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Kommentar

Die "Pronomen-Revolution" ist nicht abgesagt, Herr Heine!

In der "Welt am Sonntag" behauptet Redakteur Matthias Heine mit Verweis auf eine Studie, dass nichtbinäre Identifikationen abnehmen würden. Die zeigt jedoch in Wahrheit, wie es um Akzeptanz und Menschenrechte bestellt ist.


Matthias Heine ist seit 2010 Redakteur im Feuilleton der "Welt" (Bild: Lengemann / DuMont)

Zu früh gefreut, möchte man dem uns als Kulturkämpfer nicht unbekannten Matthias Heine zurufen. Der schrieb in der "Welt am Sonntag" vom 4. Januar (Bezahlartikel), in den USA würden nichtbinäre Identifikationen abnehmen, und fragt, ob es auch eine Trendwende für die deutsche Genderdebatte gebe. Das alles unter der Schlagzeile "Die Pronomen-Revolution ist schon wieder abgesagt". Wie gesagt, zu früh gefreut, Herr Heine.

Heine zitiert aus statistischen Erhebungen unter Studierenden in den USA, die im letzten Herbst dort für Diskussionen sorgten und vor allem berechtigte Kritik auf sich zogen. Kritisiert wurde insbesondere der Umgang mit den erhobenen Daten wie auch die wenig repräsentative Datenbasis selbst. Denn wenn es in einer Umfrage drei Antwortmöglichkeiten gibt, aber nur zwei davon in der Auswertung berücksichtigt werden und die dritte als Enthaltung untern Tisch fällt, dann kann da nur schiefes Bild entstehen.


Screenshot des Artikels von Matthias Heine auf welt.de

Und dieses schiefe Bild wird nun von bestimmten Leuten als Bestätigung interpretiert: ja, trans und nichtbinär sind modische Trends und gehören unter die Rubrik Lifestyle – die ganze Genderdebatte sei nichts anderes als ein medial befeuerter Hype. Natürlich kam in Kommentaren auch der Vorwurf auf, trans und nichtbinär entstehe sozusagen durch "Infektion" und sei politisch befördert worden durch eine transfreundliche Politik unter Präsident Biden – also das Resultat einer sogenannten "woken" Politik und der Erfolg von "woken" Influencern.

Coming-out hängt vom politischen Klima ab

Dass die Frage, sich zu outen oder besser unerkannt zu bleiben (und darum geht es im Grunde), schon immer in Wechselwirkung und Abhängigkeit mit dem politischen Klima in einer Gesellschaft stand, darf deshalb eben nicht ignoriert werden. Wir erinnern uns nur zu gut an die zunehmend transfeindlichen Entscheidungen in zahlreichen Bundesstaaten der letzten Jahre etwa bei einem so wichtigen Thema wie Gesundheitsversorgung. Wir erinnern uns nur zu gut, dass das Wahlkampfjahr 2024 durch Trump dominiert war von Themen massiver Transfeindlichkeit.

Und wir erinnern uns leider auch recht gut, dass Trump bei seinen Versprechen Wort gehalten hat und mit Amtsbeginn sofort ein ganzes Paket an transfeindlichen Erlassen veröffentlichte, die nun zur Praxis der Bundespolitik in den USA geworden sind. Benachteiligungen, Ausschlüsse, Diskriminierungen von trans und nichtbinären Personen sind damit offizielle politische Praxis geworden.

Wie naiv, um nicht zu sagen dumm muss man eigentlich sein, um diesen politischen Zusammenhang nicht zu sehen? Nein, nicht die Identifikation als trans befindet sich unter jungen Menschen im freien Fall, denn trans oder nichtbinär zu sein, ist schließlich kein Freizeitspaß, sondern die Akzeptanz und die Anerkennung der Menschenrechte befinden sich stattdessen im freien Fall.

Die unseriöse Studie von Eric Kaufmann

Bemerkenswert nun, dass ausgerechnet eine Organisation, die im letzten Jahr für Aufregung bei uns sorgte, nämlich durch eine in Berlin abgehaltene Fachtagung zum Thema trans, nämlich die Society for Evidence-based Gender Medicine (SEGM), dass also ausgerechnet die SEGM sich kritisch über die neuesten statistischen Erkenntnisse äußert und der Rede vom "freien Fall" klar widerspricht. Sie weist vielmehr auf einen Höchststand bei der Zahl von trans und nichtbinären Personen hin und geht von "Anzeichen einer Stabilisierung" aus. Doch wie immer die jeweiligen Umfrage-Resultate bewertet werden, so seien "Schlussfolgerungen eines 'freien Falls' verfrüht".

Auslöser der Diskussion waren – wie gesagt – Umfragen unter Studierenden in den USA. Die eine entstand durch die Foundation for Individual Rights and Expression (FIRE). Mit deren Daten ging der Politikwissenschaftler Eric Kaufmann auf eine Art um, die am treffendsten als Gutsherren-Art zu umschreiben ist (Kaufmanns Studie "The Decline of Trans and Queer Identity among Young Americans" als PDF). Die trans Journalistin Erin Reed kommentierte das so: Eigentlich sei es bei der Umfrage um Einstellungen zur Meinungsfreiheit gegangen, um dann aber von Kaufmann mit Blick auf das Thema Geschlechtsidentität priorisiert zu werden. "Das ist so, als würde man ein Thermometer zur Messung der Windgeschwindigkeit verwenden und dann darüber diskutieren, ob man die Werte in Celsius oder Fahrenheit ablesen soll."

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Die Trump-Regierung untersagt jede Beschäftigung mit trans und nichtbinär

Die Daten aus der zweiten Untersuchung stammen aus der Cooperative Election Study (CES), die jährlich erfasst werden und von der Tufts University, einer Privat-Universität in Massachusetts, verwaltet werden. Die Ergebnisse würden sich mit denen bei Kaufmann decken. Aber genau hier stellt sich die berechtigte Frage, welche Antworten gezählt und gewertet und welche im Papierkorb landeten. Um eine Antwort, wie Enthaltungen einzuordnen seien, kommt man nicht herum, wenn das Resultat seriös, also belastbar sein soll.

Da die Trump-Regierung nur noch zwei Geschlechter kennt und akzeptiert und jegliche Beschäftigung mit trans und nichtbinär untersagt, wird die weitere Datenerhebung ohnehin zum Rätsel, wie man aus Realitätsverweigerung ein zuverlässiges Abbild der Realität erreichen will. Die an der San Diego State University lehrende Psychologin Jean M. Twenge gehört zu denen, die dem vermeintlich "freien Fall" applaudierten, sieht aber dennoch ein Zukunftsproblem:

"Wir haben noch keine Daten für 2025 aus der CES, daher können wir nicht sagen, ob sich dieser Trend fortsetzen wird. Die CES wird teilweise von der National Science Foundation finanziert, daher ist es möglich, dass die Umfrage in diesem Jahr aufgrund der Vorgabe der Trump-Regierung, die Geschlechtsidentität nicht anzukennen, keine Fragen zur Transgender- oder nichtbinären Identifikation stellt oder Daten dazu veröffentlicht."

So ist das, wenn ein Präsident entscheidet, was Realität und was nicht Realität sei.

-w-