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Mentale Gesundheit

Ein queerer Aufruf zur Sensibilität

Im Debütroman "Inventur der Erinnerungen" von Ekaterina Feuereisen geht es um eine Frau, deren Alltag von Leidensdruck und Isolation geprägt ist – weil Worte, Gesten und Begegnungen alte Wunden aufreißen.


Symbolbild: Im Roman "Inventur der Erinnerungen" wird viel geraucht (Bild: anastasiavitph / unsplash)

Mit ihrem Debütroman "Inventur der Erinnerungen" (Amazon-Affiliate-Link )legt Ekaterina Feuereisen einen queeren Aufruf zur Sensibilität vor. In dichten, fragmentarischen Szenen verfolgt sie eine namenlose Protagonistin, deren Wahrnehmungen und Erinnerungen sich überlagern, verschieben, ineinanderfließen. Es geht um den gegenwärtigen Zustand einer Frau, deren Alltag von Leidensdruck und Isolation geprägt ist – weil Worte, Gesten, Begegnungen alte Wunden aufreißen und sie in traumatische Erinnerungen zurück katapultieren.

Besonders bemerkenswert ist die Aufmerksamkeit, die Feuereisen der mentalen Gesundheit widmet. In einem eindringlichen Bewusstseinsstrom führt sie ihre Leser*innen mitten in die assoziative, oft angstgetriebene Denkweise ihrer Figur. Das Bild, das sie entwirft, ist ambivalent, unbequem, aber stets authentisch. Umso schöner, dass auch Strategien der Selbstberuhigung – das Zählen, das Sich-Festhalten an Gerüchen oder Farbtönen – organisch in den Fließtext eingewebt sind und so einen leisen Gegenpol zur Panik bilden.

Natürlich fordert diese Form ihren Tribut: Es ist kein leichtes Buch. Die zeitlichen Ebenen – 2014, 2017, 2019, Hier und Jetzt – bieten wenig Halt. Erst nach einigen Sätzen erschließt sich, in welchem Moment man sich eigentlich befindet. Doch gerade diese Verwirrung scheint Absicht zu sein: Erinnerung lässt sich schließlich nicht linear ordnen, sondern bleibt ein Strudel aus Rückblenden und Jetztmomenten.

Das schwierige Verhältnis zum Annehmen von Hilfe


Der Roman "Inventur der Erinnerungen" ist im Oktober 2025 im Haymon Verlag erschienen

Zentral verhandelt "Inventur der Erinnerungen" auch das schwierige Verhältnis zum Annehmen von Hilfe. Menschen im Umfeld der Protagonistin wollen ihr beistehen – doch die Verbindung gelingt nur bedingt. Da ist etwa die lesbische Freundin Elif, eine Tätowiererin, die in ihrer Kunst und Emotionalität eine fragile Komfortzone errichtet. Ihre Beziehung zerbricht leise, weil sie keinen gemeinsamen Boden mehr finden. Ihre Gespräche sind mal enttäuschend, mal utopisch zärtlich. Auf so viel Verständnis, wie es in manchen dieser Szenen aufblitzt, würde man sich in mehr – auch queeren – Beziehungen wünschen.

Ganz anders bleibt die beste Freundin Sinje: Sie bleibt blass, fast ein Sidekick. Sie arbeitet in der Friedrichshainer Bar "Dachkammer", die Autorin verankert ihre Geschichte deutlich im Berliner Stadtraum – von der Simon-Dach-Straße bis nach Charlottenburg zur Mutter. Doch dieser Lokalkolorit bleibt stellenweise zu oberflächlich; hier hätte man sich gewünscht, dass Feuereisen stärker mit der Stadt verwebt, anstatt bekannte Berlin-Tropes zu bedienen.

Rauchen, Rauchen, Rauchen

Im Zentrum steht jedoch die Beziehung zur Familie – vor allem zur Mutter und zur Schwester. Die wiederkehrenden Versuche der Mutter, Kontakt aufzunehmen, lassen die Protagonistin gedanklich kreisen. Sie fürchtet das Urteil der Familie, wenn sie sich in Therapie begibt – dass ihr die Suche nach Hilfe als Schwäche ausgelegt wird. Und so verständlich es ist, dass traumatisierte Menschen keine Erzählpflicht haben, bleibt dennoch der Eindruck, dass die Autorin hier mehr hätte wagen können. Es geht nicht darum, Spannung aus Schmerz zu schlagen, aber wenn ein Buch "Inventur der Erinnerungen" heißt, dann wünscht man sich doch etwas mehr von diesen titelgebenden Erinnerungen. Stattdessen bleibt vieles skizzenhaft, besonders die familiären Konflikte, die am Ende nicht einmal eine Zwischenlösung finden – was den Lesefluss frustriert.

"Ich schüttelte den Kopf, bis sich das Bild meiner Mutter im Rauch auflöste, der langsam aus meinem Mund kam. Vergangenheit und Gegenwart verschmolzen zu einer Wolke. Und dann flog sie davon." – ein repräsentatives Zitat für ein Buch, das sich zu oft in der Zigarette verliert und seine Emotionen im Alkohol ertränkt. Natürlich ist auch das Ausdruck einer verletzten, suchenden Seele, die in Konsumakten nach Kontrolle greift – das tiefe "Durchatmen" als Versuch, zu überleben. Doch literarisch wird das Rauchen, Rauchen, Rauchen, das endlose Starren in die Rauchwolke, das Beschreiben der Glut – repetitiv.

Infos zum Buch

Ekaterina Feuereisen: Inventur der Erinnerungen. Roman. 256 Seiten. Haymon Verlag. Innsbruck 2025. Gebundene Ausgabe: 23,90 € (ISBN 978-3-7099-8221-1). E-Book: 18,99 €

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