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Kinostart
Zeitreise in die queere Gegenwart
In der lustigen französischen Komödie "Die progressiven Nostalgiker" verschlägt es ein Ehepaar aus dem Jahr 1958 in die heutige Zeit: Plötzlich ist sie Bankdirektorin, er Hausmann – und ihre Tochter will eine Frau heiraten. Mon Dieu!

Als die Welt noch in Ordnung war: Familie Dupuis im Jahr 1958 (Bild: Neue Visionen Filmverleih)
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18. Januar 2026, 03:04h 5 Min.
Es gibt ja aktuell in Teilen der westlichen Gesellschaft eine große Sehnsucht nach der guten alten Zeit der 1950er Jahre: Die Wirtschaft brummte, Autoritäten wurden noch respektiert, jede und jeder hatte einen festen Platz in der Gesellschaftsordnung, und ganz oben stand der weiße hetero Mann. Glückliche Zeiten also – vor allem für weiße hetero Männer, bei denen diese Sehnsucht auch am verbreitetsten zu sein scheint.
Dieses Männerglück illustriert sehr schön die Situation zu Beginn der neuen Kinokomödie "Die progressiven Nostalgiker" (im Original: "C'était mieux demain"): Familie Dupuis wohnt in einem schmucken Häuschen mit Vorgarten, Familienoberhaupt Michel (Didier Bourdon) arbeitet in einer Bank, derweil Gattin Hélène (Elsa Zylberstein) sich hingebungsvoll um den Haushalt und die Kinder im Teenageralter kümmert und dafür sorgt, dass alles sauber und ordentlich ist, wenn er abends wieder heimkommt. Alle sind stets wohlgekleidet und wohlerzogen.
Stromschlag mit unerwarteten Folgen

Poster zum Film: Die Komödie "Die progressiven Nostalgiker" startet am 22. Januar 2026 bundesweit im Kino
Das Idyll erhält dann allerdings einen jähen Riss, als sich bei einer Gartenparty herausstellt, dass Tochter Jeanne (Mathilde Le Borgne) vom Nachbarssohn geschwängert wurde – ein Skandal erster Güte. Die einzige Lösung: Die beiden müssen heiraten, so rasch wie möglich. Für Jeanne offensichtlich ein Alptraum, doch ihre Mutter redet ihr gut zu, sie werde sich daran schon gewöhnen, das habe sie ja auch.
Während die Hochzeitsvorbereitungen laufen, streut ein weiteres unerwartetes Ereignis Sand ins Getriebe der alten Ordnung: Hélène erhält den Hauptpreis in einem Gewinnspiel, eine nagelneue, hochmoderne Waschmaschine, die ihr das Leben enorm erleichtert. Als Michel das kostbare Elektrogerät entdeckt, will er es sofort verkaufen für etwas, "von dem die ganze Familie etwas hat", zum Beispiel ein TV-Gerät. Hélène wagt zu widersprechen, es kommt direkt neben der Waschmaschine zu einem Gerangel, Wasserschlauch und Stromkabel lösen sich, und beide erhalten einen Stromschlag.
Ein Kulturschock nach dem anderen
Als sie am nächsten Morgen zu sich kommen, befinden sie sich in einer Welt, die sie nicht wiedererkennen: ein technologisch hochgerüstetes Haus mit Saugroboter, Kaffeemaschine, Sprachassistentin und Flachbildschirm-TV. Ein Sohn mit langen Haaren und Skateboard. In Panik rufen sie die Polizei und realisieren nach und nach, dass sie irgendwie einen Zeitsprung ins Jahr 2025 gemacht haben müssen. Eine Zeit, die für alle um sie herum ganz normal ist, nur für sie nicht.
Zu den diversen Kulturschocks gehört die Tatsache, dass Hélène einen Job hat – und nicht irgendeinen: Sie ist Regionaldirektorin jener Bank, in der Michel 1958 angestellt war, mit seinem damaligen Chef als unterwürfigem Assistenten. Michel derweil ist Hausmann und muss nun zähneknirschend all jene Arbeit machen, die Hélène bisher ganz selbstverständlich erledigt hat. Während er so schnell wie möglich zurück nach 1958 will, entdeckt sie nach dem ersten Schreck die Vorzüge der neuen Zeit – sogar ihr geliebter Vater, der früh an Krebs starb, ist dank des medizinischen Fortschritts noch am Leben.
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Patriarchat über Nacht überwinden?
Der wohl größte Schock für das Ehepaar ist aber ihre Tochter: Jeanne befindet sich auch in dieser Zeit in Hochzeitsvorbereitungen, allerdings nicht mit dem Nachbarssohn, sondern mit einer Frau – noch dazu einer Algerierin, die sie im Medizinstudium kennengelernt hat. Und das Unglaublichste daran: Alle anderen finden das völlig normal!
Die komplette Überforderung des Ehepaars und ihre langsame Gewöhnung an die neuen Umstände führen zu diversen rasend komischen Szenen, und Didier Bourdon und Elsa Zylberstein spielen die Folgen des Kulturschocks mit sichtlichem Genuss. Natürlich spitzt der Film die Kontraste zwischen Vergangenheit und Gegenwart maximal zu, ohne allerdings die heutige Zeit zu sehr zu glorifizieren. Besonders herausgefordert dabei ist Michel: Während das Patriarchat in der realen Welt über Jahrzehnte nach und nach eingehegt wurde, soll er es quasi über Nacht überwinden. Ob das gelingen kann?
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Waschmaschine als Symbol der Freiheit
Regisseurin Vinciane Millereau hat gemeinsam mit ihrem Mann Julien Lambroschini auch das Drehbuch des Films verfasst. Dass ausgerechnet eine Waschmaschine die Zeitreise auslöst, erklärte sie in einem Interview so: "Ich hatte meine Großmutter mal gefragt, was ihr Leben wirklich verändert habe. Ihre Antwort: Die Waschmaschine, sie habe ihr Leben geradezu revolutioniert. Das Gerät ist im Film deshalb ein Symbol für die gewonnene Freiheit der Frauen. Zuvor verbrachten sie Stunden, wenn nicht Tage damit, die Wäsche der Familie zu waschen."
Wichtig war Millereau außerdem, Homosexualität als etwas Selbstverständliches und Natürliches darzustellen, "als ein Thema, das heute kein Thema mehr ist". Gleichzeitig wollte sie die 1950er Jahre auch nicht verurteilen. "Beide Epochen haben ihre guten und ihre schlechten Seiten. Manchmal kann man schon nostalgisch auf die Friedlichkeit der 1950er Jahre zurückblicken."
Klamauk und subtile Satire
"Die progressiven Nostalgiker" mögen auf den ersten Blick etwas klamaukig daherkommen, aber daneben gibt es im Film auch noch eine subtilere, satirische Ebene, die deutlich macht, dass auch weiße hetero Männer von den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte profitiert haben. Selbst wenn sie damals ganz klar mehr Macht und Autorität hatten, waren sie letztlich genauso gefangen in starren Rollenbildern und gesellschaftlichen Konventionen wie alle anderen. Es geht also darum zu lernen, mit den heutigen Freiheiten positiv umzugehen. Denn bei aller Sehnsucht nach der angeblich guten alten Zeit: Zeitreisen – egal in welche Richtung – gibt es halt nur im Kino.
Die progressiven Nostalgiker. Komödie. Frankreich, Belgien 2025. Regie: Vinciane Millereau. Cast: Didier Bourdon, Elsa Zylberstein, Mathilde Le Borgne. Laufzeit: 103 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 6. Verleih: Neue Visionen. Kinostart: 22. Januar 2025
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