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Kinotipp
Sensibel und rigoros: Wow-Debüt eines jungen Wilden
Ab 29. Januar 2026 startet "Scham", der Kino-Erstling von Max-Ophüls-Preisträger Lukas Röder, endlich im Kino. Ein rigoroses Psycho-Kammerspiel mit einer Schauspiel-Entdeckung.

Aaron (Til Schindler) wirft seiner Mutter vor, ihn als Kind nicht beschützt zu haben (Bild: missingFILMs)
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11. Januar 2026, 08:27h 4 Min.
Für sein Studenten-Debüt "Gehirntattoo" gewann der Münchner Lukas Röder den Hofer Goldpreis. Sein nächster Streich, das mittellange queere Drama "Langer Langer Kuss", erhielt eine Einladung zur Berlinale. Fast konsequent, dass der Regisseur beim Max-Ophüls-Festival, dem Talentschuppen des deutschsprachigen Kinos, erneut auf dem Siegertreppchen stand. "Ein Film, über den man reden muss!", heißt es bei der Verleihung für einen der aktuell wohl aufregendsten Regisseure.
Erzählt wird in dem Psycho-Kammerspiel von Aaron (28) und seiner Mutter Susanne (60), die sich vier Jahre nicht gesehen haben. Jetzt konfrontiert der Sohn sie mit seiner Vergangenheit: Häusliche Gewalt. Fehlendes Verständnis. Sexueller Missbrauch. Überraschend geht die Mutter in die Offensive. Auch Aaron hütet einige düstere Geheimnisse. Ein Psychothriller, der ans Eingemachte geht.
Persönliches Trauma-Tribunal

Regisseur Lukas Röder
"Ich wollte ein ganz normales Leben für meinen Sohn. Aber normal war nicht gut genug für dich!" – "Ja, da hast du recht!" So klingen die Dialoge zwischen Aaron und seiner Mutter Susanne. Vier Jahre lang herrschte Funkstille zwischen den beiden. Nun kehrt der Sohn aus Berlin in sein Elternhaus nach Bayern zurück, um über die traumatischen Erlebnisse seiner Kindheit und Jugend zu reden. Im Notizblock hat er einen Fragenkatalog für sein persönliches Trauma-Tribunal vorbereitet. "Warum hast du mich früher so oft angeschrien?", will er wissen. Oder er wird klagen, dass er es damals als normal empfunden habe, von seiner Mutter verprügelt zu werden, weil jeder Konflikt durch Gewalt gelöst wurde.
Zur Überraschung von Aaron (und dem Publikum!) lässt sich Susanne nicht so einfach in die Täterinnenrolle drängen. Bald geht sie in die Offensive, konfrontiert den Sohn ihrerseits mit Vorwürfen: "Denkst du, es war leicht mit dir? 18 Jahre lang kein Danke, nichts!", sagt die Mutter. Oder: "Du hast mir das Leben zur Hölle gemacht, und jetzt kommst du daher mit deinen Vorwürfen!"
Vom Opfer zum Täter ist es nur ein kleiner Schritt
Wie ein Puzzle wird das Familiendrama langsam zusammengesetzt. Wie im Kaleidoskop ergeben sich aus den Teilen immer neue Konstellationen. Die Gespräche des Mutter-Sohn-Kammerspiels finden dabei meist über Handy und Facetime statt – selbst wenn sich beide im selben Raum befinden. Zur weiteren Verfremdung dient ein Split-Screen, bei dem beide Personen wirken, als säßen sie direkt nebeneinander.
Aaron erzählt von seiner ersten großen, unerfüllten Liebe als Teenager, vom Mobbing in der Schule, das ihn zum Außenseiter macht und in den Alkohol treibt. Er berichtet vom Missbrauch durch den Cousin eines Freundes. Doch vom Opfer zum Täter ist es nur ein kleiner Schritt, wie immer deutlicher wird. Dass er als Kind einer Mitschülerin den Arm bricht, ist nur der Anfang. Heute empfindet Aaron rückblickend die titelgebende Scham. Susanne wird später ihrerseits von Misshandlungen in ihrer Beziehung berichten.
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Eindrucksvolle Besetzung
Ob die gegenseitigen, harten Anschuldigungen noch einen gemeinsamen Ausweg aus dem Teufelskreis der Vorwürfe ermöglichen? Immerhin leiden alle Beteiligten unter der gemeinsam erlebten Vergangenheit. "Ich will einfach herausfinden, weshalb wir aufgehört haben, Mutter und Sohn zu sein", sagt Aaron irgendwann. "Ich will von dir nicht mehr gehasst werden. Ich halte es nicht mehr aus", lautet das Fazit der Mutter – und: "Wir haben alles versucht."
Als eine "streng formale Arbeit über die unauflösbar zwiespältige Beziehung zwischen Mutter und Sohn" bezeichnet Lukas Röder sein Kinodebüt. Mit der erfahrenen Heike Hanold-Lynch und dem jungen Til Schindler hat er eine eindrucksvolle Besetzung für diese emotionale Tour de Force gefunden. Mit Leinwandpräsenz und großer Glaubwürdigkeit machen sie das karge Kammerspiel zu einer emotionalen Achterbahnfahrt der fordernden Art. Den Namen des charismatischen Schauspiel-Chamäleons Til Schindler sollte man sich merken!
Von Lukas Röder wird man demnächst mehr sehen: Er plant mit einem renommierten Erfolgsproduzenten aktuell die Verfilmung eines queeren Bestsellers.
Der deutsche Kinostarttermin für "Scham" wurde vom Verleih kurzfristig vom 15. auf den 29. Januar 2026 verschoben.
Scham. Drama. Deutschland 2025. Regie: Lukas Röder. Cast: Heike Hanold-Lynch, Til Schindler. Laufzeit: 86 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 16. Verleih: missingFILMs. Kinostart: 29. Januar 2026
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