strafbar. Damit begann eine neue Zeit, deren Zukunfts-Geschichten ich im nächsten Teil behandeln werde.

-w-