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TV-Tipp

Queerness in Zeiten des Krieges: "Queens of Joy"

In der neuen Arte-Doku "Queens of Joy" begleitet die Filmemacherin Olga Gibelinda drei Menschen aus der queeren Szene Kyjiws, die mit ihrer Drag-Performance ein Zeichen für Solidarität und Widerstand gegen Russland setzen.


Szene aus "Queens of Joy": Marlen, Monroe und Aura (v.l.) schminken sich und bereiten sich auf ihren Auftritt vor (Bild: Arte)

Eine Rakete zischt über den Himmel, dann ein lauter Knall – gefolgt von einer Rauchwolke, die am Horizont aufsteigt. Was genau passiert, ist unklar. Die Szene bleibt unkommentiert und dauert nicht länger als zehn Sekunden. Doch das reicht, um die permanente Bedrohungslage zu umreißen, die in der Ukraine seit Beginn des russischen Angriffskriegs herrscht. Die neue Arte-Reportage "Queens of Joy – Queerer Kampf für Freiheit" von Olga Gibelinda ist eine Dokumentation über den Krieg – eine, die sich gängigen Erwartungen konsequent widersetzt.

"Mein Leitmotiv besteht nicht darin, das Leid der Menschen in den Vordergrund zu stellen", sagt die Regisseurin im Interview: "Jeder weiß, dass in einem Film über Krieg Menschen weinen, verzweifelt sind, dass die Bilder zerstörtes Leben zeigen, aber das ist eine Art Stereotyp." Das zu zeigen reiche nicht, denn im Krieg zu leben bedeute, unter anderen Umständen zu leben: "Der Alltag geht weiter. Man macht sich morgens einen Kaffee, man verliebt sich, liest Bücher, man hat seine eigene Routine", so Gibelinda. Das alles geschehe jedoch im Rahmen einer langen existenziellen Krise, bei der jeder Tag der letzte sein kann und es dennoch Grund genug dafür gibt, Freude, Liebe und Hoffnung zu empfinden und ein guter Mensch zu sein.

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Queeres Nachtleben im Krieg

Und so gewährt der Film Einblick in das queere Nachtleben von Kyjiw: Gogo-Boys in Jockstraps, knutschende Pärchen, schwitzende Leiber auf Tanzflächen von Clubs wie dem "Versace", dem "46" oder der "Bad Boy Blue Bar", dazu Menschen, die sich in Paillettenkostümen oder mit Fetischmasken vergnügen. Parallel zu diesen Bildern verläuft der Handlungsstrang: die Vorbereitung auf eine glamouröse Drag-Performance. Als Benefizaktion zugunsten der 206. Brigade der Territorialverteidigung geplant, dient sie als ein Zeichen für Solidarität und Widerstand gegen den russischen Angriff. Im Lauf der einstündigen Dokumentation kommen wir dabei zumindest einer der vorgestellten Figuren ziemlich nahe.

Am vielschichtigsten gelingt der Regisseurin das Porträt des Soldaten Artur Ozerov. Er wird im Lauf der Dokumentation in so unterschiedlichen Facetten gezeigt, dass man zeitweise kaum glauben kann, dass es sich um ein- und dieselbe Person handelt. Wir sehen Artur in ärmelloser Teddyfellweste bei seiner Nebentätigkeit als Imker auf seinem Hof, während er davon erzählt, noch im Jahr 2010 dem Putin-Freund Janukowitsch vertraut zu haben: "Als die Auseinandersetzungen auf dem Maidan begannen, habe ich die Haltung unterstützt, dass man die Demonstrierenden auseinanderjagen müsste." Aber dann habe er gesehen, dass dort Menschen getötet werden.

Russland nutzt Fotos von Artur für homophobe Propaganda

Wir erleben ihn in Camouflage-Uniform während eines Einsatzes beim Inspizieren des verminten Waldbodens – und kurz darauf als sein weibliches Alter-Ego mit angeklebten Silikonbrüsten in der Garderobe eines Nachtclubs. Artur erklärt diese Seite an sich so: "Aura ist diese Frau, die jeder Mann in sich trägt, vor der er aber Angst hat. Bei mir ist sie eine total kämpferische, aktive, machtvolle Frau. Früher war ich Xenia, die Kriegerprinzessin. Aber Aura ist eleganter, immer beherrscht. Ihre Kleidung, die Perücken, der Schmuck: Das muss total elegant sein."

Bei einem Einsatz in der Stadt Dnipro lässt Artur erkennen, dass er Angst hat: "Es ist erschreckend, ich hab seit Langem nicht mehr gehört, wie Einschläge klingen", sagt er am Tag nach seinem ersten Dienst, während er sich mit einem Glas Wein beruhigt. "In Kyjiw ist die Luftabwehr besser, die meisten feindlichen Raketen werden abgeschossen." Und nachdem er sich wieder gefasst hat: "Meine Intuition sagt mir, dass Putin ein so enges Verhältnis zur queeren Szene hat wie sonst kaum jemand. Er kämpft gegen uns, um zu beweisen, dass er ein echter Mann ist."

Inzwischen ist Artur auch im Land des Aggressors bekannt. In einem russischen Telegram-Kanal mit über zwei Millionen Abonnenten werden Fotos von ihm in seiner Rolle als Aura zwecks homophober Propaganda geteilt: "Da steht dann, das wäre mein alltäglicher Lebensstil, nach dem Motto: Schaut mal, was in der Ukraine für Leute dienen", sagt Artur und verdreht die Augen.

Trans-Sein als politischer Auftrag

Die zweite im Bund des Drag-Ensembles ist die trans Aktivistin Monroe. Anders als Artur war sie während der Maidan-Aufstände stolz auf die Ukraine. "Ich habe begriffen, dass da was passierte", sagt sie. "In Russland hatten sie ja schon das Gesetz gegen die sogenannte Gay Propaganda verabschiedet. Mir war klar: Wenn Janukowitsch und seine Banditen weiter an der Macht bleiben, gibt es hier für mich kein Leben mehr." Und so sieht sie ihr Leben als trans Frau auch als einen politischen Auftrag: "Ich möchte, dass die nächste Generation der Ukraine so leben kann, dass sie diesen emotionalen Mist, den ich durchgemacht habe, nicht mehr erleben muss."

Ähnlich verhält es sich bei Oleksandr Danilin alias Dragqueen Marlen Skandal. Für ihn ist die gesellschaftlich verbreitete Homophobie eine Triebfeder seines Engagements. Doch mit dem Krieg habe sich alles verändert: "Ein Soldat hat mal zu mir gesagt: Ich mag Schwule nicht besonders, aber es sind schließlich unsere Schwulen – wir werden schon irgendwie mit ihnen klarkommen. Das heißt, dass die sexuelle Orientierung keine große Rolle mehr spielt. Solange wir uns für die Ukraine einsetzen, ist alles andere zweitrangig." Dennoch sieht Oleksandr Handlungsbedarf: "Wenn du im Schützengraben für dein Land im Einsatz bist, ist es wichtig, dass Du den Rücken freihast. Deswegen müssen unsere gleichgeschlechtlichen Partnerschaften endlich legitimiert werden" – womit er auf die soziale Absicherung verweist, die in einem Todesfall bislang nur heterosexuellen Partnerschaften vorbehalten ist.

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Die Zerbrechlichkeit des Lebens

In einer starken Szene gibt Oleksandr der Tanz- und Gesangsgruppe eines Nachtclubs Instruktionen: "Ihr lebt doch in diesem Land! Ihr fühlt, dass Krieg herrscht. Und dieses Gefühl müsst ihr in den Song packen. Für euch ist es vielleicht nur eine Pose, aber die Leute, die zu eurer Vorstellung kommen, wollen tanzen und diesem Krieg entfliehen. Für sie ist wichtig, dass ihr verdammt nochmal versteht, was ihr da singt."

Am 11. November 2025 verstarb Oleksandr Danilin überraschend an den Folgen einer Operation – lange nach Abschluss der Dreharbeiten. Sein Tod verleiht der Dokumentation nachträglich eine Dimension, die Regisseurin Olga Gibelinda bereits zuvor in Interviews anklingen ließ: die Zerbrechlichkeit des Lebens und unseres Alltags. Entsprechende Überlegungen gab es bereits vor Beginn der Dreharbeiten, wenngleich konkret auf den Krieg bezogen: "Das hört sich vielleicht schräg an, aber wir müssen überlegen, was mit dem Material passiert, wenn wir morgen tot sind", sagte Gibelinda. "Was machen wir dann mit der Story? Wir können das nicht kontrollieren, müssen aber bedenken, wie wir den Dreh organisieren und die Story aufbauen, falls Szenen für den Schnitt fehlen. Es klingt pathetisch, aber wir müssen sehr pragmatisch denken."

Damit fasst sie zusammen, was die Dokumentation "Queens of Joy" in ihrer Komplexität ausmacht: Die Geschichten von Artur, Monroe und Oleksandr sind fragile Momente einer existenziellen Realität, in der Freude, Widerstand und Solidarität ebenso zählen wie das Überleben.

"Queens of Joy" wird am Dienstag, den 20. Januar 2026 um 23:30 Uhr auf Arte gezeigt. Bereits ab 13. Januar kann die Dokumentarfilm auf arte.de gestreamt werden.

-w-