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Buchtipp
Ein wichtiger Anfang für ein queeres Geschichtsbewusstsein
Der neu erschienene dritte Band des "Handbuchs Queere Zeitgeschichten" befasst sich mit dem Thema "Bewegungen" – leider etwas beliebig und mit Lücken. Wie seine beiden Vorgänger ist er kostenlos als E-Book erhältlich.

Symbolbild: Menschen feiern mit Progress-Pride-Fahnen auf einem Truck beim Berliner CSD (Bild: IMAGO / Christian Spicker)
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17. Januar 2026, 07:27h 6 Min.
Mit dem soeben im transcript Verlag erschienenen dritten Band des "Handbuchs Queere Zeitgeschichten" ist nun ein Forschungsprojekt abgeschlossen, dass uns mehr als tausend Seiten aktuelles Wissen über queere Geschichte in Deutschland, Schweiz und Österreich zur Verfügung stellt. Herausgegeben haben die drei Bände Martin Lücke, Andrea Rottmann und Benno Gammerl. Jeder Band hat einen thematischen Schwerpunkt: "Räume", "Differenzen" und "Bewegungen".
Und wie das bei solchen Projekten üblich ist, braucht es dafür einiges Geld und das kam von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dank der Freien Universität Berlin ist das komplette Werk außerdem im Internet über Open Access frei zugänglich (siehe Links am Ende des Artikels).
Ambivalenzen von Emanzipation und gesellschaftlicher Integration
Schauen wir uns den aktuell erschienenen Band ein wenig genauer an, der sich mit dem Thema Bewegungen befasst und aus unterschiedlichsten Perspektiven darüber aufzuklären versucht, wie die queeren Communitys zu den Communitys wurden, die wir heute kennen, und für welche Politiken sie standen und heute stehen.
Es ging beispielsweise um die Frage, wie sich politischer Aktivismus und eine nachtschwärmerische Subkultur zueinander verhalten, welches Gewicht Autonomie und Subversion im Verhältnis zur Kooperation mit dem Staat besitzt. Ambivalenzen von Emanzipation und gesellschaftlicher Integration standen ebenso auf der Forschungsagenda wie auch die Frage, wie es um queere Erinnerungen und Archivrepräsentanz bestellt ist: "Warum sind bestimmte – meist männlich, weiß und anglophon kodierte – Narrative so prominent, während Kämpfe von Lesben, trans*, inter* und Schwarzen Personen oft marginalisiert werden?"
500 Seiten und einige Lücken

Das "Handbuch Queere Zeitgeschichten III: Bewegungen" ist Ende Dezember 2025 im transcript Verlag erschienen
Vorsichtshalber benennen die Herausgeber*innen selbst eine Leerstelle, die nicht durch das Handbuch gefüllt wird (warum eigentlich?) – und das wäre auf jeden Fall "die unzureichende Integration trans*, inter* und nicht-binärer (TIN*) Perspektiven". Sicherlich, die Quellenlage ist nicht gerade üppig, aber das heißt nicht, dass es nichts zu entdecken gäbe. Und vielleicht produziert die Beschränkung auf den akademischen Betrieb in gewisser Weise erst recht Ausschlüsse und Wissensbarrieren.
Wer mit dem Handbuch eine zusammenhängende Geschichtserzählung erwartet, geht auf jeden Fall leer aus. Vielmehr haben wir es mit einer Aufsatzsammlung zu tun, die zwar unterschiedlichste bewegungs- und emanzipationsgeschichtliche Aspekte aufgreift, aber eben doch nur eine Auswahl darstellt mit der Gefahr der Beliebigkeit. So erklärt sich vielleicht auch, dass der Titel den Plural verwendet und von Zeitgeschichten spricht. Davon gibt es in der Tat unendlich viele und etliche haben es ins Buch geschafft, viele andere nicht.
Die Frage ist, ob aus den vielen Geschichten am Ende ein Ganzes wird. Nein, es bleibt ein geschichtliches Patchwork mit einem Anteil von Zufälligkeiten, was etwa die Themenpalette angeht, und mit leider erkennbar mehr Lücken als die Herausgeber*innen selbst ansprechen, und zwar nicht nur im Ganzen betrachtet, sondern auch innerhalb einzelner Beiträge und bis in das Literaturverzeichnis im Anhang hinein.
Fehler und falsche Gewichtungen
Um ein paar Beispiele herauszugreifen: Sehr kursorisch fällt das Thema Lesben- und Schwulenbewegung in der DDR aus (verfasst von Teresa Tammer und Maria Bühner), aber immerhin geben die Autor*innen einen lesenswerten Überblick, der bestätigt, dass die DDR alles andere als ein queerfreundlicher Staat war.
In "Travestie als künstlerische Politiken in Bewegung" (Noah Munier, Karl-Heinz Steinle, Eike Wittrock) fallen ein paar Ungenauigkeiten ins Auge: Wer von einem Travestie-Boom spricht, sollte den genauer datieren – nämlich in den 1970er Jahren. Auch tauchen Namen eher zufällig auf. Wer etwa Coccinelle erst für die Zeit nach 1980 ins Spiel bringt, hat ihre künstlerische Karriere jedenfalls verpasst, die gehörte nämlich in die 1960er und 1970er Jahre.
Und wissen die Autor*innen wirklich, wer Tara O'Hara war, außer dass sie neben Angie Stardust und Jayne County in Praunheims "City of Lost Souls" mitspielte? Dass in dem Aufsatz ausgerechnet das "Chez Nous" als "legendäre Ausnahmelokalität im Herzen der City West" gewürdigt wird, zeugt nicht gerade von Fachkenntnis. Wenn es ein solches Lokal damals gab, dann das "Chez Romy Haag" zwischen 1974 und 1984, und zwar als Ausnahme aus gleich mehreren Gründen.
Ähnlich verhält es sich, wenn in dem Abschnitt "Quellen" Nadja Schallenbergs Flyer "Transen Power" (Anfang der 1990er Jahre) von Madeline Adams vorgestellt wird. Denn auch hier stimmt die Gewichtung nicht. Schallenberg blieb damals mit ihren Initiativen ziemlich allein. Das lag auch nicht an der angeblich wenig kooperativen und solidarischen trans Community im Westen. Genau dort aber entstand Mitte der 1990er Jahre das Fundament für den Aktivismus nach der Jahrtausendwende. Die Zukunft war nicht die "Transen Power", sondern Wigstöckel, TransNett und das Transgender-Netzwerk Berlin.
Überbewertet auch ein Foto (ebenfalls im Abschnitt "Quellen"), das zwei Travestie-Künstlerinnen vor dem Berliner Lokal "Chez André" zeigt. Als ob wir es hier mit einer "Ausnahmesituation" zu tun haben, indem sich die beiden für den Moment der Aufnahme den Passant*innen präsentieren (die es auf dem Foto gar nicht gibt). Was für ein Geheimnis sollte da gelüftet werden? Im Berliner Nachtleben geschah das überall, Nacht für Nacht – vor dem "Chez Nous", dem "Chez Romy Haag", vor dem "Roxy" und vor "Dreamboys Lachbühne". Nicht zu vergessen die in den 1970er Jahren von Andreas Höhne organisierten Tuntenbälle, wo es gar nicht genug Aufsehen geben konnte und "gelüftete Geheimnisse".
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Schwul-lesbische Dominanz nicht zu übersehen
Gewiss, es sind Details, aber die sind mindestens genauso wichtig wie inhaltliche Argumentationen in den Beiträgen, in denen allerdings eine schwul-lesbische Dominanz nicht zu übersehen ist. Themen sind ferner die Aids-Bewegung, die Aktion Standesamt und die Ehe für alle, hinzu kommen, wie schon erwähnt, Blicke in die DDR, in die Schweiz und nach Österreich, nachlesen lässt sich im Handbuch die Verfolgungsgeschichte, auch das Thema Pädosexualität kommt vor und noch eine Menge weiterer Schlaglichter.
Bedenkenswert der Beitrag von Andrea Rottmann und Craig Griffiths, der sich dem Verhältnis von Menschenrechten und queere Bewegung widmet, verbunden mit der Frage, ob westliche Länder sich als die "Fortschrittlichen" gegenüber homophob konstruierten Muslim*innen inszenieren. Freilich kommen wir an der Realität muslimisch geprägter Staaten nicht vorbei. Weshalb es fatal wäre, wie ich meine, Menschenrechte als patriarchal und imperial abzutun. Oder wie gehen wir mit Unterdrückung, Verfolgung und Mord um?
Vielleicht noch diese beiden Hinweise: Während Craig Griffith den Mythos relativiert, Rosa von Praunheims Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" sei die Initialzündung für die Schwulenbewegung gewesen, weil es diese nämlich schon vorher gab, so geht Tarek Shukralla in "Wider den Widerspruch" mit der weißen Schwulenbewegung in Sachen Rassismus hart ins Gericht. Da ist mit Sicherheit eine Menge schiefgelaufen und das verdient Kritik. Doch würde ich hier Griffiths zustimmen, dass wir alle zusammen queerer werden sollten mit einer veränderten Sensibilität, in der eine, so bliebe mit Blick auf Shukrallas Intervention zu ergänzen, rassismuskritische Haltung einen festen Platz hätte.
Und was das "Handbuch Queere Zeitgeschichten" angeht: Bei allen Einwänden – es ist ein wichtiger Anfang für ein queeres Geschichtsbewusstsein, das wir dringend nötig haben. Zu sehen ist aber auch, dass wir alle darin vorkommen müssen und eine dürftige Quellenlage taugt nicht zur Ausrede für eine mangelnde Gleichberechtigung.
Martin Lücke, Benno Gammerl, Andrea Rottmann (Hg.): Handbuch Queere Zeitgeschichten III: Bewegungen. 500 Seiten. transcript Verlag. Bielefeld 2025. Taschenbuch: 40 € (ISBN 978-3-8376-6990-9). E-Book: kostenlos erhältlich
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