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Queerfilmnacht
Jedes Sexdate verleiht ihm eine neue Identität
Ein junger Hongkonger hat ein Sexdate nach dem anderen. Jedes Mal nimmt er ein Stück Persönlichkeit seines Sexpartners mit. Das Drama "Queerpanorama" von Jun Li ist ein ästhetisches Porträt schwuler Hookup-Kultur – genauso befreiend wie ernüchternd.

Szene aus "Queerpanorama" (Bild: Jun Li)
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2. Januar 2026, 05:50h 4 Min.
Milch im Tee? Das ist ja widerlich, findet Erfan. Er verstehe überhaupt nicht, wieso die Einheimischen das machen. Ob das von der Kolonialzeit kommt, will er wissen. Aber, schiebt er schnell hinterher, er urteile nicht. Was eigentlich genau das Gegenteil bedeutet, wenn man das so betonen muss. Aber Smalltalk will gelernt sein.
Sex haben die zwei Männer dennoch kurz danach. Dafür haben sie sich ja getroffen. Ein klassisches Sexdate, über irgendeine App verabredet, von denen es mehr als genug gibt. Es ist einfach und schnell – zumindest manchmal. Es kann aber auch mühsam und nervenaufreibend sein.
Ein Dildo, falls der Sexpartner keinen hochbekommt
Der namenlose Hongkonger Protagonist verbringt einen Großteil seiner Zeit damit, Sexdates zu haben – oft mit Expats. Er ist jung, schlank und sieht gut aus, er scheint auch nicht allzu wählerisch zu sein. Es scheint ihm daher nicht allzu schwer zu fallen, das zu finden, was er sucht. Am Handy sieht man ihn jedenfalls kaum. Kein endloses Scrollen, kein Ghosting, keine nervige Werbung oder Fake-Profile.
Doch wie es so ist: Nicht jedes Treffen läuft wie geplant. Einer kommt viel zu früh, der andere bekommt gar keinen hoch. Die Hauptfigur ist erstaunlich entspannt. Für solche Fälle hat er einen Dildo zu Hause, dann war die Vorbereitung fürs Passivsein wenigstens nicht ganz umsonst.
Er erzählt die Geschichten seiner vorherigen Treffen
Mindestens genauso wichtig wie der Sex an sich scheint ihm ohnehin die Geschichte seines Gegenübers zu sein. Er ist neugierig, fragt etwa einen ostdeutschen Mann, wie das Leben in der DDR war, oder einen thailändischen Sexarbeiter, mit wie vielen Männern er für Geld jeden Tag schläft. Manch ein Smalltalk entwickelt sich sogar zur politischen oder philosophischen Diskussion über die Macht(-losigkeit) von Protesten oder Angst vor der Zukunft, ein paar wenige bleiben flach und austauschbar.
Seine Neugierde hat einen Grund: Von jedem Sexdate nimmt er sich ein Stück Persönlichkeit mit. Beim nächsten Treffen stellt er sich dann als Lehrer, Schauspieler oder Lieferfahrer vor, erzählt die Geschichten seiner vorherigen Treffen.
Wie lange ist Sex befreiend?
Was auf den ersten Blick nur nach einer unterhaltsamen Idee klingt, entfaltet in Jun Lis Drama "Queerpanorama" doch spannende Fragen: Wenn Sexdates für viele schwule Männer ein befreiender und selbstermächtigender Teil ihrer Identität sind – was nehmen wir dann von diesen Treffen mit? Sind es nur Namen und Geschichten, oder ist es mehr?
Kann so eine Vertrautheit auf Zeit wirklich echte Intimität darstellen – und erfüllen? Was bleibt, wenn das einmalige Treffen vorbei ist? Wie lange ist Sex befreiend, und wann schlägt er zur Ernüchterung um?
Die Ästhetik erinnert an Aktfotografien
Der Hongkonger Regisseur Jun Li erzählt in "Queerpanorama" von seinen eigenen Erfahrungen – teilweise sogar von den echten Sexpartnern gespielt. Die anderen Rollen wurden mit Laien besetzt. Das macht den Film authentisch und nahbar – auch wenn die Treffen, die positiv in Erinnerung bleiben, eindeutig in der Mehrzahl sind. Das deckt sich vielleicht nicht unbedingt mit eigenen Grindr-Erfahrungen, wo der Sex schon vergessen ist, sobald die Tür wieder ins Schloss fällt.
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Formal ist der dritte Langfilm von Jun Li besonders interessant. Er erzählt ihn ausschließlich in Schwarz-Weiß. Die Kontraste sind hoch, die Beleuchtung gleichzeitig auf ein Minimum reduziert. In manchen Bildern muss man die Hauptfigur fast suchen. Gleichzeitig verleiht das den Sexszenen eine besondere Ästhetik, die an Aktfotografien erinnert. Das liegt auch daran, dass die Bilder (Kamera: Yuk Fai Hao) oft von den Rändern her von Möbeln oder Wänden eng begrenzt sind, der Bildausschnitt ganz schmal wird, die Figuren so noch mehr im Zentrum stehen – oder liegen.
Wer ist der junge Mann wirklich, und wer will er sein?
"Queerpanorama" erzählt die Treffen episodenhaft, eines folgt aufs nächste. In langen Einstellungen sprechen die Männer miteinander, was dem Drama eine gewisse Ruhe verleiht. Spannung wird hier weniger durch die Erzählung als vielmehr durch die Ästhetik der Bilder vermittelt.
Der Film philosophiert eher und vermeidet klare Antworten. Er wirkt keinesfalls wie eine Feier des Hedonismus, aber auch nicht wie eine prüde Moralgeschichte, die früher – ohne Apps – alles besser fand.
Das liegt auch daran, dass die Hauptfigur (sehr überzeugend zurückhaltend gespielt von Jayden Cheung) durch ihre vielen Identitätswechsel wenig greifbar und emotional unerreichbar ist. Wer ist er wirklich, wer will er sein? Was ist von anderen übernommen, was sein wahres Ich? "Queerpanorama" lädt dazu ein, sich auch selbst diese Fragen zu stellen.
Queerpanorama. Drama. USA, Hong Kong, China 2025. Regie: Jun Li. Cast: Jayden Cheung, Erfan Shekarriz, Phillip Smith, Arm Anatphikorn, Sebastian Mahito Soukup, Wang Ko Yuan, Zenni Corbin. Laufzeit: 87 Minuten, Sprache: Originalversion in Englisch und Mandarin mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Salzgeber. Im Januar 2026 in der Queerfilmnacht
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21:45h, Arte:
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