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Buchtipp

Trans und autistisch

Die Sozialarbeiterin Gabi Rimmele hat das erste deutschsprachige Praxishandbuch veröffentlicht, das das Erleben, die Bedarfe und die Selbstbestimmung von trans Autist*innen in den Mittelpunkt stellt – und aufzeigt, wie Nicht-Betroffene Unterstützung leisten können.


Mehr Sichtbarkeit ist notwendig: Der US-LGBTI-Aktivist Avery Willis ist trans und autistisch – und organisiert das Southern Fried Queer Pride Festival in Atlanta (Bild: IMAGO / ZUMA Press Wire)

Was wissen wir eigentlich über das Verhältnis von Autismus und trans? Wohl nicht allzu viel? Und wahrscheinlich auch nichts wirklich Genaues, außer was wir hier und da mal aufschnappen. Es sei denn, man gehört selbst zu der Gruppe, die beides sind – autistisch und trans. Oder aber, man ist wie Gabi Rimmele Lebensbegleiterin von Menschen aus dem Autismus-Spektrum. Sie arbeitet bei einer Einrichtung der Eingliederungshilfe im betreuten Einzelwohnen. Sie bezeichnet sich bewusst als Lebensbegleiterin.

15 Jahre ist es jetzt her, dass der diplomierten Sozialarbeiterin im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit, die in der Unterstützung und Begleitung von autistischen Menschen besteht, das Thema trans begegnete. Sicherlich ist jede Transition auf irgendeine Weise herausfordernd, dafür sorgen unsere Mitmenschen, die Bürokratie, die Medizin und wer weiß wer noch alles, aber außerdem noch dem Autismus-Spektrum zugerechnet zu werden, ist dann doch die Herausforderung in Potenz.

Ein persönlicher Erfahrungsbericht


Das Buch "Autismus und Transidentität" ist im August 2025 im Lambertus-Verlag erschienen

Auch Rimmele musste da erst viel lernen und geht mit ihren Erinnerungen und nach und nach gesammelten Erfahrungen sehr offen und selbstkritisch um. Weil sie aber das mittlerweile reiche Wissen nicht für sich behalten wollte, hat sie ein Praxishandbuch zum Thema "Autismus und Trans­identität" (Amazon-Affiliate-Link ) geschrieben, das sich an Angehörige und Fachkräfte wendet, erschienen im Lambertus-Verlag. Es sei kein "klassischer Ratgeber", sondern ein persönlicher Erfahrungsbericht.

Eine der ersten Informationen, die wir darin bekommen, lautet: "Soziale Normen und Konstrukte haben für Menschen im Autismus-Spektrum eben eine geringere Bedeutung als für neurotypische." Mit neurotypisch sind Menschen gemeint, die neurologisch der 'Norm' entsprechen. Auch würden Studien inzwischen belegen, "dass sich Menschen im Autismus-Spektrum sechs- bis siebenmal häufiger als Neurotypische nicht in Übereinstimmung mit ihrem biologischen Geschlecht befinden."

Mehraufwand an Unterstützung

Für den höheren Trans-Anteil unter autistischen Menschen sieht Rimmele mögliche Gründe in gewissen Haltungen, die dieser Gruppe zugeschrieben werden:

Aufgrund meiner eigenen Erfahrung erscheint mir die Erklärung plausibel, dass hier die autismustypische Ehrlichkeit und die innere Unabhängigkeit von sozialen Normen eine Rolle dabei spielen, dass Autist*­innen ihren geschlechtlichen Empfindungen eher nachgehen und sichtbaren Ausdruck verleihen.

Auf der anderen Seite braucht es mit Sicherheit einen Mehraufwand an Unterstützung. So etwa, wenn Rimmele davon spricht, im autistischen Denken gebe es oft nur schwarz oder weiß. Auch sei es für diese Gruppe enorm wichtig, die Kontrolle über den Prozess der Transition zu behalten und reagieren schneller überfordert, wo diese Kontrolle entgleitet. Gerade Transitionen sind oft mit Zwangssituationen verbunden, die Menschen aus dem Autismus-Spektrum heftiger erleben.

Autismus als Normvariante

Rimmele betont, dass es in ihrem Buch nicht um Entscheidungsfindung in Sachen trans gehen könne – das kann nur die betreffende Person selbst beantworten. Aber die Autorin zeigt sehr genau die kritischen Situationen auf, die sich aus dem Autismus einer Person im Alltag ergeben können. Wobei es nicht unwichtig ist zu wissen, dass es verschiedene Formen des Autismus gibt, weshalb auch die Rede von einem Autismus-Spektrum ist.

Aber nicht nur das. Viele Autist*innen wehren sich dagegen, Autismus als Störung zu definieren, auch wenn medizinisch in ihrem Fall von "anhaltenden Defiziten in der sozialen Kommunikation und Interaktion" gesprochen wird. Rimmele empfiehlt hingegen eine nicht pathologisierende Sicht: "Autismus und Transidentität sind Variablen einer natürlichen Diversität innerhalb einer Bevölkerung."

Mehr Sichtbarkeit ist notwendig

Das Buch ist so gründlich wie verständlich geschrieben, dazu übersichtlich gegliedert und erfüllt mühelos alle Anforderungen, die wir an ein Praxishandbuch stellen. Dazu gehört auch ein mit Informationen prall gefüllter Anhang mit Adressen, Links fürs Internet, Hinweise auf Broschüren und Beratungsstellen bis hin zu Erklärungen zum Antragsverfahren für die Kostenübernahme bei einer Transition.

Am Ende vergisst die Autorin nicht, auch darauf hinzuweisen, wie schädlich paternalistische Einstellungen sind und auch dies sollte sich irgendwann und hoffentlich bald ändern: "Trans Personen aus dem autistischen Spektrum haben in der Öffentlichkeit bislang noch kaum Repräsentanz."

Infos zum Buch

Gabi Rimmele: Autismus und Trans­identität. Ein Praxisbuch für Angehörige und Fachkräfte. 168 Seiten. Lambertus-Verlag. Freiburg 2025. Taschenbuch: 27 € (ISBN 978-3-7841-3772-8). E-Book: 26,99 €

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