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Versteckt schwuler Volksschauspieler
Walter Sedlmayr wäre heute 100 Jahre alt geworden
Der bayerische Volksschauspieler Walter Sedlmayr kam vor genau einem Jahrhundert auf die Welt. Sein gewaltsamer Tod 1990 gilt als einer der bekannteste Kriminalfälle Deutschlands – und führte zu seinem Outing.

Walter Sedlmayr 1989 bei der Eröffnung seiner Gastwirtschaft "Beim Sedlmayr" in der Münchner Altstadt (Bild: IMAGO / Heinz Gebhardt)
- 6. Januar 2026, 12:07h 4 Min.
Am Dreikönigstag 2026 jährt sich der Geburtstag von Walter Sedlmayr (1926-1990) zum 100. Mal. Der Münchner gehörte über Jahrzehnte zu den bekanntesten Volksschauspielern Bayerns. Rollen in Film, Fernsehen und Theater machten ihn zum Inbegriff des bayerischen Originals. Zugleich ist sein Name bis heute untrennbar mit einem der aufsehenerregendsten Mordfälle der deutschen Nachkriegsgeschichte verbunden – seine Homosexualität wurde erst nach seinem Tod bekannt.
Sedlmayr wurde 1926 in der bayerischen Hauptstadt geboren und absolvierte nach dem Krieg eine Schauspielausbildung. Früh profilierte er sich an Bühnen des Freistaats, später auch beim Film. Einem breiten Publikum wurde er vor allem durch die Fernsehproduktion wie "Polizeiinspektion 1" bekannt, in der er zwischen 1977 und 1988 in 130 Folgen an der Seite von mit Uschi Glas (81) und Elmar Wepper (1944-2023) zu sehen war. Seine Rollen waren oft geprägt von grantiger Direktheit und volkstümlichem Humor, was ihn zum Inbegriff des idealen bayerischen Mannes machte. Dieses Image machte ihn populär, schuf aber zugleich eine öffentliche Erwartungshaltung an sein Privatleben.
Ermordet im eigenen Schlafzimmer aufgefunden
Privat lebte Sedlmayr zurückgezogen. Über sein persönliches Umfeld war zu Lebzeiten wenig bekannt. Erst seit gewaltsamer Tod im Juli 1990 rückte der private Sedlmayr in den Fokus der Öffentlichkeit, was auch am Tatort lag: Der Volksschauspieler wurde ermordet in seiner Wohnung in München aufgefunden – blutüberströmt im Schlafzimmer, den Hinterkopf mit einem Hammer zertrümmert und mit mehreren Messerstichen im Körper. Geld und Schmuck wurden offenbar aus der Wohnung entwendet. Eine Peitsche, Kondome und Gleitgel lagen neben dem Bett. Die Ermittlungen entwickelten sich rasch zu einem von der Boulevardpresse stark begleiteten Kriminalfall, der über Jahre hinweg Gerichte und Medien beschäftigte.
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Medial wurde seine sexuelle Orientierung als Problem dargestellt: "Der Mörder kam von hinten" titelte damals die "Bild"-Zeitung schenkelklopfend und outete Sedlmayr mit dieser Doppeldeutigkeit. In zeitgenössischen Berichten wurde seine sexuelle Orientierung mit dem Mordfall verknüpft, obwohl sich dafür keine belastbaren Beweise ergaben. Nach mehrere Jahren stellte sich heraus, dass das Motiv der Tat nicht in Sedlmayrs Sexualleben lag. Verurteilt wurden sein Ziehsohn und dessen Halbbruder, mit denen Sedlmayr vor seinem Tod ein paar Monate lang das Wirtshaus "Zum Sedlmayr" in der Nähe des Münchner Viktualienmarktes betrieben hatte. Das Gericht sah finanzielle Interessen und persönliche Konflikte als Tatmotiv an.
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Sedlmayrs sexuelle Orientierung überraschte vieler seiner Fans. In der konservativ geprägten bayerischen Unterhaltungsbranche der Nachkriegszeit war Homosexualität lange ein Tabu, insbesondere für Schauspieler, die von einem volksnahen Image lebten. Ein Coming-out hätte wegen seiner eher konservativen Fanbase damals wohl das Ende seiner Karriere beendet. Sedlmayrs Entscheidung für Diskretion entsprach einer weit verbreiteten Praxis jener Zeit.
Polizei suchte Mörder zunächst unter Strichern
Rückblickend wird die öffentliche Behandlung des Falls kritisch bewertet. Beobachter*innen weisen darauf hin, dass Vorurteile gegenüber Homosexualität in den frühen Neunzigerjahren nicht nur die Berichterstattung, sondern auch die Ermittlungsansätze beeinflusst haben. Die Polizei suchte etwa den Täter zunächst unter Strichern, doch später kam heraus, dass es eine bewusst falsch gelegte Fährte war. Am Ende konnten die bayerischen Ermittlungsbehörden nach mehreren Monaten doch noch die Mörder von Sedlmayr festnehmen.
100 Jahre nach seiner Geburt wird Sedlmayr zunehmend differenziert betrachtet. In München erinnern Initiativen an sein künstlerisches Werk, unter anderem durch geplante Denkmalsprojekte. Dabei rückt auch die Frage nach den gesellschaftlichen Bedingungen in den Mittelpunkt, unter denen er lebte und arbeitete. Sein Leben steht exemplarisch für eine Generation von Künstlern, die ihre private Identität aus Angst vor beruflichen, gesellschaftlichen und sozialen Konsequenzen verbargen.
Walter Sedlmayr bleibt damit eine ambivalente Figur der deutschen Kulturgeschichte: gefeierter Volksschauspieler, Opfer eines Gewaltverbrechens und Teil einer Zeit, in der persönliche Wahrheiten oft im Verborgenen bleiben mussten. Der Fall zeigt auch, wie viel sich für queere Menschen seit seinem Tod vor mehr als 35 Jahren verändert hat. (dk)











