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Kommentar

Warum Jens Spahns Eierlikör-Outing alles andere als "ungewohnt privat" ist

Die rasante Karriere des schwulen CDU/CSU-Fraktionschefs zeigt, wie weit man kommen kann, wenn man Konflikte vermeidet und Systeme nutzt. Auch Interviews zum Privatleben sind kalkulierte Öffentlichkeitsarbeit.


Jens Spahn (l.) und Ehemann Daniel Funke im April 2025 bei einem Event in Berlin (Bild: IMAGO / Eventpress)

Vier Stunden kann ein Spaziergang dauern, wenn er weniger Bewegung als Beruhigungsübung ist. Jens Spahn, so erfahren wir es in einem "Bunte"-Interview, geht durch Berlin-Dahlem wie durch ein vertrautes Bühnenbild: alte Villen, alte Serien, alte Sicherheiten. Derrick statt Druck, Matlock statt Macht. Politik als Nachhall, nicht als Zumutung. Ein Mann, der gelernt hat, dass Ruhe auch eine Botschaft sein kann.

Spahn ist 45, bleibt gern zu Hause, schaut alte Krimis und trinkt Eierlikör. Ein Detail, das in diesen Erzählungen auffallend zuverlässig wiederkehrt. Vielleicht, weil es so gut passt: süß, weich, konfliktfrei. Ein Getränk ohne Widerstand. Wie geschaffen für eine Politik, die Differenzen nicht austrägt, sondern einbettet. Wo es knirschen könnte, wird eingeschenkt.

Schluss mit der Märchenstunde

Wenn Politiker*innen Interviews zu ihrem Privatleben geben, hat das nichts mit einem intimen Eintrag in das Poesiealbum eines alten Freundes zu tun. Es ist – ganz unromantisch – ein wichtiger Teil Ihrer professionellen Öffentlichkeitsarbeit. Ein idealisierter Lebenslauf zur Bewerbung des nächsten Karrieresprungs. Jens Spahns öffentliche Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend sind da keine Ausnahme – und alles andere als "ungewohnt privat".

Was wir jenseits von albernen Eierlikör-Storys noch erfahren können über den offen schwulen Politiker, der eine beachtliche Karriere im Rekordtempo hingelegt hat: Spahn ist mit seinen 45 Jahren nicht nur der vermutlich jüngste Fraktionsvorsitzende der Union – immerhin die stärkste Partei im Bundestag – sondern vermutlich auch deren nächster Kanzlerkandidat.

Homosexualität und gleichgeschlechtliche Ehe als Bonus-Argument

Homosexualität ist alles andere als ein "Qualitätsmerkmal" – weder politisch noch charakterlich. Aber nützen kann es bei der politischen Karriere dennoch, zumindest in einer konservativen oder wenigstens neoliberalen Partei. Das wusste auch schon Guido Westerwelle. Seit April 2013 ist Jens Spahn mit dem Journalisten und ehemaligen Leiter des Berliner Hauptstadtbüros der Zeitschrift "Bunte" Daniel Funke liiert. Funke wechselt zum Modeunternehmen Peek & Cloppenburg in Düsseldorf. Dort bekleidet er die neu geschaffene Position des Head of Public & Corporate Affairs. Am 22. Dezember 2017 heiratete er seinen Lebenspartner in der Stadt Essen. Sie werden getraut, aber nicht von irgendwem, sondern vom Essener Oberbürgermeister Thomas Kufen.

Als Jens Spahn im zarten Alter von 38 Jahren für den CDU-Vorsitz kandidierte, attackierte er seine Mitbewerberin und Konkurrentin Annegret Kramp-Karrenbauer, weil sie seine Ehe mit Inzest oder Polygamie gleichsetzt. Parallel erklärte Friedrich Merz, er halte die Ehe-Öffnung für "richtig" (queer.de berichtete). Kramp-Karrenbauer ist raus – Spahn gewinnt das Rennen.

Sparkassenlogik: Der Rentenkritiker und die Rendite

Armut dagegen ist in einer Partei, die im Jahr 2025 laut den Angaben des Bundestages die höchsten Spendensummen erhalten hat, für eine politische Karriere nicht unbedingt förderlich. Die 15 Milliardäre, die für die CDU/CSU mit 7,1 Millionen Euro als Großspender auftraten, erwarten vermutlich ein paar steuerliche Entlastungen bei der Erbschaftssteuer oder bei Immobilienverkäufen. Ähnlich hohe Spendeneinnahmen hatte mit etwa fünf Millionen Euro nur noch die AfD.

Spahn wird bekannt als Mann der harten Worte. Rentenerhöhungen? Wahlgeschenke. Hartz IV? Keine Armut. Private Vorsorge? Der Königsweg. Folgerichtig sitzt er im Aufsichtsrat einer Pensionskasse. Die Ideologie zahlt sich aus. Wer staatliche Sicherung kleinredet, stärkt private Anbieter*innen – und sitzt am Ende selbst mit am Tisch. Der soziale Abstieg der einen wird zur Aufstiegshilfe der anderen.

Die Sparkasse Westmünsterland wird zur Schlüsselinstitution dieser Karriere. Spahn sitzt im Aufsichtsrat, bekommt üppige Vergütungen – und später einen Kredit, den normale Bürger*innen nur aus Märchen kennen: Vollfinanzierung, kein Eigenkapital, Millionenhöhe. Die Villa in Dahlem ist kein Zuhause, sie ist ein Symbol. Für Vertrauen. Für Netzwerke. Für ein System, in dem Nähe mehr zählt als Sicherheiten.

Früher Einstieg, sichere Wege

Mit 22 Jahren zieht Jens Spahn in den Bundestag ein. Ein Alter, in dem politische Idealisten noch nach Haltungen suchen. Spahn sucht nicht – er findet. Abläufe, Zuständigkeiten, Möglichkeiten. Politik erscheint hier weniger als Streit denn als System, das man beherrschen kann. Netzwerke gehören dazu, Gremien auch, Tätigkeiten außerhalb des Parlaments sind erlaubt und üblich.

Nähe entsteht hier nicht zufällig, sondern systemisch. Politik, Wirtschaft, Beratung – alles liegt in Reichweite. Das ist kein Geheimnis, sondern Alltag. Auffällig ist nur, wie geräuschlos sich diese Nähe als Normalität etabliert. Spahns Karriere wirkt in diesem System nicht spektakulär, sondern mustergültig. Kein Skandal, kein Tabubruch, sondern ein sauber geführter Lebenslauf.

Kindheit, Kreuz und Mercedes

Wenn Jens Spahn sich öffentlich an die Kindheit erinnert, dann so: Ein Dorf als Luxusresidenz. Türen immer offen, Kuchen immer da, Erwachsene stets verfügbar. Ein Paradies, das kaum den Hauch von Widerstand oder Armut kennt. Glaube? Kulturchristlich. Kreuz im Büro von Schäuble, Kerze in der Kirche, Gebet vor dem Essen.

Hobbys? Nur ein Traum: ein Mercedes SEL, Baujahr 1987, Kardinal-von-Mailand-zertifiziert. Nicht die Geschwindigkeit zählt, sondern die Geschichte dahinter – Hauptsache, sie glänzt. In Spahns Welt gilt: Konflikt lässt sich likörisieren, Religion dekorieren und Luxusgeschichten personalisieren. Alles fein, alles freundlich, alles tadellos – nur ein bisschen zu süß für echte Geschichten.

Eierlikör, Vielfalt und die Kunst der Glättung

Vielfalt gilt ihm als Wert, heißt es. Vom Handwerker bis zum Trump-Sympathisanten – Hauptsache, das Gespräch reißt nicht ab. Politische Gegensätze erscheinen nicht als Konflikt, sondern als Anekdote. Haltung wird zur Geschmacksfrage, Überzeugung zur Gesprächsoption. Alles darf sein – nur nicht störend.

Konflikte sind in dieser Welt keine produktiven Zumutungen, sondern atmosphärische Risiken. Man umgeht sie, man überbrückt sie, man verdünnt sie im Zweifel mit Eierlikör. Politik wird zur sozialen Disziplin: verbindlich, freundlich, folgenlos.

Überzeugungen mit Komfortzone – Pandemie als Verdichtung

Spahn ist bekannt für seine Skepsis gegenüber staatlicher Fürsorge und seine Betonung individueller Vorsorge. Das ist eine klare, marktwirtschaftliche Haltung. Sie verspricht Ordnung, Verantwortung und Verlässlichkeit. Dass solche Überzeugungen gut mit bestehenden Institutionen harmonieren, ist kein Widerspruch, sondern Teil ihrer Attraktivität. Ideologie und Praxis finden zueinander. Nicht als Affäre, sondern als Spiegel moderner Politik.

In der Corona-Krise verdichtete sich vieles. Entscheidungen mussten schnell getroffen werden, Verfahren wurden flexibel, Kontakte wichtiger. Der Ausnahmezustand war real – politisch, organisatorisch, menschlich.

Spahns spätere Bemerkung, er hätte diese Zeit lieber fernab verbracht, vielleicht in Kanada, klang wie ein menschlicher Fluchtgedanke. Weite statt Verdichtung, Natur statt Verantwortung. Der Wunsch ist verständlich. Und doch verrät er etwas über ein Politikverständnis, in dem Belastung eher als Störung denn als Kernaufgabe erscheint.

Ordnung nach Drehbuch

Abends schaut Jens Spahn alte Krimis. Dort ist die Welt noch übersichtlich. Täter und Ermittler sind klar getrennt, am Ende kehrt Ordnung ein. Spätestens nach 90 Minuten.

Die Wirklichkeit der Politik ist komplizierter. Rollen überlagern sich, Nähe ersetzt Distanz, Möglichkeiten verdrängen Zweifel. Jens Spahns Karriere ist kein Ausreißer, sondern ein Musterfall: effizient, glatt, widerspruchsarm. Ein politischer Lebenslauf, der zeigt, wie weit man kommen kann, wenn man Konflikte vermeidet und Systeme nutzt.

Der Spaziergang durch Dahlem dauert lange. Der Weg nach oben war kurz. Beides gehört zu dieser Ordnung.

-w-